Multifunktionsräume

Wir stoßen alles von uns, was uns Unbehagen bereitet, und dann fahren wir an den Obdachlosenheimen vorbei in den Vergnügungspark. Wir könnten den Vergnügungspark auch zu uns holen, in unsere Wohnzimmer. Nicht den ganzen Vergnügungspark, aber eins der Gefühle, die wir mit Vergnügungsparks verbinden. Freude. Abwechslung. Freiheit. Kleine Abenteuer. Unbehagen. Unbehagen ist ein Gefühl, das uns oft begegnet, außerhalb unserer Komfortzone, und weil wir ihm nicht ständig ausgesetzt sein möchten, lassen wir uns gern weit entfernt davon häuslich nieder.

Viele von uns machen aus den Orten, die wir unser Zuhause nennen, behagliche Oasen der Gefühllosigkeit. Wir dekorieren nach Jahreszeiten und wenn jemand dagegen ist – also nicht gegen die Deko sondern gegen etwas völlig anderes – dann wird er aufs Zimmer geschickt oder er schämt sich so sehr, dass er freiwillig aufs Zimmer geht und irgendwann muss angebaut werden, damit zwischen unserem Zimmer und dem Zimmer der anderen möglichst viele Räume sind, die alle ihre eigene Funktion haben, immer eine Funktion pro Raum, und viele weitere Male später geht dieser Mensch, der Unbehagen in uns auslöst, dann einfach, weil seine Integrität so kaputt ist, das er gezwungen ist, von nun an nur noch sich selbst zu vertrauen.

Ich weiß nicht, warum ich in letzter Zeit so viel über Räume nachdenke und schreibe. Ich glaube aber, dass es schwierig ist, sich zu begegnen und kennen zu lernen, wenn wir dazu tendieren, jedem Raum grundsätzlich immer nur eine oder zwei Funktionen zu geben. Wir schaffen damit Orte, die nur eine bestimmte Funktion haben dürfen. Und zwangsläufig ziehen solche Orte Menschen an, die sich trotz ihrer Vielfältigkeit früher oder später einschränken. Weil sie sonst nicht mehr funktionieren.

Der Mensch ist ein Schweizer Taschenmesser, aber wir behandeln einander oft wie Plastikgabeln.

1 Monat ago

Unter der Maske

Wenn wir uns nicht so zeigen wie wir sind und wenn wir dann abgelehnt werden, dann atmen wir erleichtert auf, dann klopfen wir uns selbst auf die Schulter, denn es ist ja Gott sei Dank nicht unser wahres Selbst, das abgelehnt wurde. Es ist ja nur die Maske, die wir für andere aufsetzen. Dieses Ding, das kneift, das an einigen Stellen zu groß und an anderen Stellen zu klein ist. Unser wahres Selbst liegt behütet unter dieser Maske, im Dämmerschlaf und leicht überfressen. Es leidet unter Sauerstoffmangel, aber es weiß nicht, dass es unter Sauerstoffmangel leidet, es ist lange nicht mehr barfuß gelaufen und etwas blass um die Nase. Aber wenigstens wurde es kein einziges Mal gesehen und deshalb auch kein einziges Mal abgelehnt. Nur wenn jemand kommt und uns bittet, tief ein- und auszuatmen, dann fällt uns auf, dass dort wo unser Gesicht endet und die Maske beginnt, in diesem kleinen Raum, die Luft viel zu dünn ist.

***

Oberhalb des Knies hatte sich eine Druckstelle gebildet. Zugegeben, ich hab nach einer Erklärung gegoogelt. Nicht besonders intensiv, aber ich hab gegoogelt, und eine Woche lang fühlte ich mich beim Blick auf das Bein immer wieder unbehaglich. Irgendwann fiel mir auf, dass ich schon seit Stunden mit dem linken Bein angewinkelt am Schreibtisch sitze. Dass ich mir offenbar seit Wochen selber mit der Armlehne eine Delle ins Bein gesessen habe. So gründlich, dass das Gewebe sich auch ein halbes Jahr später noch nicht wieder zurück gebildet hatte.

***

Man kann nicht im ersten Raum stehen, während man im zweiten Raum eine Tür zum dritten Raum aufmacht. Man muss erst die Tür zum zweiten Raum öffnen. Das klingt vollkommen logisch und auch banal. Und wie alles scheinbar Banale vergessen wir es manchmal.

1 Monat ago

Dopamin und Minigolf

Was ja auch so ein Begriff ist, dessen Auswüchse mir manchmal komisch vorkommen: Soziale Gepflogenheiten.

Das macht man bei uns so, das sind halt die sozialen Gepflogenheiten.
Wir haben das hier eigentlich schon immer so gemacht.
Ich weiß nicht, ob das hier so umsetzbar ist, da müssen wir erstmal den Stadtältesten fragen.

Seit drei Tagen beschäftigt mich ein Gedanke, der erstens irgendwie fast immer da war, der mich zweitens total erleichtert und der mich aber auch drittens ziemlich verängstigt. Ich glaube nämlich, ich bin nicht so normal wie ich immer dachte.

Ich glaube mittlerweile, ich steh gar nicht mit einem Bein in der Welt der Normalen und mit dem anderen Bein in der Welt der Nicht-Normalen, sondern ich stehe eigentlich mit beiden Beinen relativ klar und deutlich in der Welt der Nicht-Normalen, aber weil ich ab und zu so meine rhetorischen Momente und sehr viel Glück, ein winzig kleines bisschen Talent und immer wieder auch sehr viel Sichtkontakt zu den Normalen habe, ist das bisher niemandem so richtig aufgefallen und mir am allerwenigsten.

Und fragt mich jetzt besser nicht, warum ich denn dachte, dass ich normal bin und ob ich dieses Normalsein denn überhaupt definieren kann.

Ich weiß nur: Die Normalen, sie erschöpfen mich gelegentlich. Oder meine Reaktion auf ihr Normalsein erschöpft mich. Zugegeben, ich erschöpfe sie auch an verschiedenen Stellen. Ich dachte, dass ich wüsste, warum das so ist, aber ich habe nicht scharf genug nachgedacht. Das Besondere ist, dass mir der letzte Groschen dazu nur gefallen ist wegen dem Facebook-Algorithmus. Ich hab mir das nicht ausgesucht. Superpeinlich und so 2016. 2016, als uns allen noch nicht so bewusst war, wie sehr dieser Algorithmus die Menschen spaltet und ausweidet, bis der ganze Datensatzsaft aus ihnen herausläuft. 2016, als wir noch insgeheim hofften, es gäbe wirklich so etwas wie den größten gemeinsamen Nenner. Vielleicht war das auch 2006, ich habe keine Ahnung, ich bin schließlich zerstreut.

Vor drei Tagen hätte ich das geschrieben, es gelesen und mir gedacht: Ganz schön wirr, das muss man nicht unbedingt veröffentlichen. Vor drei Tagen dachte ich aber auch noch, dass ich im Zweifel zu den neurotypischen Menschen gehöre, die sich einfach mal mehr anstrengen oder weniger nachdenken oder an ihrem Mindset arbeiten müssen, ohne Rücksicht auf Verluste, Umstände und Neurotransmitter. Ich dachte, dass ich zur unteren neurotypischen Mittelschicht zähle. Oder halt zur oberen neurotypischen Unterschicht. Woran ich nie gedacht habe: Dass meine Wahrnehmung, mein Verhalten, meine Stärken und Schwächen nicht so normal und durchschnittlich und mehr oder weniger unauffällig sind, wie ich das irgendwie gerne hätte.

Seit drei Tagen freunde ich mich mit dem Gedanken an, dass meine Drehregler anders funktionieren als gedacht. Das ist kein heldenhafter Moment für jemanden, der immer gedacht hat, dass er sich eigentlich ganz gut kennt. Im Grunde stehe ich seit Jahren am Rande eines Fußballfeldes, schaue mir das Spiel (also die sozialen Gepflogenheiten) an, finde die Gruppendynamik und die Regeln etwas unverständlich und werde gelegentlich aus Versehen eingewechselt.

Im Grunde bin ich aber Minigolfer. Häufig schlage ich daneben, keine Ahnung, wer gewinnt, keine Ahnung, ob das wichtig ist. Es gibt keinen Kommentator und wenn doch, dann hört man ihn nicht. Aber es gibt eine Langnese-Eis-Tafel und es gibt immer mehrere Versuche und manchmal dauert ein Spiel vier Stunden. Wenn es regnet, stellt man sich unter. Dann gibt es Pommes, Cola und gute Gespräche. Beim Fußball kommt das kaum vor. Es wird auch weniger gebrüllt, außer bei der einen verdammten Bahn.

Es spricht vieles für Minigolf und in meinem Kopf erscheint es vollkommen logisch, möglichst viele Spiele im Fernsehen zu übertragen.

Neurodiversität und Minigolf und der Facebook-Algorithmus also. Zwischendurch eine Pandemie, ein trauriges Haustier, eine Trennung, zu viele fragwürdige Demonstrationen auf der Straße und die Frage: Wo ist mein Zuhause? Und kann das nicht die Welt sein? Also so ganz generell. Warum verteidigen und erdrücken und ersticken wir so oft das, von dem wir vor dem großen Finale doch sowieso nicht wissen können, welchen Namen wir dem ganzen geben wollen oder müssen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich gerne mal wieder Minigolf spielen würde. Und dass ich schon immer gerne Minigolf gespielt habe.

1 Monat ago

Es geht gleich wieder

Heute lebe ich seit ungefähr 400 Tagen mit einem seltsamen Gefühl im Nacken. Nicht ununterbrochen, aber immer mal wieder. Es ist eine Mischung aus Sorge und Mitgefühl, etwas, das zur Hälfte nach innen und nach außen geht. Alle paar Tage bis Wochen heule ich einmal kurz Rotz und Wasser und bis auf wenige Ausnahmen bin ich dabei immer allein. Einige Male, in denen ich nicht allein war, hatte ich trotzdem das Gefühl, allein zu sein. Seit ein paar Monaten kann ich mir vorstellen, was passieren muss, damit aus einem Menschen, der immer weinen und offen über die eigenen Sorgen sprechen konnte, jemand wird, der sich so eine richtig hässliche drittklassige Rüstung zulegt. Also keine gute Rüstung, die wirklich was taugt und gut sitzt und aus gutem ganz leichtem Material ist, sondern so eine aus dem … sagen wir mal… Action Markt. Aber immerhin – eine Rüstung.

Ich heule nicht, weil ich in einer akuten, verzweifelten Lage bin oder weil jemand, der mir etwas bedeutet, an dem Virus gestorben ist, sondern weil ich nicht diszipliniert genug bin beim Abschütteln von negativen Gefühlen. Und weil ich nie lange an dem Gefühl festhalten möchte, sondern ihm eigentlich nur die Tür öffnen, es sehen, annehmen, kurz umarmen und dann wieder verabschieden möchte. Einmal kurz heulen und dann geht es einfach weiter.

Manchmal begegnen wir im Leben Menschen, die es nur gut meinen, wenn sie uns vorschlagen, dass wir das Klopfen auch einfach ignorieren können. Man muss das negative Gefühl ja nicht reinlassen.

Das Problem ist, diese Leute sitzen oft mit dem Rücken zum Fenster und sie sehen nicht, wie das Gefühl noch eine Weile ums Haus schleicht und durch die Scheibe schaut. Und selbst wenn wir dann die Gardinen zuziehen, wissen wir: Das Gefühl war da, es hat geklopft, es kann noch nicht weit sein. Und was der andere Mensch, der es vielleicht nur gut meint oder der sich vielleicht einfach nur selber schützen oder nicht gestört werden möchte, nicht weiß: Dieses negative Gefühl flüstert uns – also mir – bei dieser kurzen Begegnung immer etwas ins Ohr. Und das sind nie böse Worte, das ist keine Beleidigung oder ein Fluch.

Es sagt: Pass gut auf dich auf.
Genau genommen sagt es immer nur zwei Sätze.
Zur Begrüßung: Komme ich gerade ungelegen?
Zum Abschied: Pass gut auf dich auf.

Manchmal glauben die Menschen, die mit dem Rücken zum Fenster sitzen, und gerade nur nach drinnen und nicht nach draußen schauen können, dass das Gefühl zum Essen bleiben möchte. Sie glauben, es bleibt länger, es hat Durst und Hunger und erwartet jetzt irgendwas. Oder packt direkt die Isomatte aus. Aber das Gefühl will nie lange bleiben und es erwartet eigentlich gar nichts Besonderes von uns, nur dass wir es ein einziges Mal kurz reinlassen, nur dass wir das Klopfen nicht ignorieren. „Es geht gleich wieder.“, sagen wir, wenn der andere fragt, was er tun soll oder eine Lösung vorschlägt für ein flüchtiges Problem. Für etwas, was gar kein richtiger Besuch ist, nur ein kurzes Signal, empfangen von Antennen, die wir dann irgendwann – weil wir uns schuldig fühlen – abschrauben.

Und dann werden wir unglücklich, wir erleben den Anfang und den Mittelteil und das Ende vom Ende, und wir vergessen, dass es keine Rolle spielt, ob irgendeiner von den wunderbaren Menschen und den verdammten Wichsern da draußen – sozusagen den wunderbaren Wichsern – unsere Furchtlosigkeit als solche überhaupt erkennt. Niemand hat uns tatsächlich gebeten, die Antenne abzuschrauben. Das braucht es gar nicht. Es reicht manchmal aus, in einer Gesellschaft zu leben, die einen Teil ihrer Zeit damit verbringt, sich über ungebetene Gäste zu beschweren. Über diese negativen Gefühle, die gleich wieder gehen, wenn man sie akzeptiert, von denen man aber nie weiß, wie lange sie eigentlich im ungünstigsten Fall ums Haus schleichen.

Vor drei Wochen habe ich wieder eine leere Word-Datei geöffnet und einige meiner Lieblingsorgane (jeder braucht Lieblingsorgane. Welches sind eure? Schreibt´s mir in die Kommentare) haben sich angefühlt als wären sie irgendwie über Nacht leichter geworden. Es hat geklopft, ich hab die Tür geöffnet und noch auf der Schwelle einen längeren Blick auf die Sorgen und den Zorn und die Unzulänglichkeit geworfen. Und mir erlaubt zu fragen: Wo kommt ihr überhaupt her?

Und seid ihr hier überhaupt richtig?

2 Monaten ago

„When you speak to others, leave room for the possibility that you are wrong.
The same is true for when you speak to yourself.“
(Melody Godfred)

6 Monaten ago

„A library in the middle of a community is a cross between an emergency exit, a life raft, and a festival. They are cathedrals of the mind, hospitals of the soul, theme parks of the imagination.“ (Caitlin Moran)

6 Monaten ago

Knöpfe

Denkt an bequeme Pyjamas und eure Lieblingssocken, weil diese kleinen Details es bequemer für euch machen, und denkt an ein Oberteil mit Knöpfen vorne dran, schreibt die fremde Person ins Internet nach ihrer Herz-Op. Denkt an die Oberteile mit den Knöpfen vorne. Also weine ich ganz kurz, nicht weil es mich gerade betrifft und ich Angst haben müsste, ich weine kurz, weil es mich rührt, dass Menschen einander Erinnerungen schicken. An Oberteile mit Knöpfen dran. So etwas kleines banales. Wahrscheinlich ist die Welt gar nicht so verloren.

 

7 Monaten ago

Zwei Arten von Menschen

Manchmal glaube ich, es gibt tendenziell wirklich nicht mehr als zwei Arten von Menschen auf der Welt. Diejenigen, wegen denen Dinge ins Stocken geraten. Und diejenigen, die Chaos verbreiten. Diejenigen, die niemals einen halben Gedanken mit anderen teilen würden. Und diejenigen, die noch nie etwas anderes gemacht haben. Diejenigen, die den Moment zwischen dem Denken und dem Machen unnötig lange hinauszögern. Und diejenigen, die keine Zeit verlieren und einfach loslegen. Und beide werden in die Welt geworfen und müssen jetzt zusehen, wie sie mit sich und dem anderen fertig werden.

Und weil wir alle nicht die gleiche Sprache sprechen und unter unterschiedlichen Bedingungen herangewachsen sind, tun wir so, als würden die Vor- und Nachteile beider Arten von Menschen doch irgendwie auf der Hand liegen. Aber das tun sie nicht. Ist das nicht grauenvoll, aufregend und wunderbar?

7 Monaten ago

Beschäftigungstherapie für Narzissten

Seit Wochen lässt mich ja teilweise dieser Gedanke nicht mehr los. Nennen wir es: Beschäftigungstherapie für Narzissten. Ich recherchiere in letzter Zeit viel zum Thema Narzissmus, weil ich es erstens wichtig finde, den eigenen Narzissmus ausreichend zu würdigen … ähm zu erkennen und wieder in gesunde Bahnen zu lenken. Und weil kollektiver Narzissmus gerade ein nicht ganz uninteressantes Thema ist.

Als Küchenpsychologin weiß ich: Narzissten sind im Job häufig zu Höchstleistungen fähig, haben viele gute Ideen, gelegentlich auch Visionen, gehen deswegen aber leider nicht zum Arzt, wie Helmut Schmidt es mal so treffend vorgeschlagen hat („Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“). Manchmal denke ich, den Gewinn, den solche Menschen einem Unternehmen möglicherweise bringen, den ziehen sie indirekt an anderer Stelle wieder in Form von Energie ab. Die Gesellschaft – mittlerweile daran gewöhnt, dass Menschen(gruppen) gerne Lösungen verkaufen für Probleme, die sie selber mitverursacht haben – toleriert das irgendwie. Man gewöhnt sich ja gerade erst an den Gedanken, dass man selber vielleicht manchmal rassistisch und/oder sexistisch denkt und handelt, da kann man sich nicht auch noch die Frage stellen „Bin ich narzisstisch oder sind meine Mitmenschen es möglicherweise und wann findet die Preisverleihung denn nun statt?“

Eine Beschäftigungstherapie für Menschen, die ihren Narzissmus im beruflichen Umfeld nicht bändigen können, könnte die Lösung sein. Wir setzen die Narzissten in 10er Gruppen in ein leeres, noch gut erhaltenes Firmengebäude, und lassen sie den ganzen Tag mit Menschen agieren, die früher Call-Center-Agents waren. Jeder Agent übernimmt eine Patenschaft für maximal drei Narzissten, teilweise könnte vielleicht auch eine 1:1-Betreuung für die besonderen Härtefälle nötig sein, die neben ihrem Narzissmus auch zu viel überschüssige Energie haben und nicht wissen, wohin mit sich und ihrer Grandiosität. Und dann werden diese High-Level-Existenzen von ihren Betreuern in Schach gehalten, die sich mal als unbeholfene Untergebene, mal als persönliche Assistenten, kampflustige Wettbewerber oder andere Abteilungsleiter tarnen. Zoom-Calls, in denen viel gesprochen, aber wenig gesagt wird. Emails, in denen Dinge stehen, die sowieso keiner liest. Schein-Projekte werden angelegt und im Projektmanagementsystem immer ochsenblutrot hinterlegt, damit der Narzisst sieht „Hier passiert zu wenig, ohne mich ist der Laden (also die Presspappenfirma) aufgeschmissen, ich muss jetzt irgendwen anrufen und zur Sau machen.“ Gearbeitet wird im 2-Schicht-System, weil viele bis zu 16 Stunden betreut werden müssen.

Ich sehe da einen Markt. Nach einiger Zeit würde der Rest von uns – also diejenigen, die natürlich auch narzisstisch veranlagt sind, weil diese Gesellschaft irgendwie immer narzisstischer wird, die aber die eigenen Ausschläge besser korrigieren können – feststellen, dass wir tatsächlich an der ein oder anderen Stelle auf die grenzenlose Energie dieser Wahnsinnigen angewiesen sind und die Wiedereingliederung könnte eingeleitet werden. Nur dass diesmal der Narzisst nicht direkt für andere Menschen verantwortlich ist – denn sonst gehen das Geschrei und die Fehltage der Belegschaft ja bald wieder in die nächste Runde – sondern einen Sonderauftrag als… ich weiß es nicht… Change Operator oder so erhält. Oder wir sagen ihnen direkt „Hier ist dein Youtube Account, wir haben dir auch schon 15.000 Follower bei Instagram gekauft und ein paar schlaue Sprüche vorbereitet. Bitte inspiriere uns.“

Ja, ich denke so könnte es funktionieren.

7 Monaten ago