Unter der Maske

Wenn wir uns nicht so zeigen wie wir sind und wenn wir dann abgelehnt werden, dann atmen wir erleichtert auf, dann klopfen wir uns selbst auf die Schulter, denn es ist ja Gott sei Dank nicht unser wahres Selbst, das abgelehnt wurde. Es ist ja nur die Maske, die wir für andere aufsetzen. Dieses Ding, das kneift, das an einigen Stellen zu groß und an anderen Stellen zu klein ist. Unser wahres Selbst liegt behütet unter dieser Maske, im Dämmerschlaf und leicht überfressen. Es leidet unter Sauerstoffmangel, aber es weiß nicht, dass es unter Sauerstoffmangel leidet, es ist lange nicht mehr barfuß gelaufen und etwas blass um die Nase. Aber wenigstens wurde es kein einziges Mal gesehen und deshalb auch kein einziges Mal abgelehnt. Nur wenn jemand kommt und uns bittet, tief ein- und auszuatmen, dann fällt uns auf, dass dort wo unser Gesicht endet und die Maske beginnt, in diesem kleinen Raum, die Luft viel zu dünn ist.

***

Oberhalb des Knies hatte sich eine Druckstelle gebildet. Zugegeben, ich hab nach einer Erklärung gegoogelt. Nicht besonders intensiv, aber ich hab gegoogelt, und eine Woche lang fühlte ich mich beim Blick auf das Bein immer wieder unbehaglich. Irgendwann fiel mir auf, dass ich schon seit Stunden mit dem linken Bein angewinkelt am Schreibtisch sitze. Dass ich mir offenbar seit Wochen selber mit der Armlehne eine Delle ins Bein gesessen habe. So gründlich, dass das Gewebe sich auch ein halbes Jahr später noch nicht wieder zurück gebildet hatte.

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Man kann nicht im ersten Raum stehen, während man im zweiten Raum eine Tür zum dritten Raum aufmacht. Man muss erst die Tür zum zweiten Raum öffnen. Das klingt vollkommen logisch und auch banal. Und wie alles scheinbar Banale vergessen wir es manchmal.

15 Stunden ago

Dopamin und Minigolf

Was ja auch so ein Begriff ist, dessen Auswüchse mir manchmal komisch vorkommen: Soziale Gepflogenheiten.

Das macht man bei uns so, das sind halt die sozialen Gepflogenheiten.
Wir haben das hier eigentlich schon immer so gemacht.
Ich weiß nicht, ob das hier so umsetzbar ist, da müssen wir erstmal den Stadtältesten fragen.

Seit drei Tagen beschäftigt mich ein Gedanke, der erstens irgendwie fast immer da war, der mich zweitens total erleichtert und der mich aber auch drittens ziemlich verängstigt. Ich glaube nämlich, ich bin nicht so normal wie ich immer dachte.

Ich glaube mittlerweile, ich steh gar nicht mit einem Bein in der Welt der Normalen und mit dem anderen Bein in der Welt der Nicht-Normalen, sondern ich stehe eigentlich mit beiden Beinen relativ klar und deutlich in der Welt der Nicht-Normalen, aber weil ich ab und zu so meine rhetorischen Momente und sehr viel Glück, ein winzig kleines bisschen Talent und immer wieder auch sehr viel Sichtkontakt zu den Normalen habe, ist das bisher niemandem so richtig aufgefallen und mir am allerwenigsten.

Und fragt mich jetzt besser nicht, warum ich denn dachte, dass ich normal bin und ob ich dieses Normalsein denn überhaupt definieren kann.

Ich weiß nur: Die Normalen, sie erschöpfen mich gelegentlich. Oder meine Reaktion auf ihr Normalsein erschöpft mich. Zugegeben, ich erschöpfe sie auch an verschiedenen Stellen. Ich dachte, dass ich wüsste, warum das so ist, aber ich habe nicht scharf genug nachgedacht. Das Besondere ist, dass mir der letzte Groschen dazu nur gefallen ist wegen dem Facebook-Algorithmus. Ich hab mir das nicht ausgesucht. Superpeinlich und so 2016. 2016, als uns allen noch nicht so bewusst war, wie sehr dieser Algorithmus die Menschen spaltet und ausweidet, bis der ganze Datensatzsaft aus ihnen herausläuft. 2016, als wir noch insgeheim hofften, es gäbe wirklich so etwas wie den größten gemeinsamen Nenner. Vielleicht war das auch 2006, ich habe keine Ahnung, ich bin schließlich zerstreut.

Vor drei Tagen hätte ich das geschrieben, es gelesen und mir gedacht: Ganz schön wirr, das muss man nicht unbedingt veröffentlichen. Vor drei Tagen dachte ich aber auch noch, dass ich im Zweifel zu den neurotypischen Menschen gehöre, die sich einfach mal mehr anstrengen oder weniger nachdenken oder an ihrem Mindset arbeiten müssen, ohne Rücksicht auf Verluste, Umstände und Neurotransmitter. Ich dachte, dass ich zur unteren neurotypischen Mittelschicht zähle. Oder halt zur oberen neurotypischen Unterschicht. Woran ich nie gedacht habe: Dass meine Wahrnehmung, mein Verhalten, meine Stärken und Schwächen nicht so normal und durchschnittlich und mehr oder weniger unauffällig sind, wie ich das irgendwie gerne hätte.

Seit drei Tagen freunde ich mich mit dem Gedanken an, dass meine Drehregler anders funktionieren als gedacht. Das ist kein heldenhafter Moment für jemanden, der immer gedacht hat, dass er sich eigentlich ganz gut kennt. Im Grunde stehe ich seit Jahren am Rande eines Fußballfeldes, schaue mir das Spiel (also die sozialen Gepflogenheiten) an, finde die Gruppendynamik und die Regeln etwas unverständlich und werde gelegentlich aus Versehen eingewechselt.

Im Grunde bin ich aber Minigolfer. Häufig schlage ich daneben, keine Ahnung, wer gewinnt, keine Ahnung, ob das wichtig ist. Es gibt keinen Kommentator und wenn doch, dann hört man ihn nicht. Aber es gibt eine Langnese-Eis-Tafel und es gibt immer mehrere Versuche und manchmal dauert ein Spiel vier Stunden. Wenn es regnet, stellt man sich unter. Dann gibt es Pommes, Cola und gute Gespräche. Beim Fußball kommt das kaum vor. Es wird auch weniger gebrüllt, außer bei der einen verdammten Bahn.

Es spricht vieles für Minigolf und in meinem Kopf erscheint es vollkommen logisch, möglichst viele Spiele im Fernsehen zu übertragen.

Neurodiversität und Minigolf und der Facebook-Algorithmus also. Zwischendurch eine Pandemie, ein trauriges Haustier, eine Trennung, zu viele fragwürdige Demonstrationen auf der Straße und die Frage: Wo ist mein Zuhause? Und kann das nicht die Welt sein? Also so ganz generell. Warum verteidigen und erdrücken und ersticken wir so oft das, von dem wir vor dem großen Finale doch sowieso nicht wissen können, welchen Namen wir dem ganzen geben wollen oder müssen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich gerne mal wieder Minigolf spielen würde. Und dass ich schon immer gerne Minigolf gespielt habe.

2 Tagen ago

Es geht gleich wieder

Heute lebe ich seit ungefähr 400 Tagen mit einem seltsamen Gefühl im Nacken. Nicht ununterbrochen, aber immer mal wieder. Es ist eine Mischung aus Sorge und Mitgefühl, etwas, das zur Hälfte nach innen und nach außen geht. Alle paar Tage bis Wochen heule ich einmal kurz Rotz und Wasser und bis auf wenige Ausnahmen bin ich dabei immer allein. Einige Male, in denen ich nicht allein war, hatte ich trotzdem das Gefühl, allein zu sein. Seit ein paar Monaten kann ich mir vorstellen, was passieren muss, damit aus einem Menschen, der immer weinen und offen über die eigenen Sorgen sprechen konnte, jemand wird, der sich so eine richtig hässliche drittklassige Rüstung zulegt. Also keine gute Rüstung, die wirklich was taugt und gut sitzt und aus gutem ganz leichtem Material ist, sondern so eine aus dem … sagen wir mal… Action Markt. Aber immerhin – eine Rüstung.

Ich heule nicht, weil ich in einer akuten, verzweifelten Lage bin oder weil jemand, der mir etwas bedeutet, an dem Virus gestorben ist, sondern weil ich nicht diszipliniert genug bin beim Abschütteln von negativen Gefühlen. Und weil ich nie lange an dem Gefühl festhalten möchte, sondern ihm eigentlich nur die Tür öffnen, es sehen, annehmen, kurz umarmen und dann wieder verabschieden möchte. Einmal kurz heulen und dann geht es einfach weiter.

Manchmal begegnen wir im Leben Menschen, die es nur gut meinen, wenn sie uns vorschlagen, dass wir das Klopfen auch einfach ignorieren können. Man muss das negative Gefühl ja nicht reinlassen.

Das Problem ist, diese Leute sitzen oft mit dem Rücken zum Fenster und sie sehen nicht, wie das Gefühl noch eine Weile ums Haus schleicht und durch die Scheibe schaut. Und selbst wenn wir dann die Gardinen zuziehen, wissen wir: Das Gefühl war da, es hat geklopft, es kann noch nicht weit sein. Und was der andere Mensch, der es vielleicht nur gut meint oder der sich vielleicht einfach nur selber schützen oder nicht gestört werden möchte, nicht weiß: Dieses negative Gefühl flüstert uns – also mir – bei dieser kurzen Begegnung immer etwas ins Ohr. Und das sind nie böse Worte, das ist keine Beleidigung oder ein Fluch.

Es sagt: Pass gut auf dich auf.
Genau genommen sagt es immer nur zwei Sätze.
Zur Begrüßung: Komme ich gerade ungelegen?
Zum Abschied: Pass gut auf dich auf.

Manchmal glauben die Menschen, die mit dem Rücken zum Fenster sitzen, und gerade nur nach drinnen und nicht nach draußen schauen können, dass das Gefühl zum Essen bleiben möchte. Sie glauben, es bleibt länger, es hat Durst und Hunger und erwartet jetzt irgendwas. Oder packt direkt die Isomatte aus. Aber das Gefühl will nie lange bleiben und es erwartet eigentlich gar nichts Besonderes von uns, nur dass wir es ein einziges Mal kurz reinlassen, nur dass wir das Klopfen nicht ignorieren. „Es geht gleich wieder.“, sagen wir, wenn der andere fragt, was er tun soll oder eine Lösung vorschlägt für ein flüchtiges Problem. Für etwas, was gar kein richtiger Besuch ist, nur ein kurzes Signal, empfangen von Antennen, die wir dann irgendwann – weil wir uns schuldig fühlen – abschrauben.

Und dann werden wir unglücklich, wir erleben den Anfang und den Mittelteil und das Ende vom Ende, und wir vergessen, dass es keine Rolle spielt, ob irgendeiner von den wunderbaren Menschen und den verdammten Wichsern da draußen – sozusagen den wunderbaren Wichsern – unsere Furchtlosigkeit als solche überhaupt erkennt. Niemand hat uns tatsächlich gebeten, die Antenne abzuschrauben. Das braucht es gar nicht. Es reicht manchmal aus, in einer Gesellschaft zu leben, die einen Teil ihrer Zeit damit verbringt, sich über ungebetene Gäste zu beschweren. Über diese negativen Gefühle, die gleich wieder gehen, wenn man sie akzeptiert, von denen man aber nie weiß, wie lange sie eigentlich im ungünstigsten Fall ums Haus schleichen.

Vor drei Wochen habe ich wieder eine leere Word-Datei geöffnet und einige meiner Lieblingsorgane (jeder braucht Lieblingsorgane. Welches sind eure? Schreibt´s mir in die Kommentare) haben sich angefühlt als wären sie irgendwie über Nacht leichter geworden. Es hat geklopft, ich hab die Tür geöffnet und noch auf der Schwelle einen längeren Blick auf die Sorgen und den Zorn und die Unzulänglichkeit geworfen. Und mir erlaubt zu fragen: Wo kommt ihr überhaupt her?

Und seid ihr hier überhaupt richtig?

1 Monat ago

„When you speak to others, leave room for the possibility that you are wrong.
The same is true for when you speak to yourself.“
(Melody Godfred)

5 Monaten ago

„A library in the middle of a community is a cross between an emergency exit, a life raft, and a festival. They are cathedrals of the mind, hospitals of the soul, theme parks of the imagination.“ (Caitlin Moran)

5 Monaten ago

Wie der Kranke an den Tisch kam

Letzte Woche trat der Kranke zum ersten Mal mit ernster Miene an den Tisch und hat sich Gehör verschafft. Vielleicht hat er das vorher schon versucht, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich ihn letzte Woche zum ersten Mal wirklich angesehen habe. Es hat wohl mit dem Unterschied von „krank sein“ und „eine Krankheit haben“ zu tun. Wer eine chronische Krankheit hat, kann sie je nach Ausprägung eine Weile ignorieren und in irgendeiner Box im unteren Fach des Kleiderschranks verstauen. Wer aber krank ist, der gibt der Krankheit ein Mitspracherecht.

Für viele Menschen bedeutet die Konfrontation mit diesem Mitspracherecht: Der Mensch mit der Krankheit gibt auf oder definiert sich ab sofort lästigerweise nur noch darüber. Viele Menschen bewundern und respektieren dich, wenn du dir die Krankheit nicht anmerken lässt. Wenn du sie mit keinem Wort erwähnst. Wenn du sie nicht zum Thema machst.

Letzte Woche habe ich, nachdem ich meiner Energie wochenlang dabei zugesehen habe wie sie aus mir rausfließt, mich nicht mehr als Mensch gesehen, der eine Krankheit hat, sondern als jemand, der krank ist. Ich denke gerne in Bildern und in diesem Moment trat der Kranke zu mir an den Konferenztisch, an dem ich täglich sitze, zusammen mit allen wichtigen Rollen, die in meinem Leben irgendeine größere Rolle spielen. Da ist die harmoniesüchtige Empfangsdame, der introvertierte Nerd, der Analytiker, die Kreative, das nörgelnde Kind, die Skeptikerin, der Clown, der Zyniker. Wir haben Kekse und tauschen uns aus und es reden viel zu oft mehrere gleichzeitig, weil meine Moderation scheiße ist. Ich denke, ihr kennt das von eurem Gehirn. Und vielleicht kennt ihr auch von eurem Gehirn, dass es eine Rolle gibt, für die es keinen Platz an diesem Tisch gibt, die sich aber trotzdem im gleichen Raum aufhält. Bei mir ist das dieser Kranke, der zwar bisher anwesend war, aber kein wirkliches Mitspracherecht hatte.

Der Kranke am Ende des Raumes ist leise, ab und zu hebt er lustlos seine Hand, wird dann aber meistens ignoriert und obwohl er immer da war, hat er erst seit eineinhalb Jahren einen Namen. Ich habe eine Multisystemerkrankung mit dem hierzulande noch recht unbekannten Namen Ehlers-Danlos. Sie ist teilweise schmerzhaft, sie verläuft bei jedem Menschen unterschiedlich und sie kann gefährlich werden. Ich bin selber dahinter gekommen, durch eine Kombination aus Zufall, Recherche und Intuition. Um zu erfahren, ob ich richtig liege, bin ich an einem ungemütlichen Tag im Februar 2018 mit dem Zug nach Berlin gefahren, in die Charité, und hab mir Blut abnehmen lassen. Und viele Monate auf das Ergebnis gewartet. An schlechten Tagen, die zum Glück recht selten sind, fühlt es sich an wie eine Mischung aus Rheuma, Kater und leichte Lebensmittelvergiftung.

An den meisten Tagen ist es ein bisschen Rheuma und ein leichter Kater. Ehlers-Danlos bedeutet: Ich bin eigentlich ständig müde, ich renke mir gerne mal etwas aus, ich habe Schlafstörungen, ich habe ab und zu Probleme beim Atmen, einen Herzklappenfehler, mein Kreislauf kommt nicht so in die Gänge, meine Muskulatur ist schwach, ich habe erweiterte Adern im ganzen Körper, meine Gefäße sind brüchig und Nahrungsaufnahme ist manchmal eine kleine Herausforderung. Das liegt daran, dass in meinem Körper das Collagen nicht das macht, was es eigentlich soll, nämlich zu stützen und für Elastizität sorgen. Daher die brüchigen Gefäße, die schwachen Muskeln und die Probleme mit den Knochen.

Wenn ich mich ablenke – durch Musik, gute Gespräche mit guten Leuten, moderate Bewegung, leckeres Essen, ein gutes Buch und Arbeit – merke ich davon kaum etwas. Weil ich daran gewöhnt bin. Es läuft irgendwie unbewusst mit. Aber wenn ich meine eigenen Regeln dauerhaft missachte oder nicht die Selbstachtung habe, sie anderen mitzuteilen, geht es mir nicht gut. Das merke ich zuallererst an meiner körperlichen Gesundheit, dann an meinen Beziehungen, zuletzt an meiner mentalen Gesundheit und meiner Arbeit. Bevor die Arbeit leidet, leidet zuerst immer alles andere.

Ich glaube, bis vor sechs oder sieben Jahren konnte ich das alles noch irgendwie ausgleichen. Dann waren die Reserven irgendwann leer und ich hab Möglichkeiten gefunden, sie Stück für Stück wieder ein bisschen aufzufüllen. Dabei geht es nicht immer darum, Dinge zu tun, sondern oft darum, Dinge sein zu lassen oder Dinge über sich selbst in Erfahrung zu bringen. Das Wissen, dass ich introvertiert bin, hat mir sehr geholfen. Dass ich zu Schlafstörungen neige. Dass ich zu wenig Flüssigkeit zu mir nehme und es für Kreislauf, Atmung und Konzentration einfach wichtig ist, genug zu trinken. Dass mich schweres Essen zu früh am Tag komplett lahmlegt. Dass mir Vitamin B hilft. Dass ich damit rechnen kann, dass mir meine Hüfte wehtut, wenn ich mich zu lange nicht genug bewegt habe und dann plötzlich quer durch´s Dorf marschiere. Dass ich falsch atme und eigentlich unter permanentem Sauerstoffmangel leide. Teilweise sind das Dinge, die weniger mit der Krankheit und mehr mit allgemeinen Routinen zu tun haben. Man muss einfach mehr als andere auf den eigenen Körper und den Bauch achten.

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich beschlossen, mich selbständig zu machen. Hätte ich in einem Umfeld gearbeitet, in dem Remote Work und die damit verbundenen Rahmenbedingungen selbstverständlicher sind, und wo die Wahrnehmung und das Kommunikationsverhalten von Introvertierten sich nicht wie eine Anomalie anfühlt, häufig vor allem für mich selber, wäre ich vielleicht noch eine Weile geblieben. Im Grunde habe ich meine beiden Jobs nicht wegen den Menschen, den Kunden oder den Aufgaben gekündigt, sondern weil die Arbeitswelt so sehr am extrovertierten Ideal ausgerichtet ist, dass das zwangsläufig Zeit, Energie und Geld kostet. Und das hat sich auf alles ausgewirkt. Aber es lässt sich nicht unmittelbar beweisen oder messen, dass das so ist, und solange Introvertierte nicht lernen, ihre eigenen Regeln zu kennen, auswendig zu lernen und konstruktiv den anderen begreiflich zu machen, dass das auch für sie früher oder später mess- und spürbare Vorteile hat, solange wird sich nichts verändern.

Ich hab das immer in leisen Zwischentönen gemacht. Hier mal einen Satz fallen lassen, da mal einen Artikel teilen oder ein Buch empfehlen oder Probleme andeuten. Menschen im direkten Gespräch damit konfrontieren oder sachlich ansprechen, dass ihr eigenes Verhalten den Prozess weder beschleunigt noch vereinfacht, sondern häufig verlangsamt und zu unnötigen Schleifen führt, das hab ich bisher nicht geschafft. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass dieselben Menschen sich manchmal unbewusst über typisch introvertierte Verhaltensweisen beschweren und ich dann versuchen muss, mich nicht angegriffen zu fühlen.

„Der ist so langsam. Die ist irgendwie komisch und nicht so sozial. Der grübelt so lange und kommt nicht in die Gänge. Die hat irgendwie immer schlechte Laune. Der ist immer so unsicher. Die denkt zu viel nach.“ Ich höre mir das seit mehr als fünf Jahren in dem Wissen an, dass ich selber so bin und warum das so ist, und es ist, gelinde gesagt, zum Kotzen.

Aus Sicht eines Introvertierten sind das Verhaltensweisen von Menschen, die teilweise einfach etwas gründlicher nachdenken und nicht automatisch annehmen, dass andere genau dann aufnahmefähig sind, wenn ihnen gerade danach ist. Ein Introvertierter würde in 9 von 10 Fällen wahrscheinlich nie zum Hörer greifen, irgendwo anrufen und sagen „Hast du eine Idee, wie ich dieses oder jenes umsetzen kann?“, weil er nicht davon ausgeht, dass irgendjemand genau in dem Moment eine Idee zu einer Sache hat, von der er vor fünf Sekunden noch gar nichts gewusst hat. Man könnte, wenn man gemein ist, behaupten, dass nicht nur das Denken an sich dem Introvertierten näher ist, sondern auch das Denken über das Denken. Aus Sicht eines Extrovertierten kann der stocksteife Introvertierte es vielleicht einfach nicht aufnehmen mit seiner Begeisterungsfähigkeit, seinem Esprit und seiner Schnelligkeit. Und damit hat er natürlich recht und sollte in all den Feldern, in denen es ausschließlich um Begeisterungsfähigkeit, Esprit und Schnelligkeit geht, das alleinige Sagen haben.

Ich weiß nicht, ob ihr euch das vorstellen könnt, wie erholsam das für mein verdammtes Gehirn ist, wenn mir irgendwo ein introvertierter Mensch zeigt und mitteilt, dass unsere Art die Welt zu sehen und auf die Welt zuzugehen, gar nichts zu tun hat mit mangelnden sozialen Fähigkeiten. Und dass unsere Zukunft düster wird, wenn wir extrovertierte und introvertierte Stärke nicht sinnvoll miteinander kombinieren oder wenn wir einfach so tun, als wäre Introversion ein ganz netter Zusatz, den wir gelegentlich abrufen können, während wir uns grundsätzlich weiterhin an extrovertierten Bedürfnissen orientieren, wenn es um Teamarbeit, Konzentration und Wissensmanagement geht.

Zum Thema Introversion empfehle ich klassischerweise das Buch von Susan Cain. Was das Thema Remote Work betrifft, bekommt man in den Büchern von Jason Fried und David Heinemeier-Hansson einen guten kurzweiligen Überblick. Ich weiß nicht, ob euch das interessiert, wenn ihr den unmittelbaren Mehrwert nicht auf Anhieb seht. Glaubt mir einfach, wenn ich sage, dass das Wissen euren Nerven, dem Klima um euch herum und verdammt nochmal tatsächlich auch eurem Geldbeutel zugute kommt. Oder folgt „Geile Gehirne“ auf Facebook. Ich teile da seit einer Weile Videos oder Artikel, die zum Teil auch etwas mit dem Thema Introversion zu tun haben. Ich benutze das als Online-Merkzettel.  Es ist mir nicht peinlich, dass es glaub ich momentan nur 24 Fans gibt, manchmal teil ich wochenlang gar nichts und vielleicht interessiert sich der ein oder andere ja in irgendeiner Art und Weise dafür.

Wo wir gerade bei sozialen Netzwerken sind. Ich hab manchmal den Eindruck, als wäre nur ein Austausch, der offline beginnt und größtenteils synchron verläuft (also im persönlichen Gespräch oder am Telefon) echt und sozial wertvoll. Als wäre es nicht möglich, online mit anderen Menschen auf sinnvolle, wertschätzende Art und Weise zu kommunizieren und sich irgendwann regelmäßig oder unregelmäßig offline bei Kaffee und Käsekuchen oder einem Bier zu begegnen. Solche Begegnungen nehme ich im direkten Vergleich häufig als echter und interessanter wahr, das Netzwerk ist vielfältiger, es wird manchmal sehr viel unkomplizierter auf einer anderen Ebene kommuniziert. Für Introvertierte Menschen, die keine Angst vor der Begegnung mit anderen haben, ist das Internet ein Segen. Es wird Zeit, dass das vielleicht auch mal im Rest der Gesellschaft ankommt, die glaubt, dass hier nur russische Bots, substanzlose Selbstinszenierung und Krawall und Remmidemmi ein Thema sind.

Jedenfalls… wo war ich? Ah ja, ich habe meine eigenen körperlichen Bedingungen ignoriert und ich habe es auch erfolgreich geschafft habe, meine eigenen mentalen Bedürfnisse zu ignorieren. Introversion ist Fluch und Segen zugleich, wie so ziemlich alles, könnte man fast sagen. Seit einer Weile fühlt es sich nur noch wie ein Fluch an, weil ich bemerke, dass ich immer mehr ausbrenne, wenn ich es nicht für mich nutze. Rechts oben auf dieser Seite steht der Satz „That detail of yourself that you want to throw away. Hold onto it. It will make sense one day.“ von Nayyirah Waheed. Ich bin überzeugt davon. Überzeugung alleine reicht aber nicht. Man muss die kleinen Schritte gehen und wenn die Energie fehlt, dann muss man nein sagen üben. Und wenn man das Gefühl hat, dass nein sagen alleine eigentlich nicht ausreicht, dann muss man sich eine andere Lösung überlegen.

Ich habe mich so sehr angepasst, dass es schon an unterlassene Hilfeleistung grenzt, weil ich so viel Gutes zurückgehalten und auf irgendwann mal verschoben habe. Ich dachte, es würde vor allem anfangs Durststrecken geben, in denen ich kaum Aufträge habe und ich dachte, dass ich es schaffe, diese Durststrecken zu nutzen, um Stück für Stück das was ich gut kann in eine sinnvolle Form zu bringen und damit den Kunden nachhaltig, sinnvoll und pragmatisch und vor allem in ihrem Tempo Dinge zu vermitteln, die ihnen wirklich weiterhelfen. Die ihnen sogar im Umgang mit anderen kreativen Dienstleistern weiterhelfen. Die ihnen helfen, ihre eigenen Themen anders anzupacken. Nicht jeder möchte sich alles abnehmen lassen, was irgendwie in Richtung Teufelszeug Marketing geht und im Endeffekt soweit führt, dass irgendwann selbst eine halbwegs sinnvolle Dateiablage eine Herausforderung darstellt. Vor zwei Jahren dachte ich noch: Wenn ich Dienstleister für tolle Kunden sein und gleichzeitig kleine Wissenshäppchen vermitteln darf, dann macht mich das glücklich. Die Wissenshäppchen, meine Wissenshäppchen sind zerbröselt und schimmeln ein bisschen vor sich hin. Weil die Durststrecke, mit der ich irgendwie gerechnet habe, seit zwei Jahren ausbleibt. Und „nein“ für mich sowas wie ein Fremdwort ist. So wie meine Introversion ist das Fluch und Segen zugleich.

Ich weiß, es gibt da draußen Menschen, die können enorm viel damit anfangen, wenn man ihnen wirklich mal zwei, drei zusammenhängende Fragen beantwortet und sinnvolle Vergleiche zieht. Ich bin nicht der Grafikdesigner, der allen Leuten erzählt, wie immens wichtig es ist, dass dein Instagram-Feed bildschön ist. Das ist für sich allein betrachtet ziemlich wertlos. Ich gehöre nicht mal zu den Eierköpfen, die sich aufregen, wenn Kunden Canva benutzen, um damit Social Media Grafiken zu erzeugen, die hoffentlich zu mindestens 75% irgendwas mit ihrem Corporate Design zu tun haben. Ich würde das sogar unterstützen. Ich rege mich eher auf, wenn Leute überhaupt nicht das Bedürfnis haben, irgendetwas Gehaltvolles zu teilen und ihr Wissen horten wie einen Schatz.  Ich nehme Dinge ernst, die andere eher ignorieren, und umgekehrt. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass ich das Netz nicht erst nutze, seitdem es Instagram und Facebook gibt. Aber eigentlich ist das gerade nicht wichtig, denn es spielt keine besonders große Rolle, wie momentan meine Meinung dazu ist.

Die Gründe, weshalb ich zweimal gekündigt habe, sind jedenfalls genau die Gründe, wegen denen ich nach zwei Jahren als selbständige Grafikdesignerin an meinem persönlichen Konferenztisch stehe und sage: Komm her, Kranker, du bekommst jetzt ein Mitspracherecht an meinem Tisch, und zwar mit Ansage. Du setzt dich jetzt zwischen die Kreative und den introvertierten Nerd, weil ihr sowas wie das magische Trio seid, dafür räumt ein anderer jetzt den Platz und fliegt hochkant raus.

Der Kranke ist wertvoll, weil er den Takt vorgeben muss. Er ist derjenige, der alle im Team daran erinnert, wie man in gewissen Phasen der Selbständigkeit harte Arbeit reduziert und die Lücke durch smarte Arbeit auffüllt. Er ist auch derjenige mit der am besten entwickelten Resilienz. Er ist wie der uralte, ja ich möchte fast sagen halbtote langjährige Mitarbeiter, der niemals durch reine Geschwindigkeit beeindruckt, aber zur richtigen Zeit die wertvollsten Signale geben kann.

Wer aus diesem Team sorgt durch seine Rolle aber am ehesten dafür, dass die anderen Rollen oder Anteile nicht ihr bestes geben können? Wer muss gehen, damit der Kranke Platz nehmen kann? Die harmoniesüchtige Empfangsdame? Das nörgelnde Kind? Oder der passiv-aggressive Zyniker? Sind es nicht irgendwie alle drei?

Es sind jedenfalls niemals andere Menschen, es sind immer eigene Persönlichkeitsanteile, eigene Rollen, die man im Laufe des Lebens annimmt und teilweise nur unter größten Kraftanstrengungen wieder ablegt. Und natürlich ist es gut, dass das passiert. Ich möchte so ein Problem nicht erst in fünf Jahren haben, sondern dann wenn die Verbindung zu meinen guten Ideen noch da ist und nicht völlig unterbrochen wurde. Wenn es sich noch anfühlt wie ein beschissenes irgendwie auch typisches Kommunikationsproblem und nicht wie ein allumfassendes „Mein Leben liegt jetzt gerade mächtig in Scherben.“-Gesamtproblem.

Vor allem weiß ich, dass mein Bedürfnis, meinen Kunden auf die wirklich bestmögliche, langfristige Art zu helfen, momentan offenbar nicht so ausgeprägt ist wie mein Bedürfnis, diese ganz entscheidende Lektion jetzt endlich zu lernen.

Also lerne ich. Und lasse Menschen warten. Enttäusche einige. Enttäusche mich selber dabei immer am meisten. Und schreibe darüber. Weil ich weiß: Dieses Problem hat sehr viel mit mir und gleichzeitig sehr viel auch überhaupt nicht mit mir zu tun, sondern zu einem gewissen Teil auch mit der Unwissenheit, mit der wir uns durch die Welt bewegen. Ich glaube gar nicht, dass es Unachtsamkeit ist. Das hieße, jeder Mensch hat ein küchenpsychologisches Verständnis darüber, was Introversion bedeutet und jeder Mensch kann sich vorstellen, dass eine chronische Krankheit einige Herausforderungen mit sich bringt. Das ist aber nicht so. Das kann nicht jeder. Wir wissen einfach so vieles nicht. Es ist Unwissenheit.

Ich bin jetzt gerade nicht die einzige introvertierte Selbständige mit chronischer Krankheit, die gerne Extrameilen geht, mitdenkt und hart arbeiten kann, aber unter gewissen Bedingungen, die ich selber steuern und immer wieder korrigieren muss, innerlich in sich zusammenfällt. Da draußen gibt es unzählige Menschen, die sind wie ich. Auch wenn jede Situation ganz unterschiedlich ist und jeder für sich die Verantwortung trägt. Ich weiß auch, wie großartig das ist, die eigenen Talente nicht erst mühsam Jahrzehnt für Jahrzehnt kennen zu lernen und erst in den letzten fünf Minuten vor Mitternacht eine Ahnung davon zu haben, was man eigentlich gut und gerne macht und inwieweit man anderen damit helfen kann. Aber es bringt nichts das zu wissen. Es bringt auch nichts das dann einfach zu tun, wenn man früher oder später doch wieder an dem Punkt ist, an dem man innerlich ausgebrannt ist. Man muss darüber sprechen, auch auf die Gefahr hin, dass Leute sich dann von dir verabschieden.

Ich weiß nicht, ob dieser lange Text noch von irgendwem bis zum Ende gelesen wurde, aber: So kam der Kranke an den Tisch. Und da sitzt er jetzt. Und er hofft, gemeinsam mit den anderen am Tisch, dass mehr Menschen die Möglichkeit in Anspruch nehmen zu zeigen, dass sie nicht perfekt funktionieren und dass sie gleichzeitig gute Arbeit machen können. Ich sage ganz bewusst „gleichzeitig“ statt „trotzdem“ oder statt „gerade deshalb“. Wir leben sehr im Trotzdem, wir leben auch sehr im Gerade deshalb und ich glaube an beiden Orten verbieten wir uns irgendwie, dass zwei scheinbar unvereinbare Dinge gemeinsam stattfinden können. Dabei kann daraus etwas Gutes entstehen.

Und jetzt möchte ich noch eine Sache loswerden. Es ist Weihnachten, die Partys waren mal besser und fanden auch mal statt, da müsst ihr jetzt durch.

Tut mir einen Gefallen und sprecht in der Familie, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, beim Stammtisch, nicht so verdammt abfällig über kranke Menschen, denen man ihre Krankheit nicht auf den ersten Blick ansieht und die teilweise weniger bekannt sind. Wenn die einzigen Krankheiten vor denen ihr halbwegs Respekt habt und die ihr überhaupt ernst nehmt, ganz pauschal betrachtet ein Knochenbruch, Krebs und Blinddarmentzündung sind, dann haben wir ein gesellschaftliches Problem. Dafür brauchen wir keine Pandemie. Bei mir hat es dazu geführt, dass ich mich in diesen zwei Jahren noch kein einziges Mal getraut habe, direkt zu sagen: Ich habe eine chronische Krankheit, ich kann es ausgleichen weil ich – Entschuldigung – nicht die dümmste Sau im Stall bin, aber ich bitte dich darum, mir noch eine Woche Zeit zu geben. Es führt dazu, dass ich Menschen vertröste, dass ich Schlafmangel habe, dass ich keine Ahnung hab, wann ich zuletzt einen Spaziergang gemacht habe und dass ich mich wie ein Versager fühle, wenn ich um Hilfe bitte. Ich kann das nicht gut und ich möchte es lernen. Selbst wenn Menschen, die man vertrösten muss, selber total verständnisvoll sind, machen solche Abfälligkeiten an anderer Stelle und von ganz anderen Personen, mich traurig. Und da bin ich nicht die einzige.

Nehmt einander unbedingt auf den Arm. Nehmt euch aber ab und zu auch mal in den Arm. Also irgendwann dann wieder.

Frohe Adventszeit und weiterhin alles Gute
Euer Karl Lauterbach

 

5 Monaten ago

Knöpfe

Denkt an bequeme Pyjamas und eure Lieblingssocken, weil diese kleinen Details es bequemer für euch machen, und denkt an ein Oberteil mit Knöpfen vorne dran, schreibt die fremde Person ins Internet nach ihrer Herz-Op. Denkt an die Oberteile mit den Knöpfen vorne. Also weine ich ganz kurz, nicht weil es mich gerade betrifft und ich Angst haben müsste, ich weine kurz, weil es mich rührt, dass Menschen einander Erinnerungen schicken. An Oberteile mit Knöpfen dran. So etwas kleines banales. Wahrscheinlich ist die Welt gar nicht so verloren.

 

5 Monaten ago

Zwei Arten von Menschen

Manchmal glaube ich, es gibt tendenziell wirklich nicht mehr als zwei Arten von Menschen auf der Welt. Diejenigen, wegen denen Dinge ins Stocken geraten. Und diejenigen, die Chaos verbreiten. Diejenigen, die niemals einen halben Gedanken mit anderen teilen würden. Und diejenigen, die noch nie etwas anderes gemacht haben. Diejenigen, die den Moment zwischen dem Denken und dem Machen unnötig lange hinauszögern. Und diejenigen, die keine Zeit verlieren und einfach loslegen. Und beide werden in die Welt geworfen und müssen jetzt zusehen, wie sie mit sich und dem anderen fertig werden.

Und weil wir alle nicht die gleiche Sprache sprechen und unter unterschiedlichen Bedingungen herangewachsen sind, tun wir so, als würden die Vor- und Nachteile beider Arten von Menschen doch irgendwie auf der Hand liegen. Aber das tun sie nicht. Ist das nicht grauenvoll, aufregend und wunderbar?

6 Monaten ago

Beschäftigungstherapie für Narzissten

Seit Wochen lässt mich ja teilweise dieser Gedanke nicht mehr los. Nennen wir es: Beschäftigungstherapie für Narzissten. Ich recherchiere in letzter Zeit viel zum Thema Narzissmus, weil ich es erstens wichtig finde, den eigenen Narzissmus ausreichend zu würdigen … ähm zu erkennen und wieder in gesunde Bahnen zu lenken. Und weil kollektiver Narzissmus gerade ein nicht ganz uninteressantes Thema ist.

Als Küchenpsychologin weiß ich: Narzissten sind im Job häufig zu Höchstleistungen fähig, haben viele gute Ideen, gelegentlich auch Visionen, gehen deswegen aber leider nicht zum Arzt, wie Helmut Schmidt es mal so treffend vorgeschlagen hat („Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“). Manchmal denke ich, den Gewinn, den solche Menschen einem Unternehmen möglicherweise bringen, den ziehen sie indirekt an anderer Stelle wieder in Form von Energie ab. Die Gesellschaft – mittlerweile daran gewöhnt, dass Menschen(gruppen) gerne Lösungen verkaufen für Probleme, die sie selber mitverursacht haben – toleriert das irgendwie. Man gewöhnt sich ja gerade erst an den Gedanken, dass man selber vielleicht manchmal rassistisch und/oder sexistisch denkt und handelt, da kann man sich nicht auch noch die Frage stellen „Bin ich narzisstisch oder sind meine Mitmenschen es möglicherweise und wann findet die Preisverleihung denn nun statt?“

Eine Beschäftigungstherapie für Menschen, die ihren Narzissmus im beruflichen Umfeld nicht bändigen können, könnte die Lösung sein. Wir setzen die Narzissten in 10er Gruppen in ein leeres, noch gut erhaltenes Firmengebäude, und lassen sie den ganzen Tag mit Menschen agieren, die früher Call-Center-Agents waren. Jeder Agent übernimmt eine Patenschaft für maximal drei Narzissten, teilweise könnte vielleicht auch eine 1:1-Betreuung für die besonderen Härtefälle nötig sein, die neben ihrem Narzissmus auch zu viel überschüssige Energie haben und nicht wissen, wohin mit sich und ihrer Grandiosität. Und dann werden diese High-Level-Existenzen von ihren Betreuern in Schach gehalten, die sich mal als unbeholfene Untergebene, mal als persönliche Assistenten, kampflustige Wettbewerber oder andere Abteilungsleiter tarnen. Zoom-Calls, in denen viel gesprochen, aber wenig gesagt wird. Emails, in denen Dinge stehen, die sowieso keiner liest. Schein-Projekte werden angelegt und im Projektmanagementsystem immer ochsenblutrot hinterlegt, damit der Narzisst sieht „Hier passiert zu wenig, ohne mich ist der Laden (also die Presspappenfirma) aufgeschmissen, ich muss jetzt irgendwen anrufen und zur Sau machen.“ Gearbeitet wird im 2-Schicht-System, weil viele bis zu 16 Stunden betreut werden müssen.

Ich sehe da einen Markt. Nach einiger Zeit würde der Rest von uns – also diejenigen, die natürlich auch narzisstisch veranlagt sind, weil diese Gesellschaft irgendwie immer narzisstischer wird, die aber die eigenen Ausschläge besser korrigieren können – feststellen, dass wir tatsächlich an der ein oder anderen Stelle auf die grenzenlose Energie dieser Wahnsinnigen angewiesen sind und die Wiedereingliederung könnte eingeleitet werden. Nur dass diesmal der Narzisst nicht direkt für andere Menschen verantwortlich ist – denn sonst gehen das Geschrei und die Fehltage der Belegschaft ja bald wieder in die nächste Runde – sondern einen Sonderauftrag als… ich weiß es nicht… Change Operator oder so erhält. Oder wir sagen ihnen direkt „Hier ist dein Youtube Account, wir haben dir auch schon 15.000 Follower bei Instagram gekauft und ein paar schlaue Sprüche vorbereitet. Bitte inspiriere uns.“

Ja, ich denke so könnte es funktionieren.

6 Monaten ago