Nussknacker und Komapatienten

Adventszeit. Ich zünde mehr Kerzen an als früher. Entweder weil ich jetzt wirklich ein Kerzenmensch bin oder weil ich der Dunkelheit da draußen einfach nur etwas entgegen setzen möchte. Ich werde wach, es ist kalt, ich trinke eine Tasse Kaffee, schließe kurz die Augen, schon dämmert es, ich hole jetzt sogar Kerzen mit Vanilleduft aus der Schublade, soweit ist es jetzt schon, ich war nie Vanilleduftmensch, bis auf die drei Wochen im Jahr 1998, als in allen Drogeriemärkten des Landes „Vanilla Kisses“-Deo ausverkauft war.

Olaf Scholz ist jetzt jedenfalls Kanzler. Einige Menschen finden, er ist nicht charismatisch genug. In Leibstadt hat ein Atomkraftwerkmitarbeiter des Monats mehr als 200 Strahlenprotokolle gefälscht. Und in Tirol rammte ein Busfahrer gestern einen Rettungswagen, weil er ein Problem mit „Blaulichtorganisationen“ hat. Ich glaube, der Atomkraftmitarbeiter ist müde und der Busfahrer ist einsam. Und Olaf Scholz ist charismatisch, nur vielleicht nicht in dieser Welt.

Ich wusste nicht, dass Menschen in Deutschland eine tiefe Sehnsucht nach Charisma haben. Ich dachte, dieser Wunsch beginnt erst, wenn man die Grenze zwischen Österreich und Italien überquert hat. Aber ich weiß so vieles nicht über die deutsche Seele, die offenbar tiefer fühlt und klarer sieht und mehr weiß als die anderen Seelen in den anderen Ländern. Der Deutsche hat seine kosmische Energie, seine überwältigende universelle Strahlkraft bisher recht gut versteckt in den Innentaschen irgendeiner schmucklosen Übergangsjacke. Irgendwann im letzten Jahr, es muss zwischen der zweiten Welle und dem dritten Advent gewesen sein, sind wir eingeschlafen in der Hoffnung, dass die Deutschen mit ihrer Fertigungsstraßenmentalität und ihrem feinen Gespür für Zucht und Ordnung das mit der Pandemie schon hinkriegen. Und nun wachen wir auf, ein Jahr später, und stellen fest: Da ist keine Ordnung, da ist nur „Gespür“.

Der Deutsche wirkt seltsam mechanisch mit all seinem Gespür. Wie ein Nussknacker steht er da, spricht von Toleranz, von Freiheit, von Verbundenheit, berührt mit dem linken Arm sanft den rechten Arm seines Kameraden – und hat im denkbar ungünstigsten Moment den Mut sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Sucht mit neu erwachtem Bewusstsein nach Begriffen in seiner nach allen Seiten offenen Wortschatzkiste, um seiner Transformation vom passiven Konsument zum aktiven Widerstandskämpfer einen angemessenen Namen geben zu können. Er meidet rechte Winkel und linke Gehirnhälften. Er lehnt sich weit aus dem Fenster, beantwortet jede Frage, die man ihm stellt mit der gleichen Antwort und verdeckt den dringend notwendigen Blick auf die Menschen, die sich wirklich echte Sorgen machen.

Ich möchte die „Jeder ist für sein eigenes Wohlbefinden selber verantwortlich.“-Schallplatte, die diese Leute gerne abspielen, wirklich gerne unhinterfragt weiterlaufen lassen. Ich sehe die Vorteile. Kurzfristig für den Einzelnen. Wenn dieser Gedanke dich aus dem Wachkoma in die Selbstwirksamkeit bringt, finde ich ihn super. Selbstwirksamkeit ist der nächste Schritt, den ich tue, unabhängig von anderen. Selbstwirksamkeit ist: Ich bewege einen kleinen Teil der Welt, mich selbst und einen Zipfel, der noch an mir dran hängt, aber wo höre ich auf und wo fängt der andere an?

Wenn die Menschen, die sich momentan an der Stimmung in diesem Land bereichern, einfach nur ehrlich und aufrichtig dazu aufrufen möchten, mit mehr gesunder Skepsis und Gestaltungwillen und mit weniger passiver Konsumhaltung durch das eigene Leben zu gehen, dann finde ich das gut und wichtig. Notwendig. Es gibt in diesem Land zu viele Wachkomapatienten. Vielen fehlt die Zeit und die Möglichkeit und die Motivation, mal einen Gang runterzuschalten und sich zu fragen: Was will ich eigentlich, was macht mir Freude, wie und wo bringe ich mich ein, wen und was brauche ich, um zufrieden zu sein?

Wir sollten also eine Gesellschaft schaffen, in der so wenige Menschen wie möglich im Wachkoma landen und in der wir andere dabei unterstützen, sich aus ihrem eigenen Koma zu lösen. Und in der wir akzeptieren, dass es immer Leute geben wird, die freiwillig in der „Geburt, Kindergarten, Aprés-Ski-Party, Tod.“-Schleife bleiben wollen.

Wenn Menschen aus einem Koma erwachen, fehlt ihnen die Orientierung. Im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Da muss jemand sein, der ihnen sagt, wo sie jetzt sind, in welchem Raum das Bett steht, in dem sie liegen, was passiert ist, wie lange sie in diesem Zustand gewesen sind. Jemand wird fragen „Weist du, wie du heißt? Kennst du dein Geburtsdatum?“ Nach langer Zeit aufwachen, allein, das will niemand.

Das Problem ist, und hier kommt jetzt die Esoterik ins Spiel, manchmal holen Menschen dich mit sanfter, etwas priesterlicher Stimme aus dem Koma, helfen dir, dich aufzurichten und bringen dich dann langsam und ganz achtsam den Flur entlang in einen neuen Raum, um dich dort direkt wieder in ein neues Koma zu versetzen. An den Wänden kleben Wandtattoos von der ganz schlimmen Sorte. Du wirst künstlich ernährt. Babybrei für dein inneres Kind, der dir das Gefühl gibt, endlich ganz Herr über deine Sinne zu sein und jederzeit die Wahl zu haben. Wer schläft, urteilt nicht und die Person wird dir erklären, dass diese neutrale, urteilsfreie Haltung ein gutes Zeichen ist. Ein Zeichen von Stabilität. Urteile sind etwas schlechtes, sie sind unreif. Wer urteilt, ist unsicher.

Wie geistig beweglich bist du noch, wenn du es schaffst, aus diesem Koma, dieser Konditionierung zu erwachen? Wirst du überhaupt wieder daraus erwachen? Welche bleibenden Schäden wirst du ein Leben lang mit dir herumtragen?

Wenn deine Intuition ausgeprägt genug ist, wird dein Körper dir, bevor du den Raum betrittst, die Tür schließt und sanft unter Anleitung in das nächste Koma hinübergleitest, Signale geben. Du wirst Panik bekommen, du wirst heulen, du wirst dich hinsetzen müssen und an deinem Selbstwert zweifeln. Und du wirst eine Weile dort sitzen zwischen diesen beiden Zimmern.

Es gibt Menschen, die lange dort sitzen. Menschen, die nur ein paar Wochen dort sitzen. Menschen, die die Kraft haben sich direkt beim Betreten des Flures loszureißen und in die entgegen gesetzte Richtung zu stürmen. Ich hab fast zwei Jahre dort gesessen. Ohne Energie. In einer Zeit, in der ich die Energie hätte gebrauchen können. Und weil ich mich nicht bewegen konnte, habe ich den Menschen, die andere in den zweiten Raum schleppen, zugehört, hab beobachtet, viel gelesen, Gespräche geführt, viel gelernt, vielleicht mehr als jemals zuvor.

Ich hab oft über die Härtefälle im ersten Raum den Kopf geschüttelt. Ihre scheinbare Stumpfsinnigkeit, ihre Oberflächlichkeit, ihre Erwartungen aneinander, ihre Zwänge, wie sie vor jedem Schaufenster stehen bleiben, um sich zu betrachten, und gleichzeitig nie in den Spiegel schauen. Die Gesellschaft, die Medien, die Politik macht es uns sehr leicht, immer wieder den Kopf zu schütteln.

Aber ob wir es glauben oder nicht, jeder von uns wird in diesen ersten Raum hinein geboren. Wenn man das Glück hat, einen leichten Schlaf zu haben, ist der Weg aus diesem ersten Koma, dieser Kultur, die unserer Kreativität und unserer Zufriedenheit und unserer inneren Ruhe so oft im Weg steht, nicht so schwerfällig. Aber jeder von uns hält sich in diesem Raum auf. Viele verlassen ihn nie.

Die Menschen in diesem überfüllten ersten Raum sind mir nahe. Ich schüttele nicht mehr so kräftig und Augen rollend den Kopf über sie. Immer dann, wenn ich es doch tue, weiß ich, ich schüttle gerade auch über mich den Kopf. Ich hab mir, als ich wieder aufstehen konnte, einen Stuhl neben die Tür gezogen, mir im Geschenkeladen einen Plüsch-Zonk gekauft und sitze hier neben der Tür, die meistens angelehnt ist. In Zimmer Nr. 1 sind die Menschen aufrichtiger. Aufrichtig müde, aufrichtig genervt, aufrichtig leicht ablenkbar, aufrichtig stumm, aufrichtig verzweifelt.

Sie sind mir näher als die, die in den zweiten Raum geführt werden. Und viel näher als die, die mit ihren heilenden Kräften oder wie auch immer man es nennen mag, andere in diesen Raum führen. Im ersten Raum gibt es einige gute und manchmal sehr viele schlechte Zeiten. Auf der anderen Seite, in Raum Nr. 2, gibt es keine schlechten Zeiten. Nur schlechte Reaktionen. Dort gibt es diese Aufrichtigkeit nicht. Dort ist den Menschen der Verstand gebunden, während sie liebevoll auf Menschen hinunterschauen, denen manchmal tatsächlich die Hände gebunden sind. Auch wenn sie mehrmals täglich hören, dass sie wirklich alles schaffen können, wenn sie nur wollen.

Ich sitze zwischen diesen beiden Räumen, im Flur, das Gesicht leicht in die eine Richtung geneigt, und richte meine Sinne in die andere Richtung. Was heckt heckt sie aus, wie beschreibt sie die Welt, wie erklärt sie sich heute ihre Privilegien, die spirituell erleuchtete Blase. Ich höre zu. Ich präge mir jedes kleine Detail ein. Ich will mir, wenn ich mal so ein richtig schlechtes Print-on-Demand-Buch darüber schreibe, wie Rom, also unsere Solidargemeinschaft, untergegangen ist, nicht zu viel herbeifantasieren, sondern mich an Tatsachen orientieren. An diesen satten, bildungsbürgerlichen Menschen, die wirken, als hätten sie die Transformation der Menschheit bei Wish bestellt.

Manchmal schließe ich die Augen und tue so, als würde ich vor mich hindämmern, hinterlasse einen möglichst unauffälligen Eindruck. Denke mir meinen Teil. Hoffe, dass ihn niemand von denen für mich mitdenkt, sondern jeder bei seinem Teil bleibt, dass sie mein Schweigen nicht als Zustimmung interpretieren. Frage mich, was passieren würde, wenn wir unsere Teile zusammen legen würden. Würde es, wie man so schön sagt, ein Bild machen?

Die Menschen, die da drüben im zweiten Raum unter einer künstlichen Wärmelampe in dem Bett liegen, voller Vertrauen zu denen, die sie dort hingebracht haben, die sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass jeden Tag erschöpfte Menschen im ersten Raum aufwachen oder für immer dort liegen bleiben und wir alle zu ohnmächtig sind all die Ursachen dieser Erschöpfung anzupacken. Und das Problem sind die Menschen, die sich als Alternative dazu und aus welchen Gründen auch immer dazu berufen fühlen, mit einem unsichtbaren ideologischen Grundgerüst im Nacken diesen Raum zu betreten, die Menschen an die Hand zu nehmen, sie auf den Flur und in den zweiten Raum zu bringen.

Löst die Leute gern von der Maschine, schüttelt ihnen das Kissen aus und bringt sie in den Flur. Und lasst sie selbst entscheiden. Von mir aus drückt ihnen mit den Worten „Ich würde dich gern bekehren, will dir das aber nicht so offen sagen, weil das die Erfolgsquote versaut. Hier sind einige Informationen dazu.“ eine Broschüre in die Hand. Mehr nicht. Flure sind übrigens wunderbar, weil man durch sie hindurch gehen muss, um andere Räume zu betreten. Niemand sagt „Ich will in den Flur.“, aber die meisten müssen zwangsläufig durch den Flur. Sie haben eine Orientierungsfunktion. Wer im Flur steht, ist in Bewegung. Wer in einem Raum steht, glaubt angekommen zu sein, bis er gähnt oder Hunger bekommt oder ihm die Blase drückt.

Bringt die Menschen einfach nur in den Flur. Keinen Schritt weiter. Bringt ihnen eine dünne Suppe aus dem Automat, aber bringt ihnen bitte um Gottes Willen nicht die Erleuchtung. Bitte hört auf, den Schwachen ohne zu fragen eine Stimme zu geben und Menschen mit ins Boot zu holen, während ihr offenbar völlig genervt von denen seid, die besonders laut um Hilfe schreien. Die Leute haben bereits eine Stimme. Vielleicht müssen sie sich mehrfach räuspern, vielleicht sind sie nicht so laut wie du, aber vom Schweigen der Lämmer doch weit entfernt. Und was sollen sie eurer Meinung nach tun, neben dem Boot, im Wasser? Voller Dankbarkeit den herabschauenden Schäferhund üben, während ihr ihnen weiterhin mit wedelnden Schwänzen eure Kalendersprüche vorjault? Das sind Ablenkungsmanöver.

Wir brauchen einladende Flure mit Sitzbänken und Snackautomaten und Bücherregalen. Und Sicherheitspersonal. Das ist ein unschönes Wort, wenn man von Freiheit träumt, aber jetzt gerade braucht es jemanden, der den Zugang zu diesem baufälligen System, in dem wir leben, im Blick hat und die Fähigkeit besitzt, Helfer von Helfersyndrom zu unterscheiden.

Jemand, der da steht und zu den unbarmherzigen Samaritern sagt: „Du bist doch einer von denen, die ständig die Leute aufwecken und in den anderen Raum bringen. Weist du was? Wir wollen hier demnächst umbauen, weil ja ganz offensichtlich schon seit Jahrzehnten das ganze Gebäude im Arsch ist und du würdest uns hier nur im Weg herumstehen, während wir mit Klemmbrettern und einem ganz ganz fürchterlichen materialistischen Weltbild im Gepäck, von dem du jeden Tag profitierst, während du dich in die gute alte Zeit zurücksehnst, durch die Gänge irren und die Schäden begutachten. Beobachten, wie sie zusammen hängen. Entscheiden, wer für die Reparatur in Frage kommt.“
„Ja, aber was ist denn mit meinem Antrag, die Toilettenstühle durch Klangschalen und die Hausmeister alle durch ganzheitliche Lifecoaches zu ersetzen?“
„Der wurde abgelehnt. Mehrfach.“
„Das mit dem neuen Wandtattoo und den Sprüchen, die man sich als Screenshot aufs Handy laden kann?“
„Auch.“
„Sie sind toxisch. Ich gehe.“

Ich möchte mit diesem Text niemandem seine positive Grundeinstellung oder den Zugang zur eigenen Spiritualität schlecht machen. Ich finde meinen gerade langsam wieder und das tut gut. Ich weiß, dass man sich selber völlig entkräften kann, wenn man jeden freundlichen Ratschlag von Menschen falsch interpretiert und Neutralität mit mangelndem Interesse am Weltgeschehen gleichsetzt. Aber wir laufen hier mit einem großen blinden Fleck herum. Das Mindeste, was wir tun können ist, Menschen mit weniger Kraft, weniger Privilegien, weniger Möglichkeiten nicht allein zu lassen und nicht auszunutzen, um im Namen des Mitgefühls unsere eigene Position zu untermauern.

Matthew Remski, der gemeinsam mit Derek Beres und Julian Walker seit Mai 2020 den sehr empfehlenswerten Conspirituality Podcast produziert, wo wöchentlich die Verbindung zwischen rechten Verschwörungsideologien und linken Wellness-Utopien betrachtet werden, fasst das Problem auf seiner Homepage ganz gut zusammen. Dort steht: „It can ring hollow when we learn that spirituality, like the unconscious, can be a broken space: We can think we’re practicing to heal our wounds, even as we deepen them. We can love teachers and methods that might be toxic to us. We can easily confuse the sensations of transcendence and trauma. We can feel like we’re loving people and saving the world while we’re really retrenching privileges of race, gender, and class, as well as ignoring the destruction that surrounds us.“

Wer sich näher damit befassen möchte und gerne Artikel oder Bücher lesen möchte, die sich dem Thema aus unterschiedlichen Richtungen nähern – hier ist eine kleine Auswahl.

I´m a life coach, you´re a life coach: the rise of an unregulated industry (Guardian)
Meditieren, heilen, Juden hassen (Zeit)
The toxic rise of toxic positivity (Dr. Dean Burnett)
Self-help gurus like Tony Robbins have often stood in the way of social change (Washington Post)

Edgar Cabanas & Eva Illouz – Das Glücksdiktat: Und wie es unser Leben beherrscht
Glück lässt sich lernen. Das will uns die boomende Glücksindustrie weismachen. Und so explodiert seit den neunziger Jahren die Zahl der Glücksseminare, Glücksratgeber und Happiness-Indizes. Heute liegt es an uns selbst, negative Gefühle zu blockieren, uns selbst zu optimieren und Achtsamkeit zu praktizieren. Dann – so das Heilsversprechen – kommt auch das Glück. Doch was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn der Staat sich zunehmend nicht mehr für soziale Gerechtigkeit oder ein funktionierendes Gesundheitssystem zuständig fühlt und den Bürgerinnen und Bürgern einer ultra-individualistischen Gesellschaft die gesamte Verantwortung für das eigene Schicksal übertragen wird? Die israelische Soziologin Eva Illouz und der spanische Psychologe Edgar Cabanas beschreiben in ihrem scharfsinnigen Essay erstmals das gefährliche Potential, das sich hinter der millionenschweren Glücksindustrie verbirgt – und zeigen auf, wer die Nutznießer und wer die Verlierer dieses vermeintlich positiven Trends sind.

Ronald E Purser – McMindfulness (How Mindfulness became the new capitalist spirituality)
„Mindfulness is now all the rage. From celebrity endorsements to monks, neuroscientists and meditation coaches rubbing shoulders with CEOs at the World Economic Forum in Davos, it is clear that mindfulness has gone mainstream. Some have even called it a revolution. But what if, instead of changing the world,mindfulness has become a banal form of capitalist spirituality that indlessly avoids social and political tranformation, reinforcing the neoliberal status quo?

Amanda Montell – Cultish (The Language of Fanaticism)
What makes “cults” so intriguing and frightening? What makes them powerful? The reason why so many of us binge Manson documentaries by the dozen and fall down rabbit holes researching suburban moms gone QAnon is because we’re looking for a satisfying explanation for what causes people to join—and more importantly, stay in—extreme groups. We secretly want to know: could it happen to me? Amanda Montell’s argument is that, on some level, it already has . . . Our culture tends to provide pretty flimsy answers to questions of cult influence, mostly having to do with vague talk of “brainwashing.” But the true answer has nothing to do with freaky mind-control wizardry or Kool-Aid. In Cultish, Montell argues that the key to manufacturing intense ideology, community, and us/them attitudes all comes down to language. In both positive ways and shadowy ones, cultish language is something we hear—and are influenced by—every single day.

Andreas Speit – Verqueres Denken: Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus
Sie gehen für »die Freiheit« auf die Straße: Bei den Querdenken-Demonstrationen und Corona-Protesten laufen Impfgegner:innen neben QAnon-Anhänger:innen, Esoteriker:innen neben Rechtsextremen, die Peace-Fahne flattert neben der Reichsflagge. Dieses Miteinander kommt jedoch nicht zufällig zustande. Wer sich für den Schutz von Natur und Tieren einsetzt, vegane Ernährung und Alternativmedizin bevorzugt, seine Kinder auf Waldorfschulen schickt oder nach spiritueller Erfüllung sucht, muss nicht frei von rechtem Gedankengut und Verschwörungsfantasien sein. Andreas Speit zeigt, dass in alternativen Milieus Werte und Vorstellungen kursieren, die alles andere als progressiv oder emanzipatorisch sind.

Heike Kleffner und Matthias Meisner (Hg.) – Fehlender Mindestabstand: Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde
In den Anti-Corona-Protesten wurde deutlich, wie tief inzwischen die Skepsis gegenüber parlamentarischer Demokratie und wissenschaftlichen Erkenntnissen in ganz unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung verankert ist: Impfgegner, Klimawandelleugner, Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger und Neonazis marschieren nebeneinander – ohne Abstand. Dieses Buch analysiert das Phänomen einer erschreckend breiten Allianz: von neuen und alten Feinden einer aufgeklärten Gesellschaft und des demokratischen Rechtsstaats. Dabei werden auch Entwicklungen in Frankreich, den USA oder Österreich in den Blick genommen.Matthias Meisner und Heike Kleffner haben zahlreiche Expertinnen und Experten versammelt, die sich fundiert den einzelnen Gruppierungen und Milieus widmen, deren Vernetzung aufzeigen und vor den Auswirkungen einer antidemokratischen Welle im Gefolge der Coronakrise warnen.

The Happiness Industry: How the government and big business sold us well-being
In winter 2014, a Tibetan monk lectured the world leaders gathered at Davos on the importance of Happiness. The recent DSM-5, the manual of all diagnosable mental illnesses, for the first time included shyness and grief as treatable diseases. Happiness has become the biggest idea of our age, a new religion dedicated to well-being. In this brilliant dissection of our times, political economist William Davies shows how this philosophy, first pronounced by Jeremy Bentham in the 1780s, has dominated the political debates that have delivered neoliberalism. From a history of business strategies of how to get the best out of employees, to the increased level of surveillance measuring every aspect of our lives; from why experts prefer to measure the chemical in the brain than ask you how you are feeling, to why Freakonomics tells us less about the way people behave than expected, The Happiness Industry is an essential guide to the marketization of modern life. Davies shows that the science of happiness is less a science than an extension of hyper-capitalism.

1 Monat ago

Fremdsprachen

Wir sprechen bei Cocktails über Verluste und die Einsamkeit anderer Menschen und Leasingraten und ich traue mich zum ersten Mal über die zwei Tage im Winter zu sprechen, an denen ich im Bett liegen geblieben bin, um meine zwei To-Do-Listen miteinander zu vergleichen. Die eine Liste von dem Teil in mir, der weitermachen will. Und die andere Liste von dem Teil in mir, der nicht mehr weitermachen will. Mit weitermachen ist leben gemeint. Es war reiner Zufall, dass Kurt Krömer im gleichen Monat über den Moment redete, in dem er nicht mehr wusste, wie einkaufen geht.

Seit dem Frühling habe ich fast keine Verbindungsprobleme mehr. Nicht zu mir selbst und auch nicht zu anderen. Ich frage nicht mehr „Hallo, ist da jemand?“ Ich schaue meiner Energie nicht mehr dabei zu, wie sie – während ich auf die Antwort warte – aus mir herausfließt wie aus einer offenen Wunde. Ich habe keine diffuse Angst mehr in mir, kein Hintergrundrauschen, das ich nicht einordnen kann. Nur noch ganz konkrete unruhige Momente. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, ohne es zu wissen und irgendwann wird meine Stimme nicht mehr zittern, wenn ich erkläre „Das ist meine Muttersprache und das andere ist meine Fremdsprache.“ Ich spreche sie fließend, aber die Übersetzungsarbeit kostet mich mehr Energie.

Ich glaube, wenn Tiere, Babys und Menschen, die ihre eigenen Dämonen nicht ständig wie ungebetene Gäste behandeln, dich mögen, dann kannst du dich glücklich schätzen. Wenn einige dieser Menschen deine besten Freunde sind, wenn du deine Tränen vor ihnen nicht wegblinzeln oder dich größer machen möchtest als du bist, dann kannst du dich so richtig glücklich schätzen.

Wir sprechen via Zoom darüber, dass auch beim Thema Neurodiversität der Gender Data Gap keine Ausnahme macht. Frauen werden deutlich seltener diagnostiziert. Bei Autismus und ADHS denken wir alle an die kleinen Jungs. Oder zerstreute Professoren. Oder Männer, die wir eben nie zu Gesicht bekommen. Wir denken nicht an Frauen. Vor allem denken wir nicht an empathische, scharfsinnige, liebenswerte Frauen. Aber ich bin so eine empathische, scharfsinnige, liebenswerte Frau. Das kann ich jetzt mit Gewissheit sagen. Ich hab mich jahrelang beobachtet, mir jahrelang zugehört und mich jahrelang gefragt, warum von den vielen Menschen, deren Sprache mir fremd und deren Urteilsfähigkeit mir ausbaufähig erscheint – obwohl sie alles dafür tun, einen kompetenten, offenen, eben ganz normalen Eindruck zu erwecken – mir einige extreme Exemplare wie eine winzig kleine Kriegserklärung auf zwei Beinen vorkommen.

Und warum es ganz selten andere gibt, die mir wie zwei warme Pantoffeln und ein warmer Ofen vorkommen. Das können auch eher kühle, distanzierte Menschen sein, ich finde sie trotzdem herzerwärmend. Sie bringen meinen Puls nach unten. Sie sind natürliche Blutdrucksenker. Wie Knoblauch oder Rhabarber.

Ich bin müde. Und ich möchte nicht mehr, dass wir uns als Frauen durch Depressionen, Angststörungen, Esstörungen und die totale Erschöpfung hindurchwühlen müssen, um dann im Alter von dreißig, vierzig oder fünfzig endlich die Erklärung zu bekommen, die dem zugrunde liegt.

Viele lassen sich eher wegen Durchfall als wegen Depressionen krank schreiben. Und geraten immer wieder an diesen Punkt. „Mir geht es nicht gut, ich kann heute nicht an die Arbeit kommen, ich hab wohl was falsches gegessen.“ Müssen wir neu lernen oder überhaupt mal lernen, wie das klingt, wenn jemand Unterstützung und Freiräume benötigt? Kann es sein, dass wir so abgestumpft, so blind, so in diesem Hamsterrad gefangen sind, dass wir Signale überhören und erst dann aus unserer Ohnmacht erwachen, wenn der Krankenwagen vorfährt? Sollten wir uns so langsam mal ernsthaft fragen, ob wir positive Eigenschaften an uns selber und an anderen in Eigenschaften erster und zweiter Klasse einteilen? Und wo das eigentlich herkommt und wie es aufrecht erhalten wird?

Die Psychotherapeutin und Autorin Sari Solden beschreibt in ihren Büchern verschiedene Arten von Botschaften, die Frauen mit ADHS verinnerlicht haben und die dazu führen, dass man jahrelang still vor sich hinleidet, unsicher ist, die eigenen Stärken nicht erkennt und emotional wie körperlich ausbrennt. Den Teil mit den „She-Messages“ möchte ich mal kurz zitieren.

„She Messages are comments that people around you say about women who have difficulties and differences similar to yours, while your secrets stay hidden. This often feels like gossip, as She Messages are not directly addressed to you; rather, they are descriptions of another woman´s appearance, behaviour, or challenges. Tough these messages are indirect or implied, the latent intimation is received loud and clear: your challenges are unacceptable and dangerous. Even if you are able to „pass for normal“ or remain undercover and stay superficially safe, you too experience the cumulative effects of deeply internalized rejection, anxiety, and stress – unable to be truly authentic or receive the support you need to manage your ADHD challenges.

In this way, you learn what is socially preferred and acceptable via indirect communication as much as you might from direct sources. While some messages may not directly comment on your behaviour or challenges, they can still hit close to home and leave you wondering, what do they think about me? U take meds too, yould they date me if they knew? What if they knew what my kitchen looked like?

In these subtle ways, social groups police the boundaries of acceptable behaviour, and you learn that there is a price to pay for the unique way you operate within the world.“

Als ich vor ein paar Monaten diesen Teil gelesen habe, hat mich das sehr nachdenklich gemacht. Ich hab mich gefragt, wie oft ich selber zu diesen Aasgeiern gehöre, die so über andere sprechen, ohne zu wissen, dass man damit unbewusst eine andere anwesende Person verletzt. Und mir wurde klar, wie selten ich direkt beleidigt oder klein gemacht wurde, die Menschen sind alle immer sehr freundlich zu mir, während ich mir gleichzeitig relativ häufig privat und beruflich diese vernichtenden indirekten Botschaften anhören muss. Wie langsam, schusselig, unsicher, unflexibel, negativ, komisch, sensibel, zurückhaltend, tollpatschig, unordentlich und schwierig andere, mir teilweise völlig fremde Menschen sind. Menschen, die vielleicht gleichzeitig wahnsinnig kreativ, analytisch, intuitiv, tolerant, scharfsinnig, hilfsbereit und witzig sind.

Jetzt teile ich noch etwas, was eigentlich gar nichts damit zu tun hat. Ein Thread auf Twitter von Kristian Köhntopp zum Thema Remote Work. Wie man sich organisiert. Wie man mit Daten umgeht und wie man Leute vergrault. Ich zitiere mal den Teil, um den es mir geht:

Das lustige ist, daß das sowohl auf der Führungsseite als auch auf der Ausführungsseite lernbare Fähigkeiten sind (also Verschriftlichung der Kommunikation, sinnvolle Meetingvor- und nachbereitung, korrekte Definition von Zielen und Aufgaben, etc pp. Das ist Handwerk (Craft). Aber man blutet sich lieber die Teams leer, als zu lernen oder Leute einzustellen, die Teams helfen, Dinge aufzuschreiben, ein Wiki professionell zu gärtnern, und Kommunikation zu lehren und zu steuern. 

Wie viel Zeit, Geld und Energie dieser riesige blinde Fleck kostet. Den einzelnen und die Firmen und die ganze Gesellschaft. Ich würde sagen „Es wird Zeit, dass uns das alles mal um die Ohren fliegt.“ Aber das tut es schon längst.

3 Monaten ago

Der richtige Weg

Wir sitzen am Küchentisch. Trinken Kaffee. Und sprechen über ein Thema, das mir seit einigen Monaten nicht mehr aus dem Kopf geht. Vielleicht weil es immer da war und sich jetzt in voller Lautstärke bemerkbar macht.

Wir sprechen über die Wege, die wir im Kopf zurücklegen. Dass Menschen wie wir es so selten auf die Autobahn schaffen. Dass es uns immer wieder zurück auf die anderen Straßen, die kleinen Wege, die Pfade führt. Zu Fuß oder mit dem Rad. Manchmal fährt ein Bus, in den wir einsteigen können und entweder hält der Busfahrer sich grimmig-genau an den Plan oder er verspätet sich und erscheint tagelang einfach gar nicht. Den Autofahrern diese Umgebung, die unser Zuhause ist, beschreiben, das funktioniert oft nicht so gut. Obwohl wir uns selbst im Nebel gut zurechtfinden. Wir orientieren uns an Dingen, die scheinbar keinen Sinn ergeben oder die den anderen Menschen entgehen. Wir nehmen jeden Hinweis auf. Wir wissen, warum da hinten Rauch aufsteigt und wo die Nistplätze und die Maulwurfshügel sind und was die Spuren am Wegrand bedeuten könnten. Über Umwege, manchmal auch über plötzlich auftauchende Abkürzungen, erreichen wir schöne Orte, brennende Orte, neu entstandene Orte und vereinbarte Treffpunkte mit denen, die die Autobahn genommen haben.

Wenn die Autofahrer eine Baustelle umfahren müssen, verschlägt es sie manchmal in unsere kaum besiedelte Gegend. Wo sie sich nicht auskennen. Wo 30er-Zonen ihre Geschwindigkeit beeinträchtigen. Das Navigationsgerät sagt jetzt, dass sie mit einer Viertelstunde Verzögerung rechnen müssen. Manchmal bricht auch der Kontakt ab. Dann drehen sie die Scheibe runter und fragen nach dem Weg. Der schnellste Weg zurück auf die Autobahn. Das Tempolimit fühlt sich an wie Stillstand. Schnell weg hier.

Und später am Tag treffen beide Gruppen – die Autofahrer und die Fußgänger – sich in der großen Stadt und die Fußgänger sprechen von Dingen, die sie beobachtet oder entdeckt haben. Und die Autofahrer reden über Stau und Überholmanöver und darüber, wie sie die 15 Minuten Verzögerung aufgeholt haben. Manchmal diskutieren beide über das beste Fortbewegungsmittel. Oder über den besten Weg in die Stadt. Den einen richtigen Weg. Obwohl es ihn manchmal gar nicht gibt. Aber weil die Autofahrer gegenüber den Fußgängern in der Mehrheit sind, verlernen viele Fußgänger mit der Zeit, ihrem eigenen Orientierungssinn und ihrer eigenen Art der Fortbewegung zu vertrauen. Jahrelang zwingen sie sich dazu, ins Auto zu steigen und auf dem scheinbar schnellsten Weg zum vereinbarten Treffpunkt zu fahren. Irgendwann vergessen sie sogar, dass sie ein ziemlich cooles Rennrad zuhause stehen haben.

So ist das ein bisschen auch mit der Neurodiversität. „Neurodiversität ist ein Ansatz, der sich mit den Bereichen Lernen und Behinderung (Sozialrecht) befasst und hervorhebt, dass neurologische Verschiedenheiten als Resultat normaler genetischer Variation entstehen. Unterschiede in der neurologischen Ausstattung werden damit als Erscheinungsformen sozialer Vielfalt verstanden, ebenso wie Geschlecht, Ethnie, sexuelle Orientierung oder Behinderung.“ (Wikipedia)

Bis vor ein paar Monaten wusste ich selber fast gar nichts darüber, weil das Thema mir einfach nie begegnet ist bzw. gar keine Rolle gespielt hat. Ich dachte, Autisten seien typischerweise total in sich gekehrt, dass ADHS sich üblicherweise in Gestalt des kleinen Zappelphilipp zeigt und dass beides eher selten ist und auch nicht gemeinsam auftreten kann. Die Reizfilterschwäche ist bei beiden ein zentrales Thema und obwohl mich als introvertierte Person das auch betrifft und ich oft sehr damit zu kämpfen habe, dachte ich, dass die Gemeinsamkeiten da schon aufhören. Ist aber offenbar nicht so und weil ich Dingen gern auf den Grund gehe, habe ich seit Mai pausenlose Aha-Momente. Mich mit der Thematik zu beschäftigen, hat mich mit vielem versöhnt, unabhängig davon, wie sehr es mich am Ende selber betrifft.

Der Vergleich oben sollte darstellen, wie unterschiedlich Neurotypen sich durch die Welt und den Alltag bewegen. Darüber reden und auch anerkennen, dass man den Menschen ihre Wahrnehmung nicht mit aller Macht austreiben kann, halte ich für unglaublich wichtig. Man kann und sollte dieses Thema von mehreren Seiten beleuchten und vielleicht mache ich das hier oder an anderer Stelle in Zukunft öfter.

3 Monaten ago

Therapieersatz

Ob wir weniger Memes über unsere Angstzustände, die Depressionen, die schlechten Gedanken, die Erschöpfung auf Instagram teilen würden, wenn wir innerhalb von drei Wochen einen Termin bekommen könnten bei jemandem, der uns versteht? Gleich zwei Herausforderungen. Innerhalb von drei Wochen. Und dann soll der uns auch noch verstehen. Ich vermute, es wären deutlich weniger Memes im Umlauf. Memes sind ein absurder Ersatz für Therapiemaßnahmen, die nie stattfinden oder so weit in der Zukunft liegen, dass wir uns das nicht vorstellen können. Alles können wir uns vorstellen, nur die Zukunft nicht.

Ich denke an den Film mit Kate Winslet und Idris Elba, in dem sie in den Bergen abstürzen und sich dann gemeinsam mit dem Hund des toten Piloten auf die Suche nach der Zivilisation machen. Meine Schwester sagt, es ist nicht mehr weit, weil irgendwo da vorne Licht ist. Am Ende freue ich mich über Kaffee und Kuchen und dass meine Organe und die Hüfte wenigstens während der ersten fünf Kilometer kooperiert haben.

Gunter Dueck hat ein Buch geschrieben. Einen Homöopathie-Weltuntergangskrimi namens „Die Euphonomicon Enthüllungen“. Ich bin interessiert und das ist eigentlich noch untertrieben. Gil Ofarim hat wahrscheinlich gelogen. Und Tetris soll bei PTSD helfen. Sagt eine Studie. Lese ich auf Twitter. Twitter hilft manchmal überhaupt nicht bei PTSD. Hier begegnen mir neue Mutationen des Virus und Gedanken über Sebastian Kurz und ziemlich viel Fassungslosigkeit und manchmal ein Screenshot aus irgendeiner Telegram-Gruppe. Gleichzeitig ist dieses Netzwerk voller Menschen, denen ich die Zukunft des Landes anvertrauen würde.

Twitter ist ein bisschen wie die seltsame Eckkneipe, wo regelmäßig die Polizei anrücken muss, weil immer Flaschen fliegen, aber in einer Nische neben den Toiletten, da gibt es einen Vorhang, den muss man zur Seite schieben und dann steht man nach drei Schritten in einem Gang und der Lärm ist nur noch gedämpft zu hören, die Schreie auch, von den Menschen, die immer die Flaschen abbekommen, und nach einer Weile steht man in einem Raum voller Menschen, die so eine besondere Mischung aus Hirn und Herz und Humor haben.

Ein Kunde erzählt mir, die Jüngeren werden immer bekloppter. Ich sage, dass es mir so vorkommt, als wären es eher die Älteren. Wir einigen uns darauf, dass wir beide ein bisschen recht haben.

 

3 Monaten ago

Ich komme gleich wieder

Ich bewege mich seit der Entdeckung anders durch Wohnungen. Ich bin langsamer. Ich war vorher schon langsam und wusste nicht warum. Jetzt bin ich einfach nur langsam. Und tollpatschig. Manchmal merke ich, wie die Unruhe in mir hochsteigt. Dann gehe ich aus dem Raum oder halte Abstand. Sage: „Ich komme gleich wieder.“ Und vergesse dann wiederzukommen.

Plötzlich weiß ich, dass ich fast nichts zu gewinnen habe. In einer Welt voller Menschen, die so viel zu verlieren haben, ist das eine schöne Erfahrung. Jeden Tag erinnere ich mich an Dinge, schreibe sie auf, manchmal nur ein Satz, manchmal ein bisschen mehr. Wenn ich daran denke, dass irgendwo da draußen eine kluge junge Frau sitzt, die anderen mehr vertraut als ihrem eigenen Instinkt und die dann so ziemlich all ihre Energie verliert, dann weiß ich erstmal nicht wohin mit meiner Wut. Sammle mich. Suche hastig Zettel und Stift und renne wie ein Schäferhund den Gedanken hinterher, die sich zu weit von den anderen entfernen.

Die Katze besucht mich zwei- oder dreimal die Woche. Sie drückt sich an meine Beine und läuft schnelle Achten und will auf den Arm und wenn man sie nach einer Weile heruntersetzt, schlägt sie mit der Pfote zu, aber ich bin schneller, bis auf das eine Mal, als ich noch nicht wusste, dass sie mit der Pfote zuschlägt, wenn sie auf dem Arm bleiben möchte.

Doro Bär findet, dass es nicht sein kann, dass die Jungen Liberalen sexier sind als die Junge Union. Alles ist möglich und überall fehlen Lkw-Fahrer. Ich google „Wie teuer ist ein Lkw-Führerschein?“

3 Monaten ago

Alles ist bestens, nichts ist gut.

Bild titelt „Kommt die Kiffer-Koalition?“ Gil Ofarim darf erst einchecken, wenn er seine Kette mit dem Davidstern versteckt. Aus „Filmteam“ wird „Drehende“. Aus Sommer wird Herbst. Aus dem älteren Vorsitzenden, der weder abwärts- noch aufwärtskompatibel ist, wird sicher einmal ein etwas jüngerer Mann, der genauso wenig abwärts- oder aufwärtskompatibel ist. Weil beide beim Seminar „Gewaltfreie Kommunikation und positive Psychologie für Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung“. zufällig nebeneinander saßen. Man kennt sich.

Hüfthosen feiern ein Comeback, ich fürchte mich, besser gesagt mein fetter Arsch und mein dicker Bauch. Nudeln werden auch teurer. Vielleicht sogar der Kaffee. Alles ist bestens, nichts ist gut. Ich lese den Xing-Newsletter und absurd klingende Ads für holistische Money-Bootcamps – die mir aus Versehen, weil der Algorithmus mal wieder Schluckauf hat, bei Facebook begegnen – seit ein paar Monaten nicht mehr aus Sicht einer neurotypischen, leider etwas fehlerhaften Person, sondern aus Sicht einer neurodivergenten Person. Seitdem verstehe ich Diktatoren, verkaufsoffene Sonntage und Menschen, die sich ständig gegenseitig in CC setzen besser.

Neulich habe ich mir einen Bewertungsbogen von britischen Schulen durchgelesen. Da gibt es Menschen, die glauben, dass man das Potenzial der Kinder danach bewerten kann, ob sie regelmäßig Augenkontakt herstellen. Ich stelle mir Boris Johnson seitdem als großes, total normales Kind voller Potenziale vor. Perfekt für den Job. Weil er zwar eine komische Frisur, aber sicher oft genug Blickkontakt hergestellt hab.

Ganz schön viel ergibt plötzlich Sinn. Sogar dass ich mir bei Formularen immer denke „Ich kann diese Zeile nicht ausfüllen, ich brauche sofort eine Mutter-Kind-Kur. Außerdem sind die an den falschen Stellen zu genau und an anderen Stellen zu ungenau. Welcher Trottel hat sich das ausgedacht?“ Ich hätte das gern schon früher vermutet. Dann hätte ich mir viel ersparen können. Meine Selbstständigkeit wäre anders verlaufen. Meine Schlafstörungen auch. So vieles.

Männer ruinieren den Planeten. Frauen können das auch, denn auch sie stecken, der Blickkontakt verrät es, voller Potenziale.
Sie atmen nur vorher ganz bewusst in den Bauch.

Gerade ist eine Taube gegen meine Fensterscheibe geflogen, ich wünsche euch hastig ein gutes Wochenende.

3 Monaten ago

Dopamin und Minigolf

Was ja auch so ein Begriff ist, dessen Auswüchse mir manchmal komisch vorkommen: Soziale Gepflogenheiten.

Das macht man bei uns so, das sind halt die sozialen Gepflogenheiten.
Wir haben das hier eigentlich schon immer so gemacht.
Ich weiß nicht, ob das hier so umsetzbar ist, da müssen wir erstmal den Stadtältesten fragen.

Seit drei Tagen beschäftigt mich ein Gedanke, der erstens irgendwie fast immer da war, der mich zweitens total erleichtert und der mich aber auch drittens ziemlich verängstigt. Ich glaube nämlich, ich bin nicht so normal wie ich immer dachte.

Ich glaube mittlerweile, ich steh gar nicht mit einem Bein in der Welt der Normalen und mit dem anderen Bein in der Welt der Nicht-Normalen, sondern ich stehe eigentlich mit beiden Beinen relativ klar und deutlich in der Welt der Nicht-Normalen, aber weil ich ab und zu so meine rhetorischen Momente und sehr viel Glück, ein winzig kleines bisschen Talent und immer wieder auch sehr viel Sichtkontakt zu den Normalen habe, ist das bisher niemandem so richtig aufgefallen und mir am allerwenigsten.

Und fragt mich jetzt besser nicht, warum ich denn dachte, dass ich normal bin und ob ich dieses Normalsein denn überhaupt definieren kann.

Ich weiß nur: Die Normalen, sie erschöpfen mich gelegentlich. Oder meine Reaktion auf ihr Normalsein erschöpft mich. Zugegeben, ich erschöpfe sie auch an verschiedenen Stellen. Ich dachte, dass ich wüsste, warum das so ist, aber ich habe nicht scharf genug nachgedacht. Das Besondere ist, dass mir der letzte Groschen dazu nur gefallen ist wegen dem Facebook-Algorithmus. Ich hab mir das nicht ausgesucht. Superpeinlich und so 2016. 2016, als uns allen noch nicht so bewusst war, wie sehr dieser Algorithmus die Menschen spaltet und ausweidet, bis der ganze Datensatzsaft aus ihnen herausläuft. 2016, als wir noch insgeheim hofften, es gäbe wirklich so etwas wie den größten gemeinsamen Nenner. Vielleicht war das auch 2006, ich habe keine Ahnung, ich bin schließlich zerstreut.

Vor drei Tagen hätte ich das geschrieben, es gelesen und mir gedacht: Ganz schön wirr, das muss man nicht unbedingt veröffentlichen. Vor drei Tagen dachte ich aber auch noch, dass ich im Zweifel zu den neurotypischen Menschen gehöre, die sich einfach mal mehr anstrengen oder weniger nachdenken oder an ihrem Mindset arbeiten müssen, ohne Rücksicht auf Verluste, Umstände und Neurotransmitter. Ich dachte, dass ich zur unteren neurotypischen Mittelschicht zähle. Oder halt zur oberen neurotypischen Unterschicht. Woran ich nie gedacht habe: Dass meine Wahrnehmung, mein Verhalten, meine Stärken und Schwächen nicht so normal und durchschnittlich und mehr oder weniger unauffällig sind, wie ich das irgendwie gerne hätte.

Seit drei Tagen freunde ich mich mit dem Gedanken an, dass meine Drehregler anders funktionieren als gedacht. Das ist kein heldenhafter Moment für jemanden, der immer gedacht hat, dass er sich eigentlich ganz gut kennt. Im Grunde stehe ich seit Jahren am Rande eines Fußballfeldes, schaue mir das Spiel (also die sozialen Gepflogenheiten) an, finde die Gruppendynamik und die Regeln etwas unverständlich und werde gelegentlich aus Versehen eingewechselt.

Im Grunde bin ich aber Minigolfer. Häufig schlage ich daneben, keine Ahnung, wer gewinnt, keine Ahnung, ob das wichtig ist. Es gibt keinen Kommentator und wenn doch, dann hört man ihn nicht. Aber es gibt eine Langnese-Eis-Tafel und es gibt immer mehrere Versuche und manchmal dauert ein Spiel vier Stunden. Wenn es regnet, stellt man sich unter. Dann gibt es Pommes, Cola und gute Gespräche. Beim Fußball kommt das kaum vor. Es wird auch weniger gebrüllt, außer bei der einen verdammten Bahn.

Es spricht vieles für Minigolf und in meinem Kopf erscheint es vollkommen logisch, möglichst viele Spiele im Fernsehen zu übertragen.

Neurodiversität und Minigolf und der Facebook-Algorithmus also. Zwischendurch eine Pandemie, ein trauriges Haustier, eine Trennung, zu viele fragwürdige Demonstrationen auf der Straße und die Frage: Wo ist mein Zuhause? Und kann das nicht die Welt sein? Also so ganz generell. Warum verteidigen und erdrücken und ersticken wir so oft das, von dem wir vor dem großen Finale doch sowieso nicht wissen können, welchen Namen wir dem ganzen geben wollen oder müssen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich gerne mal wieder Minigolf spielen würde. Und dass ich schon immer gerne Minigolf gespielt habe.

8 Monaten ago

Es geht gleich wieder

Heute lebe ich seit ungefähr 400 Tagen mit einem seltsamen Gefühl im Nacken. Nicht ununterbrochen, aber immer mal wieder. Es ist eine Mischung aus Sorge und Mitgefühl, etwas, das zur Hälfte nach innen und nach außen geht. Alle paar Tage bis Wochen heule ich einmal kurz Rotz und Wasser und bis auf wenige Ausnahmen bin ich dabei immer allein. Einige Male, in denen ich nicht allein war, hatte ich trotzdem das Gefühl, allein zu sein. Seit ein paar Monaten kann ich mir vorstellen, was passieren muss, damit aus einem Menschen, der immer weinen und offen über die eigenen Sorgen sprechen konnte, jemand wird, der sich so eine richtig hässliche drittklassige Rüstung zulegt. Also keine gute Rüstung, die wirklich was taugt und gut sitzt und aus gutem ganz leichtem Material ist, sondern so eine aus dem … sagen wir mal… Action Markt. Aber immerhin – eine Rüstung.

Ich heule nicht, weil ich in einer akuten, verzweifelten Lage bin oder weil jemand, der mir etwas bedeutet, an dem Virus gestorben ist, sondern weil ich nicht diszipliniert genug bin beim Abschütteln von negativen Gefühlen. Und weil ich nie lange an dem Gefühl festhalten möchte, sondern ihm eigentlich nur die Tür öffnen, es sehen, annehmen, kurz umarmen und dann wieder verabschieden möchte. Einmal kurz heulen und dann geht es einfach weiter.

Manchmal begegnen wir im Leben Menschen, die es nur gut meinen, wenn sie uns vorschlagen, dass wir das Klopfen auch einfach ignorieren können. Man muss das negative Gefühl ja nicht reinlassen.

Das Problem ist, diese Leute sitzen oft mit dem Rücken zum Fenster und sie sehen nicht, wie das Gefühl noch eine Weile ums Haus schleicht und durch die Scheibe schaut. Und selbst wenn wir dann die Gardinen zuziehen, wissen wir: Das Gefühl war da, es hat geklopft, es kann noch nicht weit sein. Und was der andere Mensch, der es vielleicht nur gut meint oder der sich vielleicht einfach nur selber schützen oder nicht gestört werden möchte, nicht weiß: Dieses negative Gefühl flüstert uns – also mir – bei dieser kurzen Begegnung immer etwas ins Ohr. Und das sind nie böse Worte, das ist keine Beleidigung oder ein Fluch.

Es sagt: Pass gut auf dich auf.
Genau genommen sagt es immer nur zwei Sätze.
Zur Begrüßung: Komme ich gerade ungelegen?
Zum Abschied: Pass gut auf dich auf.

Manchmal glauben die Menschen, die mit dem Rücken zum Fenster sitzen, und gerade nur nach drinnen und nicht nach draußen schauen können, dass das Gefühl zum Essen bleiben möchte. Sie glauben, es bleibt länger, es hat Durst und Hunger und erwartet jetzt irgendwas. Oder packt direkt die Isomatte aus. Aber das Gefühl will nie lange bleiben und es erwartet eigentlich gar nichts Besonderes von uns, nur dass wir es ein einziges Mal kurz reinlassen, nur dass wir das Klopfen nicht ignorieren. „Es geht gleich wieder.“, sagen wir, wenn der andere fragt, was er tun soll oder eine Lösung vorschlägt für ein flüchtiges Problem. Für etwas, was gar kein richtiger Besuch ist, nur ein kurzes Signal, empfangen von Antennen, die wir dann irgendwann – weil wir uns schuldig fühlen – abschrauben.

Und dann werden wir unglücklich, wir erleben den Anfang und den Mittelteil und das Ende vom Ende, und wir vergessen, dass es keine Rolle spielt, ob irgendeiner von den wunderbaren Menschen und den verdammten Wichsern da draußen – sozusagen den wunderbaren Wichsern – unsere Furchtlosigkeit als solche überhaupt erkennt. Niemand hat uns tatsächlich gebeten, die Antenne abzuschrauben. Das braucht es gar nicht. Es reicht manchmal aus, in einer Gesellschaft zu leben, die einen Teil ihrer Zeit damit verbringt, sich über ungebetene Gäste zu beschweren. Über diese negativen Gefühle, die gleich wieder gehen, wenn man sie akzeptiert, von denen man aber nie weiß, wie lange sie eigentlich im ungünstigsten Fall ums Haus schleichen.

Vor drei Wochen habe ich wieder eine leere Word-Datei geöffnet und einige meiner Lieblingsorgane (jeder braucht Lieblingsorgane. Welches sind eure? Schreibt´s mir in die Kommentare) haben sich angefühlt als wären sie irgendwie über Nacht leichter geworden. Es hat geklopft, ich hab die Tür geöffnet und noch auf der Schwelle einen längeren Blick auf die Sorgen und den Zorn und die Unzulänglichkeit geworfen. Und mir erlaubt zu fragen: Wo kommt ihr überhaupt her?

Und seid ihr hier überhaupt richtig?

9 Monaten ago

Knöpfe

Denkt an bequeme Pyjamas und eure Lieblingssocken, weil diese kleinen Details es bequemer für euch machen, und denkt an ein Oberteil mit Knöpfen vorne dran, schreibt die fremde Person ins Internet nach ihrer Herz-Op. Denkt an die Oberteile mit den Knöpfen vorne. Also weine ich ganz kurz, nicht weil es mich gerade betrifft und ich Angst haben müsste, ich weine kurz, weil es mich rührt, dass Menschen einander Erinnerungen schicken. An Oberteile mit Knöpfen dran. So etwas kleines banales. Wahrscheinlich ist die Welt gar nicht so verloren.

 

1 Jahr ago