Und was machst du so am Wochenende?

Ich gehörte schon früh zu einer kuriosen Sorte Mensch. Schon mit … ich weiß nicht genau… dreiundzwanzig … war mir klar, dass es keine Tragödie ist, einige Partys auch einfach mal ausfallen zu lassen. Normalerweise ist das ein Alter in dem man glaubt, das Leben ist vorbei, wenn man einfach mit einer Flasche Wein daheim bleibt, während  andere Leute 7 Stunden lang auf ihren Wodka-Apfelsaft, eine freie Toilette oder „dieses eine gute Lied“ warten.

Doch nicht jeder besitzt diese innere Ruhe. Nicht jeder schwappt an einem Freitagabend über vor Glück bei dem Gedanken, in den nächsten 48 Stunden einer ziemlich überschaubaren Anzahl von Menschen zu begegnen und einfach mal „gar nichts“ zu erleben. Man könnte ja – während man noch einen Abendspaziergang macht, eine Ouvertüre komponiert oder Rick und Daryl beim Zombietöten zuguckt – etwas Wesentliches verpassen. Man könnte sogar, wenn man das drei Samstage hintereinander so macht, als Ausgestoßene enden.

Spaß haben – eine Frage der Definition

Diese Angst vor der totalen sozialen Isolation treibt dann die Leute hier in meinem Umkreis regelmäßig auf irgendwelche Veranstaltungen. Jetzt versteht mich bitte nicht falsch. Menschen sind ja nicht verkehrt und ich mag kaltes Bier und Musik und es wichtig, dass hier im Niemandsland zwischen Kassel und Marburg überhaupt mal etwas passiert.

Meine Definition von Spaß haben schließt nur einfach vieles nicht ein, was für andere so selbstverständlich ist. Sich anschreien zum Beispiel. Ich bin schon ohne Hintergrundgeräusche manchmal nicht besonders gut im Small Talk – Rihanna und Calvin Harris machen das Ganze bestimmt nicht leichter. Oder stundenlanges Stehen, obwohl man niedrigen Blutdruck hat. Oder die Gesichtszüge kontrollieren, damit man nicht ständig gefragt wird, ob man schlechte Laune hat.

Ich habe mich irgendwann mal todesmutig in der einzigen Discothek, die es hier in Frankenberg noch gibt, auf die Treppenstufe unweit der Tanzfläche gesetzt. Ich dachte, wenn ich zum Tanzen nicht besoffen genug bin, dann kann ich mich ja wenigstens daneben setzen, ich bin ja niemandem im Weg, ich trinke nur friedlich mein Bier und unterhalte mich ein bisschen mit anderen, die auch nicht besoffen genug sind. Nach fünf Minuten kam ein 2 Meter breiter, 2 Meter 20 hoher Knastbruder zu uns mit der Aufforderung, sofort aufzustehen.  Wir dürfen hier nicht sitzen, sagte er. Na klar, dachte ich. Und stand auf und blieb auch nicht mehr allzu lang.

Homer Simpson und die Glücksbärchis

Ursprünglich war so ein Club ja mal ein Ort, an dem der Mensch – müde von den Pflichten, die ihm werktags so das Leben zur Hölle machten – sich ein bisschen entspannen konnte. Sich den Frust von der Seele tanzen, neue Menschen kennen lernen oder mit alten Menschen ein bisschen Zeit verbringen, trinken, lachen, fröhlich sein.

Mittlerweile glaube ich: Die Leute fühlen sich persönlich beleidigt, wenn ihre Mitmenschen nicht genauso quitschvergnügt und trinkfreudig sind wie sie. Ständig muss man sich dafür entschuldigen, dass man kein Glücksbärchi ist, sondern in solchen Situationen eher Homer Simpson.

Wenn man sich setzen will, muss man direkt wieder aufstehen. Wenn man dann aufgestanden ist, schleppt man sich von A nach B und dann nach C, weil man ja überall mal geguckt haben muss. Und wenn man dann mal ein bisschen verschnaufen kann, sieht man manchmal – zwischen all den tanzenden, sich küssenden, lachenden, taumelnden, dreiviertelbetrunkenen Partyknallermenschen – hier und da Personen stehen, die einen ebenso erbärmlichen Eindruck machen. Einige halten sich den Bauch, oder die Hände vor´s Gesicht oder ihre Freundin im Arm. Manchmal schafft man es, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, und sich dann ein bisschen menschlich zu fühlen. Eine Gemeinschaft voller überforderter Menschen, die jetzt alle irgendwie lieber ganz woanders wären.

Kneipen > Clubs

Ich bin ein Kneipenmensch. Nicht die mit dem dunklem Parkett aus Wenge-Holz, sondern die anderen. Wo es nachts um zwei noch ganz bodenständige Snacks gibt, Frikadellenbrötchen zum Beispiel. Ich mag es, mit acht Mann an einem Tisch zu sitzen und mir Lachtränen aus den Augenwinkeln zu wischen. Ich sitze gerne. Ich stehe ungern irgendwo rum, dafür habe ich auch viel zu kleine Füße. Ich lege gerne meine Tasche irgendwo ab und schmiede dann Pläne zum Erreichen der Weltherrschaft. Das geht in typischen Kleinstadtclubs nicht, da guckt einen jeder schief an, wenn man plötzlich barfuß auf dem Stuhl steht, seinen Strohhut in die Luft wirft und ruft „Ich hab´s. Wir nehmen es den Reichen und geben es den Armen!“

Wenn ihr also beim nächsten Mal gefragt werdet ob ihr mitkommen wollt, zum Megafettpartymachen, in den coolsten und/oder einzigen Club eurer Stadt, dann denkt daran, dass ihr möglicherweise nur eine Rauchvergiftung, ein bisschen Magen-Darm und einen inoffiziellen Schönheitswettbewerb verpasst und es völlig in Ordnung ist, daheim zu bleiben. Nehmt euch eine Wolldecke und macht es euch bequem.

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