Feldstudie: Tankstelle

In der US-Serie “How I met your mother” kommt Hauptfigur Ted Mosby in der 6. Staffel während einer Fahrt mit dem Bus zu folgender Erkenntnis: If you can´t spot the crazy person in the bus, it´s you. Aus diesem Grund mag ich Busfahren: Man erhält hier einen kurzen Einblick in das Leben sehr sonderbarer Menschen, während man sich verzweifelt wünscht, dass man selber nicht dazu zählt.

Busreisen sind ein bisschen wie eine sehr lange Fahrstuhlfahrt. Da sind ganz viele andere Menschen und man meidet Blickkontakt, blickt nur nach unten, sieht ein paar Bäuche und viele Schuhe und wenn man dann aus Versehen doch den Kopf hebt, dann hat man verloren. Oder gewonnen, je nachdem wie man es betrachtet.

Anfang des Jahres bin ich mit dem Fernbus von Kassel nach Leipzig gefahren. An einer Tankstelle zwischen Kassel und Halle legten wir die gesetzlich vorgeschriebene Lenkzeitpause ein. (Ganz nebenbei bemerkt: Vororte von Halle sind so trostlos, dass das nordhessische Bermudadreieck einem plötzlich wahnsinnig lebendig und aufregend erscheint.) Diese Lenkzeitpause gab mir die Gelegenheit, nicht nur eine köstliche Bockwurst mit Senf zu essen, sondern auch ein mitreisendes Pärchen etwas genauer zu begutachten.

Erschossen. Alle erschossen.

An ihn erinnere ich mich nicht mehr sonderlich gut, an sie allerdings schon. Mit der subtilen Geschmeidigkeit eines Räuber Hotzenplotz saß sie an einem Tisch, gönnte sich ebenfalls eine Wurst, dazu einen halben Liter Dosenbier, und blätterte in der Bild-Zeitung herum. Gelbe Haare, finsterer Blick, Beulen an den falschen Stellen.

Auf Seite 1 befanden sich Fotos von drei Attentätern. Ihr Zeigefinger ruhte auf dem Gesicht des ersten, ihre Augen überflogen kurz den Text. “Erschossen.”, murmelte sie, der Finger rückte weiter zum zweiten Attentäter. “Erschossen.” Dann zum dritten Foto. “Auch erschossen. Die Polizei hat die alle erschossen.”, sagte sie halblaut. Ihr stummer Gefährte antwortete mit einem unbeteiligten Nasengeräusch.

Ich dachte, jetzt führen die beiden vielleicht ein Gespräch über das Tagesgeschehen oder er fragt sie vielleicht mal wie die Bockwurst schmeckt, aber sie schwiegen sich dann nur noch gegenseitig an und das war dann auch irgendwie vollkommen in Ordnung. Schließlich schwiegen sich mein Komplize und ich ebenso an. Sich anschweigen kann schön sein. Und es ist auch angenehmer als Anschreien, vor allem für unbeteiligte Personen, die zwei Meter daneben stehen und sich für ihre Feldstudie in Ruhe Notizen machen wollen.

Was mir an dieser Person so gut gefiel? Dass nichts an ihr aus dem Rahmen fiel. Da passte einfach alles zusammen: Gesicht, Kleidung, Zeitung, Bockwurst, Bier. Ein stimmiges Konzept. Bodenständig, beinahe authentisch. Eine Frau wie ein kurzes befreiendes Rülpsen, ohne unangenehme Überraschungen. Ein Mensch, der nicht vorgab, jemand anderer zu sein. Sowas gibt es immer seltener heutzutage.

Bevor ich hinter sie treten und ihr mit den Worten “Ich finde Sie famos, Sie machen bei diesem ganzen Optimierungswahn nämlich nicht mit!” auf die Schulter klopfen konnte, war es leider Zeit weiterzufahren. Zwischen Halle und Leipzig wurde mir dann bewusst, dass wir beide vielleicht sogar eine Menge gemeinsam haben, die Bockwurst könnte ein erster Hinweis sein, und das beunruhigte mich so sehr, dass ich mich den Rest der Fahrt nicht mehr auf die Trostlosigkeit außerhalb des Busses konzentrieren konnte.

Und die Moral von allem? Die Moral lautet: Bleibt aufmerksam. Traut euch, den Blick zu heben. Und wenn ihr eine Busreise unternehmt, dann fahrt nicht nach Halle, sondern nach Möglichkeit an Halle vorbei.

 

 

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