Feldstudie: Flohmarkt

Gern würde ich das ganze Jahr über Urlaub in fernen Ländern machen. Um auf leisen Sohlen in Hinterhöfe vorzudringen, fremde Hygienevorschriften kennen zu lernen und mit Leib und Seele zu erfahren wie bei anderen Menschen so grundlegende Dinge wie Begrüßung, Entschuldigung, Faustkampf und Brettspiele ablaufen. Auf das Kofferpacken und die ständige Rumsitzerei in Flugzeugen, Taxis und Bussen kann ich natürlich verzichten. Aber dieser Kulturschock, der fehlt mir manchmal. So ein jährlicher Pauschalurlaub auf den Kanarischen Inseln ist da ja auch keine große Hilfe.

Einfach mal konfrontiert werden mit Leuten, die man noch nie im Leben gesehen hat. Nicht zu wissen: Sind die cool, sind es Arschgeigen, kommen wir miteinander klar? Das finde ich immer spannender, je älter ich werde, und weil ständiger Urlaub ja auch irgendwie teuer ist, habe ich seit einigen Jahren eine fantastische Alternative gefunden, die meine Sehnsucht ganz gut befriedigt: Ich besuche Flohmärkte.

Ich stehe freiwillig in aller Herrgottsfrühe auf, fahre nach Marburg, schleppe Kisten von A nach B und wundere mich dann unter Tränen, mit einem Notizbuch in der Hand, darüber, wofür Menschen Geld bezahlen. Das ist schmerzhaft (das frühe Aufstehen, die Schlepperei) und nicht immer rentabel (15 Euro Standgebühr für drei Meter + Spritgeld + Cappuccino und warmes Käse-Schinken-Fladenbrot vom Bäcker nebenan, weil man zu faul ist, sich ein Brot zu schmieren und eine Thermoskanne voller Kaffee mitzunehmen). Wenn man Pech hat, fährt man mit 20 Euro nach Hause. Wenn man Glück hat sind es trotzdem nicht viel mehr als 60 oder 70 Euro.

Aber das Geld ist auch nur ein schöner, unwichtiger Nebeneffekt. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man nach Hause kommt und da einfach weniger Krempel herumliegt. Der aufgeräumte, nach Farben sortierte, Kleiderschrank ist ein ebenso großes Plus, weil er nicht mehr all die nie getragenen Klamotten beherbergt, die man wunderbar… also irgendwann einmal…wer weiß das schon… bei einem Empfang… im Schloss Bellevue… oder zur Fasanenjagd … nach einer krassen Diät… zum Segeln… tragen könnte.

Berührungsängste abbauen? Geht auf dem Flohmarkt irgendwie ganz gut.

Es sind die Menschen. Diese verrückten, wunderbaren Menschen, denen man auf Flohmärkten begegnet. Knallharte Verhandlungspartner. Verirrte Menschenrechtler. Kauzige alte Herren, nicht weniger kauzige alte Damen. Wortkarge und schnatternde und großzügige und knauserige Menschen. Mit Hut. Ohne Hut. Ohne Hund. Mit Hund. Und mit Kind.

Flohmarkt-Menschen ticken irgendwie anders. Sie stehen nicht kurz vor der Obdachlosigkeit, sie brauchen einfach nur nicht so dringend den allerneuesten Scheiß. Sie haben ein Herz für Klimbim. Sie sind neugierig und haben keine Berührungsängste. Ich empfehle jedem Menschen, der ganz gemächlich Berührungsängste abbauen möchte, einen Besuch auf dem Flohmarkt.

Da ist die alte Oma, die dreimal am Stand vorbeischleicht. Zweimal kauft sie etwas, beim dritten Mal bleibt sie kopfschüttelnd stehen, als wäre sie zum allerersten Mal hier. Sie starrt für einen kleinen Moment die hässliche Porzellanente an, der wir dekorativ eine Sonnenbrille aufgesetzt haben. ”Enten mit Sonnenbrillen – was es nicht alle gibt!”, sagt sie ungläubig. Sie glaubt, dass das zusammen gehört, die hässliche Ente mit der hässlichen lilafarbenen Sonnenbrille.

PART_1442686861327Oder die Studentin, mit der man ins Gespräch kommt und ihr irgendwann die kleinen Lautsprecherboxen für umsonst mitgibt, weil sie so sympathisch ist. Überhaupt: Wie verrückt das ist, dass es manchmal einfacher ist, sich mit völlig Fremden zehn Minuten zu unterhalten als mit Bekannten, die man irgendwo zufällig in der Stadt trifft. Weil man unbefangen ist. Fremde Menschen gehen dir nicht aus dem Weg, wenn du Glück hast. Im Gegenteil. Die besten von ihnen kommen direkt auf dich zu. Fremde Menschen geben dir auf Flohmärkten die Möglichkeit, nach einem Wilhelm Busch Buch zu greifen, es aufzuschlagen und laut und mit klarer, ernster Stimme ein paar Verse daraus vorzulesen. Man muss dann keine Angst davor haben, nicht gemocht zu werden, weil es unmöglich ist, so einen Menschen in diesem Moment nicht zu mögen. Die Flohmarkt-Leute, die verstehen das irgendwie.

Irgendetwas über das Leben lernen. Kann man auf dem Flohmarkt auch sehr gut.

Und schon bevor man überhaupt alles ausgepackt hat, kommen ein paar russische Frauen herbei, es sind eigentlich immer dieselben, und sie fragen, ob man Silberschmuck verkauft. Die russischen Frauen sind harte Gegner, sie drücken einen im Preis, bis man kapituliert und so bescheuerte Sätze sagt wie „Naschön. Weil Sie es sind.“  Sie drücken einen noch mehr im Preis als die türkischen Frauen und sie lächeln und reden auch nicht so viel wie die türkischen Frauen. Ausländische Frauen handeln bis weit über die Grenzen der Höflichkeit hinaus, die man selber festlegt. Aber das Feilschen gehört dazu, man trifft sich dann meist in der Mitte. So sollte es immer sein.

Oder dieser ältere Mann mit den grauen, zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenen Haaren. Ein Mann mit einem unglaublich tollen Gesicht. Er ist mir schon häufiger aufgefallen. Vor drei Monaten steht er vor uns, entdeckt eine Jacke, nimmt sie vom Ständer und murmelt „Die könnte meiner Frau gefallen.“ Dann schaut er kurz auf, seine Frau ist nicht in der Nähe, und dann pfeift er nach ihr. Nicht auf die herkömmliche „Komm rüber, lass uns Fußball spielen!“-Art, sondern auf die „Ich habe zwanzig Jahre lang intensiv das Kommunikationsverhalten von Vögeln studiert.“-Art. Ein komplettes Pfeifkonzert. Nach einer Minute steht seine Frau lächelnd vor unserem Stand.

Und viele Kinder sind unterwegs. Familien mit Kind. Da ist dieser kleine blonde Junge – Kategorie Michel aus Lönneberga – der mit einem Plastiklaserschwert herumfuchtelt, das seine Mutter ihm vor zwei Minuten gekauft hat. Sie ermahnt ihn, vorsichtig zu sein, und hat noch eine Freundin mitgebracht, die gerade hinter ihrem eigenen Sohn herrennt. Er ist etwas schüchterner als sein Freund, hat knallrote Haare und hört auf den Namen Carlos. Ich finde das ziemlich wunderbar, diese ganze Situation und diesen kleine rothaarigen, blassen Wikinger, der auf den Namen Carlos hört.

”Sind das Lampen?” – ”Nein, das sind Lautsprecherboxen. Sie können sie aber selbstverständlich auch als Lampen verwenden. Sie geben dann nur kein Licht.”

PART_1442686833852

Schräg gegenüber steht ein alter Mann, Mitte Ende siebzig, der irgendwie einsam aussieht an seinem Stand. Sein Gesicht kann ich nicht richtig sehen. Aber sein Rücken, der macht irgendwie einen niedergeschlagenen Eindruck. Er verkauft Töpfe und Kindersachen und einen dunkelroten Kapuzenpulli, auf dem in grauer Schrift „Bad Nauheim“ steht. Ich weiß nicht genau, warum sein Anblick mich traurig macht. Manchmal sehe ich Menschen und habe sofort ihr ganzes schweres Gepäck in meinem Gehirn. Das halbe Leben. Der ganze Scheiß. Die Frau, die gestorben ist. Und die Kinder, die 600 Kilometer weit wegwohnen und einen großen Familienkalender, auf dem die Geburtstage stehen von den Enkelkindern, die so schnell groß werden.

Nach zwei oder drei Stunden dreht er sich während einer Unterhaltung kurz in unsere Richtung,  ich sehe ihn lächeln, seine Schultern richten sich auf und mein Kopf wird sofort ein paar Kilogramm leichter. Es ist gut, dass all diese Menschen sich, wenn der Flohmarkt vorbei ist, wieder unauffällig unter all die Leute mischen, die um benutzte Ware und vergilbte Bücher und scheinbar nutzlosen Klimbim einen großen Bogen machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.