Findest du das mit den Flüchtlingen „immer noch gut“?

Man fragte mich vor ein paar Tagen, ob ich das mit den Flüchtlingen „immer noch gut“ finde. Wo ja jetzt die Begrüßungs-Euphorie ein bisschen nachgelassen hat und man merkt, dass es mit Applaus an Bahnhöfen und einer Wolldecke nicht getan ist. Die Frage war natürlich etwas ungeschickt formuliert. Ich kann sie ohne zu zögern mit einem klaren „Nein!“ beantworten.

Nein, das mit diesen Flüchtlingen finde ich nicht „gut“. Wenn es nach mir ginge, dann würde auf einen Schlag alles Dumme und Böse in dieser Welt aussterben, es gäbe keine Kriege mehr, alle hätten genug zu essen und die Rüstungsindustrie hätte auch keine Daseinsberechtigung mehr. Wenn es nach mir ginge, dann gäbe es die Bundeswehr nicht und das THW und auch keine Feuerwehr, weil es nie irgendwo brennen würde, es würden nirgendwo Flüsse über die Ufer treten, keiner würde einem anderen in den Bauch schießen oder sein Land verwüsten. Wir hätten keine Probleme mit dem Klima oder mit dem Kreislauf oder mit den lästigen Begleiterscheinungen des Krieges.

Jetzt ist das aber nunmal so, dass im Jahr 2015 auf dieser Erde nicht alles so besonders gut läuft. Menschen sterben. Menschen sind auf der Flucht. Menschen verlieren ihren Verstand. Die einen sind auf Wachstum fixiert. Die nächsten sind auf ihre eigene kleine Scheißwelt fixiert. Dann gibt es Leute, die sind darauf fixiert, dass das Boot auf dem sie sich gerade befinden, nicht im Ozean ersäuft. Es gibt Menschen, die wollen wortwörtlich ihren Arsch retten und es gibt Menschen, die wollen einfach nur im übertragenen Sinne ihren Arsch retten und viel zu viele sehen da keinen Zusammenhang.

Nein, das mit den Flüchtlingen finde ich nicht gut. Ich finde es, vereinfacht gesagt, nicht gut, dass die jetzt alle hier sind. Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften finde ich nicht gut. Lange Schlangen finde ich nicht gut. Dass die Behörden in Deutschland mit all dem völlig überfordert sind, dass niemand sie auf diesen Wahnsinn vorbereitet hat, finde ich nicht gut. Ich würde gerne einschlafen und wenn ich morgen früh aufwache, dann darf jeder wieder ohne Angst zurück in sein Land, durch die Straße gehen, in der er aufgewachsen ist, zurück zu Freunden und Familie und zurück in das Haus, in dem er wohnt und das noch da steht wo es all die Jahre gestanden hat.

Die Antwort auf die Frage „Findest du das mit den Flüchtlingen immer noch gut?“ kann nur zynisch sein. Ich kann sie nur mit einem Kopfschütteln beantworten, mit einem Schnaufen und mit einem Schniefen. Weil die Welt gerade ihr Gleichgewicht verliert und man kann ihr dabei zusehen wie sie stolpert und hinknallt, wie sie dann da auf dem Boden liegt, auf dem Rücken wie ein Käfer und ich wünsche mir, dass mal jemand kommt – auf der Straße oder an der Kühltheke im Rewe oder in der Eisdiele – und nicht fragt ob ich etwas „immer noch gut“ finde, sondern ob es Dinge gibt, die mich wütend machen.

So wütend, dass ich zum Beispiel meinen Blutdruck steigen höre, von immer niedrigen 100 zu 70 auf 140 zu 100, das ist erhöhter Blutdruck und ich spüre ihn, wie er hinter meinen Augen etwas lostritt, wie er von innen an meinen Schädel donnert und wenn ich es nicht aufschreiben könnte, dann weiß ich nicht wie lange ich das ertragen könnte, diesen Lärm in meinem Kopf, verursacht von Leuten, die in allem Unbekannten einen Störenfried sehen.

Es macht mich wütend, dass so viele Geschichten der letzten Wochen beginnen mit „Ich hab gehört, dass…“ Es macht mich wütend, dass Leute ihre Zeit lieber mit leblosen Geschwätz totschlagen, anstatt sich mal wenigstens eine halbe Stunde lang für das zu interessieren, was außerhalb ihrer Blase so passiert. Ich verstehe das nicht, dass man mit dem Finger auf andere Kulturen zeigt, dass man einfach alles Unbekannte in eine Schublade setzt und die Schublade dann zuschlägt und zuschließt und den Schlüssel achtlos irgendwo hinlegt, wo man ihn wahrscheinlich so leicht nicht wiederfindet, weil man keine Lust hat, sich näher damit zu befassen.

Es gibt Leute, die halten sich offenbar für die Krone der Schöpfung, für zivilisiert und anständig, während sie hier in Deutschland in ihren Häusern sitzen und so vor sich hindämmern in diesem wunderbaren Land, das berühmt ist für seine tollen Autos (ich lache) und den Fußball (ich weine vor lachen) und die Dichter und Denker (Ok, jetzt weine ich). Jede Gelegenheit, den eigenen Blickwinkel zu korrigieren, wird achtlos beiseite geschoben oder überhaupt nicht wahrgenommen und alles wird begründet mit Angst, Angst, Angst und Meins, Meins, Meins. Als wäre Deutschland eine Insel.

Vielleicht stellt und beantwortet ihr euch, in einer ruhigen Minute, mal ein paar Fragen. Wo kommt ihr her? Was ist eure Geschichte? Aus welchem Grund seid ihr hier? Schlagt ihr hier einfach nur Zeit tot? War´s das? Oder kommt da noch was?

6 Comments

  1. Es ist immer dasselbe: Deutschland ist keine Insel, dass es uns so gut geht, ist reiner Zufall, wir müssen teilen etc…… Ganz ehrlich: Das mag moralisch hochwertig sein, aber ist politisch absolut substanzlos. Der Leser soll sich Ihre Fragen stellen. Gut, hab ich gemacht. Aber in dem Artikel fehlt der Aspekt des Pragmatismus: Woher kommt das Geld? Wie soll Integration in dem Umfang gelingen? Waren Sie mal in Duisburg Marxloh? Ich empfehle einen kleinen Ausflug, ich war jahrelang dort. Und was passiert, wenn das Sozialwesen hier kapitulieren muss? Das Rechtswesen tut es bereits. Möchten sich unsere neuen Mitbürger überhaupt integrieren? Die hat bislang noch keiner gefragt. Und die Frage, was passiert, wenn sie sich NICHT integrieren möchten, muss ja wohl auch noch gestattet sein. Ich empfehle an dieser Stelle nochmal einen Ausflug nach Diusburg Marxloh. Also, fällt Ihnen noch etwas anderes ein, als die Fragen anderer zu kritisieren und dem Leser Ihre Fragen zu servieren? War´s das?

    1. Das ist kein politischer Blog. Ich bin Idealist, deshalb fehlt mir der Pragmatismus. Ein Pragmatiker würde jeden Abend in die nächst gelegene Flüchtlingsunterkunft fahren und da mithelfen und mehr bewirken als jemand wie ich, der nur darüber bloggt. Zum Glück gibt es viele Menschen, die das machen. Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn es diese Leute nicht gäbe, die einfach mit anpacken, ohne vorher Bergpredigten zu halten. Ich hab mich dafür entschieden, meine Zeit im Moment dafür zu nutzen, gegen extreme Positionen anzuschreiben. (Nicht nur in Bezug auf Flüchtlinge) Weil ich es gefährlich finde, wenn zwischen denen, die schreien „Ich bin dafür! Wir müssen unter allen Umständen helfen!“ und denen die schreien „Es reicht, die Islamisierung von Deutschland steht kurz bevor!“ so eine Lücke herscht. Unter diesen Umständen ist auch die Integration von Leuten ziemlich schwierig, würde ich sagen.

      Wer sich nicht integrieren möchte, der sollte gehen, ganz einfach. Wer innerhalb von zwei Wochen dreimal mit der Faust auf andere losgeht, soll gehen. Wer nicht akzeptieren kann, dass Frauen bei uns etwas anders behandelt werden, der soll auch gehen. Wer nicht arbeiten will, soll gehen. Ich gehöre bestimmt nicht zu den Träumern, die glauben, dass man es jedem recht machen kann oder dass wir genug Zeit, Geld und Möglichkeiten haben jeden einzelnen Menschen mit offenen Armen zu empfangen, psychologische Unterstützung zu geben und jedem einzelnen eine Person zur Seite zu stellen, die Begleitung und Ansprechpartner in allen Lebenslagen ist. Wäre super, wenn es so wäre. Geht aber nicht.

      Ich habe keine konkreten Antworten auf deine Fragen. Ich finde es wichtig, in solchen Fällen ein funktionierendes Netzwerk zu haben (in den Erstaufnahmelagern, DRK, Dolmetscher, ehrenamtliche Helfer, Ärzte, Behörden, Begleitpersonen, Sicherheitsdienste, Verpflegung, Polizei, Bus und Bahn), bei dem immer alle auf dem neuesten Stand sind. Ich würde mir für die Vernetzung Experten suchen, die das ganze koordinieren und die das nicht mit Block und Kugelschreiber machen. Ich würde das bundesweit vereinheitlichen, aber trotzdem den Verantwortlichen noch individuelle Spielräume ermöglichen. Vor allem ohne bürokratische Exzesse. Ja, das klingt jetzt auch alles nicht sonderlich pragmatisch. Ich finde nur: Kommunikation ist das allerwichtigste. Nicht nur bei den Flüchtlingen selbst. Auch wenn man in die Köpfe der besorgten Bürger schauen will.

      (Letzte Woche gab es einen Artikel über Marxloh, den ich gelesen habe, und es hatte was von einer Parallelgesellschaft. Klingt für mich nach einem Fall für´s Sondereinsatzkommando und wenn solche Leute/Clans Probleme machen, dann sollte man sie so früh wie möglich alle Richtung Heimat fliegen)

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