It´s not social media. It´s you!

Essena O´Neill wurde durch Instagram berühmt und hat jetzt genug vom dem Scheiß. Eine halbe Millionen Menschen verfolgten in den letzten Jahren das Leben der 19jährigen Australierin, das bisher zu einem großen Teil aus Selbstzweifeln, einem knurrendem Magen und einem ständigen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit bestand. Gesehen hat man davon nichts. Dafür gab es viel wehendes Haar, Sonnenuntergang-Momente, perfekte Kurven und ganz viel Unbeschwertheit.

Vor einigen Tagen kam Essena zu der Erkenntnis, dass Social Media nicht echt ist, sie löschte einen Großteil ihrer Fotos und machte deutlich, wie viel Inszenierung hinter jedem Bild steckt. Dass sie die Kleider machmal nur für das Foto getragen hat. Dass sie mit 16 Jahren versucht hat, möglichst sexy und erwachsen auszusehen. Dass es wenige Projekte gab, an denen sie wirklich Spaß hatte.

Der Instagram-Account wurde mittlerweile gelöscht. Auf ihrer neuen Seite letsbegamechangers.com schreibt sie:

I spent 12-16 wishing I could receive validation from numbers on a screen. I spent majority of my teen years being self absorbed, trying desperately to please others and feel ‚enough‘.  Spent 16-19 editing myself and life to be that beautiful, fitspo, positive, bright girl online. I didn’t talk about topics and interests of me, nor did I pursue my childhood talent for writing. I didn’t find happiness in social approval, constantly edited and shooting my life. So I decided to quit, left humours educational captions meant to raise awareness, now I want to start something important.

Während sich die eine Hälfte der Menschheit überhaupt nicht dafür interessiert, teilt sich die andere Hälfte auf in zwei Lager. Die einen tun so als hätte die geniale Erkenntnis „Social Media ist nicht die Realität“ den Friedensnobelpreis verdient. Und die andere Hälfte kritisiert, dass Essena O´Neill nun nicht mehr ihr seichtes Postkarten-Dasein vermarktet sondern die Abkehr davon, was möglicherweise genauso bescheuert ist.

Ich weiß noch nicht, ob ich das alles eher spannend oder eher dämlich finden soll. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch wieder angefangen zu bloggen. Um es herauszufinden. Vor zehn Jahren waren die Blogs, auf denen Menschen spannende Geschichten erzählt und ihre Gedankenwelt miteinander geteilt haben, noch in der Überzahl. Das sind heute zum Teil diejenigen, die Bücher oder Kolumnen schreiben, Unternehmen beraten, selber Agenturen gegründet haben oder anderen das Internet erklären.

Das ist der spannende Teil. Sogar den Teil mit den Lifestyle-Blogs finde ich spannend, die dann irgendwann später kamen. Wenn dahinter Menschen stehen, die Ecken und Kanten und auch einen gewissen Sinn für Humor haben, dann bin ich ein großer Fan von all dem. Ob die Leute davon leben können oder nicht. Dann ist auch jemand, der zwischendurch Bilder von sich in verschiedenen Outfits postet oder für das ein oder andere Produkt wirbt, für mich kein austauschbares Gesicht, sondern jemand, dessen Weg ich gern verfolge. Und so jemand darf sich dann von mir aus auch gerne Influencer nennen. Obwohl ich dieses Wort nicht mag. Es ist so dämlich, es verdient theoretisch einen eigenen Blogeintrag.

Hier kommen wir zu dem Teil, den ich nicht verstehe. Denn wer sagt, dass Social Media nichts mit der Realität zu tun hat, der macht es sich vielleicht zu einfach. Niemand hat euch dazu gezwungen, im Internet nur schöne, glänzende, oberflächliche Bruchstücke von euch zu präsentieren. Es gibt auch kein festgeschriebenes Gesetz, das besagt, dass man nur dann erfolgreich ist, wenn man wie ein frisch desinfiziertes dressiertes Äffchen auftritt.

Dass man uns eine Schablone überstülpen möchte, heißt nicht, dass wir die Schablone wortlos akzeptieren müssen. Wir können sie auch einfach kurz betrachten und dann in den Mülleimer befördern, weil es reine Energieverschwendung ist, da hinein zu passen. Wir können uns auch einfach mal darauf einigen, dass uns der Großteil von dem ganzen Mist überhaupt nichts bringt, der uns täglich unter die Nase gerieben wird.

Und dass es zwar einerseits spannend, aber andererseits auch unheimlich traurig ist, dass wir mittlerweile nicht mehr auf Werbepausen und Hochglanzmagazine und Seifenopern angewiesen sind, um uns ein bisschen minderwertig zu fühlen. Dank Instagram & Co. schafft das mittlerweile auch das Mädchen von Nebenan, wenn es mir weismachen will, dass ständiges Rumsitzen in Abflughallen, Sommerbräune im Winter und ein ganzer Schrank voller teurem Krempel zwangsläufig etwas mit Zufriedenheit und Erfolg zu tun haben.

Erfolg hat mit Authentizität zu tun. Ich habe zumindest noch nie ein Interview von einer sehr erfolgreichen, zufriedenen Person gelesen, die gesagt hat „Ich hab mich jahrelang verstellt. Das hat mir gut gefallen. Ich hab Einfluss und einen ganzen Pool voller Geld und ich kann das auch alles richtig gut genießen.“ Du kannst ja dein Bestes geben. Aber bitte so, dass daneben noch andere Dinge, vor allem Eigenschaften, Platz haben. Wenn du glaubst deinen ganzen Lifestyle im Netz an den Lifestyle anderer anpassen zu müssen, dann bist du nicht authentisch und der Erfolg fühlt sich wahrscheinlich auch nicht richtig an.

Für mich bedeutet Social Media, dass ich kreativ und neugierig sein kann. Ich kann Menschen kennen lernen in meinem eigenen Tempo. Ich kann der Welt da draußen zeigen, was für ein ängstlicher, wütender, verwirrter, nachdenklicher, tollpatschiger Mensch ich bin. Wenn du sagst, Social Media ist nicht die Realität, dann hast du im Moment vielleicht einfach nur große Angst du selbst zu sein.

Also: Trink Kakao statt Pumpkin Spice Latte, geh bei Takko einkaufen und gib zu, dass du „Two and a half men“ lustig findest. Von mir aus schreib ab sofort jeden Morgen auf twitter „Guten Morgen, Twittergemeinde!“ und benutz auf Instagram nur noch den Hefe-Filter. Wenn du cool bist, sei cool. Wenn du nicht so cool bist, ist auch nicht schlimm. Es weiß doch keiner so genau, was damit eigentlich gemeint ist.

Der Typ hier hat auf Facebook übrigens ganz gut zusammen gefasst, warum der Vorwurf „Social Media is a lie“ totaler Quatsch ist.

(Bild: pexels.com)

4 Comments

  1. „Es gibt auch kein festgeschriebenes Gesetz, das besagt, dass man nur dann erfolgreich ist, wenn man wie ein frisch desinfiziertes dressiertes Äffchen auftritt.“
    Ich geh jetzt ’ne Runde feiern. Das und nicht weniger hat dieser Satz nämlich verdient.
    Ansonsten einfach nur Zustimmung.

  2. ich hab das mit den game changers auch mitbekommen und hatte da ganz ähnliche gedanken dazu. allerdings scheint mir, dass peer pressure und social media erfolg die heutigen teenager noch mehr unter druck setzt als bravo und co es bei uns gemacht haben…

    1. Ich glaub auch, das Problem ist, dass man durch Social Media als Jugendlicher und auch Erwachsener oft das Gefühl hat, dass einfach jeder andere sein Leben besser unter Kontrolle, bessere Bauchmuskeln, Klamotten, mehr Urlaub, schönere Freunde, mehr Geld hat. Im TV sind Leute, mit denen man sich nicht so identifizieren kann. Sind ja keine „normalen Menschen“ von „nebenan“. Und wenn man eh noch in dieser Phase ist, wo man nicht begreift, dass es immer um die kleinen Dinge geht, dann wird man da so mitgerissen.

      Ich finde, es hilft dann immer, sich selber zu beobachten und sich mal zu fragen, was man eigentlich selber preisgibt. Ich hätte in den letzten drei Tagen ganz oft meine vollgeschnäuzten Taschentücher fotografieren können, weil ich krank zuhause rumging. Macht natürlich kein normaler Mensch. Man fotografiert Dinge, an die man sich gern erinnern möchte.

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