Aufräumen

Das Glück liegt in den kleinen Dingen. In der Tasse Tee und dem guten Buch am Abend. Im ersten Schnee und selbst gebackenen Plätzchen. Sonntags ohne Wecker um 7 Uhr morgens hellwach sein. Einer frisch geputzten Wohnung. In Burritos. In Feierabendbier. In überlebensfähigen Grünpflanzen.

Es steht in jeder Frauenzeitschrift. Hinter den „Bauch weg in drei Wochen“- und den „Ist mit Ihrer Schilddrüse noch alles in Ordnung?“-Artikeln. Brigitte, Monika, Ursel und wie sie alle heißen. Steht da wirklich überall, wird aber manchmal vergessen. Weil wir immer wieder die gleichen zwei Fehler machen. Wir vergleichen uns mit anderen. Und wir sammeln Dinge an, die uns nichts bedeuten und uns darüber hinaus auch noch ablenken von dem, was uns wirklich wichtig ist.

Wir sammeln, wir vergleichen, wir grübeln. Wir räumen nie auf.

Beides zu vermeiden ist schwer und wir leben in einer Welt, sind umgeben von Dingen, die unserer Sammelwut und unserer Neigung zu Vergleichen nicht entgegenwirkt. Jeden Tag werden wir viele Male auf die Lücken und Missstände unserer Biografie aufmerksam gemacht. Diese Bücher musst du unbedingt lesen, um deinen Horizont zu erweitern. Und jene Fähigkeiten entwickeln, um in den späten 20ern oder frühen 30ern einen Grundstein für finanzielle Unabhängigkeit zu legen. Und folgende Morgenroutinen können dir dabei helfen, glücklicher und erfolgreicher zu sein. Und das hier sind die Kleider, die deinem Figurtyp entsprechen. Diese drei Smoothies probierst du jetzt bitte in der nächsten Woche mal aus, danach wirst du dich besser fühlen. Und wenn du diese zehn simplen Ratschläge beherzigst, dann kannst du vielleicht in fünf Jahren ein bisschen sein wie ein Hybrid aus Oprah Winfrey und Chiara Feragni.

Wir sammeln Ratschläge und Tips und Listen und wir vergleichen uns mit anderen, wir sehnen uns nach diesem Postkarten-Leben, wir wären auch gerne schon übermorgen so eine entspannte, erfolgreiche Sabbatical-Persönlichkeit und es ist ja gar nichts falsch daran, sich weiterentwickeln zu wollen, ganz im Gegenteil, aber es muss zum eigenen Leben passen. Wenn du deine eigenen Stärken vernachlässigst, weil du ständig damit beschäftigt bist, dich und andere zu analysieren, von Schublade zu Schublade zu hetzen, immer wieder deinen eigenen Handlungsradius stöhnend und ächzend und nach Luft schnappend zu verlassen – dann passt da irgendwas nicht zusammen.

Ich rede nicht von der Komfortzone, die gefährlich werden kann, wenn wir es uns darin zu muckelig machen und am besten noch Bretter vor die Fenster nageln, damit wir bloß nicht rausgucken können. Jeder kennt diese Witzbolde, die glauben, dass sie nichts mehr dazu lernen müssen, weil sie nämlich letzte Woche ihren 47. Geburtstag gefeiert und doch vor dreißig Jahren so ein gutes Abitur gemacht haben. Ich rede davon, dass es sinnvoller ist, eigene Stärken weiterzuentwickeln, anstatt uns durch ständiges Sammeln und Vergleichen Tugende und Talente anzueignen, die gar nicht unserem Wesen entsprechen.

Wer zwischen Weihnachten und Neujahr ein paar Tage Zeit hat, der darf sich ruhig mal ganz konkrete Fragen stellen. Denn es geht ja nicht nur um das, was in unseren Köpfen ist, sondern auch um die Dinge und Menschen um uns herum.

Ich trenne mich von McDreamy und akzeptiere die Tatsache, dass ich kein Fan von Gemüsepasta bin.

Gibt es zum Beispiel Bücher in meinem Bücherregal, die da nur stehen, weil in irgendeinem Artikel auf medium mal stand, dass Warren Buffet oder irgendeine Puffbesitzergattin denken, dass man sie gelesen haben muss? Und kann ich diesen Schwachsinn nicht einfach verkaufen oder verschenken, weil ich nunmal leider nach 50 Seiten zu Tode gelangweilt war? Warum stehen oder liegen die da noch Monate rum, nehmen Platz weg, rauben mir immer wieder ein paar Sekunden, immer dann, wenn ich da stehen bleibe und denke „Warum ist denn dieses Zeug immer noch in meinem Besitz?“

Habe ich in den zwölf Kisten, die im Arbeitszimmer stehen, Dinge herumliegen, die nur Platz wegnehmen und mich bei jedem Drüberstolpern daran erinnern, dass ich mir vor vier Jahren in einem Anfall von Wissensdurst mal erfolglos solides Grundwissen über Aktienhandel und den Weltraum und die Illuminaten aneignen wollte?

Brauche ich den ganzen Krempel wirklich? Die „Erin Brokovich“-DVD.  Die „Greys Anatomy“-Staffeln. All die Körnerkissen. All die Turnschuhe. Und die 7 abonnierten Paleo-Blogs in meinem Feedreader. Und den Gemüsehobel, der mir für vier Minuten das Gefühl gab, der Endboss zu sein. Wegen all den gesunden Zucchini-Spaghetti, die ich an sehr vielen darauffolgenden Tagen und Wochen nicht liebevoll zubereitet habe. Und diese eine hässliche giftgrüne Blumenvase, die ich nur behalten habe, um irgendwen nicht zu verletzen, der vielleicht irgendwann mal schlechtgelaunt in unserer Wohnung stehen und den Raum danach abscannen könnte.

Und dann die Menschen. Was ist mit den Leuten, mit denen mich nur ein paar kleine gemeinsame Nenner verbinden? Nämlich, dass wir beide Sauerstoff mögen und beim Gehen immer einen Fuß vor den anderen setzen? Was ist mit den Leuten, deren Wertvorstellungen ständig mit meinen kollidieren? Die so Dinge sagen wie „Das haben wir doch schon immer so gemacht.“ Die mir regelmäßig gönnerhaft die Tür zu ihrer Welt aufhalten wollen, in der es Ankleidezimmer und hübsche Platzdäckchen gibt und in der Männer nach Geld und Durchsetzungsfähigkeit bewertet werden und Frauen danach, wieviel Enthusiasmus sie beim Putzen und Kochen ausstrahlen.

Das Leben ist keine Verkaufssendung.

Könnte ich nicht mal aufräumen und Platz schaffen, in mir drin und um mich herum? Brauche ich die ganzen Hinweise und Lebensratgeber, muss ich meine Ernährung an die Ernährung der Kinder von Gwyneth Paltrow anpassen? Brauche ich das, höre ich solchen Leuten zu, lasse ich mich beeinflussen? Oder erkenne ich irgendwann, wieviel Ballast ich mit mir herumtrage und dass es viel wichtiger ist, den erstmal aufzuweichen und abzukratzen, bevor ich meinem Kopf und meinem Alltag noch mehr Blödsinn zumute.

Das Leben ist kein Souvenirgeschäft mit unerschöpflichen Andenken an Fehlentscheidungen, Schnapsideen und Minderwertigkeitskomplexen. Und für die Bundesjugendspiele ist man ja irgendwann auch zu alt. Und zu erschöpft. Andere finden das toll, ich nicht. Mein Leben ist keine Verkaufssendung. Es geht um Lachtränen, um gutes Essen, um Wein, um frisch bezogene Betten und diesen einen Tag im Jahr, an dem man morgens aus dem Haus tritt und weiß, es wird Frühling. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht.

2 Comments

  1. Den Text möchte ich mir merken. Wort für Wort auswendig lernen. Verinnerlichen.
    Und endlich aufräumen.
    (Werde ich natürlich nicht machen. Das gehört zu den Dingen, die man sich vornimmt und dann doch nicht macht. Aber ich werde diesen Text meiner besten Freundin zeigen und dann werden wir darüber reden und ich glaube das ist zumindest ein guter Anfang…)
    Vielen Dank für all diese Gedanken. Ich hoffe, du bist zufrieden mit dir selbst und feierst dein Leben (und manchmal auch nicht, das ist in Ordnung).
    Hab einen wundervollen Tag, schließlich kommt jetzt dann der Frühling 🙂
    Viele Grüße
    Felicitas

    1. Ich glaub für Kommentare wie diesen hier hab ich wieder angefangen zu bloggen 🙂
      Danke für deine Worte. Ich hoffe, du hast mit deiner Freundin darüber geredet und schon angefangen aufzuräumen. In dir drin und um dich herum. Und ich hoffe, ihr seid nicht zu streng mit euch und dass ihr auch einen schönen Frühling habt!

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