Fresskoma in Österreich

Das neue Jahr ist nun schon fast eine Woche alt und meint es bisher gut mit mir. Denn normalerweise leide ich in dieser Zeit unter einer Neujahrs-Depression, die etwa zwei Wochen dauert, dann langsam verschwindet, um einige Wochen später wieder abgelöst zu werden von einer Karnevals-Depression, die dann recht nahtlos übergeht in die lethargische „Oh, schon März, das Jahr ist ja schon wieder fast um, na jetzt brauch ich mein Wonderwoman-Kostüm auch nicht mehr aus der Reinigung zu holen!“-Phase. Ernsthaft.

Diesmal ist es anders, denn diesmal habe ich der Neujahrs-Depression einen mächtigen Gegner vor die Nase gesetzt. Ein mit Käse überbackenes, gut gewürztes Glücksbärchi. Am 2. Weihnachtsfeiertag machten M. (Snowboarder, Freund von verlassenen Orten, brach mir beim Monopoly das Herz) und ich uns auf den Weg nach Österreich, wo wir eine ganze Woche lang eigentlich nur gegessen haben. Zusammen mit D. (bombastisches Mädchen mit den roten Haaren und Schwester im Geiste), A. (professioneller Pizzateigkneter und begeisterter Instagram-Nichtanwender), J. (Motivator und tiefenentspannter Monopoly-Hippie) und C. (Bergziege gefangen im Körper eines sehr treuen, sehr perfekten Hundes). Ein beeindruckendes Rudel.

Es folgt nun eine kurzweilige Chronik des Urlaubs inkl. Serviervorschlag verbunden mit der Bitte an euch, auch öfter mal irgendwohin zu fahren und dort tagelang nur Essen zu kauen, Filme zu schauen und das Nichtstun zu zelebrieren.

Tag 1 – Hot Dogs mit Kartoffelsalat

Um fünf Uhr morgens sitzen wir im Auto. Der eine fährt, die andere döst, weil sie bis zwei Uhr noch am Laptop saß um einen Blogartikel fertig zu schreiben. Es läuft „Die 13 1/2 Leben des Käpt´n Blaubär“. An einer Raststätte etwa 100 Kilometer vor München begegnet uns ein sehr unzufriedener Mann in einem grünen Anorak. Während er sein Kind im Arm hält – das einen unschuldigen und von der väterlichen Scheißheit völlig unbeeindruckten Eindruck erweckt – ist er in der Lage dazu, mit seinem messerscharfen Verstand und seinen Adleraugen den vegetarischen vom nicht-vegetarischen Brötchenbelag zu unterscheiden.

„Was ist das?“
„Das ist mit Gemüse.“
„Und das da auch?“
„Das ist mit Pute.“
„Nein, das ist auch Gemüse.“
„Das ist mit Pute, das habe ich eben erst belegt.“
„Das ist mit Gemüse, das seh ich doch. Ich nehme das andere.“

Gemüse, Pute, vollkommen egal. Alle in der Schlange hassen den Mann. Ich beschließe, mich in den nächsten Wochen so oft wie möglich aufzuregen und dann zu rufen „Ich könnt mich aufregen! Wie so´n Mann im grünen Anorak!“ Bis alle anderen es dann auch so oft wie möglich sagen, auch all jene, die den Mann im grünen Anorak gar nicht kennen.

franziseibel_2015-12-26_16-10-01Die Ferienhütte liegt in Gries in über 1000 Meter Höhe und wir müssen unseren Urlaub dort verbringen, weil D. den Aufenthalt aus Versehen vor ein paar Monaten für uns gebucht hat. Das Beste neben dem unschlagbaren Preis ist die tolle Lage. Eine kurvenreiche Straße führt erst den Berg hoch durch ein Stück Wald, dann begegnet man dem Hund Simon* (*Name von der Redaktion willkürlich gewählt, weil es immer ganz nett ist, unbekannten Tieren auf Anhieb Namen zu geben und es kein Gesetz der Welt gibt, das dem Menschen vorschreibt, dass man Tiere gefälligst „Struppel“ nennen soll.) Nach ein paar weiteren Höhenmetern erreicht man schließlich das Grundstück, wird sehr freundlich begrüßt und staunt erst über den genialen Ausblick und dann über das gemütliche Innere.

Ein paar Stunden später hat auch der Rest es geschafft und gemeinsam verbringen wir einen ersten wunderbaren Abend bei Kaffeeschnaps und Wein und Hot Dogs und guten Gesprächen, die das Allerwichtigste und Schönste an so einem Urlaub sind.

Tag 2 – Hot Dogs mit Nudelsalat

Ich schlafe gut. Die letzten Wochen waren geprägt von einer suizidalen Magenschleimhaut und einem Dauerschmerz der Lendenwirbelsäule. Beides hat sich über Nacht in Luft aufgelöst.

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Ich schlafe wie ein glückliches Baby und beginne den Tag mit einem Buch und einem Cappuccino draußen auf der Bank. Die Sonne scheint, ich kann die Berge sehen und Hoffnung und eine glückliche Zukunft und auch ein paar Fruchtfliegen, denn die Temperatur hat sich im Monat geirrt.

Nachmittags treffen wir einen grauenhaften Entschluss. Wir wollen spazieren gehen. Der Vermieter hatte uns bei unserer Ankunft eine handgezeichnete Karte vorbeigebracht, auf der er mit dem Finger entlang fuhr und Dinge zu mir sagte in Elben-Sprache oder Österreichisch, das weiß ich leider nicht genau. Fasziniert vom Klang seiner Stimme habe ich jedenfalls kein Wort verstanden, nur „gemütlich“ und „schöne Aussicht“. Aber ich kann mich hier auch irren, meine körperliche Verfassung nach der kleinen Wanderung legt das jedenfalls nahe.

franziseibel_2015-12-27_18-29-29Zunächst spüre ich nichts außer ein bisschen Vorfreude und das leise, liebgewonnene Fauchen meiner Lunge. Es ist egal wie steil es bergauf geht, sie beschwert sich grundsätzlich, seit vielen Jahren, das ist in Ordnung, man gewöhnt sich daran. Nach zehn Minuten haben D. und ich allerdings das Gefühl, dass das vielleicht doch kein so gemütlicher Spaziergang wird. Der Hund tollt, die Männer lachen, einer von ihnen hat sich einen Wanderstock gegriffen und angefangen irgendetwas von „Mind over body“ in unsere Richtung zu rufen. Wir haben uns den steilsten Aufstieg ausgesucht, unser erstes Ziel soll die Ameisen-Station sein, dann eine Art Aussichts-Plattform, auf halber Strecke stellt mein Oberkörper seine Funktionen weitest gehend ein, damit meine Beine mich tragen können. Unsere Hände krallen sich in die Erde, halten sich daran fest, damit wir nicht nach hinten umkippen. Wir umarmen Bäume, wir keuchen, wir denken übers Kotzen nach. Der Hund tollt immer noch. Der Weg zurück bietet dann übrigens tatsächlich eine tolle Aussicht. Ein bisschen Sterben kann sich also ein bisschen lohnen, wieder was gelernt.

Tag 3 – Pizza-Raclette

Wir schauen uns Bad Gastein an. Man nennt den Ort auch das Monte Carlo der Alpen und wer mal danach googelt, weiß warum. Ich warte, während wir uns ein bisschen umsehen und ein paar Fotos vom Wasserfall machen, auf den Moment, an dem ich von einem bestimmten Platz aus ein halbwegs charakteristisches Bild der sehr imposanten Bauten machen kann, aber das ist gar nicht so einfach.

franziseibel_2015-12-28_15-29-52Wahrscheinlich braucht man dafür einen Helikopter oder muss bei irgendwem aufs Dach steigen. Oder eben irgendeinen steilen Hang hochmarschieren, aber das haben wir ja bereits unter Tränen hinter uns gebracht.

Abends passiert etwas Magisches. Denn es gibt Pizza-Raclette. Quasi Liebe zum Quadrat. Als würde man niesend in einem Whirlpool sitzen.

Stundenlang kann man in kleine Schälchen greifen, gefüllt mit Schinken und Zwiebeln und Salami und Ananas und Pilzen und Thunfisch und anderen Glücksbringern. Und während man wartet, bestaunt man die Kreationen der anderen und spricht über den Sinn des Lebens und kommt beinahe zu dem Ergebnis, dass Pizza-Raclette dem schon sehr nahe kommt.

Tag 4 – Hawaii-Toast

Während der eine Teil den Tag auf Brettern im Schnee verbringt, frühstückt der andere Teil stundenlang und fragt sich, warum die Welt immer verrückter wird, wann Spiritualität wehtut und ob Frauenmagazine außerhalb von Zahnarztwartezimmern eine Daseinsberechtigung haben. Später schlüpfen wir beim The-Walking-Dead-Monopoly in verschiedene Rollen. D. und ich benehmen uns wie man es von Frauen erwartet. M. und A. benehmen sich, wie man es von Männern erwartet und J. benimmt sich, wie man es von einem schlafwandelnden Übermensch erwartet. Er beharrt darauf, dass ein Pferd und eine Flasche Wasser am Tag genügen, um glücklich zu sein und hat damit auch eine lange Zeit viel Erfolg.

Ich erlebe eine große Enttäuschung, weil M. mir die letzte dringend benötigte rote Straße nicht verkaufen möchte, die ich brauche, um einigermaßen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Seine gleichmütige Art nimmt mir den Lebensmut, Stunden später liege ich noch lange wach und frage mich, ob das alles einen Sinn macht und ob ich, abgesehen von „Das verrückte Labyrinth“, jemals Spaß an einem Gesellschaftsspiel haben werde.

Tag 5 – Nudeln

Der darauf folgende Abend beantwortet mir diese Frage recht schnell: Es ist nahezu unmöglich für mich, Gesellschaftsspiele zu spielen, ohne dabei ein winziges kleines bisschen Hass zu empfinden. Was mich hingegen glücklich macht, sind Chips und Würmchen* (*Nicht Flips! Würmchen!!!) und Wein und Lachtränen und das Gefühl, von Menschen umgeben zu sein, vor denen ich mich nicht verstecken muss. (Ausnahme: J. immer dann, wenn er mit der Kamera herumspielt.)

Der erste „Planet der Affen“-Film aus dem Jahr 1968 ist übrigens gar nicht so doof, wie ich immer behauptet hab. Ohne ihn je gesehen zu haben. Franzi-Logik.

Tag 6 – Chili Con Carne

Es geht dem Jahresende und dem Ende unseres Urlaubs entgegen. Endzeitstimmung macht sich breit, wir brauchen unbedingt noch ein bisschen Schnee, um überhaupt mit Gewissheit sagen zu können, dass wir im Dezember ein paar Tage in den Alpen verbracht haben.

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Also treffen wir uns mit M. und A. auf dem Kitzsteinhorn im Skigebiet von Kaprun. Die Wintersportler gönnen sich ein Mittagessen und eine Pause, wir anderen ekeln uns zunächst ein bisschen vor der Schlagermusik und loben den Hund dafür, dass er das ganze Affentheater so tapfer akzeptiert. Auf dem Gipfel in über 3.000 Metern Höhe gibt es noch Kaffee und Kuchen, das obligatorische Gruppenfoto und eine phänomenale Aussicht.

Abends feiern wir einen luxuriösen Jahreswechsel: Wir ziehen unsere Jogginghosen an, trinken Mexikaner, spielen „Looping Louie“ und reiben uns die Bäuche. Und ich stelle fest: Viele kleine Feuerwerke von oben zu betrachten ist viel schöner als ein großes Feuerwerk von unten zu betrachten.

Tag 7 – Raclette

Drei Dinge prägen den letzten Urlaubstag in Österreich. Stirb langsam Teil 1 bis 4, Raclette und Mädchenabend. Wobei Stirb Langsam schnell zu einem Männerding wird und der Mädchenabend abgesehen vom Hund schnell zu einem Frauending wird. Raclette ist dann wieder so ein ganz wundervolles und auch furchteinflößendes Gemeinschaftsprojekt.

Es ist ein bisschen wie damals auf Klassenfahrt, der letzte Abend ist immer ein besonderer Abend. Man schmiedet Pläne, findet rote Fäden und ist traurig, dass die siebentägige Weinprobe in 24 Stunden schon wieder Vergangenheit ist.

Jetzt kann ich euch nur noch den Tipp geben, die tolle Lage und den unschlagbaren Preis des Ferienhauses auch mal zu nutzen. Ihr werdet da wunschlos glücklich sein, es gibt ein Bad und zwei Toiletten, Fußbodenheizung, eine große Küche und die Lage ist perfekt, eine dichte Schneedecke hätte dem ganzen noch die Krone aufgesetzt. Die heben wir uns fürs nächste Mal auf.

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