Ich und mein Gehirn und mein durchschnittlich schöner Körper

Wenn du Glück hast, dann wirst du von deinen Eltern mit sieben Jahren im Turnsportverein angemeldet und die Bewegung wird zu einem natürlichen Teil deines Lebens. Du entwickelst dich zu einem wunderschönen, proaktiven Lebewesen, mit gesunden Muskeln, aufrechter Körperhaltung und federndem Gang. Und du stirbst mit 92, weil dir bei der Gartenarbeit ein Dachziegel auf den Kopf fällt.

Meine Eltern haben mich mit dem Blödsinn in Ruhe gelassen. Als 8jährige konnte ich mich ungestört weiterbilden (Japanische Zeichentrickserien anschauen), Playmobil spielen, Krabbeltiere in Marmeladengläser einschließen und durchaus beeindruckende Bauwerke errichten (Wohnzimmerburganlagen. Bestehend aus sechs Wolldecken, zehn Kissen, zwei Tischen und vier Stühlen). Ich war zwar irgendwie ein aktives Kind, bin viel geklettert, hatte nie Höhenangst und immer blutige Knie, aber zur Gewohnheit wurde mir die regelmäßige Bewegung trotzdem nicht. Die Ehrenurkunden bei den Bundesjugendspielen bekamen immer andere.

Gewohnheiten

Ich war lange davon überzeugt, dass ich mit meinen Gewohnheiten sehr gut leben kann, mit den gesunden und den ungesunden. Dem vielen Sitzen, Lesen, Schreiben, Nachdenken, Bücken, Grübeln, Zittern. Mit Anfang zwanzig ist das vielleicht auch noch so. Mit Anfang zwanzig glaubt man, dass die originellen, kreativen, klugen Menschen um einen herum nie die sind, die man gleichzeitig für ihre Gesundheit, ihr Aussehen, ihre supertollen Organe bewundert. Mit dreißig ist einem manchmal egal, ob diese Theorie nun zutrifft oder nicht, denn manchmal liegt man abends wach und fragt sich, ob das Leben einfacher wäre, wenn man einen niedrigeren Puls hätte, wenn man nicht wüsste wie Panikattacken sich anfühlen, wenn Joggen oder Yoga oder Krafttraining oder Fahrradfahren einfach eine Routine wären, über die man nicht nachdenkt, sondern sie einfach macht – getreu dem doofen, aber völlig richtigen Nike-Motto „Just do it!“

Panflötenmusik

Seit ein paar Jahren versuche ich also immer wieder, meinen Urinstinkt/meinen inneren Schweinehund/Jabba the Hut zu ignorieren und den Rost ein bisschen zu entfernen. Das erste was ich vor vielen Jahren ausprobiert habe, war Pilates. Zehn Stunden in einem Dorfgemeinschaftshaus mit ein Dutzend anderen Frauen, ihr wisst Bescheid. Es stellte sich dann heraus, dass mein Körper nicht für diese langsamen, bedachten Bewegungen konzipiert wurde. Auch die entspannende Panflötenmusik am Ende jeder Übungsstunde konnte mich nicht vom Gegenteil überzeugen.

Zumba

Danach war ich 24 Monate lang Mitglied in einem Fitnessstudio und zunächst lief auch alles nach Plan. Ich ging zweimal die Woche trainieren, mit supermotivierenden Melodien auf den Ohren (You only get one shot, do not miss your chance to blow, this opportunity comes once in a lifetime yo) und dem Ziel, ganz bald Oberarme wie Michelle Obama zu haben. Sogar Yoga- und Zumba-Erfahrungen habe ich gesammelt. Die drei Stunden Yoga machten keinen Spaß, weil ich ständig kurz davor war, in Pressatmung zu verfallen und ohnmächtig zur Seite wegzukippen (ich wäre die schlechteste Schwangere der Welt).

Die zwei Stunden Zumba machten genauso wenig Spaß, weil ich mich nicht bewegen kann wie eine Schlange und ich mich dabei außerdem wie jemand fühlte, der Wandtattoos und Einkaufszentren mag und es für eine hervorragende Idee hält, bei einem Mädelsabend Selleriesticks in Kräuterquark zu dippen.

Bauchmuskeln

Es folgte die DVD-Phase. Die kostete weniger und war sogar ein paar Monate lang erfolgreich. Ich weiß nicht, ob ihr Jillian Michaels kennt, aber ihre „30 day thred“-Challenge ist so ziemlich das einzige Konzept, was mich jemals überzeugt hat. Im Gegensatz zur supernervigen Tracy-Anderson-Methode. Ich freute mich jeden Nachmittag darauf, abends nach Hause zu kommen und eine halbe Stunde zu schwitzen wie ein Schwein. Nach einer Woche konnte ich in die Hocke gehen, ohne dass es anfing zu knirschen. Und nach einem Monat wurde hinter all der Pizza und den Teilchen vom Bäcker meine Bauchmuskulatur sichtbar. Ein winzig kleines bisschen. Warum ich damit aufhörte? Weil sich aus irgendeinem Grund alle drei Wochen entweder meine Mandeln oder die Knochenhaut meiner Waden entzündete. Zu meiner großen Überraschung muss man diese abenteuerlichen Fitnesssübungen nämlich ein bisschen an den eigenen Gesundheitszustand anpassen.

Im letzten Jahr meldete ich mich an der Volkshochschule zu einem Taijiquan-Kurs an. Ein kleiner Hinweis: Wenn man die Koordinationsfähigkeit einer besoffenen Fruchtfliege hat, dann sollte man es lieber mit einfacheren Aktivitäten versuchen. Einfach nur geradeaus laufen oder beim Zähneputzen mal fünfzehn Sekunden lang auf einem Bein stehen zum Beispiel.

Überleben

Jetzt haben wir April 2016, seit Jahren versuche ich einen Zugang zu meinen Extremitäten zu finden, der Sommer naht, auf Instagram sehnen und trainieren Leute sich ihre Strandfigur herbei. Im Februar habe ich mich zum zweiten Mal im Fitnessstudio angemeldet. Es mangelt mir zwar eindeutig an knallharter Disziplin, aber Aufgeben ist keine Option. Und Mäusebabyschritte sind besser als nichts. Als der Fitnesstrainer mich fragte, ob es einen speziellen Grund gibt, warum ich regelmäßig trainieren möchte, hab ich keine Problemzone erwähnt. Muss ich ja auch nicht, sieht man ja. Ich hab auch nicht gesagt, dass meine Kondition miserabel ist. Das ist sie, wirklich, aber darum geht es nicht. „Ich will überleben.“, hab ich gesagt. Voller Bodenständigkeit, ohne einen Funken Idealismus, Panik und gesellschaftlichem Druck. Ich will überleben.

Was ich nicht will: beim Staubsaugen die Orientierung verlieren. Beim Fensterputzen in Ohnmacht fallen. Während einer Städtereise zwischen der vierten und fünften Sehenswürdigkeit auf dem Bürgersteig liegen bleiben. Was ich auch nicht will: eine Strandfigur. Reaktionen für Äußerlichkeiten. Geil aussehen.

Ich will jetzt nicht an den Strand, und morgen auch nicht, überhaupt bin ich ja 99,9 Prozent meines Lebens gar nicht am Strand, ich will mit meinen straffen makellosen Schenkeln nicht die Welt erobern, eure Schönheitsmerkmale sind mir scheißegal, ich will mich einfach nur ein bisschen lebendiger fühlen.

Ich will, dass die Peripherie halbwegs intakt ist, das schulde ich meinem Gehirn, dem einzigen Organ in meinem Körper, das mich bisher noch nicht maßlos enttäuscht hat. Ob mich dabei irgendjemand anbetungswürdig findet, spielt für mich keine Rolle, ich schließe es momentan sogar rigoros aus, mit stolz geschwellter wohl geformter Brust, weil ich nämlich bald im bodenständigen mittleren Alter bin und längst erste Falten in meinem Gesicht mit mir herumtrage und es reine Zeitverschwendung ist irgendwem gefallen zu wollen. Das beste was man tun kann ist, sich selber gegenüber pragmatischer zu sein. Und dankbar dafür sein, dass man von Lieblingsmenschen nicht Zuckerpuppe genannt wird, sondern Struppi. Das kann ja auch nicht jeder von sich behaupten.

(Übrigens: Diana von urbanlifestyltrash ist zum Glück auch keine quitschvergnügte Sportskanone.)

5 Comments

  1. „Ich will jetzt nicht an den Strand, und morgen auch nicht, überhaupt bin ich ja 99,9 Prozent meines Lebens gar nicht am Strand […]“

    Große Liebe für diesen Text. Sich lebendig zu fühlen und zu wollen, dass die Peripherie halbwegs intakt ist, ist übrigens eine gute Motivation für Sport. Und auch eine gute Motivation, mal nicht Sport zu machen.

  2. Jesus Christus. Sehr gelacht, und mehrfach gedacht, dass Fitness-Veranstaltungen genau so beworben werden sollten. „Sie wollen nicht mehr beim Fensterputzen in Ohnmacht fallen? Kommen Sie zu uns ins Fitness-Studio!“

  3. Ouh. Wie bekannt sich das alles liest! Und dann noch so amüsant und klug verpackt.

    Als Kind habe ich mich auch hinter „ich zeichne lieber/mach lieber Musik/ …“ versteckt. Hat auch prima geklappt. Manchmal wünsche ich mir jetzt auch, man hätte mich zu mehr gezwungen – aber ich habe es ja so gehasst und hätte mich auf jede Art geweigert. Leider jetzt fehlt dem Körper das Bewegungs-Knowhow. Hab ich mich deswegen so bei der „besoffenen Fruchtfliege“ ertappt gefühlt? Leider muss ich jetzt auch regelmäßig was tun, für den Rücken und naja, für den Rest. Ironischerweise hab ich mir genau dabei letztes Mal noch mehr am Rücken was getan. Tadaa.

    Habe ich jetzt tatsächlich das erste Mal hier gelesen? Ich hab Deinen Namen heute bei Instagram aufgeschnappt. Deine Schreibe fühlt sich so bekannt an. Ich werde zukünftig jedenfalls häufiger vorbeischauen 🙂

  4. Erwischt!

    Genau die Gedanken kenne ich auch. Das einzige, was mir wirklich gefiel als Kind schon, war das tanzen, das wurde dann aber leider nicht gefördert und ich hatte zu wenig Antrieb (wohl auch wegen der japanischen Serien).

    Jetzt bin ich so sportlich wie noch nie zuvor (was nichts heißen mag) und staune mal über mini Triebs hier und erstem überlebten Firmenlauf da. Man kann also auch noch Ende 20 zu neuen Gewohnheiten kommen, mach dir keine Sorgen und ich finde es super, dass du nicht aufgibst, das machen viel zu viele! Weiter quälen bis es zur Gewohnheit wird. Ich bin jetzt immer 2-3 Mal die Woche laufen und das geht mittlerweile voll (kleinerer Schweinehund) bzw. merke ich, wenn ich mal nicht gehe.

    Daumen sind gedrückt

  5. noch so ein genialer text. bitte hör nicht auf zu schreiben, es ist toll! ich bin übrigens im moment beim klettern gelandet und es macht mir sogar richtig spaß. ich kann zwar nicht von mir behaupten, dass ich keine bikinifigur WILL, habe mich aber damit abgefunden, dass ich nicht zu der sorte mensch gehöre, die jemals eine haben wird – dazu ist essen zu sehr kompensation aller möglichen dinge und daher elementar für meine psychohygiene.

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