Blaue Räume

Genau vierzehn Tage später stehen wir ein zweites Mal in der Wohnung. Die Räume sind nicht kleiner geworden, oder dunkler, im Gegenteil. Wir entdecken, dass die Küche einen extra Besenschrank hat, das heißt man kann nicht nur zu zweit ohne Probleme gleichzeitig Gemüse schneiden, ohne übereinander zu stolpern, man kann sich währenddessen auch über den Besen freuen, der sich im Schrank versteckt hält. Nur das blaue Zimmer bereitet mir Sorgen, es ist irgendein Gefühl, irgendetwas widersetzt sich in mir, es lädt zu unproduktiven Sachen ein, auf die ich keine Lust habe. Also sage ich später zu M., dass ich diesen Raum immer nur von der Loggia aus betreten werde und er schmunzelt und weist mich darauf hin, dass ich, um den Raum – meinen Raum – von der Loggia aus betreten zu können, vorher trotzdem mindestens einmal vom Flur aus das Zimmer betreten und von innen die andere Tür geöffnet haben muss. Manchmal bereiten mir die einfachsten Gedanken Mühe.

Ich war in Sorge, ein kleines bisschen, dass ich ein bisschen unkreativ geworden bin, aber D. teilt mir mit, dass der erste Teil ihrer Hochzeitseinladung ihr gefällt, als hätte ich direkt in ihr Gehirn geschaut, und ich bin sehr froh und beschließe das später in mein Dankbarkeits-Tagebuch zu schreiben, das ich führe, seit neuestem, wie so ein Mensch, dem man bei den einfachsten Dingen auf die Sprünge helfen muss, aber vielleicht ist das tatsächlich so, dass ich das Dankbarsein verlernt habe oder nie gut darin war, also schreibe ich jeden Abend in ein DIN A7 kleines gelbes Heft drei Dinge, für die ich dankbar bin und manchmal reicht der Platz gar nicht aus.

Weil der Film nicht laufen will, schauen wir Teleshopping, vollgefressen mit Pizza und Enzymen vom Pankreas eines Schweines und wir schauen eigentlich nur nebenbei, aber unsere Gedanken kreisen eine ganze Weile um den Lumeso-Bonsai mit den 24 Fiberoptikblüten und der integrierten Timerfunktion und mit welcher Ernsthaftigkeit der schnuffelherzbärchige Moderator von der Energie spricht, die das Ding transportiert, und ich denke, das Bäumchen ist wie ein Placebo, wenn man daran glaubt und wenn man sich dann weniger allein fühlt, weil halt irgendwo in der Wohnung irgend so ein Ding heimelig leuchtet, für 19,99, dann geht das schon irgendwie in Ordnung.

Der Tag geht zu Ende mit der Erkenntnis, dass es beruhigend sein kann, einer Hydraulikpresse dabei zuzusehen, wie sie Dinge zerquetscht.

Der Account gehört einem Russen, ich mag Russen, irgendwann landet man dann ganz woanders bei einer Badeente, die in der Mitte durchgeschnitten und einer Waffel, die übertrieben lang mit Softeis befüllt wird, man kann sich voll darin verlieren und ich frage mich wie es wäre nach dem Schreiben des Dankbarkeits-Tagebuches, in dem manchmal auch so banale Dinge stehen wie „Die Pizza in der Spelunke hatte einen Durchmesser von 45 cm“, und vor der zehnminütigen Meditation der Hydraulikpresse dabei zuzusehen wie sie alltägliche Konsumgüter zerquetscht. Vielleicht werde ich mich in dem blauen Zimmer, das bald nicht mehr blau sein wird, doch wohl fühlen.

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