Warum schön uns manchmal allen scheißegal sein sollte

Ein dicker Arsch, ein finsterer Blick und wabbelige Oberarme sind nur drei von unzähligen Mängeln, die ich seit vielen Jahren mit mir herumtrage. Es fehlt mir an Liebreiz, an einem farbenfrohen Kleidungsstil und auch an den drei typischen weiblichen Schönheitsmerkmalen (Pferdemähne, Schwanenhals, Babyrobbenhaut). Warum ich das alles so genau weiß? Weil es mir seit Jahren immer wieder freundlich mitgeteilt wird. Seitdem ich ungefähr zwölf Jahre alt bin. Von Männern und Frauen, alten und jungen Menschen, von Wildfremden, von Familienmitgliedern, von guten oder nicht so guten Bekannten.

Es wird nicht nur mir mitgeteilt, es wird auch vielen anderen tagtäglich mitgeteilt. Jeden Tag steht irgendwo auf der Welt mindestens eine Arschgeige auf, um irgendeine andere Person auf ihre äußerlichen Mängel hinzuweisen, mal unterhalb der Gürtellinie, mal knapp drüber, manchmal auch so als handle es sich um einen netten Gefallen.

Wenn ihr jetzt glaubt, dass das hier ein Artikel über die Boshaftigkeit der Menschheit wird und ich mich unter all den Wassereinlagerungen und hinter all den Schatten trotzdem unbedingt schön fühlen will, dann irrt ihr euch. Ich will mich nämlich nicht schön fühlen. Ich weiß, es wird einem immer und überall vorgeschlagen und angepriesen. Und Frausein ist eng mit Schönsein verbunden. Jedes Mal, wenn irgendwo in der Öffentlichkeit eine Frau für ihr Äußeres kritisiert wird, lautet der Befehl „Hört nicht auf die Leute! Ihr seid stark! Fühlt euch einfach trotzdem schön!“

Und ein Teil von mir versteht diese Reaktion. Jede Frau ist schön. Das klingt gut. Die mit den buschigen Augenbrauen ist schön. Die Übergewichtige ist schön. Die Untergewichtige. Die Normalgewichtige, die sich einreden lässt, dass sie übergewichtig ist. Die Glatzköpfige. Die mit den kleinen Brüsten. Die mit den großen Brüsten. Die mit der Kurzhaarfrisur. Die mit den Schwangerschaftsstreifen.  Die mit der großen Nase. Die Afroamerikanerin. Die Rollstuhlfahrerin. Die Oma. Die, die früher mal ein Mann war. Die klassische Schönheit ist auch schön.

Jede Frau ist schön. Ich hab´s kapiert. Body positive, Schönheit ist vielfältig, inneres Strahlen und so weiter und so fort. Ihr wollt, dass wir uns alle wohler fühlen in unserer Haut. Dass wir uns auf andere Dinge konzentrieren können als unsere Ärsche und ob die Frisur sitzt. Ihr wollt, dass wir uns unabhängig von unserer Außenwelt schön fühlen und ich sage Dankeschön dafür und ich meine das auch genau so.

Aber wisst ihr was? Vielleicht will ich mir nicht gebetsmühlenartig immer wieder vorsagen, dass ich ja trotzdem schön bin.Vielleicht zucke ich einfach mit den Schultern, vielleicht will ich keinen einzigen Menschen auf dieser Welt vom Gegenteil überzeugen, vielleicht können wir der Schönheit ab morgen einfach mal für eine Weile den Boden unter den Füßen wegreißen.

Wäre das nicht wohltuend? Wenn Schönheit einfach mal nicht das Thema wäre. Wenn Schönheit mal für eine Weile ihren Reiz verlieren würde. Wenn wir einfach mal so tun würden, als gäbe es keinen einzigen schönen, aber dafür viele interessante, vielfältige Menschen auf der Welt. Wenn wir ab sofort nur noch Komplimente verteilen würden, die sich auf alles beziehen, nur nicht auf Äußerlichkeiten. Wenn Leute sich etwas anderes suchen würden, was sie am Anderen spannend finden.

Vielleicht sollten wir die Liste unserer angeblichen Mängel und unsere fehlende Schönheit in Zukunft nicht mit einem  trotzigen „Doch!“ kommentieren, sondern mit einem entspannten „Und?“ Vielleicht kann man das üben. Vielleicht lohnt es sich, das zu üben, anstatt immer wieder die gleichen Zitate auf Instagram zu liken und still zu hoffen, dass morgen ein Arschloch weniger aus dem Bett steigt.

(Done is better than perfect. Deshalb habe ich auf „veröffentlichen“ geklickt, obwohl es dazu noch viel mehr zu sagen gibt. Hole ich nach. Erstmal bin ich aber froh, dass ich im Rahmen der kleinen gobacktoblogging-Challenge immerhin drei Mal ein paar Sätze geschrieben hab. Das hat Spaß gemacht. Machen wir bald wieder, ja?)

4 Comments

  1. du schreibst mir aus der seele! vor einiger zeit habe ich auch einen artikel zum thema schönheit geschrieben und warum wir da mal nicht drüber wegkommen und andere dinge nicht wichtiger sein können…

  2. Als Mann erlebe ich es anders: Äußeres wird deutlich weniger bis gar nicht in puncto Schönheit kommentiert. Aber eine Rolle spielt es natürlich doch. Schnell wird man als irgendwie asexuelles Wesen wahrgenommen, wenn man nicht gängigen Idealen entspricht. Da biste einfach von vornherein aussortiert.

  3. @Toc99: Wahrscheinlich ist es wie mit allem: Es kommt auf die Menschen an. Die meisten tollen Frauen in meinem Umfeld haben tolle Männer an ihrer Seite, die auf ihre Art gut aussehen und interessant sind und gleichzeitig tatsächlich nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Das sind aber, wie gesagt, auch tolle Frauen. Wenn es da welche gibt, von denen du als asexuelles Wesen wahrgenommen wirst, dann liegt es an der Ollen, nicht an dir. Du bist wahrscheinlich, ohne dass ich dich jetzt kenne, genau so richtig wie du bist.

    Mir ist es eine Zeit lang aber auch immer so ergangen. Ich hatte mal eine Weile kurze Haare und in zwei, drei Jahren werden die wahrscheinlich auch wieder kurz sein. Die einen (Männer wie Frauen) fanden es super. Die anderen haben überhaupt keine Notiz von mir genommen. Weil: Man ist ja dann nicht mehr typisch weiblich. Wenn man dann noch 8 Kilo zunimmt, eine Brille braucht und sich gelegentlich kleidet wie ein Stallknecht, dann ist es ganz vorbei.

    Ich hab die Erfahrung gemacht, dass Menschen die so denken, von vorneherein ziemlich lahmarschige Personen sind, mit denen man sich in fast jeder alltäglichen Lebenslage sehr schnell langweilen würde. Die dürfen also gerne alle unter sich bleiben.

  4. Ja, Du hast vermutlich recht. Wobei ich noch nie einem Schönheitsideal entsprochen habe und gar nicht weiß, wie sich das anfühlen könnte. Ein entfernte Bekannte von mir schilderte mir ihr erstes Mal in einem Schwulenclub. Sie war enttäuscht: „Normal kucken die Männer ja immer, die checken einen so kurz ab.“ Sie war sich dieser Aufmerksamkeit durchaus bewusst und vermisste sie auf einmal in einem Laden voller Männer, die sich nicht für Frauen interessieren. Ich fand das eine spannende Geschichte. Gerade weil mir so eine (Selbst)Wahrnehmung völlig fremd ist. Bestimmt finden etliche Frauen dieses (durchaus auch taxierende) „Abgechecktwerden“ sogar störend. Bis hin zu einem gewissen Leiden daran, nur als Körper gesehen zu werden, gerade wenn man einem Schönheitsideal entspricht (berichtet mir eine Freundin gelegentlich davon). Für mich ist das hingegen fremd, eine Story vom anderen Planeten, ich kann dazu nichts mitfühlen.

    OK, wie ich hier so beim Schreiben gen Horizont über die Felder schaue, kurz vor dem Wald der Reitststall, werde ich also mal nach kurzhaarigen Stallknechtinnen Ausschau halten. 😉

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