Babies, Bier und Besenschränke

Wir ziehen zum Beispiel wegen der Geschirrspülmaschine und der insgesamt viel größeren Küche um. Das klingt nicht visionär, aber das ist auch gar nicht meine Absicht.

Die Geschirrspülmaschine haben wir momentan nicht, weil die aktuelle Küche zu klein ist. Die Küche ist grün und bis vor Kurzem hingen als Ausgleich noch Fotos von Betrunkenen an den Schranktüren. Wir ziehen auch wegen 40 qm² mehr um, wegen der guten Lage und um Zeit zu sparen. Außerdem befindet sich in der neuen Küche ein Besenschrank, was mich aus ganz praktischen Gründen vollkommen begeistert, obwohl ich kein durchgeknallter Putzteufel bin, der den ganzen Tag aromatische Dämpfe einatmet und mit dem Jemako-Mopp völlig beseelt durch die Wohnung fegt.

Das sind alles ziemlich banale Gründe – wie gesagt, ich bin nicht der wiederauferstandene Steve Jobs – die am Ende allerdings helfen eine klare Antwort zu formulieren zu der Frage wie man leben möchte. Und was einem wichtig ist. Und wie viel Affentheater man um sich herum haben muss, um sich halbwegs lebendig zu fühlen.

Nun haben wir allerdings zwei Dinge nicht bedacht. Vielleicht, weil sie für uns überhaupt keine Rolle spielen. Das wäre das Naheliegendste. Vielleicht aber auch, weil wir total verantwortungslos sind. Oder egoistisch. Oder hinterwäldlerisch. Oder was auch immer.

Nummer Eins: In unserem neuen Wohnort gibt es nur eine handvoll Kneipen, Imbissbuden und Restaurants. Ich rede nicht von einem Viertel, sondern von dem gesamten Ort, wir sind ja hier in der Provinz. Das bedeutet, wenn man ein Bier trinken möchte, alleine oder im Beisein anderer Leute, dann muss man der Abwechslung halber manchmal auf den eigenen Balkon oder das eigene Sofa ausweichen. Grauenvoll, ich weiß.

Schicke Läden mit geschmackvoller Damenoberbekleidung gibt es übrigens auch nicht, ebenso wenig wie eine gigantische Auswahl an Flohmärkten, und die meisten Straßen dort haben nicht mal einen eigenen verdammten Straßenmusiker. Einmal im Jahr wird Karneval gefeiert, dann passiert lange Zeit nichts, wirklich überhaupt nichts, was sollte auch passieren, außer dass dann wieder Karneval gefeiert wird.

Supermärkte gibt es, das ist wichtig, wegen der Milch und den Eiern, aber keinen einzigen Coworking-Space. Und weil es keinen Coworking-Space gibt, kann es schräg gegenüber auch keinen Laden geben, der Flip-Flops verkauft. Eine Universität gibt es übrigens auch nicht. Ebenso wenig einen botanischen Garten. Oder ein schwarzes Brett für illegale Autorennen.

Ein spontaner Umzug, einfach so, ohne auf dieses ganze Gedöns Rücksicht zu nehmen, einfach weil man pragmatisch und flexibel ist, nicht wegen Schimmel oder der Schwiegermutter – das hat einigen Reaktionen unserer Mitmenschen zufolge etwas verstörendes, auch wenn es nur 20 Kilometer sind. Vielleicht vermuten viele dahinter etwas Weltbewegendes, etwas Großes, etwas was angeblich früher oder später bei jedem erwachsenen Menschen ein Thema ist. Das bringt mich zu Punkt 2.

Verrückt wie wir sind, möchten der Lieblingsmensch und ich die zwei extra Zimmer nämlich für etwas nutzen, was für viele einen Akt der Rebellion darstellt und offenbar überhaupt keinen Sinn ergibt und überhaupt total verantwortungslos ist. Jeder von uns bekommt einen eigenen Hobbyraum.

Der Mann kann den ganzen Tag seinen 120 Kilogramm schweren Fotorucksack in seinem Zimmer entleeren und wieder einräumen. Oder seinen Millennium-Falken vom Staub befreien. Oder einen Fanbrief an Horst Lüning verfassen. Und ich kann in meinem Zimmer den ganzen Tag lang irgendwelche Kringel in irgendwelche leeren Notizhefte malen, eine poetische Wutrede schreiben, tanzen, meditieren und irgendetwas zelebrieren.

Ihr habt bemerkt, das Wort „Baby“ kam in meiner blumigen Aufzählung nicht vor. Und das ist eine Frechheit. Nicht für mich, für andere.

Für andere ist es nämlich nicht nachvollziehbar, dass wir in eine größere Wohnung ziehen, ohne dabei automatisch an Nachwuchs zu denken. Ich bin damit sowas wie eine Frau, die ihre natürliche Fürsorgepflicht missachtet.

Und mit den Vorwürfen – den verborgenen und den offen ausgesprochenen – käme ich zurecht. Das betrifft nur mich und den Tag, der durch eine unbedachte Bemerkung vielleicht ein kleines bisschen nassgeregnet wird. Ich überlebe es zähneknirschend, jedes Mal, vielleicht mit ein bisschen weniger Respekt denjenigen Leuten gegenüber, die anderen unbedacht und manchmal sogar unbeabsichtigt ihr eigenes Lebensmodell überstülpen wollen, und deren Toleranz ohne Frage grenzenlos ist, es sei denn es geht um die Gebärmutter anderer Leute.

Was mich wirklich beschäftigt und mir Sorge bereitet, ist die Frage, wieviele Frauen da draußen nach einer bestimmten Anzahl der immer gleichen Fragen irgendwann aufwachen und das Gefühl nicht mehr loswerden, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Die Gewissheit, dass da draußen eine vielleicht gar nicht so unbedeutende Menge an Personen herumläuft, die sich überhaupt nicht mehr daran erinnern können, wann sie zuletzt eine wichtige Entscheidung vollkommen freiwillig getroffen haben.

Was ich sagen will ist: Verantwortung beginnt nicht erst in dem Moment, in dem man für einen kleinen Menschen sorgen muss. Man hat schon eine ganze Weile früher Verantwortung, und zwar für sich selbst, und das Mindeste was man tun kann, ist ab und zu mal den eigenen Wunschzettel zur Hand zu nehmen, zu aktualisieren und zu wissen, dass andere vielleicht darauf herum geschmiert haben.

Und bitte versteht mich jetzt nicht absichtlich falsch: Ich habe kleine Menschen sehr gerne, meine Meinung ist nicht in Stein gemeißelt und ich möchte keine Werbung machen für eine Gesellschaft, in der es in hundert Jahren keinen Zusammenhalt mehr gibt, dafür aber viele verantwortungslose Individuen, die sich alle für etwas ganze Besonderes halten.

Ich möchte nur einfach jetzt in diesem Moment kein Baby bekommen. Und ich möchte mein Glück auch nicht von der Anzahl der Zapfhähne abhängig machen, die im Umkreis von 500 Metern rund um mein neues Zuhause zu finden sind.

Ich bin mein eigener Zapfhahn, seht es als Metapher. Und nächste Woche schreibe ich dann einen Text über das größte Kompliment, das man einem Menschen machen kann, ohne überhaupt daran zu denken, dass es ein Kompliment sein könnte.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

7 Comments

  1. Recht hast du. Also mit dem Hobbyraum, der größeren Wohnung, dem Geschirrspüler und dem, was du über Verantwortung geschrieben hast. In ein kleines Kuhkaff würde ich aber deshalb nicht ziehen, weil mir zuhause recht schnell die Decke auf den Kopf fällt und ich mit urigen Kneipen nicht allzuviel anfangen kann.
    Und wegen der Kinder…
    So what. Der Vorteil daran, (Paten-) Onkel oder Tante zu sein, ist, dass man sie in Maßen sieht und das seltenst, wenn sie schwierig sind. 😉

    1. Ich hab zum Glück ein großes Herz für urige Kneipen. Und Patenkinder hätte ich selber auch gerne, aber da halten sich irgendwie alle um mich herum noch zurück. Deswegen landen Schabernack und Liebe einfach ungefiltert bei der Katze, von der man deshalb manchmal ziemlich verständnislos angestarrt wird.

  2. Ich hasse Umziehen, aber eure Gründe klingen absolut nachvollziehbar und wir haben uns auch so entschieden. Geschirrspüler sind nicht zu unterschätzen, die können sehr viel Zeit und Harmonie ins Leben bringen. 😉 Und so ein Zimmer für jeden ist auch toll. Luxus, denn man sich bestenfalls einmal im Leben gönnen können sollte. Ob es dann dabei bleibt oder doch irgendwann ein kleiner Mensch in eins der Zimmer zieht, das zeigt die Zeit. Und nur die. Andere Menschen sollen da gefälligst ihre Nasen raus lassen, da bin ich ganz bei dir.

    Viel Spaß mit deinem eigenem Zimmer, es ist noch besser, als man es sich vorher ausmalt.
    LG
    Lexa (die in ihrem Zimmer liest und schreibt, während der Mann in seinem Zimmer zockt)

  3. @Lexa: Es ist immer sehr beruhigend, wenn man bemerkt, dass es anderen ähnlich geht, bzw. viele Leute sehr entspannt damit umgehen. Interessanterweise sind es oft eher gleichaltrige Eltern meines Alters, die da völlig entspannt sind, wohingegen die Generation meiner Eltern von vorneherein so tut, als wäre das Nicht-Kinderkriegen überhaupt keine Option. Es bleibt spannend. Und super, dass das mit den zwei Zimmern bei euch auch so ist 🙂

  4. Wie schon einst die Puhdys sangen:

    “Jegliches hat seine Zeit,
    Steine sammeln, Steine zerstreu’n,
    Bäume pflanzen, Bäume abhau’n
    Leben und sterben und Frieden und Streit.“

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