In dem sehr empfehlenswerten Film „The Departed“ sagt Mafiaboss Frank Costello, gespielt von Jack Nicholson, ganz am Anfang einen sehr schönen Satz.

I don’t want to be a product of my environment.
I want my environment to be a product of me.

Nun ist dieser Mensch in dem Film nicht gerade ein Vorbild für gutes Benehmen, aber unabhängig davon können wir uns diesen schlauen Satz trotzdem mal etwas näher anschauen. Dahinter verbirgt sich nämlich etwas, was vielen von uns manchmal vorgeworfen wird.

Als Kind und Jugendliche war es mir oft eine Freude, Erwachsenengespräche zu verfolgen. Ich saß versunken auf dem Sofa, nippte am Kakao und lauschte. Hin und wieder unterhielten sich die vernünftigen, großen Leute über andere mir fremde Personen – den Freund von einer Freundin oder die Tante XYZ oder die neuen Nachbarn – und in ihren Worten klang immer ein bisschen Geringschätzung mit, wenn sie den Satz sagten, um den es mir geht: „Der lebt halt in seiner eigenen Welt.“

Man spürte, derjenige wurde toleriert, neugierig beäugt, oft höflich auf Abstand gehalten. Oft ging es um unausgesprochene Regeln, die derjenige nicht rigoros einhielt, um Konventionen, mit denen gebrochen wurde, um „so Künstlertypen“, die irgendwie anders waren.

Dass man dieses „so Künstlertypen“ negativ meinen kann, habe ich nie verstanden, aber häufig beobachtet. Und wir sprechen hier nicht von Leuten, die den ganzen Tag barfuß durchs Dorf laufen, gedankenversunken unter einer Weide sitzend Wolkenformationen beobachten oder zuhause einen Hildegard-Orgon-Akkumulator neben ihrer Spüle stehen haben. Wir reden hier von Menschen, denen einfach nur nicht so schnell langweilig wird. Die etwas mit sich anzufangen wissen und vielleicht ein bisschen idealistischer sind als andere.

Dass neben den kautzigen „Künstertypen“ auch der Satz „Du lebst in deiner eigenen Welt“ von vielen nicht als Kompliment gemeint ist, verstehe ich noch weniger. Wo wollen wir denn sonst leben, wenn nicht in unserer eigenen Welt? Warum ist „Du lebst in deiner eigenen Welt“ nicht ganz offiziell eines der schönsten Komplimente, die man einem anderen Menschen machen kann? Sind Leute, die nach ihren eigenen Maßstäben leben, nicht eine Wohltat? Sollen wir uns stattdessen in der Welt einer anderen Person einrichten, ihr vielleicht auch noch die volle Verantwortung für unser Leben geben?

Stehe ich dann jeden Morgen auf und warte darauf, dass mich jemand unterhält, Tri-tra-trullalla, mir jemand eine Liste mit Dingen in die Hand drückt, die mir an diesem Tag wichtig sein müssen, um die ich mich kümmern muss, auf die ich mich freuen kann? Werde ich dann motzig, wenn Wochenende ist, und mir das Programm nicht gefällt, um das ein anderer sich bereitwillig gekümmert hat, weil sich nämlich immer irgendeiner um das Programm der ganzen Schlaf wandelnden Bevölkerung kümmert?

In seiner eigenen Welt leben – das ist eine gute Sache. Nicht pausenlos, nicht unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf Verluste, aber so oft wie möglich, immer mal wieder, mit kleinen Unterbrechungen. Es soll nicht in puren Egoismus enden, einfach nur in Verantwortung. Für das eigene Leben, die eigene Lernkurve, das eigene Umfeld.

Auch auf die Gefahr hin, dass man ab und zu ein paar bescheuerte Fragen beantworten muss. Vor ein paar Jahren wollte mal jemand von mir wissen, ob ich denn mein erstes Buch „Die wunderbare Welt der Franzi“ nennen werde. DIE WUNDERBARE WELT DER FRANZI. WAS ZUM GEIER?!!!

Ich lächelte verhalten und dachte: Du blödes Arschloch. Die Frage klang wie ein Angriff, wie ein Vorwurf, mein Gehirn übersetzte das ganze mit „Warum bist du eigentlich so sonderbar?“ Warum bist du so eine trübe Tasse, warum schreibst und liest du so viel, warum sieht man dir den Zweifel manchmal an, warum bist du so eine verdammt schlechte Schauspielerin? Warum gerätst du manchmal ins Stocken?

Warum lebst du in deiner eigenen Welt?

Weil es vielleicht mein gutes Recht ist. Solange ich das Gartentürchen nicht verschließe, solange man mich auf der Straßenkarte findet, solange ich Empfang habe und nicht auf Durchzug schalte – solange möchte ich hin und wieder in meiner eigenen Welt leben. Wo es Hausschuhe in meiner Größe gibt, wo man mich empfängt mit den Worten „Schön, dass du zurück bist. Verschwende keine Zeit mehr!“ Denn das tut man zwangsläufig, in der vollkommen anderen Welt von vollkommen anderen Menschen – man verschwendet seine Zeit.

Schon allein das Suchen und Finden von richtigen Worten ist eine Verschwendung an Zeit, selbst wenn es ab und zu sehr viel Spaß macht. Wenn man also schon keinen Dauerurlaub auf der eigenen kleinen Insel machen kann, dann ist es gut, wenigstens einen Rückzugsort zu haben, an den man immer wieder zurück kehren kann. Ich kann das eigene Gehirn als gelegentlichen Rückzugsort oder Zweitwohnsitz wirklich sehr empfehlen.

Und um die Frage zu beantworten. Nein, wahrscheinlich würde ich mein erstes Buch nicht mit „Die wunderbare Welt der Franzi“ betiteln. Meine Welt ist nicht wunderbar. WAS IST DAS FÜR EIN BESCHEUERTES ADJEKTIV?!! Meine Welt ist großartig und manchmal traurig und oft mehr oder weniger unfreiwillig komisch.

Ich möchte diesen Text mit einem beleidigenden Zitat beenden, das mir vor einer Weile irgendwo im Internet begegnet ist und das meiner Meinung nach viel damit zu tun hat, ob man – wie eingangs erwähnt –  jemand ist, der ein Produkt seiner Umwelt ist oder umgekehrt: „You´re not bored. You´re just so stupid that your brain is unable to entertain itself.“

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

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