Im Porzellanladen #1

„Some people, when they hear your story, contract. Others, upon hearing your story, expand. And this is how you know.“

Ich habe Menschen immer ein bisschen bedauert, wenn sie sagen, dass sie in vielen Situationen in ihrem Leben nicht sie selbst sein dürfen. Ich hab das nicht verstanden und mit Energieverschwendung gleichgesetzt.

Seit ein paar Monaten weiß ich: Die Energiemenge, die in der Maske vielleicht verloren geht, hat man manchmal nach wenigen Tagen wieder eingespart. Allzu menschliches Handeln – und das beinhaltet leider manchmal auch Widersprüchlichkeit, Schwäche, Unüberlegtheit – zwingt einen immer wieder in weiteres allzu menschliches Handeln. Bis man sich selbst nicht mehr erkennt. Bis man nur noch gegen sich arbeitet. Manchmal muss man die eigenen Schwächen verstecken um die eigenen Stärken zu schützen.

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Die drei wichtigsten Worte, die man einander sagen kann, sind oft nicht „Ich liebe dich.“ „Ich liebe dich“ bleibt zwischen zwei Menschen. „Ich liebe dich“ hilft dir nicht, wenn du dich wie eine kaputte Maschine fühlst, die alle paar Wochen zur Inspektion muss.

„Ich liebe dich“ macht dir in der Mittagspause keinen Mut, es nimmt dir nicht die Einsamkeit der Gruppe, deren Energie manchmal nicht deine ist. Es gibt drei andere unscheinbare Worte, die manchmal einen größeren Unterschied machen. Weil sie dem anderen eine Decke um die Schultern legen. Ihm einen kurzen Zufluchtsort anbieten, wenn er sich in der Kälte den Arsch abfriert. Können wir einander nicht viel öfter sagen „Geht mir genauso.“?

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Die Welt ist aus Menschen gemacht, die wie Kaugummi an den Stühlen festkleben. Das weiß ich, weil ich an schlechten Tagen, die schnell zu Wochen werden können, einer von ihnen bin.

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Das vergangene Jahr war voller Gespräche mit teilweise fremden Personen, die mir innerhalb kürzester Zeit die eine große Geschichte ihres Lebens erzählen. Oder viele Kurzgeschichten. Oft bin ich dankbar für dieses Vertrauen. Aber manchmal bleibt ein Teil dieser Geschichten an mir haften. Bruchstücke, die nicht sofort verschwinden, nachdem man sich verabschiedet hat. Sie bleiben da und arbeiten so vor sich hin. Setzen sich fest. Und fallen manchmal viel zu spät ab.

Ich bin gut darin geworden, Dinge an mir anhaften zu lassen, die mit mir überhaupt nichts zu tun haben. Als würde ich einen Anzug tragen, der von außen mit Klettband versehen ist. Ich versuche, diesen Anzug gerade auf mühselige Art und Weise auszuziehen. Vielleicht lasse ich ihn an irgendeiner Kreuzung liegen und hoffe, dass er von jemandem gefunden und getragen wird, der genauso müde ist wie ich, nur andersrum, und der all diese Sachen viel nötiger hat als ich.

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Das Problem sind ja nicht nur die Russen, die aussterbenden Bienen oder das Restless-Legs-Syndrom. Das Problem sind auch Frauen, die ihr Burn-Out-Syndrom auf Instagram jeden Tag mit originellen Hashtags versehen, und Männer, die lernen müssen, dass einige Probleme sich mit einem Laserschwert und einer großen Fresse nicht lösen lassen. Und manchmal sind dann auch noch ein paar arme Deutsche unter den Opfern. Wenn ihr mich fragt: Es dauert mindestens sieben Wochen, alle diese Konflikte zu lösen. Mit regelmäßigen Achtsamkeitsübungen zwischendurch eher zehn.

Die gute Nachricht: Wir sind viele, oh so viele, und jeder kann einen kleinen Teil beitragen. Und zum Glück gibt es ja auch Whatsapp-Gruppen, in denen man sich toll organisieren kann, solange niemand anfängt, Kettenbriefe zu verschicken. Die schlechte Nachricht: Ich habe keine Lust und auch keine Zeit, eure ganzen Telefonnummern einzusammeln.

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Die Grenze zwischen einem müden Geist und einem müden Körper verläuft nirgendwo schnurgerade. Ein gerader Schnitt hilft nicht. Es wird immer auch etwas von dem verloren gehen, was gar nicht verloren gehen darf.

5 Comments

  1. Franzi, ich bin so froh, dass es dich noch gibt und: geht mir genauso.

    PS: Falls das irgendwie seltsam und angsteinfößend klingt: ich bin nur sehr froh, dass du noch schreibst. Ich habe es aufgegeben – zumindest im Internet und das ist irgendwie schade.

    1. Hey, schön von dir zu „hören“. Ich freu mich sehr über die Rückmeldung, vor allem wenn es von jemandem kommt, der früher schon mitgelesen hat.
      Warum hast du aufgehört zu bloggen? Überleg dir das nochmal!

      1. Ich weiß es nicht mal genau. Bloggen machte soviel Spaß und man fand Leute, die ähnlich dachten (dich und bastih habe mit Abstand am liebsten gelesen, aber auch Mia Niemand, Dominik von Neon Wilderness) und Dinge manchmal besser auf den Punkt brachten, als man es selbst konnte – ja, die irgendwie das „zu Papier“ gebracht haben, was im eigenen Kopf noch völlig verschwurbelt war. Und diese Posts haben einen dazu gebracht, einen Gedanken aufzugreifen und weiterzuführen – im eigenen Blog. Dann habe ich mich irgendwann dabei erwischt, wie ich tagelang nicht postete, immer wieder dachte, ein neues Blogdesign, mehr oder andere Themen, würden mich wieder mehr zu bloggen bringen. Ich glaube, ich habe den Blog ein dutzend Mal einschlafen lassen und dann wiederbelebt. Habe dann noch einen Buchblog aufgemacht. Sie sind noch da, aber ich habe sie offline geschaltet, bis ich vielleicht irgendwann wieder Lust darauf verspüre. Solange habe ich einen langweiligen Tumblr-Blog und scrolle mich durch’s Leben.

        Und klar habe ich vorrangig für mich geschrieben (deshalb schreibe ich offline auch immer und immer weiter), aber dennoch: ich habe das Gefühl, die Masse an „gewinnorientierten“ Blogs ist so groß, dass man das was man früher durch Blogs auch suchte – Gleichgesinnte, Ähnlichdenkende, interessante Geschichten, Persönliches, Menschen die sich um mehr als Oberflächliches Gedanken machen,… – einfach nicht mehr findet und somit auch nicht gefunden wird.. einen Austausch macht das schwer.

        Und was mir beim Lesen von Blogs inzwischen auch aufgefallen ist: egal, was du schreibst, wie du es verpackst, irgendjemand muss immer seinen Senf abgeben, dich belehren oder den Hobbypsychologen spielen. Irgendwie war da früher mehr Respekt davor und es wurde auch einfach mal die Fresse gehalten, wenn irgendwas was man gerade gelesen hat, nicht in das eigene Weltbild passte. Also das gab es „damals“ auch schon, aber heute scheint es schwerer geworden zu sein, einfach eine Seite zu verlassen, wenn einem etwas nicht gefällt und vielleicht auch mal eine Stunde, einen Tag oder länger über das Gelesene nachzudenken, bevor man Leute beurteilt. Überhaupt beurteilen, bewerten, alles und jeden verbessern wollen mit seiner großen Lebenserfahrung. Das macht mich oft wütend.
        Das ist wie das Thema auf Twitter gerade: Kinder. Das Hauptargument, das ich da immer kriege: „Ja, aber was willst du denn sonst im Leben machen – ohne Kinder ist doch alles sinnlos.“ – so in der Art. Mal ganz davon abgesehen, dass es respektlos ist, das überhaupt mit Wildfremden zu thematisieren (weil niemand eine verf*ckte Ahnung, wie oft es Menschen schon versucht haben, vielleicht Fehlgeburten hatten oder sonst was), frage ich mich auch immer: wollen sie tatsächlich mich davon überzeugen, dass Kinder dem Leben einen Sinn geben oder voll sie viel mehr sich mit ihrer Ansprache rückversichern, dass ihre Lebensentscheidungen richtig waren?

        Nee, Franzi – wie du siehst, habe ich echt keine Themen zu bloggen. Ich hör‘ jetzt mal auf 🙂

        Viele Grüße von hier nach da
        Nadine

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