Im Porzellanladen #2

Da war diese andere Seminarteilnehmerin, vergangenen November in Berlin, die in die Runde gefragt hat, ob hier jemand twitter privat benutzt. Sie versteht den Sinn dahinter irgendwie nicht, betreut aber den Twitter-Account ihres Arbeitgebers. „Ich liebe twitter.“ war meine Antwort, und das meine ich sogar nach zehn Jahren immer noch ernst. Und dann habe ich versucht, ihr auf eine sehr umständliche Art und Weise zu erklären, was an twitter nun so toll ist. Der Wortwitz, die unterschiedlichen Menschen, die Dinge, die sich daraus entwickeln.

Meine Erläuterungen müssen sie nicht überzeugt haben. Das ist nicht verwunderlich, meine Erläuterungen überzeugen in der Regel niemanden, es ist eine meiner vielen Superkräfte, die sich irgendwann entladen werden, wahrscheinlich in einem Rhetorik-Seminar, das ich notgedrungen besuchen werde. „Ich hab ja eigentlich genug echte Freunde im Leben.“ war ihre einleuchtende Antwort. Ich fühlte mich wie ein wunderlicher Miley-Cyrus-Fan. Immerhin durfte ich sie dann guten Gewissens unsympathisch finden. Und vielleicht hat sie twitter ja mittlerweile begriffen. Oder man hat ihr einen Job gegeben, in dem sie nicht mit dem Internet verbunden sein muss.

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Irgendwann spürt man, dass etwas anders ist. Etwas hat sich verändert und man merkt es an den neuen Wegen, die man plötzlich zurücklegt. Die Adressen, die man in das Navigationsgerät eingibt. Die Gastgeschenke. Das Verzichten darauf. Die Playlists und die Unterhaltungen, die man unterwegs führt oder nicht führt. Die Bücher, die man aus dem Regal holt, von denen man vor zwei Jahren dachte, man hätte etwas daraus gelernt, irgendetwas fürs Leben mitgenommen, und jetzt ist man nur noch froh, dass man diese „Wir können alles schaffen, wir müssen nur wollen.“-Scheiße nicht geglaubt hat.

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Your gut knows what´s up. Trust that bitch.

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Ich werde in diesem Jahr keine Bastelarbeiten machen. Und auch nicht unnötig Sprit verbrauchen. Und nicht am Schreibtisch sitzen und mir unzählige Gedanken machen über all die unsichtbaren Dinge, für die ich nicht verantwortlich bin, für die ich mich aber naturgemäß häufig verantwortlich fühle, weil ich einer dieser nervigen „Könnten wir nicht und sollten wir nicht?“-Menschen bin, die immer sinnvoll, aber manchmal nutzlos sind. Ich werde mir nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, wer nun verantwortlich ist. Ich werde mir einen Raum schaffen, in dem ich verantwortlich bin, niemand sonst, und ich werde mich so oft wie möglich in diesem Raum aufhalten.

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Letztes Jahr ist mir dieser Spruch begegnet. Und er hat mir, neben einigen anderen Dingen, also den üblichen Verdächtigen, Katzen, Bier, frische Luft, er hat mir also ein bisschen das Leben, setzen wir es mal in Anführungszeichen, „gerettet“. Ich hab ihn seitdem an drei oder vier Menschen weitergegeben, an gute Freunde, an alte Bekannte. „Perfectionism is a serial killer.“ Er schwimmt noch an der Oberfläche, er konnte noch nicht richtig sacken, dieser Spruch, aber er geht jetzt immer öfter einfach so mit mir mit und hakt sich hin und wieder ein und wenn ich Angst habe, verrückt zu werden, schließt er einen Tab für mich.

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Vielleicht habe ich das Ehlers-Danlos-Syndrom. Das klingt so groß und so fremd. Bis vor einer Woche war ich noch ein Mensch, der zu neugierig und manchmal auch ein bisschen zu clever und hartnäckig ist und dem das Leben zu viele Puzzleteile vor die Füße geworfen hat. Ich war jemand, bei dem Angst und Mut sehr nah beieinander liegen. Sie berühren sich ständig, immer ist da sehr viel Angst und immer ist da auch sehr viel Mut. Jetzt bin ich ein Mensch, der auf Blutergebnisse wartet und bald einen CT-Termin hat. Ich bin jetzt auch jemand, der sich einen Termin beim Psychologen geholt hat. Weil ich das alles nicht alleine schaffen kann. Und auch nicht möchte. Diese Krankheit. Diese Gesellschaft. Diese ständige Frage, ob ich Teil einer Extra3-Dokumentation bin.

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Be your own hero. It´s cheaper than a movie ticket.

 

 

 

Im Porzellanladen #1

„Some people, when they hear your story, contract. Others, upon hearing your story, expand. And this is how you know.“

Ich habe Menschen immer ein bisschen bedauert, wenn sie sagen, dass sie in vielen Situationen in ihrem Leben nicht sie selbst sein dürfen. Ich hab das nicht verstanden und mit Energieverschwendung gleichgesetzt.

Seit ein paar Monaten weiß ich: Die Energiemenge, die in der Maske vielleicht verloren geht, hat man manchmal nach wenigen Tagen wieder eingespart. Allzu menschliches Handeln – und das beinhaltet leider manchmal auch Widersprüchlichkeit, Schwäche, Unüberlegtheit – zwingt einen immer wieder in weiteres allzu menschliches Handeln. Bis man sich selbst nicht mehr erkennt. Bis man nur noch gegen sich arbeitet. Manchmal muss man die eigenen Schwächen verstecken um die eigenen Stärken zu schützen.

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Die drei wichtigsten Worte, die man einander sagen kann, sind oft nicht „Ich liebe dich.“ „Ich liebe dich“ bleibt zwischen zwei Menschen. „Ich liebe dich“ hilft dir nicht, wenn du dich wie eine kaputte Maschine fühlst, die alle paar Wochen zur Inspektion muss.

„Ich liebe dich“ macht dir in der Mittagspause keinen Mut, es nimmt dir nicht die Einsamkeit der Gruppe, deren Energie manchmal nicht deine ist. Es gibt drei andere unscheinbare Worte, die manchmal einen größeren Unterschied machen. Weil sie dem anderen eine Decke um die Schultern legen. Ihm einen kurzen Zufluchtsort anbieten, wenn er sich in der Kälte den Arsch abfriert. Können wir einander nicht viel öfter sagen „Geht mir genauso.“?

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Die Welt ist aus Menschen gemacht, die wie Kaugummi an den Stühlen festkleben. Das weiß ich, weil ich an schlechten Tagen, die schnell zu Wochen werden können, einer von ihnen bin.

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Das vergangene Jahr war voller Gespräche mit teilweise fremden Personen, die mir innerhalb kürzester Zeit die eine große Geschichte ihres Lebens erzählen. Oder viele Kurzgeschichten. Oft bin ich dankbar für dieses Vertrauen. Aber manchmal bleibt ein Teil dieser Geschichten an mir haften. Bruchstücke, die nicht sofort verschwinden, nachdem man sich verabschiedet hat. Sie bleiben da und arbeiten so vor sich hin. Setzen sich fest. Und fallen manchmal viel zu spät ab.

Ich bin gut darin geworden, Dinge an mir anhaften zu lassen, die mit mir überhaupt nichts zu tun haben. Als würde ich einen Anzug tragen, der von außen mit Klettband versehen ist. Ich versuche, diesen Anzug gerade auf mühselige Art und Weise auszuziehen. Vielleicht lasse ich ihn an irgendeiner Kreuzung liegen und hoffe, dass er von jemandem gefunden und getragen wird, der genauso müde ist wie ich, nur andersrum, und der all diese Sachen viel nötiger hat als ich.

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Das Problem sind ja nicht nur die Russen, die aussterbenden Bienen oder das Restless-Legs-Syndrom. Das Problem sind auch Frauen, die ihr Burn-Out-Syndrom auf Instagram jeden Tag mit originellen Hashtags versehen, und Männer, die lernen müssen, dass einige Probleme sich mit einem Laserschwert und einer großen Fresse nicht lösen lassen. Und manchmal sind dann auch noch ein paar arme Deutsche unter den Opfern. Wenn ihr mich fragt: Es dauert mindestens sieben Wochen, alle diese Konflikte zu lösen. Mit regelmäßigen Achtsamkeitsübungen zwischendurch eher zehn.

Die gute Nachricht: Wir sind viele, oh so viele, und jeder kann einen kleinen Teil beitragen. Und zum Glück gibt es ja auch Whatsapp-Gruppen, in denen man sich toll organisieren kann, solange niemand anfängt, Kettenbriefe zu verschicken. Die schlechte Nachricht: Ich habe keine Lust und auch keine Zeit, eure ganzen Telefonnummern einzusammeln.

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Die Grenze zwischen einem müden Geist und einem müden Körper verläuft nirgendwo schnurgerade. Ein gerader Schnitt hilft nicht. Es wird immer auch etwas von dem verloren gehen, was gar nicht verloren gehen darf.

Triviale Frankenberg

Neulich lief ich nach einem Frühstück durch Frankenberg und dachte mir, dass es mehr Bilder von unschönen Fassaden geben sollte, die beim Betrachten gewisse Beklemmungen hervorrufen können. Glücklicherweise hatte ich meine Kamera dabei und konnte mein Vorhaben direkt umsetzen.

 

Introvertiert – Das Unsichtbare sichtbar machen

Um euch einen kleinen Eindruck dessen zu vermitteln, möchte ich ein paar Situationen der letzten zwanzig Jahre mit euch teilen.Da war der Bürgermeister, der mir mit vierzehn auf einem Volksfest mal gesagt hat, ich soll doch nicht so böse gucken und mal lächeln. Und das eine Mal, als ich mit sechzehn zwei Stunden heulend am Rande einer Party auf dem Fußboden gesessen habe, weil ein Besoffener es sinnvoll fand, mir mitzuteilen, was für ein überaus seltsamer Mensch ich bin, und niemand – mich eingeschlossen – mich verteidigt hat.

Da waren all die Tage und Nächte, in denen ich mich innerhalb einer Gruppe von Leuten als jemand gefühlt habe, der nur ein kurzes Besuchsrecht hat. Das eine Mal, als mir der Trubel auf einer Party zu viel wurde, ich mich kurz zurückgezogen habe und vom Treppenhaus aus ein Gespräch von zwei „Freundinnen“ belauschte, in dem es primär darum ging, dass „Franzi immer so komisch ist.“ Jede Vorstellungsrunde, in der ich es gerade so geschafft habe, meinen Namen zu sagen, weil alles darüber hinaus mir in dem Moment albern und falsch vorkam. Das eine Mal, als ich einfach nicht zu einem Vorstellungsgespräch erschienen bin.

All die Male, in denen ich meine eigenen Ideen nicht aus vollem Herzen verteidigt habe, weil ich das diffuse Gefühl hatte, jetzt zu laut, zu selbstbewusst, zu übergriffig, zu dominant zu sein. All die Momente, in denen sich das so anfühlt, als würde man seine eigenen Ideale immer und immer wieder verraten.

Man könnte sich bei dieser Auswahl jetzt auf zwei Merkmale konzentrieren und die Sache abkürzen. Man könnte sagen, dass ich 1. wohl einfach nicht selbstbewusst genug war und bin und dass 2. Menschen manchmal einfach ziemliche Nulpen sind, vor allem nach zwölf Bier oder acht Tequila Sunrise und besonders als Teil einer Herde.

Im Jahr 2015 habe ich angefangen, diese doch sehr einfache Erklärung zu hinterfragen. Eher unfreiwillig, könnte man sagen. Ich litt damals bereits seit mehr als drei Jahren unter regelmäßigen Panikattacken, konnte mich an der Arbeit immer weniger konzentrieren und nahm schon seit einer ganzen Weile körperliche Veränderungen an mir wahr, die mir Sorgen bereiteten. Drei Jahre lang habe ich mich jeden verdammten Tag gefragt, ob ich mir das alles irgendwie einbilde oder ob es eine organische Ursache für all das gibt, von der ich nichts weiß.

2015 war ein schwieriges Jahr für mich. Ich hatte zeitweise hohen Blutdruck. Ich hab mich öfter weinend auf der Toilette eingeschlossen. Und im Frühling habe ich mich zwei Monate lang jeden Tag nach Feierabend nach einem Bier gesehnt.

Und auch wenn es nicht häufig dazu gekommen ist, auch wenn ich in dieser Zeit nur an ein oder zwei Abenden direkt den Kühlschrank aufgesucht und mich mit einem Bier auf das Sofa gesetzt habe, muss ich das erwähnen, weil der Mensch so wahnsinnig naiv ist und glaubt, dass ihm die schlimmen Dinge nie passieren, dass er nie in Zeitlupe irgendwo reinrutscht, dass er immun ist dagegen, sich selbst aufzugeben.

Ich gehe mit diesen gesundheitlichen Problemen mittlerweile anders um. Ich finde sie nicht berauschend, aber sie sind mir auch nicht mehr so lästig, ganz im Gegenteil. Vor allem die Panikattacken erscheint mir persönlich im Nachhinein als ein, als großer Schrecken getarntes, „liebevolles“ Warnsignal des eigenen Körpers. Man hat Todesangst in diesen akuten drei bis fünfzehn Minuten. Es kündigt sich oft unterschiedlich an, aber viele Dinge bleiben immer gleich und wiederholen sich. Und danach ist man manchmal bis zu drei Tage lang völlig müde und ausgelaugt. Es ist eine schlimme Erfahrung, aber es lohnt sich, das Wort schlimm manchmal durch „faszinierend“ zu ersetzen.

Es kommt irgendwann der Punkt, an dem man dankbar ist für die erste Panikattacke und für die letzte und alle dazwischen.

Wie es zu meiner ersten bewussten Panikattacke im Januar 2012 kam, darüber werde ich irgendwann ganz bestimmt noch etwas schreiben. Nach einigen Jahren hatten sie einen Teil ihres Schreckens für mich verloren. Mehr Probleme machten mir vor allem an der Arbeit Dinge wie Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen und Herz-Kreislaufprobleme.

Wir waren im Sommer 2014 mit der Firma umgezogen, in der ich seit neun Jahren arbeitete. Ich hatte mich auf die Veränderung gefreut und mein damaliger Chef wusste, dass ich mir abgesehen von meinem Schreibtisch direkt hinterm Empfangsthresen einen ruhigeren Platz wünsche, an den ich mich notfalls zurückziehen kann, wenn die Arbeit viel Konzentration und wenig Unterbrechung erforderte. Wir hatten zuvor mehr als einmal darüber gesprochen. In den alten Räumen hatten wir mittlerweile nicht nur ein Platzproblem, es wurde auch immer offensichtlicher, dass wir nicht konzentriert und innerhalb des Teams halbwegs organisiert arbeiten können, wenn ständig unangemeldet Kunden in der Tür stehen, die einem dann beinahe auf dem Schoß sitzen.

Es war ihm dann im Eifer des Gefechts und bei all den Plänen offenbar nicht mehr so besonders wichtig, sich wirklich mit allen seinen Angestellten abzustimmen. Die Hausnummer änderte sich, meine persönliche Situation nicht, weil ich einen ganz entscheidenden Fehler gemacht habe. Ich habe anderen mehr vertraut als mir selber. Und mich dann versucht, da irgendwie ganz ohne direkte Konfrontation durchzukämpfen. Der gute alte „Jaja, geht schon, blöd gelaufen, mache ich schon irgendwie.“-Fehler. Ich liebe ihn, diesen zeitlosen Klassiker.

Vor allem Frauen begehen ihn jahrelang immer wieder mit großem Eifer. Er ist wie ein sehr bequemer Trenchcoat, den man zehn Jahre lang täglich tragen kann. Wie eine zweite Haut. Bis man irgendwann das Gefühl hat, dass er zu klein geworden ist.

Ich habe nicht dafür gekämpft, gesund zu bleiben und meine best mögliche Arbeit machen zu können. Weil ich die Umstände, meine Reaktionen darauf und mein körperliches Befinden gar nicht miteinander kombiniert habe. Die Ergebnisse waren zufriedenstellend, es ging ja irgendwie und solange man als Betroffener morgens das Büro nicht schreiend mit den Worten „Ihr macht mich alle krank!“ betritt, können die Leute immer gut damit leben. Ich weiß noch, wie ich einmal versucht habe, einem von ihnen zu vermitteln, dass es schön wäre, wenn nicht immer ich als erste ans Telefon gehen würde, wenn der Chef nicht da ist. Ein etwas verdutztes schweigendes „Aber das haben wir doch schon immer so gemacht.“-Gesicht war die Reaktion darauf. Ich hab es nicht nochmal versucht. Ein paar passiv-aggressive Zwischenbemerkungen, ein bisschen Winke-Winke mit dem Zaunpfahl, sonst nichts. Ich mache niemandem einen Vorwurf. Es war eine schlecht umgesetzte Bitte um Hilfe und Unterstützung, die bei den allermeisten Empfängern als sinnloses, etwas unbequemes Gejammer ankommt.

In den letzten Monaten im alten Job habe ich begonnen, meine eigenen Reaktionen zu beobachten. Wie reagiere ich auf Reize, auf alles, was um mich herum passiert? Wie geht es mir, was macht das Rauschen im Kopf, wie schnell schlägt mein Herz, wenn ich kreative Arbeit mache, während das Radio laufen muss, zwei Menschen sich nebenan unterhalten, das Telefon klingelt und ich jederzeit damit rechnen muss, dass gleich ein Kunde spontan vorbeischaut? Wie reagiert mein Körper auf diese Scheiße und meine eigenen Unfähigkeit, die Scheiße im entscheidenden Moment anzusprechen? Das war vor ungefähr zwei Jahren. In meinem Rückblick auf das Jahr 2015 habe ich das bereits angesprochen.

Ich glaube, ich bin damals über einen Artikel gestolpert, in dem erklärt wurde, dass Menschen im Berufsleben bei ihrer Arbeit unterschiedliche Geräuschkulissen bevorzugen, um sich noch einigermaßen wohlzufühlen. Darin habe ich zum ersten Mal wirklich aufmerksam von den Unterschieden extrovertierter und introvertierter Menschen gelesen, die über „Der eine ist laut und der andere halt leise oder schüchtern“ hinausgehen. Neben einigen Büchern, von denen das hier von Susan Cain wahrscheinlich das bekannteste ist, habe ich mittlerweile eine Menge Artikel zu dem Thema gelesen, Ted Talks geschaut und mich manchmal auch darüber gefreut, dass jemand wie Gunter Dueck, dessen Name zunächst einmal mit anderen Dingen in Verbindung gebracht wird, dieses Thema in irgendeiner Art und Weise manchmal in seinen Vorträgen anschneidet.

Die für Extrovertierte optimale Dezibelzahl entspricht übrigens nicht der Geräuschkulisse auf dem Oktoberfest und die Introvertierten sehnen sich auch nicht nach absoluter Stille, um konzentriert arbeiten zu können. Die Unterschiede sind offensichtlich, aber nicht so krass wie es vielleicht hier und da gerne dargestellt wird. Beide haben einfach eine eigene Wohlfühllautstärke bzw. Reizschwelle, die sich auch immer daran orientiert, ob derjenige mit einem halbwegs geladenen Akku in den Tag startet.

Das hängt damit zusammen, dass das Gehirn von Introvertierten in Ruhephasen von Natur aus eine höhere Aktivität aufweist.  Introvertierte haben ein reiches Innenleben und ich bedaure es sehr, dass ein Extrovertierter das nicht sehen und häufig auch nicht nachempfinden kann.

Passieren viele Dinge gleichzeitig, brauchen Introvertierte länger, um sich ein bisschen zu ordnen. Und werden dabei gelegentlich als etwas sonderbar wahrgenommen. Was dann wieder den Bogen zurück zu den Leuten schlägt, die mich früher und möglicherweise heute noch irgendwie sonderbar finden. Wenn man sich immer und immer wieder neu ordnen muss, wird es anstrengend. Und irgendwann rächt sich der Körper dann. Eine gut erklärte Zusammenfassung zum Thema Hirnchemie bei Introvertierten könnt ihr bei Geist und Gegenwart nachlesen, einem Blog, den ich generell empfehlen möchte.

Das Intro-Extro-Thema ist nicht deshalb mein Thema, weil ich der ultimative introvertierte bin, der Partys meidet, Risikos scheut und Small Talk hasst und ein bisschen PR für die „leisen Menschen“ machen will. Ich stehe dem ganzen sozialen Miteinander grundsätzlich wohlwollend gegenüber, denn wir Menschen sind ja nicht nur auf der Welt um uns unabhängig voneinander im stillen Kämmerlein auszudrücken, sondern auch um gelegentlich ein kleines Leuchten in den Augen unserer Mitmenschen zu entfachen und einander beim Kotzen auf der Toilette die Haare zurückzuhalten. Die Merkmale von Introvertierten und Extrovertierten können in einer Person in jeweils unterschiedlichen Bereichen mal mehr und mal weniger ausgeprägt sein, den totalen Intro oder Extro gibt es also gar nicht oder wirklich eher selten. Aber ich muss zugeben, dass ich eher der Typ bin, der mit fünf oder sechs Leuten in die Eckkneipe geht und über die neue Weltordnung und mögliches Leben nach dem Tod spricht, anstatt mit den fünfzehn engsten Freunden die Whoooo-Party zu sprengen und 7 Stunden am Stück quirlige Lebensfreude zu verbreiten.

Es ist mein Thema, weil die Unwissenheit der Leute und vor allem meine eigene Verantwortungslosigkeit und Feigheit mich in den letzten Jahren wortwörtlich krank gemacht haben.

Es geht um meine eigene Gesundheit. Um Grenzen, die ich nicht verteidigt habe, weil ich mich an anderen gemessen habe, die entweder ganz anders sind als ich oder keine Lust haben, sich selber kennen zu lernen.

Und es ist auch mein Thema, weil Menschen wie ich viel zu oft falsch eingeschätzt oder übersehen werden. Meine Kreativität, mein Humor und meine Sicht der Welt werden stark von meiner Introversion geprägt. All die Dinge, die mir etwas zurück geben, die für mich Sinn ergeben, die meine Identität formen, sind abhängig davon, wie ich mit meiner Energie, mit meiner Aufmerksamkeit haushalte.

Und gäbe es keine messbaren Unterschiede in der Hirnphysiologie der beiden Persönlichkeitstypen, könnten wir das Thema direkt abhaken, uns selig die Hände reichen und sagen „Hach, schön dass kein Mensch ist wie der andere und wir mal kurz drüber gesprochen haben.“ Aber es gibt diese Unterschiede. Sie sind da. Selbst das Blut in unseren Köpfen nimmt bei einem introvertierten teilweise andere Wege als bei einem extrovertierten. Ich finde das wahnsinnig spannend. Und Introversion ist ein Wirtschaftsfaktor, über den in Deutschland immer noch viel zu wenig geredet wird.

Der Introvertierte ist totmüde, der Extrovertierte dreht gerade erst richtig auf. Der Introvertierte wirkt manchmal etwas hölzern, distanziert, kautzig, vor allem in größeren Gruppen oder wenn er allein auf einer Veranstaltung herumsteht. Der Extrovertierte ist entspannt, aufgeschlossen, selbstsicher.

Der Introvertierte sieht Zusammenhänge, er abstrahiert gern, er hat einen guten Instinkt, wirkt aber oft wie ein unbeholfenes Schulkind beim Versuch, darüber zu sprechen.

Der Extrovertierte ist ein toller Unterhalter, clever, wortgewandt, charismatisch und er redet hin und wieder ganz knapp am Kern einer Sache vorbei. Vielleicht weil er schon das Fruchtfleisch für den Kern hält. Vielleicht auch weil die Umstände ihn dazu zwingen.

Wir haben hier – in der Theorie – zwei Arten von Menschen, die voneinander lernen und einander zuhören müssen. Die auf Belohnung von außen unterschiedlich reagieren. Die möglicherweise sogar unterschiedlich anfällig für Suchtverhalten, aber auch für Depressionen sind. Die anders verhandeln, Dinge anders interpretieren und einordnen. Zwei Menschen, die sich übrigens auch perfekt ergänzen und die nicht grundsätzlich total gegensätzlich sind, sondern sich auf einer breiten Skala immer wieder aufeinander zu und auch wieder voneinander weg bewegen.

Ich möchte meinem sechzehnjährigen Ich heute immer wieder sagen: Dir fehlt nichts. Und ich will bei dem Thema nicht in fünf oder zehn Jahren immer noch in so viele leere oder fragende Gesichter schauen. Ich möchte Leute, die glauben, dass mündliche Beteiligung in der Schule heutzutage etwas über Leistung und – wichtiger noch – Eignung aussagt, auch einfach mal eine geschlagene Viertelstunde auslachen dürfen.

Und ich möchte zornig sein auf Leute, die glauben, dass ein anderer etwas für sie zum Guten ändert.

Dieses Thema ist verdammt wichtig und die Auseinandersetzung damit hat mir in den letzten Jahren auch dabei geholfen, feministische Themen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Vor allem möchte ich mich jeden Tag daran erinnern, dass ich meine eigene introvertierte Komfortzone regelmäßig verlassen sollte. Weil das Spaß machen kann. Weil es manchmal nicht anders geht. Und weil ich mir ein Leben, in dem meine Komfortzone dieselbe ist wie vor zwei oder drei oder fünf Jahren, irgendwie nicht so richtig vorstellen kann.

Und deshalb werde ich in Zukunft besser auf meinen Körper und seine unmissverständlichen Signale hören. Denn alles andere ergibt keinen Sinn, weder für mich, noch für meine Umwelt, kurzfristig nicht, langfristig schon gar nicht. Ich möchte darüber schreiben. Häppchenweise. Damit Menschen um mich herum besser aufeinander acht geben.

Zum Abschluss sollte hier eigentlich ein Zitat aus Laurie Helgoes Buch „Introvert Power“ stehen, das beschreibt, wie großartig wir Introvertierten sind. Ich habe mich dazu entschlossen, eine andere Stelle zu zitieren.

Although introverts typically go in for energy, there is another kind of energy that comes when „in“ meets „out“, when yin meets yang. The realease of this energy, called Qi oder Chi in the Taoist tradition, underpins Jung´s theory of introversion-extroversion. According to Jung, integrating opposites within the personality not only brings a person closer to wholeness, but frees up life energy. The more a person is able to tolerate paradox in search of truth, the less energy will be spent defending a rigid position.

(Es gibt viele gute Stellen in dem Buch. Bestimmt werde ich in Zukunft noch die ein oder andere zitieren. Und wenn ihr an dem Thema in irgendeiner Weise interessiert seid, würde ich mich freuen, wenn ihr mir einfach einen Kommentar hinterlasst, den Text teilt mit Menschen, die das ebenfalls interessieren könnte, oder euch einfach im Stillen darüber freut.)

Ebbe und Flut, kleiner Hunger und großer Hunger

Sonntag, 24. September

Auf der Autobahn ändert das Wetter ständig die Stimmung. Mal peitscht der Regen mir entgegen, während ein Sender Avril Lavigne spielt und ich an alte Zeiten denken muss, mal hebt strahlender Sonnenschein meine Laune und ich freue mich über eine Auswahl guter alter Musik, die mein Vater Ende der 80er Jahre immer auf Kassette aufgenommen hat und die mich an Urlaubsreisen erinnert, die grundsätzlich um drei Uhr morgens starteten. Trotz meiner guten Laune verirre ich mich im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide. Gute Laune wirkt sich sozusagen in keinster Art und Weise auf den Orientierungssinn aus. Oder auf das GPS-Signal.

Auf der Reservierungsbestätigung steht, der Gutshof befindet sich mitten im Naturschutzgebiet. Ich bin hin und hergerissen und poltere für eine halbe Stunde mit meinem Auto an einzelnen Häusern vorbei über Straßen, die eigentlich eher für Pferdekutschen gemacht sind. Es macht raggeldigaggeldigagg und das ist ehrlich gesagt kein besonders schönes Geräusch. Google behauptet steif und fest, dass in 100 Metern links das Ziel erreicht ist, mein Instinkt sagt mir, dass hier irgendetwas nicht stimmt und ich mich mit dem Gedanken anfreunden sollte, die Nacht in embryonaler Körperhaltung auf einer McDonalds-Toilette zu verbringen.

Zwei Spaziergängerinnen klopfen an meine Scheibe und fragen, ob ich Hilfe brauche. „Wahrscheinlich bin ich hier vollkommen falsch. Ich suche das Hofgut Einem.“ „Da sind Sie hier eigentlich richtig.“, sagt eine der beiden, erklärt mir dann aber, dass man einen kleinen Umweg nehmen sollte, um das Auto die nächsten Meter nicht zu Schrott zu fahren. Mit dem Hinweis im Kopf, dass ich umdrehen und dann eigentlich immer nur rechts abbiegen muss, starte ich einen neuen Versuch und verliere nach zwei Kilometern erneut die Orientierung.

Es ist jetzt kurz nach sieben, ich habe keinen Handyempfang, wahrscheinlich den Brütvorgang seltener Vogelarten gestört und meinem Auto möglicherweise zu viel zugemutet. Raggeldigaggeldigagg. Und Pipi muss man übrigens auch immer dann, wenn es gerade gar nicht so gut passt.

Ich biege schließlich leidenschaftslos um ein paar Ecken, kontrolliere immer wieder den Empfang des Handys und schaffe es schließlich, die Gastgeberin zu erreichen. Und weil ich mehr Glück als Verstand habe, sind es bis zum Ziel nur noch ein paar Hundert Meter. Sie hält am Hintereingang nach mir Ausschau, wir winken uns zu und ich fühle mich beim Anblick von mindestens zehn wilden Katzen, die hier gerade ein kleines Abendessen zu sich nehmen, sofort entspannter. Und schlafe dann auch ziemlich gut mit Blick auf eine sehr interessante Tapete und einen hipstergrünen Sessel, und trotz der Wahlergebnisse.

Montag, 25. September

Morgens habe ich den ganzen Frühstücksraum für mich, die Aussicht ist ein Traum, das Frühstücksei erhält 9 von 10 Punkten auf der Frühstücksei-Skala, die ich heimlich nutze, um Unterkünfte zu bewerten. Den einen ist das Straßenbahn-Netz wichtig, andere lassen sich vom Pilates-Angebot beeinflussen, mir geht es um Frühstückseier. Und wenn das Weiße darin noch herumwabbelt oder sie zu hart sind, dann macht mich das wahnsinnig.

Ich verabschiede mich gegen zehn Uhr und marschiere anschließend eineinhalb Stunden durch den Wald, um Fotos zu machen und meinen mitleiderregenden Kreislauf in Schwung zu bringen. Außer einem Fahrradfahrer begegnet mir kein Mensch, in der Ferne höre ich Pferde, ansonsten ist da nichts und niemand. Nur ich und kalter Schweiß und ein leichter Druck auf der Brust und die Frage, ob mir und meinen Bronchien der Spaziergang jetzt gut tut oder nicht.

Auf der Autobahn Richtung Norden stelle ich fest, dass norddeutsche Radiosender bessere Musik spielen. Auch die Moderatoren sind irgendwie witziger. Je länger ich fahre, desto ruhiger werde ich und desto mehr freue ich mich darauf, in den nächsten Tagen einfach nichts besonderes zu tun, nicht viel zu reden und nur in die Ferne zu schauen bis an den Punkt, an dem man glaubt, dass da jetzt Schluss sein könnte.

Und genau das mache ich dann auch Nachmittags. Ich packe mir in meinem Zimmer in Sankt Peter Ording ein paar Kleinigkeiten zu essen ein, kaufe mir in einem Geschäft vor den Dünen noch eine kleine Flasche Weinschorle und ein Eis und verbringe dann die nächsten fünf Stunden damit, meine Umgebung zu beobachten, mir Essen in den Mund zu schieben, zu fotografieren und zu lesen. Ich lebe sozusagen meinen ganz persönlichen Traum.

Es ist kein aufregender Traum, der Spannungsbogen ist eher eine schnurgerade Spannungshorizontale, aber es ist mein Traum und deshalb ist es ein super Traum. Die inneren Monologe tragen auch einen nicht ganz unerheblichen Anteil dazu bei.

Dienstag, 26. September

Mir ist nach Franzbrötchen. Der Verkäuferin in der Bäckerei ist zunächst nach Small-Talk. Dann findet sie schnell eine Überleitung und erzählt mir, nachdem ich einen 5 Euro-Schein auf die Theke lege, dass zur Zeit wieder vermehrt falsche Fünfer in Umlauf sind. Und das Gerät, das man sich anschaffen kann, um die Fünfer zu kontrollieren, kostet viel Geld. Das andere günstigere Gerät arbeitet leider nicht so zuverlässig. Sie weiß jetzt auch nicht so genau, was man da machen kann. Und ihr Chef, der das alles bezahlen muss, tut ihr leid. Einen gigantischen Redeschwall kippt sie über mir aus, ich verstehe auf Grund ihres russischen Akzents jedes fünfte Wort nicht so richtig, reagiere aber wie eine gute Bekannte. „Das ist ja ein Teufelskreis!“, sage ich. „Da sind Sie aber ganz schön gelackmeiert.“ Das mit dem Teufel kapiert sie, das andere logischerweise nicht so richtig. Ich verabschiede mich mit einem „Bis morgen!“

Im Auto frage ich mich, ob sie mir eigentlich Wechselgeld gegeben hat oder ob das irgendwie ihr Ding ist, Kunden mit dem Thema Falschgeld von Wechselgeld abzulenken. Es wäre eine psychologische Meisterleistung.

Mein Frühstück nehme ich in Westerhever zu mir, genauer gesagt: in der Nähe des Leuchtturms. Es ist saukalt, der Ausblick ist perfekt, zwischen dem vielen Grün der Salzwiesen sieht man schwarze Punkte herlaufen, die alle den Leuchtturm anschauen möchten. Ich beschließe mich ihm ebenfalls auf 50 Meter zu nähern und bleibe immer wieder stehen, um Fotos zu machen und mich über dieses Stück Natur zu freuen, über die vielen Vögel, die Pflanzen und die klare Luft.

Dann kommen die Schafe. Das Schöne an Schafen ist ja, dass man sie hört, bevor man sie sieht. Ich drehe also ohne zu zögern um und eile zurück an die Stelle, wo ich vorher meinen Kaffee getrunken habe. Weil man Schafe, wenn sie schonmal in großer Anzahl da sind, unbedingt fotografieren muss. Wie jemand, der zwanzig Jahre keine Schafe mehr gesehen hat. Ihr versteht das sicher.

Danach habe ich die Möglichkeit bei einem Jever und bei Lammbratwurst – und jetzt wird mir gerade die Tragik bewusst – Gesellschaftsstudien durchzuführen. Da ist das Paar mit Hund, das sich lange anschweigt, ein unangenehmes Schweigen, unterbrochen nur von seiner Frage, ob ihr die Soße zu dem Hering schmeckt. Alle paar Minuten blicken sie über den Tisch zu dem Hund, reden leise mit ihm und stellen sicher, dass es ihm gut geht.

Irgendwie wirken sie wie Leute, die sich vor zwei Tagen erst im Tierheim kennen gelernt haben.

Dann kommt ein älterer Herr mit himmelblauen Augen und schneeweißen Haaren mit einer etwas jüngeren dunkelhaarigen Frau auf die Terrasse des Lokals. Er sieht aus wie ein alter Seefahrer, sie scheint gerade aus einem Zirkuswagen gefallen zu sein. Beide frieren ein bisschen, bedecken ihre Beine mit Wolldecken und befinden sich in einer beneidenswerten Stimmung, die entweder auf viel Bewegung an der frischen Luft oder Alkohol zurückzuführen ist. Sie quikt ab und zu vor Freude, so wie Frauen ab Mitte fünfzig manchmal quiken. Und er antwortet mit einem schallenden Donnergrollen-Lachen. Ihr wisst was ich meine.

Ich schreibe meine Postkarten zu Ende und beschließe, die Pausen zwischen den Mahlzeiten so kurz wie möglich zu halten und nun dem Richardshof einen Besuch abzustatten. Dort soll es wahnsinnig leckeren Kuchen geben und man begegnet einer Reihe sympathischer Tiere. Das Stück Himbeer-Windbeutel-Torte ist dann auch so groß und sättigend, dass ich mein Abendessen ausfallen lassen kann. Ich empfehle einen Besuch, vor allem wenn ihr Hühner mögt, die friedlich bei euch am Tisch sitzen. Den Rest des Tages zieht es mich wieder an den Strand.

Fotos machen, Möwen mit Tuc füttern, mit der Spotify-Playlist auf den Ohren der Sonne beim Untergehen zuschauen.

Mittwoch, 27. September

Ich beschließe, den Wochenmarkt zu besuchen. Eine halbe Stunde lang suche ich einen Parkplatz, um eine weitere halbe Stunde lang gestresst von Stand zu Stand zu gehen. Es gibt typisch norddeutsche Porzellanfiguren, Sanddorn-Saft, noch lebende Aale und Nagelscheren. Irgendwie bin ich überfordert von den vielen Menschen und ich flüchte schließlich in eine Seitenstraße zu einem Teller Nudeln beim Italiener, der mir noch leckeres Pizzabrot dazu spendiert. Irgendwie macht dieser Tag mir bisher keinen Spaß. Wahrscheinlich liegt es an den vielen Menschen, die plötzlich da sind. Ich verlasse Orte nie wie ich sie betrete, ich nehme immer ein Stück der Hektik und der Sorgen und der Fragezeichen fremder Leute mit nach Hause, ich weiche ungern ständig anderen Leuten aus, will mein Schritttempo nicht dauernd wechseln, suche nicht gern lange nach einem ruhigen Platz in so einem Durcheinander.

Ich fahre ein zweites Mal nach Westerhever, um den Leuchtturm zu besuchen. Um 16 Uhr ist eine Führung und bis dahin verbringe ich den Tag an den Salzwiesen, da wo das Watt anfängt und es viele Drachenflieger, Fahrradfahrer und Leute mit Hund gibt. Kein Marktschreier weit und breit. Ich beobachte Paare, Freunde und Familien, einige von ihnen mit einer Kamera in der Hand. Meist sind das die Männer, ab und zu auch mal eine Frau, aber die sind auch oft so wie ich alleine unterwegs. Ich finde das interessant, also das Verhalten von Leuten im Urlaub, was sie bei sich tragen, was ihre Gesichter so erzählen.

Am Gardasee haben der Mann und ich letztes Jahr mal die schlechte Laune der anderen Leute analysiert. Mitleid erregte grundsätzlich die Kombination „Frau will shoppen, Mann weiß nichts mit sich anzufangen.“

Der Leuchtturm macht mir kurz zu schaffen. Ich fühle mich ein bisschen schwach auf den Beinen, obwohl es gar nicht so viele Treppenstufen sind. Die Aussicht belohnt mich dann wieder, man hat einen tollen Blick über die Salzwiesen und das Watt. Bis man wieder Hunger bekommt. Der Hunger kommt, der Hunger geht, es ist wie mit Ebbe und Flut. Es gibt Fischbrötchen an der Seebrücke bei Gosch und für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich mehr hätte erleben und weniger essen sollen. Ich hätte die Deichgalerie noch besuchen und eine Rundfahrt mit dem Hitzlöper machen können. Das hebe ich mir für´s nächste Mal auf. Weil es hier nämlich ziemlich toll ist.

Donnerstag, 28. September

Auf dem Weg zurück nach Hessen habe ich eine halbe Stunde lang einen Lachanfall, weil die Worte „Mäharbeiten“ und „Straßenunterhaltungsdienst“ an den Fahrzeugen vor mir mich wahnsinnig machen vor Freude. Urkomische Bilder von Schafen und Bauarbeitern mit Megafon entstehen in meinem Kopf. Der kleine Urlaub hat mir gut getan.  Ich gebe vier von fünf möglichen Sternen und spreche eine klare Empfehlung aus.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Was mich aufregt – eine unvollständige Liste

Das Belächeln von Menschen, die sich manchmal selbst genügen. Oberärzte, die aus dem OP geholt werden, um die Frage zu beantworten, in welchem Fall Insektenstiche über die Berufsgenossenschaft abgerechnet werden. Die ungläubigen Blicke, wenn man sagt, dass man die Bachelor-Kandidatin leider nicht kennt, weil man den Fernsehanschluss daheim nicht benutzt. Rentner, die verwundert gefragt werden, warum sie denn ausgerechnet jetzt, wo sie so viel Zeit haben, Bürgermeister werden wollen. Marie Kondos nett gemeinter Hinweis dazu, wie man mit runden Dingen verfährt, die man in eckige Schränke räumen möchte. Der gebildete Linke, der im Dorfgemeinschaftshaus grundsätzlich einer Diskussion mit dem ungebildeten Rechten aus dem Weg geht. Das ewig gleich klingende Bedauern nationaler und internationaler Politiker auf twitter, wenn irgendwo etwas schreckliches passiert ist. Feministinnen, die für alle Frauen sprechen, ohne für alle Frauen zu sprechen.

Die Umstände, die wir uns selber machen, die wir tolerieren, an denen wir festhalten. Die Sätze, die ich mir gelb markiert hab. Die nicht geballten Fäuste der anderen. Das Tief, das Hoch, die dazu passenden Kopfschmerzen. Die Suppe, die jeder für sich kocht, und die dann dementsprechend scheiße schmeckt. Die nicht erzählten Geschichten. Die Erschöpfung, die eintritt, bevor man überhaupt den ersten Schritt gemacht hat.

Die guten Momente, die in Vergessenheit geraten, weil niemand dabei war, der rechtzeitig auf den Auslöser gedrückt hat.

Man rät uns häufig, dass wir uns nicht immer so schnell im Recht fühlen sollen. Dass wir die Dinge sowieso nicht ändern können. Dass wir gar nicht so schlau sind, wie wir denken. Dass die Blase, in der wir leben, uns glauben lässt, wir würden auf der richtigen Seite stehen. Aber ich kann den Gedanken manchmal nicht schnell genug abschütteln. Er ist zu verlockend. Gerade eben, zwischen dem Öffnen der Kühlschranktür und dem Schließen der Rollläden, war ich mir für einen ganz kurzen Moment vollkommen sicher, trotz dieser bleiernden Müdigkeit der klügste Mensch auf diesem verdammten Erdball zu sein. Die einzige Person, die eine ungefähre Ahnung von all den Grauzonen hat, die das Leben uns anbietet. Bis sich dann die Kühlschranktür wieder schließt.

Davon träumen, wie es wäre, aus der Haut zu fahren bis sie platzt. Am nächsten Morgen wieder nur ein paar weitere harmlose Dehnungsstreifen am Körper entdecken.

Selbstmitleid – eine Anleitung

Nimm alles mit. Nimm es mit nach Hause, gewöhn dich daran, dass die Gesichter von Menschen dir manchmal auf dem Nachhauseweg begegnen, grenz dich nicht ab, nimm alles auf, was andere gerade erleben, auch wenn du ihre Namen vergessen hast. Nimm jeden verdammten Grauton mit, jede Falte, jedes Stirnrunzeln, zieh Kleidung an mit vielen Taschen, damit du jede Regung einpacken und irgendwo unterbringen kannst und frag nicht, was du jetzt damit anfangen sollst, ob das sinnvoll ist, ob du das überhaupt gebrauchen kannst. Fühl dich einfach dafür zuständig, wie jemand, der solche Dinge schon immer so gemacht hast, ließ aufmerksam jeden Artikel, der dich vor den Folgen warnt und vergiss anschließend jedes einzelne Wort.

Leg dich hin, wenn es weh tut, nimm ein Pflaster, lass dir eine Spritze geben oder dich krank schreiben. Und tu so als würde die Zeit, in der wir leben, dir nur manchmal ein bisschen in die Knochen fahren und nicht auch an den Fensterläden rütteln, die zu dem Raum gehören, in dem du dich am liebsten aufhältst.

Benimm dich wie jemand, dem die Worte nicht fehlen. Zeig dich solidarisch mit den armen Schweinen, die nicht wissen wollen, was sie glücklich macht, weil ihnen nie einer gesagt hat, dass das ihr gutes Recht ist.

Geh davon aus, dass jeder Gedankenlesen kann, niemand dich ausnutzt und alles eine Bedeutung hat. Sei naiv, sei perfektionistisch, sei launisch. Schreib ein nettes Gedicht darüber, wie stolz du darauf bist, dass du nie naiv, fast gar nicht perfektionistisch und sehr selten launisch bist. Spende all dein Blut, ohne dass es irgendetwas bewirkt. Denk jeden Tag darüber nach, aber mach es halt nicht. Vergiss jedes Wort, gib den falschen Dingen den richtigen Namen. Geh nicht ins Detail, halt dich nah am Eingang auf, lehn dich mit dem Rücken an die Wand, fühl dich unter Druck gesetzt, halte zehn Meter Abstand zu den Leuten, denen du im Nacken sitzen möchtest.

Begegnungen mit Menschen, von denen einige mir egal sind

Nach zwei Minuten im Auto führe ich das erste Gespräch des Abends, bei dem ich mir nicht wie ein geklontes Schaf vorkomme und auch wenn es dann am Ende nur eine Viertelstunde dauert, beweist es immerhin, dass die guten Gespräche mittlerweile viel zu oft nicht mehr da auftauchen, wo man sie vermutet.

Sie vertraut dem Internet nicht, sagt sie. Weil einem irgendwer immer irgendwas andrehen will. Sie kann es nicht benennen, sie benutzt nicht die Worte „Privatsphäre“ und „Datenschutz“ oder „Volksverblödung“ oder „Konsumzwang“. Nur von den Vitaminpillen erzählt sie, die ihre Schwester sich hat andrehen lassen, weil sie angeblich beim Abnehmen helfen. 60 Euro. So viel Geld. Es ist eine vage Angst, die eigentlich eher ältere Generationen befällt, nichts konkretes. Sie wüsste nicht, was sie machen soll, wenn sie online irgendetwas falsch macht.

Und ich denke mir, das geht uns doch allen so, dass wir nicht wissen, was wir machen sollen, das hat doch mit dem blöden Internet eigentlich gar nichts zu tun.

Wovor hat sie denn Angst? Es ist doch alles gut, man kann doch nicht vor allem Angst haben, was man nicht kennt. Ich sage, dass es mir auffällt, dass die Leute nicht mehr so viel miteinander reden, dass viele mit gesenkten Köpfen durchs Leben gehen, aber da geht sie gar nicht drauf ein.

Noch ein paar Wochen bis zur Rente. Dann ist das Kapitel beendet. Ich habe mir neuerdings angewöhnt, unbequeme Fragen zu stellen. Bis vielleicht einer mal von selber drauf kommt. Und weil die saublöde, aber total berechtigte Frage „Wo siehst du dich in 15 Jahren?“ hier fehl am Platz wäre, frage ich, was er jetzt anfängt mit dem Rest seines Lebens. Er sagt, er wird sich eine Fahrradroute zu meinem Wohnort raussuchen und darauf freue ich mich, auch wenn das nie die Antwort ist, die ich erwarte, und dann erzählt er mir bei einem Stück Rhabarber-Streuselkuchen von den Situationen, in denen seine Unverfrorenheit ihm Steine in den Weg gelegt hat und ich sehe viel von mir in ihm.

Das Tierdokumentationen schauen. Auf dem Globus nach kleinen Inseln suchen. Der Jähzorn. Der kautzige Humor. Die Müdigkeit. Der Idealismus. Die Introvertiertheit, die immer dann jäh unterbrochen wird, wenn er sich wirklich für etwas interessiert.

Die Trampelpfade, das Potenzial, das immer wieder zuwächst, wenn man nicht die Kraft hat, daraus eine Angewohnheit zu machen. Dieses große Herz und die große Wut, die doch irgendwas bewirken müssen.

Abends eskaliere ich nicht, es gibt kaum nackte Busen und Schnaps-Fontänen oder Discomusik und zuckende Leiber, kein Whirlpool, kein Konfetti, kein Schokobrunnen. Dafür lese ich mit großer Leidensfähigkeit Informationen über Rangdynamiken und den Zeit-Artikel über den Cum-Ex-Skandal und wundere mich über das Leben und die saudämlichen Menschen darin und ich setze ein paar Songs aus dem neuen Rancid-Album auf die Liste der besten Lieder des Jahres 2017.

Vor ein paar Wochen habe ich ein Interview mit Brené Brown gesehen, in dem sie davon erzählt, dass sich in ihrem Geldbeutel ein sehr sehr kleiner Zettel befindet mit den Namen der Menschen, deren Meinung ihr wirklich etwas bedeutet. Es ist ein gutes Zeichen, wenn man auf Anhieb ein oder zwei Namen aufzählen kann. Es ist auch gut, wenn trotzdem nicht zu viele Namen auf so einem Zettel stehen.

Es ist wichtig, dass man versteht, dass das nicht die Liste mit den Leuten ist, denen man alle Liebe dieser Welt, Gesundheit, Erfolg und Seelenfrieden wünscht. Ich werde also keinen verdammten DIN A4 Zettel mit achtzig Namen in meinem Geldbeutel mit mir herum schleppen.

Als ich dann am selben Abend überlegt habe, wer auf meiner Liste stehen würde, war das eine echte Herausforderung für mich. Es war mir nicht möglich, diese Liste zu machen, obwohl ich die Idee dahinter so sinnvoll und wichtig finde. Ich kam auf drei oder vier Namen, begann dann zu grübeln, war mir unsicher, stellte das Universum in Frage, am Ende standen acht Namen auf der Liste und ich hatte immer noch das Gefühl, jemanden vergessen zu haben. Jemanden nicht genug zu würdigen.

Eben habe ich die Liste ein zweites Mal gemacht. Es fiel mir leichter. Die Liste selbst ist leichter geworden. Einige Namen werden wahrscheinlich nicht für immer darauf stehen. Das nennt man Leben. Und wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat, dass man heute Gott sei Dank nicht derselbe Mensch ist wie vor zehn Jahren, dann ist das gar nicht so schlimm.

Nachgefragt #2

Gibt es Brieffreundschaften noch? Warum hab ich die Idee, grundsätzlich zu „Heaven is a place on earth“ mit einem Taschenventilator in der Hand Bürogebäude zu betreten, noch kein einziges Mal in die Tat umgesetzt? Bist du die Ursache oder das Symptom oder vielleicht sogar beides? Werden die Darsteller ausgewechselt, während sich Geschichten wiederholen und kann man den Text von damals noch auswendig aufsagen?

Ist man erwachsen, wenn man von lieblichen auf halbtrockenen Weißwein umsteigt? Was bedeutet Erwachsensein überhaupt? Hat es was mit Heckenschneiden zu tun? Mit Formularen, die man ausfüllen muss? Mit unschönen Machtspielen zwischen rationalen und irrationalen Vorstellungen vom Leben? Warum verstehen viele angeblich so intelligente Menschen nicht den Unterschied zwischen Verbindlichkeiten und Vermögenswerten? Ist es schon zu spät für vernünftige Sparpläne? Wie fließend verlaufen die Grenzen zwischen Burn Out und Charakterschwäche? Können Pflanzen Leben retten? Was ist denn eigentlich gegen Spaziergänge einzuwenden?

Wie viel Gutes steckt in dem Wort Ent-Täuschung?

Darf man Jahre später drauf zurück kommen? Können wir uns darauf einigen, dass man von jedem einzelnen Menschen irgendetwas lernen kann? Wo kommt man raus, wenn man alles hinterfragt? Bei sich selbst? Muss uns das Sorgen machen? Warum bedecken wir nicht einfach alles mit Mango-Chutney? Warum verpflichtet niemand Männer zum Bart-Tragen? Was muss ich heute tun, welche Entscheidungen treffen, welche Pläne in die Tat umsetzen, um irgendwann auch nur annähernd so cool zu sein wie Helen Mirren?

Was würde Axel F. tun? Wer trägt die Verantwortung? Wer räumt den Müll weg? Ist das System Schuld oder der einzelne oder läuft es am Ende auf beides hinaus?

Wenn du die Welt plötzlich mit anderen Augen betrachtest, kneifst du sie dann zusammen oder reißt du sie weit auf oder besorgst du dir Augentropfen oder eine neue Brille oder wünscht dir deine alten Augen zurück?

Endet dein Körper da wo man sieht dass er endet oder endet er ein paar Zentimeter weiter vorn und lehnt sich manchmal im toten Winkel an den Körper eines anderen?