Denkt euch bitte hier ein Bild von Bedeutungslosigkeit und Glück und einer Insel und einem Spatz

Heute bin ich aufgewacht und habe beschlossen, dass es mir ab sofort wichtiger ist, ein glückliches Leben zu führen als eines, das irgendeine höhere Bedeutung hat.

Die letzten Jahre habe ich damit verbracht, viel zu oft zu denken: Gott sei Dank bin ich niemand dieser Menschen, die glauben, dass sie ihre innere Leere mit schnellen Autos, aufgeblasenen Egos, Bilderbuch-Momenten auf Instagram, Hygge und Kalendersprüchen füllen müssen. Weil: Das ist ja offensichtlich ziemlich großer Schwachsinn. Das Tückische ist: Es gibt auch den Schwachsinn, der weniger offensichtlich ist. Er ist ein bisschen differenzierter, ein bisschen subtiler, ein bisschen bescheidener. Aber immer noch ziemlicher Schwachsinn. Abstrakter. Ja, so kann man es nennen. Der eine Schwachsinn ist ganz konkret und mein Schwachsinn ist eher abstrakt und daher etwas schwerer zu fassen. Kennt ihr diesen Glibberschleim von früher? Das ist mein persönlicher Schwachsinn.

Die einen sind die Sonntagscharaktere von der Bacardi-Insel, die sich gegenseitig mit Raffaelo füttern. Ich bin ein Donnerstagscharakter. Wir Donnerstagscharaktere sind nicht ganz so braungebrannt und optimistisch wie die Sonntagscharaktere. Wir sind realistisch. Vielleicht wären wir es auch einfach nur gerne. Wir füttern uns gegenseitig mit Pommes. Wir sitzen aber auf der gleichen Insel  fest. Wir kapieren das nur irgendwie nicht, weil sich manchmal ein schlaues Buch oder ein dummer Zufall zwischen uns und die anderen Menschen schiebt, von denen wir uns bitteschön abgrenzen möchten. Weil die nämlich total unbewusst sind. Und wir nicht. Wegen den Ted Talks und den Büchern und den schlauen Gedanken und außerdem sind wir auch manchmal viel zu melancholisch, um ein unbewusstes Leben zu führen. Bei uns geht es nämlich um Inhalte. Unglücklicherweise machen uns die Inhalte, um die es uns angeblich immer geht, nicht glücklicher. Vielleicht geht es uns also in erster Linie um Selbstschutz und erst dann um Inhalte.

Ich habe also beschlossen, mich eher darauf zu konzentrieren, ein glückliches Leben zu führen. Die Leiter der Abstraktion wieder hinuntersteigen. Interessanterweise muss das ja nicht heißen, dass man jetzt ganz andere Dinge tut. Es heißt nur, dass man etwas freundlicher zu sich selbst ist, während man diese Dinge tut. Zu sich und vielleicht auch zu den anderen. Aufrichtiger. Die Selbstoptimierungsbranche erinnert uns täglich an die höchste Stufe der maslowschen Bedürfnisspyramide. Stufe 5. Die Selbstverwirklichung. Die oberste Sprosse der Leiter. Der Einzelne soll sich unbedingt selbst verwirklichen. Etwas erschaffen. Er vergisst darüber hinaus die Freude des Bastelns. Basteln hat nicht unbedingt den Anspruch, der Stein des Anstoßes zu sein. Basteln muss niemanden inspirieren oder zum Nachdenken anregen. Bastler sind bei sich und bei der Sache und die bereitet ihnen Freude. Bastler sind Erschaffer ohne Beißschiene. Sie sind glücklich, auch wenn sie es mal nicht sind. Sie verwirklichen sich selbst, aber sie denken nicht daran, während sie es tun.

Ich glaube, Bastler können auch Einladungen und Hilfe besser annehmen als Menschen, die panische Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit haben und die sich viel zu häufig fragen: Bin ich grad unfähig oder fühl ich mich einfach nur so und was ist, wenn ich mich nie wirklich selbstverwirkliche? Wer die eigene Unsicherheit, die eigene Bedeutungslosigkeit, aber auch die eigene Größe in den Worten und Handlungen anderer Menschen sucht, wird sie dort immer finden. Das trifft auch auf alles andere zu.

Wenn ich mal alt bin, dann möchte ich sagen: Wir haben in der besten und in der schlimmsten aller Welten gelebt, aber ich habe irgendwann beschlossen, dass eins davon für mich eine größere Rolle spielt und das hat mich weder egoistisch, noch größenwahnsinnig und auch nicht starr vor Schreck werden lassen. Die schlimmste aller Welten lebt von Menschen, die diesen inneren Zwiespalt nie so richtig aufgelöst haben.

Ich hab eine Pizza in der Hand und eine Steinschleuder in der Tasche, für schlimme Notfälle, und ich sitze auf einer Bank unter einem Baum und der Baum ist schön und ich beobachte die Taube auf dem Dach gegenüber und sie macht einen Riesenlärm, sie übertönt alles, sie schreit den Spatz an, der zwei Meter vor mir sitzt und mich beäugt. Ich weiß nicht, ob Spatzen Menschen beäugen und der Lärm nervt und ich weiß nicht, wann und ob ich ihn überhaupt ganz ausblenden kann, aber: Ich hab eine Pizza in der Hand. Und die esse ich jetzt. Und mit jetzt meine ich immer.

Ich wünsch euch, dass ihr gute Antworten bekommt, weil ihr gute Fragen stellt und dass ihr glücklich seid, auch wenn ihr es mal nicht seid.

Wen wir meinen, wenn wir über schwache Menschen sprechen.

01. August 2004

Seit fast 16 Jahren drehe ich nun schon den Kopf weg oder schließe meine Augen für einen kurzen Moment, wenn in Filmen jemand Blut hustet. Wenn ich nicht schnell genug bin, wird der Autopilot angeworfen und ich werde schlagartig zurückversetzt in die Nacht im August 2004, an meinen Schreibtisch, an dem ich nachts um halb eins gesessen und geschrieben habe bis zu dem Moment, an dem ein Hustenreiz meine Konzentration beendete. Ich weiß noch, an welchen Stellen meiner linken Handinnenfläche der erste Tropfen Blut landete, ich weiß, dass direkt danach ein neuer Hustenreiz mich aus dem Schreibtischstuhl hob und ins Badezimmer brachte und ich höre auch noch das Rasseln meiner Lunge, das im gleichen Moment einsetzte.

„Die Hämoptyse (Bluthusten) ist das Auftreten von Blut im Auswurf (Sputum). Das Blut kann dabei aus den Blutgefäßen der Bronchien, der Luftröhre oder des Lungengewebes stammen.“

Mein Bluthusten wurde von einem Teratom im linken oberen Lungenlappen ausgelöst, das 19 Jahre lang mit mir mitgewachsen ist. Und bis vor zwei Jahren war dieser Moment im August für mich der schlimmste Tag meines Lebens. Er leitete die damals schlimmste Woche meines Lebens ein, in der mir kein Arzt helfen konnte und in der ich mit einem Ruhepuls von 130 die meiste Zeit daheim im Bett lag, neben mir einen Eimer Wasser, über den ich mich alle halbe Stunde beugte um eine Mischung aus Blut + Gewebe hineinzuspucken.

Eine Woche später stand Yvonne Catterfeld an meinem Krankenhausbett auf der Intensivstation des Frankenberger Krankenhauses. Yvonne Catterfeld war zu dieser Zeit mit einem Song in den Deutschen Charts vertreten und sie stand nicht wirklich und leibhaftig an meinem Bett, warum sollte sie denn auch, aber man hatte mir ein Beruhigungsmittel gegeben und mein Gehirn machte daraus ein vollkommen sinnloses kleines Privatkonzert. Über Stunden hinweg versprach Yvonne Catterfeld mir immer und immer wieder: „Für dich schiebe ich die Wolken weiter. Sonst siehst du den Sternenhimmel nicht. Für dich dreh‘ ich so lang an der Erde. Bis du wieder bei mir bist.“

Der aufnehmende Arzt am Uniklinikum Marburg sagte am nächsten Morgen zu meiner Mutter und mir, dass sie noch nicht genau wissen, was mir fehlt, dass es vielleicht eine sehr seltene Art von Lungenentzündung ist, vielleicht auch ein Tumor, und dass sie alles tun werden, um mir zu helfen. Die anschließenden Wochen haben sich in einem kleinen Raum in meinem Kopf eingerichtet. Man findet dort Schläuche und blaue Häubchen und Schlafanzughosen und Wundschmerz und Wundwasser und eine Dose voller Kaliumtabletten und ein Mixtape von Freunden und viele Lachtränen und eine Pizza vom Lieferdienst, den das Pflegepersonal einmal die Woche in Anspruch nahm. Und einen Scheibenweltroman, den eine meiner Cousinen mir schenkte.

Seitdem weiß ich: „Die richtige Funktionsweise des Universums basiert auf dem Gleichgewicht von vier Elementen: Zauber, Überzeugungskraft, Ungewissheit, verdammte Sturheit.“ (Terry Pratchett)

Ich kann mich nur an einen Moment erinnern, an dem ich geweint habe in dieser Zeit. Was verwunderlich ist, denn ich weine sehr schnell und dann weine ich mich auch häufig bis an den Rand eines Salzmangels. Ich wurde mit Antibiotikum behandelt und nach fast drei Wochen ging es mir tatsächlich etwas besser. Der Puls hatte sich beruhigt, der Hustenreiz war weg. Ich sollte wieder entlassen werden, am 27. August. Am 26. August trat der Arzt zu mir ans Bett und teilte mir mit, dass ich am nächsten Tag nicht entlassen, sondern operiert werde. Und ich bedankte mich und heulte vor Erleichterung, als er das Zimmmer wieder verlassen hatte. Ich wollte nicht nach Hause gehen, ohne zu wissen, was mit mir los ist. Die Zeit in der Klinik ist für mich eine positive Erinnerung geblieben. Wegen den Menschen, die mich besucht, die ich dort kennen gelernt, die mir dort geholfen haben.

13. Februar 2018

Wenn ein Mensch im Film Angst um das eigene Leben oder gerade einen schweren Verlust erlitten hat, dann kann man ein Weinen beobachten, das sich wellenartig ausbreitet, um dann in Schreien überzugehen. Kein besonders lautes schreien, eher ein Schreien mittlerer Lautstärke, ein Zusammenschrumpfen und ein Festhalten an etwas, was gerade da ist. Eine Tischkante, ein Mensch, ein Treppengeländer. Ich hatte das selber nie erlebt oder bei anderen beobachtet und ich habe mich manchmal gefragt, was passiert, dass die Kehle plötzlich weiß, wie sie diesen speziellen Laut erzeugen kann.

Einen Tag zuvor hatte ich jedenfalls noch nicht geschrien, sondern nur in einem vollen Café in Berlin bei Tee und Schokokuchen leise geweint. Und mich zwischen der plötzlich sehr präsenten Angst auch über mich selbst geärgert. Denn wer fragt, bekommt auch früher oder später Antworten. Wenn man jahrelang viele kleine miteinander verbundene Fragen gestellt und viele Zwischenantworten erhalten hat und wenn man dann diese vielen Fragen auf eine einzige große Frage herunterbrechen kann – „Habe ich eine genetische Bindegewebserkrankung, die im ungünstigsten Fall vor meinem 50. Lebensjahr tödlich enden wird?“ – der muss mit der bestmöglichen und mit der schlimmst möglichen Antwort rechnen und auch mit allem was dazwischen ist.

Ich habe auf die Beantwortung der Frage mehr als 17 Monate lang gewartet. Ich habe an einem perfekten Sommertag letztes Jahr eine Antwort erhalten, die irgendwo in der Mitte liegt, mit der ich leben kann und die mir gezeigt hat, dass ich mich auf meine Intuition verlassen kann. Aber an diesem Dienstag im Februar 2018, einen Tag nach dem Termin in der Berliner Charité, da konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Antwort anders als schlimmst möglich ausfallen wird. Ich wusste jetzt seit ungefähr 24 Stunden, dass die klinische Untersuchung nicht eindeutig gewesen ist, dass meine Aortenwurzel aber leicht erweitert ist und dass viele scheinbar unauffällige Dinge, die in den letzten dreißig Jahren meines Lebens passiert sind, darauf hindeuten können, dass ich eine Bindegewebserkrankung haben könnte, die je nach Ausprägung blutig enden könnte.

An diesem Tag stand ich in der Küche und hatte Angst, ich hatte Panik, ich hielt mich an der Arbeitsplatte fest, ich spürte den Raum um mich herum kleiner werden. Und meine Kehle machte diesen Laut. Der schlimmste Tag meines Lebens besteht seitdem mehr oder weniger nur aus diesem einen Geräusch.

02. März 2020

Der 2. März ist der Tag, an dem mir bewusst wird, dass etwas nicht stimmt. Ich bin angespannt. Ich bin nicht nur nah am Wasser gebaut, ich lebe in einem verdammten Hausboot. Ich habe Angst und niemand reagiert auf meine Angst, weil niemand weiß, wo sie herkommt. Vielleicht bin ich mittlerweile offen für diese Angst, weil ich meinen persönlichen schlimmsten Tag meines Lebens genau kenne, weil ich da nicht lang überlegen muss und weil mein übermäßiger Drang danach, Dinge zu analysieren und Antworten zu bekommen, mich mit der Zeit sensibilisiert hat für Dinge, die andere der psychischen Gesundheit zuliebe einfach nicht beachten.

Zwei Wochen lang laufe ich mit einem Gefühl herum, das ich schon von früher kenne, das mir aber seit dem Ergebnis der Blutuntersuchung beinahe fremd geworden ist. Ich habe das paranoide Gefühl, dass die gesamte Angst dieser Welt mir im Nacken sitzt und sich nicht gleichmäßig und fair auf die gesamte Menschheit verteilen lässt, weil gefühlt alle anderen um mich herum ihre eigenen negativen Gefühle zum Heulen in den Keller gesperrt haben, anstatt sich wenigstens ein Mal mit ihnen an den scheiß Küchentisch zu setzen, ihnen ein Stück Marmorkuchen anzubieten und zu sagen „Wir sind keine Wohngemeinschaft. Ihr bezahlt hier keine Miete. Ihr wohnt nicht hier. Aber ihr seid hier willkommen, ich weise euch nicht ab, ich sperr euch nicht weg.“ Zwei Wochen lang frisst die Angst mir die Haare vom Kopf. Dann, von einen Tag auf den anderen, verschwindet die Angst. Verteilt sich in meiner Umgebung, hält Abstand zu mir.

Ich lerne noch mehr über mich in dieser Zeit. Dass es Formen der Angst gibt, die etwas mit dem mangelnden Gefühl von Verbundenheit zu tun haben. Dass ich es körperlich spüre, wenn sich um mich herum zu viel Dogmatismus breit macht, lange bevor mein Verstand es begreift. Dass vieles von dem, was ich richtig schön scheiße finde, etwas ist, was ich in den letzten Jahren nicht ausreichend in mein Leben geholt habe. Dass jeder Mensch ein Macher und ein Denker ist, ein Problembewusster und ein Lösungsorientierter, aber wir sehen das manchmal nicht, weil auch jeder nach seiner eigenen Melodie und Geschwindigkeit und Lautstärke lebt.

Und dass ich das Recht in Anspruch nehmen möchte, mich nicht angesprochen zu fühlen, wenn in Zeiten wie diesen von „den alten und den schwachen Menschen“ die Rede ist. Meinen die damit all die Leute, die an der alltäglichen Scheiße des Lebens noch nicht vollends verzweifelt oder zerbrochen sind? Die sogar mit einer gewissen Selbstgenügsamkeit darüber lachen können? Die eingeschlafen und wieder aufgewacht sind? Die Leute, die hinfallen und dann mit blutigen Knien wieder aufstehen? Ich glaube, wir sollten uns sobald wie möglich mal alle gemeinsam Gedanken darüber machen, was mit Stärke und Schwäche eigentlich gemeint ist, wie beides miteinander verbunden ist und in welchen Maßstäben wir überhaupt denken. Woran erkennt man starke und schwache Menschen? Kann man das messen? Sollte man das messen können?

Ich geh jetzt mal kurz meditieren.
Weiterhin alles Gute, bleibt gesund, eure Franziska.

Spezialisten, Exorzisten, Generalisten und Positionierung

Das hier wird jetzt sehr abstrakt. Ich entschuldige mich von Herzen bei all jenen Menschen, die damit nicht umgehen können.

Wenn du in den ersten Monaten deiner Selbständigkeit kurz davor bist, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen und unter einem Berg von Zitronen, die dir das Leben angeblich schenkt, begraben zu werden, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Gut, es gibt unzählige Möglichkeiten, aber ich möchte nicht über die unzähligen Möglichkeiten schreiben, sondern nur über diese zwei. 

Möglichkeit Nummer Eins: Du gehst nur einen Fuß breit in dich, dahin wo es noch nicht so dunkel ist, an das eine Ende des langen schmalen Flurs mit dem großen Fenster, in der Nähe des Haupteingangs. Nicht an das andere Ende, mit den vielen Türen und dem flackernden Licht, wo du einem schreienden Kind auf einem Bobbycar ausweichen musst, das gerade vor einem Clown flüchtet, der freitags im Home Office als Virtueller Exorzist arbeitet. 

Am Anfang des Flurs ist es hell und da steht ein bequemes Sofa auf der rechten Seite und es gibt immer genug zu Essen, zu den immer gleichen Zeiten und du lässt dich nicht verrückt machen und du gönnst dir zur richtigen Zeit die richtige Pause und wenn das Telefon klingelt, dann gehst du spätestens nach dem dritten Klingeln ran.

Und du schaust nicht nach rechts in die Dämmerung und du  interessierst dich auch nicht für all die Räume, für die Möbel in den Räumen, für die rauen Wände, die Spinnweben, die alten Bücher, die verstaubten Bilder und die herunter gebrannten Kerzen und die Schachteln und den Inhalt der Schachteln. Weil du die Räume schon gesehen hat, als du um das Haus herumgelaufen bist und von außen durch jedes Fenster geschaut hast.

Möglichkeit Nummer Zwei: Du versuchst es für eine kurze Zeit mit Möglichkeit Nummer Eins. Schnell stellst du fest, dass deine Peripherie für den Zweck nicht vorgesehen ist und es dich immer wieder tiefer in den Flur hinein zieht. Du betrittst also den Flur. Müde. Und ohne Proviant. Weil du denkst, dass du in zwei Stunden sowieso wieder zurück bist. Im ersten Raum stößt du auf Dinge, die dich irritieren. Die Schachteln sind beschriftet, aber der Inhalt lässt darauf schließen, dass jemand die Etiketten vertauscht hat.

Du raufst dir die Haare und fragst nach dem Warum. In der Ecke des Raumes steht ein Skelett und der Formlosigkeit des Schädels nach zu urteilen gehört es zu einem weißen, heterosexuellen Mann, der zu Lebzeiten ständig behauptet hat „Aber der Erfolg gibt mir recht!“, dessen Definition von „Erfolg“ aber irgendwie nicht so ausgereift ist.

Du öffnest das Fenster und die frische Luft erinnert dich daran, dass dir speiübel ist, und das Skelett klappert mit den Zähnen und dann will es dir eine Hochglanzbroschüre reichen mit einem ungeschickt formulierten Leitbild und du raufst dir die Haare und fragst nach dem Warum und verlässt den Raum. 

Und dann findest du die Wandtattoos. Vertrauen. Innovation. Latte. Das Macchiato hat jemand heruntergebissen. Das Skelett vielleicht. Oder das Kleinkind.

Und du findest die Schublade mit den Dingern, die man sich an das Handy klemmt, um bessere Selfies machen zu können. Und dann klingelt das Telefon, irgendwo da vorne neben dem Sofa, aber du gehst nicht ran, weil du die unsichtbare Grenze überschritten und dir mittlerweile einen anderen Tagesrhythmus zugelegt hast. Wie früher. Mit 13. In den Sommerferien.

Du gehst erst wieder ran, wenn du den allerletzten Raum betreten hast und das kann dauern, denn du hast noch eine Menge vor dir und jetzt will der Clown dich in ein Gespräch verwickeln. Über Body Positivity. Und du denkst „Für den Anfang tut es Neutralität ja auch erstmal.“ Und du raufst dir die Haare und du fragst nach dem Warum. 

Im nächsten Raum begegnen dir zwei Unternehmensberater, die leidenschaftlich darüber debattieren, zu welcher Uhrzeit Menschen am produktivsten sind und wie viel Geld man einsparen kann, wenn man aus mehreren Drei-Mann-Büros ein buntes Großraumbüro macht. Beide haben Barcodes im Nacken tättowiert und beide unterbrechen ihr Gespräch kurz, um sich dir vorzustellen. Du kannst dir die Namen nicht merken, die Namen spielen auch gar keine Rolle, du erkundigst dich aber mit ehrlichem Interesse nach den weiteren Zukunftsplänen der beiden.

Der eine erzählt dir von dem Bed & Breakfast in den Bergen, das er demnächst, wenn er denn dann soweit ist, renovieren möchte, weil es am Ende immer um Familie und frische Luft und regionale Zutaten geht. Da muss man aber auch erstmal drauf kommen. Das sagt einem ja auch keiner. Die eigenen Gefühle vielleicht, aber wer kann sich das heutzutage noch erlauben? Und der andere erzählt dir von den fair gehandelten Flipflops und dass er schon die Domain dafür reserviert hat. 

Am Ende des Flurs werden dir zwei wichtige Dinge bewusst.

1. Nein sagen

Du wirst dich langsam auflösen und vermutlich in einem der Zimmer in irgendeinem Wandschrank verschwinden, wenn du nur so tust als würdest du dich wichtig nehmen, aber in den entscheidenden kleinen Momenten die falschen Entscheidungen triffst. Wenn du wie eine Aufziehpuppe immer wieder sagst: Ja. Kein Problem. Geht schon irgendwie. Na klar. Mach ich. Krieg ich hin. Ist keine große Sache. 

Jedes unhinterfragte Ja ist eine Ohrfeige gegen dich selbst. Jedes Ja bedeutet, dass du Nein zu deinem Potenzial sagst und zu all den Menschen, die dir vertrauen und die dir eine Chance geben. Dein Ja hilft den Leuten nicht. Kurzfristig vielleicht, aber langfristig definitiv nicht. Du musst dich selber wichtig nehmen, um auch die anderen wichtig nehmen zu können.

Andersherum funktioniert es nicht. Es endet in einer körperlichen und seelischen Erschöpfung, die sich über Wochen und Monate ganz langsam aufbaut. 

2. Generalisten und Spezialisten

Vor einem Jahr habe ich meinen Job gekündigt, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, dass andere darüber entscheiden dürfen, wann ich welche Rolle einnehmen soll. Lückenfüller, Vertretung,  Datensammler, Kreativer, Praktikant, Therapeut, fleißiges Bienchen, persönliche Assistentin. Selbst wenn das ihr gutes Recht ist.

Ich habe gekündigt, weil ich Verantwortung übernehmen wollte für mein Leben. Und weil außer mir kein anderer Mensch für mein Wohlbefinden verantwortlich ist oder wissen kann, wie beschissen es mir geht, solange ich nicht in der Lage bin, meine Bedürfnisse nachvollziehbar zu machen.

Ich habe gekündigt, weil die Panikattacken zurück gekommen sind. Ich habe gekündigt, weil ich irgendwann nur noch aus Selbstzweifeln bestand. Und weil ich nicht in der Lage bin, Brände zu löschen für Menschen, die mein Talent, diese Brände zu erkennen bevor sie entstehen, nicht sehen. Nicht sehen können. Weil sie sich um anderen Scheiß kümmern müssen. Um Scheiß, von dem ich nichts weiß. So wie die von meinem Scheiß auch nichts wissen. Und ein Text ändert daran auch nicht viel, denn der Scheiß bleibt graue Theorie, praktisch bleibt man relativ unbeteiligt.

Die Panikattacken sind verschwunden. Die Selbstzweifel sind geblieben. Auch das ungesunde Verhalten, vor allem die oben beschriebene Unfähigkeit, im richtigen Moment Nein sagen zu können.

Ich dachte, meine größte Herausforderung als selbständige Grafikdesignerin, wäre es, Aufträge zu bekommen. Die Wahrheit ist: Mein Gehirn ist meine größte Herausforderung. Dieses Gehirn gaukelt mir ständig vor, dass ich mir ein Spezialgebiet suchen muss. Das Internet trägt seinen Teil dazu bei. An jeder Ecke begegnen dir kreative Menschen, die offenbar seit Jahren ganz erfolgreich immer diese eine Sache machen. Der Illustrator mit dem unverkennbar eigenen Stil, den du unter tausenden widererkennen würdest. Die Grafikerin, die Webseiten baut für Kleinunternehmerinnen in Heilberufen. Der Typ, der scheinbar all sein Geld mit Ebooks verdient, in denen er den Leuten erklärt, mit welchen Hashtags sie auf Instagram Erfolg haben. 

Spezieller geht es ja irgendwie nicht mehr. Und dann komme ich und mache mich selbständig. Als Pixelraupe. Geht ruhig auf die Homepage und schaut euch diese – Entschuldigung – unfertige Scheiße an. Ich bin momentan soweit zu sagen: Es ist ok. Denn das ist ja der Punkt. Ich bin unfertig, auch wenn ich mich manchmal ziemlich fertig fühle, und ihr seid es auch, glaubt mir, ihr seid es, wir werden alle gemeinsam unser Leben lang unfertig sein, und das ist beängstigend und wunderbar und alles in allem ziemlich ok. Aber zurück zum Thema.

Ich mache mich also selbständig. Eine Scannerpersönlichkeit, introvertiert, intuitiv, eine Nachteule, eine Scheiß Mischung aus zu viel und zu wenig Temperament, gelernte Grafikerin, aber mein Herz besteht nicht nur aus Bildern und Farben, ein nicht unerheblicher Teil besteht aus Worten, weil Worte – richtig eingesetzt – der schönste Umweg sind hin zu schöneren Bildern und intensiveren Farben. Es ist ein Fluch und ein Segen zugleich.

Die Wahrheit ist: In den ersten Monaten meiner Selbständigkeit kamen mir meine Tage vor wie dieses oben beschriebene kopflose Herumirren von Raum zu Raum. Ich stehe immer noch in diesem Haus in einem dieser Räume und werfe hilflose Blicke in einzelne Schubladen eines Apothekerschranks. Und das was mir bisher am allermeisten die Laune verdorben hat – neben meiner angeborenen Unfähigkeit, das Wort „nein“ zu denken, geschweige denn auszusprechen – war das Thema Positionierung. 

Positionierung im herkömmlichen Sinn funktioniert nicht, wenn du Generalist bist und dich gerade im kreativen Bereich im ländlichen Raum selbständig gemacht hast. Positionierung lähmt dich, wenn du die Sache falsch angehst.  Wenn du denkst, dein Problem wäre, dass du zu perfektionistisch, zu schlecht, zu blöd, zu unsicher oder sonst etwas bist, dann kann es sein, dass du dir einfach nicht die Zeit genommen hast, dich zu fragen, ob du zu den Spezialisten oder zu den Generalisten zählst und was das jetzt konkret bedeutet.

Ich liebe meinen Beruf. Aber das weiß ich erst seit ein paar Wochen wirklich. Ich mache ihn seit fast fünfzehn Jahren, aber erst eine Zwangspause im August mit 0 Euro Umsatz hat mir gezeigt, dass ich ihn liebe und dass das nur gelingt, wenn ich unabhängig von der Meinung anderer definiere, was er bedeutet. Und damit kämpfe ich gerade und es fühlt sich so an als hätten meine Tage nicht genug Stunden.

Ich liebe meinen Job unter der Voraussetzung, dass ich mich nicht spezialisieren und in irgendeine Nische zwängen muss. Und auch wenn viele Menschen der Meinung sind, dass der Grafik-Designer derjenige ist, der in ein Haus kommt und da frische Blumen auf den Wohnzimmertisch stellt und die Gardinen wechselt, der also Dinge schön macht. Diese Person werde ich, ob ihr es glaubt oder nicht, niemals ausschließlich sein, auch wenn mir diese Arbeit immer wieder Spaß macht. Ich kann das jeden Tag mehrere Stunden lang machen. Aber eben nicht nur. Ich bin von Natur aus eher der Mensch, der das Haus betritt, sich umschaut und dann manchmal zu dem Ergebnis kommt, dass es sinnvoller ist, erstmal einen Container vor dem Haus aufzustellen und einen Haufen Zeug aus dem Fenster zu schmeißen. Und das hat viel mit Zuhören zu tun. Mit Beobachten. Mit dem Erkennen von Zusammenhängen. Mit dem Lesen von Fußnoten. Mit der Bereitschaft Fragen zu stellen, statt Argumente vorzubringen. Das kommt meistens nicht wie aus der Pistole geschossen. Das ist eher ein Bogen, den man erstmal spannen muss. 

Ich liebe es, Dinge zu sortieren, Dinge zu sammeln, zu suchen, Daten zu analysieren. Wenn das dabei hilft, etwas oder jemanden besser zu verstehen. Wenn es der Sache dient. Ich hasse es, dieselben Dinge aus der Not heraus zu tun, weil das Ur-Prinzip „Wenn alle verantwortlich sind, ist niemand verantwortlich.“ mal wieder alle Schiffe versenkt. Ich mag Menschen, die wissen, was für eine große Rolle der Kontext spielt. Dass Menschen vollkommen andere Entscheidungen treffen, sich anders verhalten, wenn sie frei wählen können. All das hat mit Design scheinbar nichts zu tun. Aber die Grafik-Designer, deren Namen man kennt, diejenigen, die das seit dreißig oder vierzig Jahren machen, das sind diejenigen, die sich in erster Linie für Menschen interessieren, nicht für die Schönmacherei. Und nicht selten sind das auch Leute, die mit Worten umgehen können. Die die Inhalte ernst nehmen. Weil Design ohne Inhalt Dekoration ist.

Produktentwickler John Cutler hat in einem Text auf Medium mal geschrieben:

„Engineers and designers are trained problem solvers (and problem definers/explorers, and systems thinkers, and cost/benefit analyzers, etc). They can sniff out incoherence a mile away, even if it isn’t their individual area of focus and expertise. So, while a designer may not be a “business expert”, they’re likely able to sense a business strategy that doesn’t add up. They can also tell when someone is flat out guessing.

When they (engineers and designers) repeatedly can’t see the impact of their work, or impact is wrapped in success theater, or the product manager’s actions are incoherent, or explanations are weak and opaque…they are likely to start losing faith and trust. Even small and innocent things can be a trigger.“ 


Der Mann hat recht. Aber so recht glauben will das niemand, weil es nicht in das Bild vieler Menschen passt. Man muss sich trauen, das der Welt auch zu beweisen, auf die ein oder andere Art. Und man muss wissen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, die Methoden anderer zu ignorieren und wieder nach den eigenen Prinzipien zu handeln. 

Was das für meine Arbeit und mein Leben bedeutet? Ich werde anderen möglicherweise in naher und ferner Zukunft eher erklären können warum Dinge geschehen oder nicht geschehen sind. Ich werde mit dem vagen Gefühl leben, mich manchmal unbeliebt zu machen, und hoffentlich und vielleicht manchmal mit der Hilfe von Menschen, die mich wirklich gut kennen, feststellen, dass ich damit leben kann und dass sich viele Sorgen nicht bewahrheiten.

Ich werde Ausflüge in andere Welten nicht mehr als Ausflüge betrachten, sondern als etwas, das fest zu mir gehört. Vor allem, wenn es mir viel Energie zurück gibt. 

Ich werde meine Aufmerksamkeit anders einteilen und das bedeutet, dass ich endlich akzeptieren muss, dass mein Motor, mein größter Antrieb sich für andere manchmal anfühlt wie eine Bremse. Und das möchte ich nicht. Ich will nicht, dass der Generalist und der Idealist in mir meinen momentanen Berufsalltag behindern. Deshalb muss ich ihnen Raum geben und ich muss mich um sie kümmern und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Aber ich werde Ihnen nicht mehr erlauben, ständig auf meinem Schoß zu hocken, wenn ich am Schreibtisch sitze. Es sei denn, ich treffe die bewusste Entscheidung.

Es bedeutet, dass ich die Zusammensetzung der Zutaten, mit denen ich täglich arbeite, anpassen und nicht jedes mal automatisch meine geheime Lieblingszutat aus dem Schrank holen muss. Die Zutat die viele nicht kennen, von denen einige etwas ahnen, und mit der nur ein kleiner Kreis von Menschen wirklich etwas anzufangen weiß – und es ist übrigens nicht Dill, denn Dill versteht wirklich keine Sau. Diese Zutat, die jeder Mensch besitzt, muss man beschützen und einen bewussten Umgang mit ihr pflegen. So pathetisch das klingt und egal wie hart das ist für jemanden wie mich.

Es bedeutet auch, dass ich mich in den nächsten Wochen dazu zwingen muss, wieder mehr zu schreiben, an verschiedenen Orten, um wieder ein Gefühl für die Dinge zu bekommen, die mich antreiben. Um zu überzeugen. Um zu informieren. Um Impulse zu geben. Um Menschen manchmal auch das Alleinsein erträglicher zu machen. Wenn ich schreibe, dann reagiert mein Körper wie der Körper eines kerngesunden Menschen. Wenn ich schreibe, dann kann ich überzeugend sein. Wenn ich schreibe, dann interessieren mich trommelnde Finger, ungeduldige Blicke und blinde Flecken nicht. 

Darauf freue ich mich. Ich sage danke für eure Aufmerksamkeit. Steht zu eurem Gehirn und seid gut zu euch selbst. 

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

 

Crisis & opportunity

Die zwei Fliegen tanzen noch eine Weile um mich herum, lassen sich auf Unterarm und Hand und auf der Nasenspitze nieder, als würden sie mich testen wollen. Als würden sie wissen wollen, ob ich das jetzt wirklich ernst meine. Sie starren mich an, sie starren mich an, während sie krabbeln, und ich glaube, sie tauschen auch heimlich Blicke aus. Das können Fliegen sehr gut, sie haben besondere Augen. 

Als die Atemzüge tiefer und die Gedanken weniger werden, ziehen sie sich zurück, als hätten sie sich abgesprochen, als wüssten die Biester jetzt alle beide: Das wird heute nichts mehr, die meint das ernst mit ihrer Meditation auf der Eckbank in der Küche. 

Ich atme und atme und atme und finde, dass alles irgendwie zu viel ist. Innen und außen. Zu viel Druck. Zu viele Erwartungen. Zu viel Tamtam. Zu viel Perfektionismus. Zu viele Menschen, die glauben zu wissen, was ein anderer gerade braucht, denkt, will oder ist. Und das mag sich etwas komisch anhören, immerhin muss ich kein Kind in den Kindergarten bringen, meinem Mann kein Brot schmieren, ich bin nicht putzsüchtig oder eine magersüchtige Eiskunstläuferin oder jemand mit Personalverantwortung. 

Nachmittags schreibe ich all die Dinge auf, die in den letzten drei Monaten irgendetwas mit mir gemacht haben. Gespräche, die ich geführt habe. Fragen, auf die ich noch keine Antwort gegeben habe. Menschen, die sich vor meinen Augen in ein anderes Licht gerückt haben. Erkenntnisse, die ich hatte. Menschen, die mir unwichtige Organe entnommen oder mir Blutergebnisse mitgeteilt haben, auf die ich 17 Monate lang gewartet habe. Fragezeichen, die ich seit mindestens sechs, eigentlich sogar 34 Jahren mit mir herum geschleppt habe in einem Rucksack, der mir viel zu groß und schwer ist, aber an den ich mich irgendwann gewöhnt habe, so wie man sich an alles gewöhnt, wenn man nicht aufmerksam ist. 

Worte, die ich zu Bett schicken muss, damit Leute, die zu müde sind, bei jeder Begegnung neu Maß zu nehmen, sich nicht schlecht fühlen. Die eigene verdammte Feigheit. Die verdammte Feigheit der anderen.

Morsezeichen meines Körpers. Energien, die ich plötzlich wahrnehme und das kannst du ja keinem erzählen, der nur an die Dinge glaubt, die man hören und sehen und anfassen kann, der nur an Sirenen und Blumenkohl und Brüste glaubt. Das kann man keinem erzählen, wie das ist und wie das damals war, irgendwann im Sommer 2015, mit den Händen im Spülwasser und diesem plötzlichen Sauerstoffmangel, der sich im Raum ausbreitet. Und den ich danach nie wieder so intensiv gespürt habe. Dachte ich jedenfalls.

Es sind 34 Punkte geworden. Abends kommt noch ein 35. Punkt hinzu, wie eine Fußnote, nicht laut und polternd, sondern leise, kein Befehl, keine Überschrift, eher ein Vorschlag. Eine Fußnote eben. Wenn du willst, kannst du dir über diesen Punkt auch Sorgen machen. Wenn du möchtest, werden alle vorherigen Punkte plötzlich klein, lösen sich auf, verschwimmen vor deinen Augen. Du entscheidest. 

Irgendwo da draußen, in der Welt und im Netz und Gott sei Dank manchmal auch direkt vor meiner Nase, gibt es Menschen, denen man all das nicht umständlich erklären muss. Die sich wenigstens ein bisschen selber kennen, die sich hinterfragen, die sich wichtig nehmen und deshalb nicht immerzu allen beweisen müssen, wie wichtig sie sind. 

Ich bin müde. Wie jemand, der seit 15 Jahren darauf wartet, einen angefangenen Gedanken zu Ende zu denken. Wie jemand, dem man immer nur zwei Wochen Urlaub gewährt hat. Nie verdammte drei Wochen. Wie jemand, der gerade mühsam lernt, wie das wirklich funktioniert, wenn man sich selbst wichtig nimmt.

Ich bin müde, weil ich seit vier Wochen weiß, dass Müdigkeit mir in den Genen liegt. Ich bin müde, weil mir das niemand gesagt hat und ich es selbst herausfinden musste wie ein verwirrter Professor. Ich bin müde wegen all den Menschen, die sich in den anderen spiegeln und die einander das vorwerfen, worunter sie selbst am allermeisten leiden. Ich bin müde wegen all der Hashtags, die aussehen wie niedliche kleine Gefängnisgitter.

Und ich bin dankbar. Und leer. Ich weiß nicht, ob ich jemals so müde gewesen bin, ob ich jemals mit so wenig Luft ausgekommen bin, aber die Leere ist gut. Ich würde sie vielleicht gar nicht erkennen, könnte nichts aus ihr lernen, wenn ich nicht so müde wäre.

All die Hilfswerkzeuge, die ich normalerweise mit mir herumtrage, liegen gerade fein säuberlich vor mir aufgereiht auf einer Werkbank. Der Sarkasmus, jede Entschuldigung, jeder Automatismus, die Wut, jedes Vorurteil, jede Luftpumpe und jeder Schleifstein. Dinge, die ich nutze, um mich kleiner oder größer zu machen für andere. 

Und da ist noch Platz auf der Werkbank. Da werden noch einige Hilfsmittel landen und ich werde sie nicht mehr jeden Tag automatisch mit mir herumschleppen und das ist ein gutes Gefühl. Es ist gut, weil ich ohnehin keine schweren Rucksäcke mehr tragen darf. Es ist gut, weil da jetzt freie Fächer sind, die gefüllt werden können mit belegten Broten und etwas, was ohnehin schon immer da war.

Ich wünsche euch eine große Werkbank. Und Mut. Und einen Lieblingsbaum, unter dem ihr sitzen könnt. 

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Fotografie bringt Menschen in die Welt hinaus.

Ich kann mich noch ziemlich gut an den Tag erinnern, als ich Andreas Maria Schäfer und Rolf K. Wegst zum ersten Mal begegnet bin.
Das war vor zwei Jahren bei den 4. Marburger Fototagen in der VHS in Marburg. Rolf war der mit den vielen, Andreas war der mit den wenigen Haaren. Was beide verbindet, ist die Liebe zur Fotografie.

Die Fototage finden dieses Jahr vom 15. bis 17. März zum 6. Mal statt und sind ab sofort Teil des Photo.Spectrums.Marburg. Was das ist? Darüber habe ich mit beiden vor ein paar Wochen gesprochen. Viel Spaß beim 2. Teil von #sachenmachen.

Stellt euch mal gegenseitig vor!

Rolf: Andreas ist motiviert, schlau und jemand, der begeistert. Er ist in der Lage, Themen konzeptionell anzugehen und das ist eine notwendige Eigenschaft, wenn man die Fotografie hinaus in die Welt tragen möchte.

Andreas: Das erste, was an Rolf auffällt, ist sein schöner Witz, ein fast schon englischer Humor. Er ist mit der Fotografie nicht nur beruflich verbunden, für ihn ist das eine Herzensangelegenheit, weil er ein Weltenbürger ist, der die Menschen liebt.

Wie seid ihr zur Fotografie gekommen?

Rolf. Jahrgang 1960. Schuhgröße 42.

Rolf: Fotografie war eine lange Zeit ein eher latentes Thema, die Anfänge waren eher holprig. So mit 15 oder 16 habe ich begonnen, mich politisch zu engagieren, hab beim „Stadtblättle“ in Bietigheim-Bissingen mitgemacht und für einen Dritte-Welt-Laden fotografiert, das ist dann aber wieder eingeschlafen. Dann kam irgendwann der Zivildienst und schließlich hat es mich 1984 nach Gießen verschlagen, wo ich mich dann neben dem Psychologiestudium mit Portrait- und konzeptioneller Fotografie beschäftigt habe. Wir haben zum Beispiel mal ein Semester lang eine Mensa-Tasse fotografiert.

Dann habe ich Anfang der 90er beim Marburger Express angefangen, das war zu einer Zeit als der Fotograf den Texter noch begleitet hat. Christoph Amend z.B., mit dem ich damals auch zusammen gearbeitet habe, ist heute Leiter beim Zeit-Magazin.

1993 kam von der VHS die Anfrage für eine Kollegin einzuspringen und einen Fotokurs zu übernehmen. Seitdem leite ich Kurse für Natur-, Makro-, Landschafts- und Portraitfotografie und gebe Workshops. Zwischendurch hatte ich gemeinsam mit zwei anderen Fotografen eine Bildagentur, dann kam die Frankfurter Rundschau und andere Agenturen, Tageszeitungen und Magazine wie dpa, die TAZ, der Spiegel oder die Süddeutsche. Die FR war aber viele Jahre lang mein Hauptauftraggeber. Daneben fotografierte ich Reportagen in Nepal, Indien, dem Iran, Syrien oder Bangladesh.

Seit 2003 bin ich Theaterfotograf am Stadttheater Gießen, ich fotografiere viel für die Uni in Marburg und in Gießen und unterrichte an der European School of Design in Frankfurt.

Andreas: Ich hab mit neun Jahren angefangen herumzuknipsen, in schwarz-weiß, mit einer Kodak Instamatic, die ich geschenkt bekam. Die Filme hab ich mir dann von meinem Taschengeld gekauft. Da sind schreckliche Sachen rausgekommen, abgeschnittene Köpfe zum Beispiel. Dinge, die ich heute eher absichtlich mache. Ein wirkliches Interesse bestand aber damals noch nicht. Als meine Töchter geboren wurden, gab es dann die typischen Kinderfotos. Richtig zur Fotografie gefunden habe ich im Jahr 2000, als ich nach Marburg gezogen bin. Damals wurde im Medialand-Prospekt eine Olympus angeboten, mit Zeiss-Objektiv, runtergesetzt von 1.900 auf 600 Euro. Die hab ich mir angeschafft und ich fand es sofort spannend, die Bilder direkt sehen zu können. Erst habe ich die typischen Fotos damit gemacht, dann habe ich erste Ausstellungen besucht, und auch immer mehr Fachliteratur gelesen, weil mich natürlich auch der wissenschaftliche und geschichtliche Hintergrund interessiert hat.

2008 hab ich das Fotofestival in Arles besucht und mir damals gedacht: Wie toll wäre es, wenn es sowas in Marburg auch geben würde. Meinen ersten Kurs hab ich dann glaube ich in 2010 besucht, bei Rolf. Bei uns hat es sofort gefunkt, wie man so schön sagt. Wir haben eine ähnliche Denke, wir können richtig gute Gespräche führen. Daraus ist in den letzten Jahren eine schöne Freundschaft entstanden. 2010 habe ich dann die Marburger FotoCommunity ins Leben gerufen.

Andreas. Zweitname Maria. Nachname Schäfer.


Wie entstand die Idee zum Photo.Spectrum.Marburg?

Andreas: Ich kann mich an ein Gespräch erinnern am Rande eines Kurses. Ich hab Rolf von meiner Idee erzählt, ein Fotofestival in Marburg zu organisieren und er sagte: „Da hab ich auch schon dran gedacht.“ 2014 haben wir zum ersten Mal die Marburger Fototage in der VHS veranstaltet. Damals gab es bereits 45 Fotokurse im Jahr, das Interesse an der Fotografie war da und das Photo.Spectrum.Marburg war dann sowas wie der logische nächste Schritt.

Rolf: Es war irgendwie von Anfang an klar, dass die Fototage, aus denen heraus das alles entstanden ist, nicht als etwas limitierendes, geschlossenes gedacht waren. Durch die Digitalisierung ist in den letzten Jahren ein großer Bedarf nach visuellen Eindrücken entstanden. Die Demokratisierung der Fotografie hat stattgefunden.

Andreas: 2017 haben wir gemeinsam mit einigen Interessierten aus der Fotoszene das KulturFotografieNetzwerkMarburg gegründet und die Idee weiter verfolgt, Menschen niederschwellig an Fotografie heranzuführen und das Kulturgut Fotografie weiter zu verbreiten. Wichtig ist uns dabei vor allem: Die teilnehmenden Fotografen bzw. Gruppen handeln ganz unabhängig. Wir koordinieren zwar im Hintergrund, wir vernetzen Fotografen mit Personen, die zum Beispiel die passenden Räume anbieten können, aber wir greifen nicht von außen ein.

Rolf: Ich glaube, es ist ein natürliches Bedürfnis von Menschen, sich zu zeigen. Mit ihrer Arbeit, mit ihrer Kunst. Und wenn sowas nicht von außen vorgegeben wird, sondern sich von innen heraus entwickelt, dann funktioniert das auch.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft bezogen auf Fotografie in Marburg und Umgebung?

Rolf: Es wäre schön, wenn sich das verstetigen würde. Vielleicht gibt es zukünftig die Möglichkeit, bestimmte Nischen-Themen stärker einzubringen, die sich daraus entwickeln. Der Bedarf ist ja da.

Andreas: Ich denke, ein ganz wichtiger Faktor dabei ist, Entwicklungen einfach anzunehmen und Dinge geschehen zu lassen. Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, dass es hier irgendwann ein Streetphotografie-Kollektiv gibt, so wie in vielen anderen Städten auch.

Gibt es eine Situation, die euch in Verbindung mit der Fotografie besonders in Erinnerung geblieben ist?

Andreas: Diesen einen spannenden Moment gibt es für mich gar nicht, weil alles besonders ist, was ich durch und mit der Fotografie als Kommunikationsmittel erlebe. Für mich ist die Fotografie und der Austausch mit Menschen einfach eine Herzensangelegenheit, deshalb sage ich auch immer „Wenn ich fotografiere, dann nehme ich den Menschen auf in all seinen Facetten.“ Ich schieße ihn nicht ab, ich bin ja kein Paparazzi. Der Mensch in ganz normalen Alltagssituationen ist etwas, was mich sehr fesselt.

Rolf: Ich bin von meiner Natur her ja eigentlich ein Stubenhocker. Aber die Fotografie bringt mich in die Welt hinaus. Ich war mal in einem Tempel in Kathmandu und hab mir Gebetsmühlen angeschaut. Ein Mönch stand neben mir und hat mir durch seinen Blick zu verstehen gegeben, dass ich die Mühle drehen soll. Er hatte so etwas wahnsinnig friedfertiges in seinen Augen, so etwas hätte ich bis dahin gar nicht für möglich gehalten. Vor ein paar Tagen war ich in Hadamar in der Forensischen Psychiatrie. Die Fotografie bringt mich an diese vielen unterschiedlichen Orte. Sie sorgt dafür, dass ich mich mit Hintergründen inhaltlich auseinandersetze, dass ich in der Birne jung bleibe und mich immer wieder frage: „Wer bin ich denn jetzt in dieser Angelegenheit?“

Gibt es einen Fotografen oder eine Fotografin, deren Arbeiten ihr besonders schätzt und auf die ihr vielleicht in euren Workshops immer wieder drauf zurück kommt?

Andreas: Da fallen mir, in all ihrer Gegensätzlichkeit, zuerst natürlich Martin Parr und Henri Cartier-Bresson ein. Außerdem Vivian Maier, Sabine Weiss, momentan mag ich auch die Arbeiten von Martin Wolf sehr. Und Nobuyoshi Araki, der einerseits sehr provokative Aktfotos macht, andererseits seine Frau bis zu ihrem Tod mit der Kamera begleitet hat.

Rolf: Eigentlich kann man die Frage ja gar nicht beantworten, aber ich versuch es trotzdem mal. Robert Frank, Joseph Koudelka, William Klein. Dann noch Robert Mapplethorpe, Ralph Gibson, Robert Häusser, Ernst Haas, Vanessa Winship. Ich glaub, ich hab ungefähr 400 Bildbände daheim.

Andreas: Bei mir sind es auch so viele. Und alle Fotografinnen und Fotografen sind bereichernd, egal ob man ihre Fotografie ablehnt oder befürwortet.

Fotografieren Frauen anders? Gehen die anders an das Thema ran?

Rolf: Ich war vor einigen Jahren mal mit einem Foto-Kurs in Marokko und da ist mir nochmal deutlich klargeworden, dass es Bereiche gibt, die für Frauen leichter zugänglich sind. Aber dann gibt es auch wieder andere Bereiche, die eben wieder für Männer leichter zugänglich sind.

Andreas: Man kann das nicht verallgemeinern, aber sicherlich ist was dran am „weiblichen Blick“, an diesem anderen Zugang. Anja Niedringhaus ist so ein Beispiel. Die Fotos, die sie vom Krieg gemacht hat, sind einzigartig.

Rolf: Man kann schon beobachten, dass viele Männer sich am Anfang eher für die technische Seite interessieren, bei Frauen ist es eher das Ästhetische. Am Ende kann das eine nicht ohne das andere und man sollte offen für beides sein, um wirklich gute Fotos machen zu können.

Warum kann Fotografie die größte Leidenschaft der Welt sein?

Rolf: Es gibt ein älteres Ehepaar aus Marburg, beide haben in den letzten Jahren viele Kurse bei mir besucht, haben viel von der Welt gesehen, die Kamera war immer mit dabei. Ich erinnere mich an einen Moment, als er mal zu mir gesagt hat „Wenn ich die Fotografie nicht entdeckt hätte, dann wäre ich wahrscheinlich in der Zwischenzeit schon vor dem Fernseher vertrocknet.“ Das bringt es glaube ich auf den Punkt.

Andreas: Menschen brauchen Bilder. Sie brauchen Erinnerungen. Und deshalb wird die Fotografie immer eine Rolle spielen, egal wie weit die technische Entwicklung ist.

Heute Abend um 19 Uhr startet das Photo.Spectrum.Marburg mit einer Auftaktveranstaltung im TTZ und Bildern von Bodo Langner. Genauso vielversprechend und vielfältig geht es dann in den nächsten Tagen und Wochen weiter. Das Programm findet ihr hier.

Mein Komplize stellt übrigens auch aus. Seine Bilder verlassener Orte könnt ihr euch vom 8. März in den Räumen der Stadtbücherei Marburg anschauen.

Titelfoto: Rolf K. Wegst




There´s a message in the mess

Dieses Jahr wird spannend. Denn ich werde versuchen, jeden Monat Menschen zu treffen, die gerade etwas richtig gutes auf die Beine stellen (oder schon gestellt haben), die über den Tellerrand schauen, die sich was trauen und deren Ideen und Projekte mich begeistern.

#sachenmachen heißt die Aktion und den Anfang machen zwei Menschen, die letzten Sommer den Ruhrpott hinter sich gelassen haben, um dort hinzugehen, wo Subkultur noch echte Rebellion bedeutet. Kurz vorm Start ihres Crowdfundings habe ich Diana Ringelsiep und Felix Bundschuh in ihrem Büro in Essen besucht, um zu erfahren, wie die Idee zu „A Global Mess“ entstanden ist, wie gut sich die beiden im Büroalltag ergänzen und welcher Abend ihrer gemeinsamen Reise ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist.

Wo wart ihr heute vor einem Jahr?

Felix:
Das kann ich lustigerweise genau sagen. Ich war in meiner Funktion als Musikmanager bei einer TV-Aufzeichnung in Berlin: „Schlagerchampions 2018 – Das große Fest der Besten“. Da waren u. a. Andrea Berg, Roland Kaiser und Florian Silbereisen zu Gast. War mega!

Diana: Mit deinem alten Leben möchte ich irgendwie auch nicht tauschen.

Felix: Das Jahr fing ziemlich verrückt und turbulent an. Ich hatte damals überlegt zu kündigen und mir Bedenkzeit über meinen Weihnachtsurlaub eingeräumt. In der zweiten Januarwoche habe ich es dann getan. Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf von meiner Mutter, die mir mitteilte, dass mein Vater einen Schlaganfall hatte – kurz nach seinem 60. Geburtstag.

Meine Eltern wohnen in Berlin und ich musste wegen der eingangs erwähnten Produktion ja sowieso hinfahren. Das Krankenhaus war zum Glück bloß fünf Minuten von der Veranstaltung entfernt. Ich bin dann während der Aufzeichnung zu meinem Vater rübergegangen, der mittlerweile auf der Überwachungsstation lag. Das war dann die perfekte Gelegenheit, um meine News zu droppen und ihm von der Kündigung und meinen Reiseplänen zu erzählen.

Man muss dazu sagen, dass mein Vater Naturwissenschaftler ist, ein ganz nüchterner Mensch. Ich erzählte ihm also alles am Krankenhausbett und beobachtete währenddessen seine Werte auf dem Monitor. Ich hatte zwar nicht erwartet, dass es zu krassen Ausschlägen kommen würde, aber mit irgendeinem Zeichen hatte ich schon gerechnet. Zu meiner Überraschung blieb alles komplett unverändert. Er meinte nur: „Schieb deine Träume nicht auf, wenn du das machen willst, musst du das jetzt machen. Guck’s dir an, es kann morgen schon alles vorbei sein.“ Das war heute vor einem Jahr, deshalb weiß ich es so genau.

Diana: Bei mir ging das Jahr nicht so turbulent los. Ich glaube, ungefähr heute vor einem Jahr war ich beim Finanzamt, um die Steuernummer für meine Selbständigkeit zu beantragen. Das war aufregend genug.

Wie ist die Idee zu „A Global Mess“ entstanden?

Diana: Die Kurzfassung lautet: Wein.

Felix: Das ist ja immer ein Entstehungsprozess. Der ursprüngliche Plan nach meiner Kündigung war der, durch Südostasien zu reisen, zu fotografieren und die dortigen Subkulturen kennenzulernen. Am Ende hätte ich es schön gefunden, einen Bildband dazu herauszubringen. Doch dann hatte Matze (Anmerkung: ein gemeinsamer Freund von Concrete Jungle Records) die Idee zu dem Asien-Sampler und Schritt für Schritt wurde die Sache runder.

Diana: Wir wussten beide, dass der andere gerade in einer Umbruchphase steckt. Ich weiß noch, dass ich direkt nach meiner Kündigung das Bedürfnis hatte, Felix davon zu erzählen, weil er gerade im selben Boot saß. Wir haben uns dann direkt verabredet – für ein Knochenfabrik-Konzert in Köln. Das Ganze endete dann mit dem besagten Weinabend.

Felix: Wir haben uns ausgetauscht und Diana meinte recht schnell, dass man da doch irgendwie mehr draus machen könnte, zumindest eine Story im Tätowiermagazin sollte drin sein (Hier gibt´s übrigens ein aktuelles Interview zu lesen, das die beiden der Redaktion neulich gegeben haben).

Diana: Wenn man gekündigt hat, spürt man eine ganz spezielle Art der Euphorie. Man will Berge versetzen und dementsprechend waren meine Pläne natürlich damals schon viel größer als das. Doch ich wollte mich nicht aufdrängen, die Reise war schließlich Felix‘ Ding. Ein paar Tage später habe ich ihm dann in aller Ruhe meine Überlegungen dazu rübergeschickt. Er meinte später, ich hätte ihm nicht nur meine Gedanken mitgeteilt, sondern „eine Idee gepitcht.“

Felix: Ich war gerade auf einer Geburtstagsparty, als sie mir die Nachricht geschrieben hat und trotzdem antwortete ich innerhalb von einer Minute: „Alles klar, machen wir so!“ In meinem Kopf gab es zu dem Zeitpunkt ja noch kein ausgereiftes Konzept und mich hatten bereits mehrere Leute gefragt, ob sie mich begleiten können. Das habe ich aber immer abgelehnt, weil es eben keine reine Spaßreise werden sollte. Diana war die erste Person, die das verstanden und die Idee vorangetrieben hat.

Gab es im Vorfeld der Reise kritische Stimmen oder Bedenken?

Diana:
Gar nicht. Eigentlich haben alle gesagt: „Jetzt oder nie!“

Seid ihr Planer oder habt ihr das meiste einfach auf euch zukommen lassen?

Felix: Ich würde uns nicht als Planer bezeichnen. Eher als Visionäre. Ich sag mal so, im Planen sind wir okay. Es gibt Leute, denen einige Dinge wahrscheinlich nicht passiert wären, dafür sind wir nicht zu verkopft. Im Detail haben wir vieles erst beschlossen, als wir uns bereits auf den Weg gemacht hatten.

Diana: Nach Kuala Lumpur wussten wir zum Beispiel nicht, wo wir als nächstes hinfahren sollten. Aber wir wussten immer, dass am Ende etwas herauskommen wird, das größer ist als die Reise an sich.

Felix: Das meine ich mit Vision. Wir kamen im August zurück und zwei Wochen später hatten wir unser eigenes Büro. Wir haben auch Filmpremieren zugesagt, ohne einen fertigen Film zu haben. Doch anders wäre das ja auch gar nicht möglich.

Diana: Wir ergänzen uns da schon sehr gut. Wir teilen dieselbe Vision und haben auch beide kein Problem damit, 16 Stunden im Büro zu verbringen. Die Aufgaben wurden dann irgendwann automatisch verteilt. Ich kümmere mich zum Beispiel um das Akquirieren von Veranstaltungen und den Feinschliff unserer Texte. Felix hat wiederum ein ganz anderes kaufmännisches Verständnis als ich und er bearbeitet die Fotos.

Felix: Es gibt Kompetenzbereiche. Auf dem einen Gebiet ist Diana einfach der Boss und auf dem anderen bin ich der Chef. Wir blicken schließlich auch auf unterschiedliche Berufserfahrungen zurück und coachen uns gegenseitig.

Das Buch wird im Frühjahr im Ventil-Verlag erscheinen.

Gab es während der Reise oder danach auch Reibungspunkte?

Felix: Während der Reise ist das glaub ich gar nicht passiert. Oder?

Diana: Andi (Anmerkung: Dianas Mann und einer der großartigsten Menschen auf diesem Planeten) hat mich im Sommer in das Taxi zum Flughafen gesetzt und gesagt: „Ich hoffe, das geht gut. Du und Felix, ihr seid zwei der kompliziertesten Menschen, die ich kenne.“ Ich bin dann nach Singapur geflogen und schon nach wenigen Tagen sind wir in unserem gemeinsamen Reisealltag angekommen. Wir waren einfach ein gutes Team und ich hatte während der gesamten Zeit nicht mal für zwei Stunden das Bedürfnis, mich zurückzuziehen.

Felix: Die längste Zeit getrennt voneinander waren wir in Kuala Lumpur, als ich in unserem dekadenten Airbnb eine Stunde auf dem Laufband und Diana im Infinity Pool war.

Welches Land hat euch am meisten überrascht?

Felix: Ich war fasziniert davon, wie wenig in Hongkong passiert. Es gibt einfach keine richtigen Szene-Treffpunkte, da teilt sich eine Metal-Core-Band einen Proberaum mit einer Oi-Band. Das hatte ich nicht erwartet.

Seid ihr irgendwelchen typischen Instagram-Backpackern begegnet?

Felix: Selbst als ich die ersten Wochen allein unterwegs war hatte ich wenig Kontakt zu anderen Backpackern.

Diana: Was ist denn mit Gustav?

Felix: Stimmt, Gustav habe ich in Surabaya kennen gelernt – keinem typischen Touristenort. Er war Schwede und ein auffälliger Typ. Gustav war groß und hatte lange weißblonde Haare. Wir waren im billigsten Hostel der Stadt untergebracht und eigentlich wollte er am nächsten Tag weiterreisen. Sein einziger Besitz befand sich in einem Armeerucksack, der bis zur Hälfte mit Notizbüchern gefüllt war. Er wollte nach Kalifornien, um dort Stand-Up-Comedien zu werden. Ich glaube, dass er das packen wird. Aber um zurück zu deiner Frage zu kommen, ein Instagram-Backpacker war er nicht. Die hängen wohl an anderen Orten ab.

Gibt es einen Auftritt, den ihr besonders in Erinnerung behalten habt?

Diana: Das war wahrscheinlich die Punk- und Hardcore-Show am letzten Abend in Singapur. Ich hatte bereits von Deutschland aus recherchiert und war dabei auf eine All-Girl-Hardcore-Band namens Radigals aufmerksam geworden. Die Mädels meinten: „Meldet euch, wenn ihr in Singapur seid.“ Das Konzert zu dem sie uns einluden, fand in einem vielleicht 15 Quadratmeter großen Proberaum in einem verlassenen Einkaufszentrum statt. Am Ende haben sich rund 45 Leute in den kleinen Raum gequetscht. Der Schweiß tropfte von der Decke und die Stimmung war großartig. Bloß die wackelige Wand neben mir bereitete mir Sorgen, denn ich wollte nicht als die Europäerin in die Geschichte eingehen, die beim Konzert den Raum zum Einstürzen gebracht hatte.

Am Ende des Ganges befand sich außerdem ein „Schlagerclub“, in dem asiatische Folkloremusik lief. Als die Punk-Show vorbei war und alle nach Hause gehen wollten, haben wir beschlossen, dort weiter zu feiern. Die anderen fanden es allerdings total verrückt, dass wir um Mitternacht nicht nach Hause gehen wollten.

Felix: In Singapur weiß man einfach nicht, wie man bis morgens säuft. (lacht) Der besagte Club glich einer Parallelwelt. Es gab Plüschsofas und Bier-Türme zum Selberzapfen. Auf der Bühne fand ein Contest mit asiatischen Schönheitsköniginnen statt und irgendwann haben wir mit 20 Punks die Tanzfläche gestürmt.

Gab es auch kritische oder sogar gefährliche Situationen?

Felix: Von einer wirklich gefährlichen Situation erzählen wir im Buch, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Eine andere kritische Situation gab es in Cebu, als ich mit zwei Sprayern unterwegs war. Es war helllichter Tag und sie sprühten ein großflächiges Motiv auf eine Wand. Irgendwann drehte ich mich um und in 15 Meter Entfernung stand ein Cop auf einem Motorrad, der uns fassungslos beobachtete. In solchen Momenten ist es ja so: Mitgegangen, mitgefangen. Wenn du erwischt wirst, stehen deine Karten erst mal schlecht. Als Tourist sagst du dir dann: „Ich guck mal, dass ich Land gewinne.“ Doch ich war in dem Moment nicht als Tourist unterwegs, sondern habe das „Arbeitsmaterial“ dahinter gesehen.

Bei Diana ist mir dieser Zwiespalt zwischen Respekt vor der Situation und Professionalität immer besonders aufgefallen. Prinzipiell neigt sie schon dazu, sich abenteuerliche Worst-Case-Szenarios auszumalen. Doch sobald sie in ihrem Journalistenmodus ist, kann ihr Gegenüber ruhig einen dicken Joint rauchen (für den man dort zu Rohrstockhieben und mehreren Jahren Gefängnis verurteilt werden kann). In solchen Situationen bewahrt sie absolute Ruhe, weil sie ein Interview zu führen hat.

Warum sollte man sich den Film anschauen oder das Buch lesen?

Diana: Im Grunde ist für jeden etwas dabei. Zum einen gewähren wir Einblicke in unseren Reisealltag, der als leichte Unterhaltung zu betrachten ist. Zum anderen gibt es den dokumentarischen Teil, in dem wir mit AkteurInnen der Musik-, Graffiti- und AktivistInnenszene sprechen. Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, ob „A Global Mess“ für ihn bloß ein kurzweiliger Zeitvertreib oder mehr als das ist. Wir wollen mit unserem Buch und dem Film nicht den Zeigefinger erheben und aufklärerisch daherkommen. Wir haben lediglich Orte aufgesucht, die nicht viele Menschen aus unseren Breitengraden zu Gesicht bekommen und an die möchten wir euch mitnehmen.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Felix: Unser Vorhaben heißt ja aus gutem Grund nicht „An Asian Mess“ sondern „A Global Mess“. Auf lange Sicht soll es nicht bei einem einmaligen Projekt bleiben. Der Gedanke dahinter ist global und wir sind Visionäre. Es gibt noch viele Orte zu entdecken.

Bild: Felix Bundschuh

Jetzt habe ich noch einen Herzenswunsch. Seit einem halben Jahr arbeiten die beiden ohne Pause an der Realisierung der Doku, des Buchs und des Samplers. Das alles kostet nicht nur Zeit und Energie, sondern auch Geld. Auf Startnext könnt ihr das Projekt noch zwei Wochen lang unterstützen und ich würde mich freuen wie Sau, wenn ihr das in Form von ein paar Euros machen würdet.

Titelbild: Felix Bundschuh


19.01.2019 – Jetzt ist aber mal gut

Schlaf

Während der Kuchen im Ofen ist, der morgen mit großartigen Menschen verspeist werden will, nutze ich die Chance und melde mich mal wieder. Dieses regelmäßige Schreiben, das ich neulich angekündigt habe, es klappt wunderbar, ihr merkt das. Ich entschuldige mich. Es gab aber auch irgendwie eine ganze Menge zu tun. Angebote schreiben, Telefonate führen, erste Aufträge entgegen nehmen und umsetzen. Und all das, während mein Körper dank des Holland-Urlaubs und der neuen Situation in einem Modus feststeckt, den ich zuletzt vor zwanzig Jahren erlebt habe. Damals in den Sommerferien saß ich wochenlang nachts im Bett, hörte Musik und befüllte Notizbücher mit seltsamen Gedanken, die man sich in dieser Art wirklich nur mit vierzehn macht und die mehr oder weniger alle auf „Alle hassen mich.“ beruhen.

Ich versuche, diesen komatösen Zustand jetzt erstmal zu akzeptieren und dann nach und nach wieder zu etwas humaneren Zeiten aufzustehen und am Leben teilzuhaben. Sollte ich es nicht schaffen, werde ich einfach jede Menge Studien darüber lesen, wie ein verkorkster Schlaf-Wach-Rhythmus sich langfristig auf die Gesundheit auswirkt, und dann vor lauter Schreck am nächsten Tag um viertel nach sieben aus dem Bett springen. Und so weiter.

Hypochonder

Apropos Studien und Gesundheit und Lesen: Ich bin ja Teilzeit-Hypochonder. Ich nenne es „Teilzeit“, weil ein Vollzeit-Hypochonder nach intensiver Internet-Recherche ja meistens fünf Ärzte der gleichen Fachrichtung besuchen und ihnen auf die Nerven gehen muss, bevor er sich mal für ein, zwei Wochen beruhigen kann, bis das Ganze dann wieder von vorne losgeht. Teilzeit-Hypochonder machen das nicht. Die werden nur unruhig, wenn irgendetwas zum ersten Mal wehtut oder sich komisch anfühlt. Dann googeln sie, warten ein bisschen ab, googeln noch ein bisschen, wissen dann alles über Achalasie, trinken einen Schnaps, der macht es irgendwie nicht besser, dann wird nochmal gegoogelt, dann machen sie einen Termin beim Arzt und der findet dann nichts. Und verschreibt Protonenpumpenhemmer.

Weil ich aber auf Protonenpumpenhemmer reagiere wie ein Eichhörnchen auf Speed, liegen die Protonenpumpenhemmer einfach nur in der Medizinkiste herum und nach ein paar Wochen ist das ganze dann vorbei oder verliert sich irgendwie oder wird einfach klaglos hingenommen. Und daraus lernt man dann eine ganze Menge, zum Beispiel dass vieles von allein wieder besser wird. Und dass Magensäure Ohrenschmerzen verursachen kann, das weiß ich jetzt auch und dieses Wissen ist natürlich Gold wert. Zum Beispiel, wenn man sexuell aufgeladene Stimmung schlagartig neutralisieren oder sich ohne großen Aufwand als Sonderling einer Gruppe outen möchte.

Menschen

Die ersten zwei Wochen dieses Jahres waren ungewöhnlich kontaktfreudig. Normalerweise verbringe ich die ersten zwei Wochen eines Jahres damit, über Raum und Zeit und natürlich den Tod nachzudenken und mir vorzunehmen, regelmäßiger spazieren zu gehen und endlich den Obstsalat-Lifestyle zu zelebrieren. Diesmal war das anders und jetzt habe ich beschlossen, dass ich diese Tradition durchbrechen und nie wieder so früh im Jahr über Raum und Zeit und den Tod nachdenken möchte. Erst wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt. Ich hab in diesem Jahr fast alle meine Lieblingsmenschen schon auf einen Kaffee, ein Bier, einen Fruchtsaft oder einen Wein getroffen. Ein paar haben gefehlt, aber die Dichte an Großartigkeit war dennoch sehr…ähm… hoch…ähm groß… ähhh stark…ähm, ihr wisst schon.

Ich möchte das irgendwie beibehalten. Vielleicht nicht zwei- aber mindestens einmal pro Woche Zeit mit jemandem verbringen, den ich wirklich gern hab, der mir guttut, der etwas positives bewirkt, mich zum Lachen bringt, bei dem ich vielleicht auch etwas Positives bewirken kann. Nicht so viele Tage vorbeiziehen lassen, bis man sich mal wieder meldet. Anderen viel öfter sagen, wie toll sie sind und dass sie etwas bewirken, manchmal schon durch die Tatsache, dass sie einfach nur mit mir an einem Tisch sitzen.

Sachen machen

Mein erstes Aufeinandertreffen unter dem Motto „Sachen machen“ verlief richtig gut. Was zu einem nicht unerheblichen Teil daran liegt, dass Diana und Felix zwei richtig gute Gesprächspartner sind, die übrigens heute auf dem Travel Festival Leipzig zum ersten Mal vor größerem Publikum über ihr Südostasien-Abenteuer berichtet haben. Letztes Wochenende habe ich beide in ihrem Büro besucht und wir zogen uns dann für zwei Stunden ins Florian-Silbereisen-Zimmer zurück und haben dabei fast die Zeit vergessen.

Wenn ich Diana Glauben schenken darf, dann hab ich meine Sache sogar ganz gut gemacht. Es fühlte sich auf jeden Fall an wie etwas, was ich die nächsten zehn Jahre machen möchte. Und ich glaube, das lag nicht nur am Wein, sondern daran, dass ich Menschen im speziellen großartig finde – wenn ich sie nicht gerade im Allgemeinen ganz schrecklich finde – und mich diese Mischung aus Wort und Bild einfach unglaublich glücklich macht. Die nächsten drei Projekte bzw. Gesprächspartner stehen übrigens auch schon fest. Ich freu mich. Wie Sau.

Empfehlungen

Jetzt noch ein paar obligatorische Empfehlungen. Wenn ihr euch mal richtig über diese ganze exklusive „Neureiche Affen verkaufen gelangweilten Medienkonsumopfern einen hirntoten Lifestyle“-Szene amüsieren wollt, dann schaut euch doch auf Netflix die Doku „Fyre: The greatest party that never happened“ an. Ich glaub, sowas kommt dabei heraus, wenn ein Haufen besoffener „Masterminds“ nichts mit sich anzufangen weiß. Was ich bei all dem nicht begreife: Warum geben Menschen fünfstellige Summen dafür aus, um auf ein Festival auf den Bahamas zu kommen und dann via Social Media ein bisschen Eifersucht in anderen hervorzurufen? Und dann reagieren da auch scheinbar nur die einfältigsten der Einfältigsten darauf und schmeißen mit schnuffelherzbärchigen Emoticons um sich. Solche Bildchen lösen doch bei Menschen, die ein bisschen mehr Persönlichkeit haben, keine Gänsehaut vor Freude oder Angst aus; da macht sich doch niemand in die Hose vor Begeisterung. Diese Szene regt mich auf. Merkt man gar nicht, oder?

Christian hat seinen aktuellen Blogeintrag beendet mit den Worten „Seien Sie gut zu sich und anderen statt sich selbst und andere in den roten Drehzahlbereich zu treiben.“ Und ich kann ihm da irgendwie nur zustimmen. Ich hab das Gefühl, dieser ganze Optimierungswahn legt unsere ganze Gesellschaft lahm, ohne dass wir es bewusst mitkriegen. Und jeden Tag warte ich auf diesen einen Menschen, der mir mal was von Selbstfürsorge erzählt, während er neben einem Multifunktionsdrucker steht, der gerade kaputt geht. Aber das kriegen diese Achtsamkeits-Hooligans ja nicht hin. Selbstfürsorge gehört nämlich auf die Wiese oder ans Meer. Andere Orte sind tabu. Nicht inspirierend genug. Dabei wäre Selbstfürsorge doch gerade wichtig, wenn man neben dem scheiß Multifunktionsdrucker steht. Oder beim Finanzamt sitzt in einem Flur, der so gruselig deprimierend ist, dass es einem eiskalt den Rücken runterläuft. Heilsames Atmen bei der Zulassungsstelle, sowas! Was kriegen wir? Wir kriegen Menschen in die Timeline gespült, die erst irgendwo hin müssen, um in diesen Achtsamkeits-Modus zu kommen. Urlaub buchen und danach ein Meditationskissen kaufen ist das Mindeste. Banaler darf es leider nicht werden. Meine lieben Freunde, wir müssen wieder das Banale in unser Leben lassen.

Noch ein paar andere schlaue Menschen gefällig? Büronymous weist uns darauf hin, dass Medien die Welt retten können. Christine Haderthauer erzählt im Interview mit der Zeit, warum Frauen in der CSU kaum eine Rolle spielen. Auf twitter gibt es diesen sehr schönen Thread, in dem Designer zum Thema Logoverwendung in Brand Guidelines vor Freude eskalieren (DO NOT SHUFFLE THE OCTOTHORPE!!!) Und dann hat Vanessa Giese uns am Beispiel von Zeitungsverlagen nochmal an die Denkfehler der Digitalisierung erinnert.

Und hiermit möchte ich nochmal ausdrücklich betonen: Wenn ihr nicht dümmer sterben wollt, als ihr geboren wurdet, dann abonniert ihren Newsletter. Ist mir egal, ob es beruflich passt, ihr werdet es einfach nicht bereuen. Er kommt einmal im Monat und ist jedes Mal ein Volltreffer, weil zum Beispiel auf Texte wie den folgenden hingewiesen wird – Maker vs. Manager: How your schedule can make or break you. Ich glaube, wegen diesem Text hatte ich im letzten Jahr an 27 aufeinander folgenden Tagen schlechte Laune, gefolgt von vier Tagen mit guter Laune, gefolgt von weiteren 118 Tagen mit wirklich sehr schlechter Laune (vereinfacht gesagt).

Ich beende dieses Elend jetzt mit einem Tweet von Tom Peters: „Two biggest markets: Women. Oldies. Average Silicon Valley coder shaping our lives: Male. 12 years old.“

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

04.01.2019 – Schleim

Bronchitis

Das Schöne an einer Bronchitis in Verbindung mit der beruflichen Selbstständigkeit ist ja, dass man nicht zum Arzt rennen und sich krank schreiben lassen oder sich zur Arbeit schleppen und dort auf der Toilette kollabieren muss. Man steht einfach auf mit einem Körper, der obenrum aus Schleim und untenrum aus Müdigkeit besteht und dann setzt man sich an den Schreibtisch und ist erstmal zwanzig Minuten lang glücklich darüber, dass man sich heute keine richtige Hose anziehen muss. Und wenn man dann zwei Stunden lang annimmt, dass die Druckerei die 10.000 Flyer, auf deren Versandbestätigung man seit Tagen wartet, als Konfetti-Spende an Silvester-Hooligans weitergegeben hat, lenkt das unheimlich vom eigenen Elend ab.

Es ist dann zum Glück gut ausgegangen. Ich führte ein nasales Gespräch mit einem unausgeschlafenen Service-Mitarbeiter, rollte ein paar Mal mit den Augen und erhielt irgendwann die frohe Botschaft, dass im Carport der Vermieter 20 schwere Pakete liegen. Und abends sagte ich dann zu meinem Komplizen, dass ich das Gefühl habe, dass solche Dinge mich jedes Mal ein winziges pipi-kleines-bisschen weniger wütend machen. Mein Ziel ist vollkommene Entspanntheit, während alle um mich herum ihren Verstand verlieren, und meinen Berechnungen zufolge wird dieser Zustand im Jahr 2314 erreicht sein.

Sachen machen

Worüber ich mich heute gefreut habe: Ein Telefonat mit meinem ehemaligen Chef, ein kurzer Kaffeeplausch mit meiner Schwester, die Ankündigung eines tollen Menschen, mir morgen Kuchen zu bringen und dass sich doch einige Personen darüber freuen, wenn ich wieder regelmäßiger blogge. Das motiviert und freut mich total. Und ich brauche die Übung, weil ich mir – was das Schreiben betrifft – doch ein paar Dinge vorgenommen habe in diesem Jahr. Ich möchte versuchen, meine beruflichen und persönlichen Stärken und Interessen zu kombinieren und in diesem Jahr einmal im Monat spannenden Menschen aus unterschiedlichen Bereichen einen Besuch abzustatten und dann darüber zu berichten.

Der erste Schritt ist getan bzw. der erste Termin ist gemacht und ich treffe mich am Freitag in einer Woche mit Diana und Felix von A Global Mess. Dass Diana und ich gute Freundinnen sind und ich die Katzenliebe von Felix teile, ist für den Anfang ein guter Einstieg. Die beiden haben viel erlebt, schon viel geschafft und so einiges vor in diesem Jahr und ihr solltet ihnen mal einen virtuellen Besuch abstatten – auf instagram zum Beispiel.

Insti. Hehe.

Apropos Instagram (oder Insti, wie wir hier Zuhause sagen, wenn wir wieder einmal feststellen, dass die halbe Welt unter Sauerstoffmangel leidet). Pünktlich zu Heilig Abend habe ich offenbar aus Versehen meinen Instagram-Account gelöscht. Weil ich keine einflussreiche Persönlichkeit bin, war ich nur eine halbe Stunde lang traurig wegen der vielen verloren gegangenen Fotos und der Follower. Wobei fast 400 Follower schon ok sind für jemanden, der auch mal zwei Wochen lang in der Versenkung verschwindet und sich noch nie das Schlüsselbein gebrochen hat beim Versuch, in der Badewanne einen Föhn und die eigenen Kniescheiben optisch ansprechend zu fotografieren.

Jedenfalls habe ich dann den Moment genutzt und beschlossen, dass ich ab sofort meine private Vorliebe für sympathische Menschen, warme Küche und Katzenyoga von meiner Hobbyfotografie trenne. Die perfekte Lösung quasi, falls es sowas wie perfekte Lösungen überhaupt gibt. Hier gibt es also ab sofort die Selbstgespräche mit Servicehintergedanken und da die Schwarzweißfotos. Ich sage euch Bescheid, wenn es sich lohnt, Account Nr. 3 (Der Pixelraupe, eurem Lieblingstier) zu folgen.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

03.01.2019 – Bauchgefühl

2018 war ein Jahr, in dem Sinn und Sinnlosigkeit des Lebens relativ nah beieinander lagen, eng umschlungen auf der Couch, in der Hand ein Cocktail mit Schirmchen. Manchmal standen beide auch teilnahmslos nebeneinander an einer Straßenkreuzung, starrten in verschiedene Richtungen, so als würden sie sich nicht kennen. Sie stritten sich um Sitzplatzreservierungen, sie machten sich lustig über die Intoleranzen des anderen, sie räumten hintereinander her und ließen sich nie aus den Augen.

Nie war ich dankbarer als im Jahr 2018, nie hatte ich trotzdem so viele undankbare Momente. Nie war da mehr, nie war da weniger Verständnis. Nie war da mehr, nie war da weniger Stolz. Und Fülle und Leere und Trost und Trostlosigkeit. Alles nah beieinander, eine ganze Kette voller Glieder, die ich einordnen, interpretieren, bewerten muss, weil der Kopf es so will.

Tagebuchbloggen

In 2019 möchte ich – inspiriert von Menschen wie Christian – das Thema Bloggen wieder etwas ernster nehmen und regelmäßiger schreiben. Könnte funktionieren, weil meine Zeiteinteilung ab sofort eine andere ist, weil ich mich selbständig gemacht habe. Wenn ihr eine Grafikerin sucht, meldet euch gern bei mir. Die Homepage geht noch diesen Monat online und ich freue mich auf alles, was da kommt.

Ich pendle zwischen „Super Franziska, du wirst das schon schaffen, denn wenn wir mal ehrlich sind, bist du gar nicht so doof wie du manchmal aussiehst und außerdem gibt es hier im Umkreis auch nicht so viele halbwegs sympathische Menschen mit deiner Talente-Kombination.“ und „Super Franziska, hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren?!“ Geistesblitze und Vorfreude wechseln sich ab mit Albträumen, in denen ich stundenlang auf Netzwerkveranstaltungen mit scharfkantigen Visitenkarten beworfen werde. Es wird spannend. Und lehrreich.

Menschen

Wenn ich mir zwei wichtige Erkenntnisse des Jahres aussuchen müsste, dann wäre es erstens: Egal wie sehr ich das Alleinsein manchmal brauche und auch vehement verteidige, um normal zu „funktionieren“ – nichts ist wichtiger als die Begegnung mit anderen. Ich hatte im letzten Jahr eine Menge toller Stunden mit alten und neuen Freunden, neuen und alten Bekannten, mit Kollegen, mit der Familie, mit diesen Menschen aus diesem Internet. Eigentlich verdammt schade, dass ich nicht öfter darüber geschrieben habe. Ein „Hey, dankeschön, ihr seid super!“-Sammelbeitrag wird dem eigentlich nicht gerecht. Aber ernsthaft: Ihr seid super!

Gene

Die zweite Erkenntnis ist: Es geht irgendwie immer weiter. Nichts ist von Dauer, nicht das Hoch, nicht das Tief, nicht das Wetter da draußen, nicht die Stimmung hier drinnen. Im Februar habe ich den schlimmsten Tag des Jahres erlebt, vielleicht sogar den zweitschlimmsten Tag in meinem Leben, und ich war mir in diesem Moment sicher, dass es für immer so bleiben wird. Für immer dieses Rauschen im Kopf und ein Raum um mich herum, der plötzlich kleiner wird. Ich hatte es mir so ausgesucht. Weil ich dachte, dass Gewissheit für mich eine gute Sache ist. Was ich nicht bedacht hatte: Selbst wenn das stimmt, wird Gewissheit manchmal nur häppchenweise serviert und vor der großen Gewissheit kommt immer dieser Moment in der Küche und dann kommt lange Nichts und mit diesem Nichts muss man irgendwas anstellen.

Ich werd drüber schreiben, selbst wenn es bei dem Nichts bleibt. Nicht weil ich mich seit diesem Moment, in dem die Küche nur noch 2 Quadratmeter groß war, in einer neuen Rolle sehe, sondern weil dieses Thema ein blinder Fleck in den Köpfen so vieler Leute ist und ich will ihn mit etwas füllen. Ich werde über eine Krankheit schreiben, über eine, die man nicht sieht und die man hier in Deutschland auch nicht besonders gut kennt. Keine Angst, es wird auch witzig werden, dafür sorge ich. Vor allem aber werde ich über Intuition schreiben. Vielleicht beginne ich mit meinen drei kleinen Reisen nach Berlin in 2018. Ich hoffe, ich werde dafür in den nächsten Wochen Zeit finden.

Intuition

Da es gerade zum Thema passt, beschließe ich diesen Text mit einer Buchempfehlung. Das Buch, das mir 2018 die meisten Aha-Momente beschert hat, ist von Malcolm Gladwell und es heißt „Blink – The power of thinking without thinking“. Bitte lest es, damit wir bald alle leidenschaftlich darüber diskutieren können, ob es manchmal angebracht ist, der Intuition zu folgen.

Ich wünsche mir und euch ein Jahr voller Bratensoße, Lachtränen und neuer Perspektiven.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska