04.01.2019 – Schleim

Bronchitis

Das Schöne an einer Bronchitis in Verbindung mit der beruflichen Selbstständigkeit ist ja, dass man nicht zum Arzt rennen und sich krank schreiben lassen oder sich zur Arbeit schleppen und dort auf der Toilette kollabieren muss. Man steht einfach auf mit einem Körper, der obenrum aus Schleim und untenrum aus Müdigkeit besteht und dann setzt man sich an den Schreibtisch und ist erstmal zwanzig Minuten lang glücklich darüber, dass man sich heute keine richtige Hose anziehen muss. Und wenn man dann zwei Stunden lang annimmt, dass die Druckerei die 10.000 Flyer, auf deren Versandbestätigung man seit Tagen wartet, als Konfetti-Spende an Silvester-Hooligans weitergegeben hat, lenkt das unheimlich vom eigenen Elend ab.

Es ist dann zum Glück gut ausgegangen. Ich führte ein nasales Gespräch mit einem unausgeschlafenen Service-Mitarbeiter, rollte ein paar Mal mit den Augen und erhielt irgendwann die frohe Botschaft, dass im Carport der Vermieter 20 schwere Pakete liegen. Und abends sagte ich dann zu meinem Komplizen, dass ich das Gefühl habe, dass solche Dinge mich jedes Mal ein winziges pipi-kleines-bisschen weniger wütend machen. Mein Ziel ist vollkommene Entspanntheit, während alle um mich herum ihren Verstand verlieren, und meinen Berechnungen zufolge wird dieser Zustand im Jahr 2314 erreicht sein.

Sachen machen

Worüber ich mich heute gefreut habe: Ein Telefonat mit meinem ehemaligen Chef, ein kurzer Kaffeeplausch mit meiner Schwester, die Ankündigung eines tollen Menschen, mir morgen Kuchen zu bringen und dass sich doch einige Personen darüber freuen, wenn ich wieder regelmäßiger blogge. Das motiviert und freut mich total. Und ich brauche die Übung, weil ich mir – was das Schreiben betrifft – doch ein paar Dinge vorgenommen habe in diesem Jahr. Ich möchte versuchen, meine beruflichen und persönlichen Stärken und Interessen zu kombinieren und in diesem Jahr einmal im Monat spannenden Menschen aus unterschiedlichen Bereichen einen Besuch abzustatten und dann darüber zu berichten.

Der erste Schritt ist getan bzw. der erste Termin ist gemacht und ich treffe mich am Freitag in einer Woche mit Diana und Felix von A Global Mess. Dass Diana und ich gute Freundinnen sind und ich die Katzenliebe von Felix teile, ist für den Anfang ein guter Einstieg. Die beiden haben viel erlebt, schon viel geschafft und so einiges vor in diesem Jahr und ihr solltet ihnen mal einen virtuellen Besuch abstatten – auf instagram zum Beispiel.

Insti. Hehe.

Apropos Instagram (oder Insti, wie wir hier Zuhause sagen, wenn wir wieder einmal feststellen, dass die halbe Welt unter Sauerstoffmangel leidet). Pünktlich zu Heilig Abend habe ich offenbar aus Versehen meinen Instagram-Account gelöscht. Weil ich keine einflussreiche Persönlichkeit bin, war ich nur eine halbe Stunde lang traurig wegen der vielen verloren gegangenen Fotos und der Follower. Wobei fast 400 Follower schon ok sind für jemanden, der auch mal zwei Wochen lang in der Versenkung verschwindet und sich noch nie das Schlüsselbein gebrochen hat beim Versuch, in der Badewanne einen Föhn und die eigenen Kniescheiben optisch ansprechend zu fotografieren.

Jedenfalls habe ich dann den Moment genutzt und beschlossen, dass ich ab sofort meine private Vorliebe für sympathische Menschen, warme Küche und Katzenyoga von meiner Hobbyfotografie trenne. Die perfekte Lösung quasi, falls es sowas wie perfekte Lösungen überhaupt gibt. Hier gibt es also ab sofort die Selbstgespräche mit Servicehintergedanken und da die Schwarzweißfotos. Ich sage euch Bescheid, wenn es sich lohnt, Account Nr. 3 (Der Pixelraupe, eurem Lieblingstier) zu folgen.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

03.01.2019 – Bauchgefühl

2018 war ein Jahr, in dem Sinn und Sinnlosigkeit des Lebens relativ nah beieinander lagen, eng umschlungen auf der Couch, in der Hand ein Cocktail mit Schirmchen. Manchmal standen beide auch teilnahmslos nebeneinander an einer Straßenkreuzung, starrten in verschiedene Richtungen, so als würden sie sich nicht kennen. Sie stritten sich um Sitzplatzreservierungen, sie machten sich lustig über die Intoleranzen des anderen, sie räumten hintereinander her und ließen sich nie aus den Augen.

Nie war ich dankbarer als im Jahr 2018, nie hatte ich trotzdem so viele undankbare Momente. Nie war da mehr, nie war da weniger Verständnis. Nie war da mehr, nie war da weniger Stolz. Und Fülle und Leere und Trost und Trostlosigkeit. Alles nah beieinander, eine ganze Kette voller Glieder, die ich einordnen, interpretieren, bewerten muss, weil der Kopf es so will.

Tagebuchbloggen

In 2019 möchte ich – inspiriert von Menschen wie Christian – das Thema Bloggen wieder etwas ernster nehmen und regelmäßiger schreiben. Könnte funktionieren, weil meine Zeiteinteilung ab sofort eine andere ist, weil ich mich selbständig gemacht habe. Wenn ihr eine Grafikerin sucht, meldet euch gern bei mir. Die Homepage geht noch diesen Monat online und ich freue mich auf alles, was da kommt.

Ich pendle zwischen „Super Franziska, du wirst das schon schaffen, denn wenn wir mal ehrlich sind, bist du gar nicht so doof wie du manchmal aussiehst und außerdem gibt es hier im Umkreis auch nicht so viele halbwegs sympathische Menschen mit deiner Talente-Kombination.“ und „Super Franziska, hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren?!“ Geistesblitze und Vorfreude wechseln sich ab mit Albträumen, in denen ich stundenlang auf Netzwerkveranstaltungen mit scharfkantigen Visitenkarten beworfen werde. Es wird spannend. Und lehrreich.

Menschen

Wenn ich mir zwei wichtige Erkenntnisse des Jahres aussuchen müsste, dann wäre es erstens: Egal wie sehr ich das Alleinsein manchmal brauche und auch vehement verteidige, um normal zu „funktionieren“ – nichts ist wichtiger als die Begegnung mit anderen. Ich hatte im letzten Jahr eine Menge toller Stunden mit alten und neuen Freunden, neuen und alten Bekannten, mit Kollegen, mit der Familie, mit diesen Menschen aus diesem Internet. Eigentlich verdammt schade, dass ich nicht öfter darüber geschrieben habe. Ein „Hey, dankeschön, ihr seid super!“-Sammelbeitrag wird dem eigentlich nicht gerecht. Aber ernsthaft: Ihr seid super!

Gene

Die zweite Erkenntnis ist: Es geht irgendwie immer weiter. Nichts ist von Dauer, nicht das Hoch, nicht das Tief, nicht das Wetter da draußen, nicht die Stimmung hier drinnen. Im Februar habe ich den schlimmsten Tag des Jahres erlebt, vielleicht sogar den zweitschlimmsten Tag in meinem Leben, und ich war mir in diesem Moment sicher, dass es für immer so bleiben wird. Für immer dieses Rauschen im Kopf und ein Raum um mich herum, der plötzlich kleiner wird. Ich hatte es mir so ausgesucht. Weil ich dachte, dass Gewissheit für mich eine gute Sache ist. Was ich nicht bedacht hatte: Selbst wenn das stimmt, wird Gewissheit manchmal nur häppchenweise serviert und vor der großen Gewissheit kommt immer dieser Moment in der Küche und dann kommt lange Nichts und mit diesem Nichts muss man irgendwas anstellen.

Ich werd drüber schreiben, selbst wenn es bei dem Nichts bleibt. Nicht weil ich mich seit diesem Moment, in dem die Küche nur noch 2 Quadratmeter groß war, in einer neuen Rolle sehe, sondern weil dieses Thema ein blinder Fleck in den Köpfen so vieler Leute ist und ich will ihn mit etwas füllen. Ich werde über eine Krankheit schreiben, über eine, die man nicht sieht und die man hier in Deutschland auch nicht besonders gut kennt. Keine Angst, es wird auch witzig werden, dafür sorge ich. Vor allem aber werde ich über Intuition schreiben. Vielleicht beginne ich mit meinen drei kleinen Reisen nach Berlin in 2018. Ich hoffe, ich werde dafür in den nächsten Wochen Zeit finden.

Intuition

Da es gerade zum Thema passt, beschließe ich diesen Text mit einer Buchempfehlung. Das Buch, das mir 2018 die meisten Aha-Momente beschert hat, ist von Malcolm Gladwell und es heißt „Blink – The power of thinking without thinking“. Bitte lest es, damit wir bald alle leidenschaftlich darüber diskutieren können, ob es manchmal angebracht ist, der Intuition zu folgen.

Ich wünsche mir und euch ein Jahr voller Bratensoße, Lachtränen und neuer Perspektiven.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Porzellanladen #3

Minutenlang eine Kinderzeichnung betrachten, um herauszufinden, wie es um die Zukunft des Landes steht. Auf ein Danke warten, wie jemand, der gerade erst geboren wurde, obwohl zwei oder drei kluge Menschen gesagt haben, dass das sinnlos ist. Dem Wort Ent-Täuschung neu begegnen. Immer wieder den gleichen Test nicht bestehen. Sich fragen, ob die das eigentlich wirklich nicht wissen, die Institutionen, so nenne ich das jetzt mal, ob die das nicht wissen, wie sehr sie eingreifen, über Umwege, in das Leben von Familien, in den Schlafrhythmus, in die Gedanken, in die Regale in den Schränken in den Küchen der Menschen.

Ich will über Müdigkeit schreiben, aber man kann über Müdigkeit gar nicht so gut schreiben, denn wenn man das Bedürfnis hat, über Müdigkeit zu schreiben, bedeutet das, dass man selber müde ist und da wo früher ununterbrochen halbe Sätze durch meine Adern flossen, fließt heute nur gelegentlich ein bisschen Buchstabensuppe.

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Überall begegnen einem kompetente Frühaufsteher, die auf alles eine Antwort haben. Ich will mal einem begegnen, der die Antwort nicht kennt, sich aber traut, ein paar Fragen zu stellen. Ich will mal einen treffen, der noch erschöpfter ist als ich. Der beim Haaretrocknen nach dreißig Sekunden den Föhn ablegen muss, weil der Arm so weh tut. Ich will mal einem freundlichen Menschen begegnen, der das auch wirklich so meint. Nicht dieser Knigge-Scheiß. Einem der neben mir sitzen bleibt und wissend nickt, wenn ich davon erzähle, dass die Gesellschaft im allgemeinen dazu neigt, menschliche Stärken in Klassen einzuteilen. In chaotischen Situationen einen kühlen Kopf bewahren, das ist eine Stärke erster Klasse. Gute Beobachtungsgabe besitzen, um solche Situationen möglicherweise verhindern zu können, das ist eine Stärke zweiter Klasse. Manche Personen besitzen beides und dann wünscht man sich, dass etwas davon auf einen selbst abfärbt, aber Wünsche haben einen Menschen noch nie weitergebracht. Das einzige, was Menschen weiterbringt ist das Überwinden der Telefonangst.

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Mit welcher Geduld Leute einander dabei zuschauen können, wie ihnen alles um die Ohren fliegt. Mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie sich unter den Zaunpfählen begraben lassen, die auf ihre Köpfe herunter regnen. Mir ist das nie bewusst gewesen. Dass auch die anderen erschöpft sind. Zu erschöpft, um zwischen den Zeilen zu lesen. Zu müde für die Fußnoten. Aber auch zu erwachsen um es so nach außen zu tragen, wie ich es nach außen trage. Und so lassen sie einander im Glauben, man wäre mutterseelenallein auf dieser Welt.

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Dinge, die man mal gemacht haben sollte:
Sich mit Menschen umgeben, die besser sind als man selbst, in jeglicher Hinsicht.
Die Person, die dir letzte Nacht im Traum begegnet ist, fragen, ob sie dasselbe geträumt hat.
Den Satz „Dafür bin ich nicht zuständig.“ laut aussprechen und dem Drang widerstehen, sich nun auf ewig selbst zu hassen.
Nur Grautöne fotografieren. Mausgrau. Stahlgrau. Rauchblau. Hellgrau. Mittelgrau. Dunkelgrau.
Die Whatsapp-Gruppe verlassen.

 

 

Von Jägermeister und spontanen Mutausbrüchen

Vor zehn Tagen habe ich eine Erfahrung gemacht, für die ich mir eigentlich viel zu lange Zeit gelassen habe. Rein Theoretisch. In der Praxis sieht das anders aus, da bin ich einfach eine ziemlich feige Sau, was das Sprechen vor mehr als zwölf Menschen betrifft. Deshalb schreibe ich seit dreizehn Jahren Texte ins Internet, habe aber jetzt erst den Mut dazu gefunden, sie auch mal vorzulesen. Live, vor Publikum. Im Friedrichs Coffeeshop in Bonn. Eine schöne Stadt übrigens, in der ich in Zukunft noch einige Male zu Besuch sein möchte. Sylvia und Johannes hatten eingeladen zur MiMiMiMi-Sommerlesung und wie sich dann herausstellte, war es auch die beste Sommerlesung aller Zeiten. Fünf Punkte sollte ich noch erwähnen, bevor ich mich gleich in die Nacht verabschiede.

1. Die einen (eine nicht unerhebliche Mehrheit) werden immer komischer (also im Sinne von „doof“), die anderen (eine traurige Minderheit) machen da irgendwie nicht mit. Das sind die Menschen, denen ich schon seit vielen Jahren folge, deren Texte ich lese, deren Bilder ich like, deren Tweets mir aus der Seele sprechen. Für mich ist es immer noch etwas Besonderes, die Leute endlich mal persönlich kennen zu lernen. Das passiert selten, wenn man nicht gerade in einer etwas größeren Stadt wohnt. Das Schöne an solchen Begegnungen ist, dass es nie in peinlichem Small Talk endet, sondern oft in guten Gesprächen, Gelächter und Pommes. Weil diese Menschen aus diesem Internet irgendwie – soweit ich das bisher beurteilen konnte – ziemlich toll sind. Klug, witzig, sympathisch, bisweilen zauberhaft. Liebe Veranstalter, liebe Gäste, liebe Vorleser – es war mir eine Freude, euch kennen zu lernen. Gute Qualität, gerne wieder!

2. Was man an Abenden wie diesen – wo viele einander fremde, halbwegs zivilisierte Mitglieder dieser Gesellschaft aufeinander treffen – manchmal feststellt: Viele von uns tragen so eine grundsätzliche Basis-Verzweiflung mit sich herum, die manchmal von sehr gutem Humor kaum zu unterscheiden ist. Man merkt das, wenn man die Small-Talk-Ebene verlässt. Auf der Small-Talk-Ebene freut man sich, dass man sich endlich kennen lernt und der andere freundlich ist. Dann kommt irgendwann die Ebene, wo man merkt: Gott sei Dank, der andere hat auch komische Menschen in seinem Leben, vielleicht sind das sogar dieselben. Ich stelle mir das manchmal mit vertauschten Rollen vor. Dass sich eben jene komischen Menschen auch irgendwo begegnen und sich dann irgendwann über Menschen wie uns unterhalten. Wir sind dann die Komischen, wegen denen die Gesellschaft irgendwann implodieren wird, weil wir irgendwelche seltsamen Verhaltens- und Denkweisen an den Tag legen, die sich ein Mensch im Jahr 2018 eigentlich gar nicht mehr leisten kann.

3. Mut wird belohnt. Nicht immer mit Applaus oder Komplimenten. Manchmal passieren Dinge, die sich im ersten Moment wie Bestrafung anfühlen. Manchmal pisst man sich ja vielleicht wirklich in die Hose vor Angst. Aber Dinge nicht zu versuchen oder abzulehnen, weil man sich jetzt gerade in dem Moment nicht traut, das ist Quatsch. Wer sich heute nicht traut, der wird sich morgen auch nicht trauen. Wie auch? Sich nicht trauen ist irgendwie keine vernünftige Begründung. Wenn man ahnt, dass es sich lohnen wird und wenn es dich glücklich macht und du das Gefühl hast, dass das ein fehlendes Puzzleteil sein könnte, dann trau dich.

Noch schlimmer: Sich nicht trauen, weil man sich das die letzten dreizehn Jahre auch nicht zugetraut hat und es jetzt eigentlich schon kurz vor zwölf ist. Bequemlichkeit aus Tradition sozusagen. Oder sich nicht trauen, weil andere darüber lachen könnten, dass man ernsthaft all seinen Mut zusammen nehmen muss, um vor drei Dutzend Menschen in einem kleinen Café einen Text vorzulesen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen in meinem direkten Umfeld sich irgendetwas trauen. Kleine Dinge. Besonders die. Ganz kleine Schritte, egal wie sie aussehen, die dir das Gefühl geben, dass du aus eigener Kraft Freude in dein Leben holen kannst. Wie auf so einem Scheiß Wandkalender mit einem Bild von einer scheiß Milchkanne mit Blumen vor irgendeiner Scheiß Hauswand, wenn ihr versteht was ich meine.

4. Wir sollten einander mehr Komplimente machen. Nicht grundsätzlich, denn manchmal sind Komplimente mehr Strategie als Lob und ich hab die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen diesen Unterschied instinktiv wahrnehmen. Aber trotzdem: mehr Komplimente. Vor allem privat. Mehr nette Worte. Öfter mal sagen „Das was du vorhast, das finde ich gut.“ Wenn du das Gefühl hast, dass es für dich an zu vielen Orten gleichzeitig keinen Raum gibt, in dem du deine zwei oder drei größten Stärken mit voller Wucht entfalten kannst, dann zieh dir gutes Schuhwerk an und geh ein Stück. Warte nicht darauf, dass irgendwer plötzlich erkennt, wer du bist und sich dann dafür bei dir bedankt. Das passiert nicht. Es wimmelt auf dieser Welt nicht von Tatsachenberichten, in denen himmelhoch jauchzende Personen davon schwärmen, wie sich neulich alle Probleme wie von selbst gelöst haben und wie toll das war, dass seit letzter Woche niemand mehr versucht hat, irgendwas an ihnen zu ändern oder misszuverstehen. So etwas passiert ständig. Wir wollen einander ständig ändern. Wir leben in dem Glauben, dass wir genau wissen, was der andere gerade denkt. Lasst uns den Personen, die wir nicht ändern, zusammen pressen, kaputt machen und dann wieder reparieren wollen, einfach mal sagen, dass sie irgendetwas gut machen.

5. Jägermeister schmeckt, wenn man ihn langsam trinkt. Wenn man ihn schnell trinkt und mit Cola oder Fanta oder RedBull mischt, dann tut man dem Jägermeister unrecht. Und wenn man doppelten Jägermeister trinkt, fürchtet man sich weniger vor dem Vorlesen.

Das Bild da oben hat übrigens der sehr sympathische und mir nun auch persönlich bekannte Christian Fischer gemacht.

Realität – Ofenkäse = Sehnsucht

Ich war gestern eine von fünf Personen, die bei #mimimimi mitmachen durften. Das ist der Titel einer Lesung, die seit 2013 in Bonn von Sylvia Rang und Johannes Mirus organisiert wird. Es war in vielerlei Hinsicht ein richtig toller Abend, darüber werde ich aber hoffentlich bis morgen Abend noch etwas schreiben. Der Text, den ich vorgelesen habe, ist eine Mischung aus Gedanken, die ich mir vor mehr als einem Jahr nach einem Einkauf bei Rewe mal gemacht, aber nie „ins Reine geschrieben“ habe, und einem alten Blogbeitrag, den ich im Februar 2017 veröffentlicht habe. 

Letzte Woche stand ich unfreiwillig lange im Rewe vor dem Kühlregal. Ich hatte den Laden betreten in der Hoffnung, mal eben schnell innerhalb von fünf Minuten Ofenkäse zu kaufen. Ich verließ ihn wieder mit der Erkenntnis, dass der Ofenkäse ausverkauft ist und dass die Welt mehr den je auf ganz normale, harmlose Menschen wie mich angewiesen ist.

Ausverkauften Ofenkäse gab es in meinem Leben bisher nicht und ich sage euch, ich habe schon einiges erlebt. Ausverkauftes Trockenshampoo zum Beispiel. Oder dass es die mittelharten Zahnbürsten nicht mehr in meiner Lieblingsfarbe Hellblau gibt, dafür aber viele weiche grüne und einige harte Rote.

Ich tat dann, nachdem ich zehn Minuten lang meine Stirn in nachdenkliche Falten gelegt hatte, etwas für mich vollkommen natürliches: Ich kaufte Fischstäbchen, ging zum Auto und stellte mir die entscheidende Frage. Warum gibt es einen Rewe-Lieferdienst, aber keine App, die mir Bescheid sagt, dass der Ofenkäse ausverkauft ist? Weil, man könnte so viel bewirken in der Welt, wenn man nicht immer unnötig vorm Kühlregal herumsteht.

Folgendermaßen könnte das ablaufen.

Montag: Der Rewemarkt bekommt haufenweise Ofenkäse, der von entspannten Verkäuferinnen in das dafür vorgesehene Kühlregal gelegt wird. Irgendeine künstliche Intelligenz registriert, dass im Kühlregal 10 Ofenkäse liegen und sich weitere 20 im Lager befinden.

Dienstag: Sechs Leute haben Ofenkäse gekauft. Die künstliche Intelligenz schickt eine Nachricht an die für Nachschub zuständige Person oder eine andere künstliche Intelligenz, damit das Regal wieder aufgefüllt wird.

Mittwoch: Weitere 23 Personen, denen ihre Gesundheit vollkommen gleichgültig ist, kaufen Ofenkäse. Zeitgleich kehren einige Kardiologen aus ihrem wohlverdienten Sommerurlaub zurück.

Donnerstag: Die Ofenfrische mit Thunfisch ist heute im Angebot. Kein Mensch interessiert sich für den Ofenkäse.

Freitagmorgen: Irgendein selbstsüchtiges Arschloch betritt den Rewe und nimmt den allerletzten Ofenkäse. Die künstliche Intelligenz sendet ein Signal an die intuitiv bedienbare, megacoole App rewe buy & chill.

Ich habe die App auf meinem Handy installiert und natürlich mit fünf Sternen bewertet, weil sie mir den Alltag wirklich sehr erleichtert. Sie schickt mir nicht nur Angebote, sie gibt mir auch die Möglichkeit, mich mit attraktiven Rewe-Kunden in meinem Umfeld zu vernetzen, die zum Beispiel die gleichen Teesorten und Marmeladen oder Brötchenhälften mögen wie ich.

Doch die allertollste Funktion kennt ihr noch gar nicht.

Denn: Am Freitagnachmittag einigen mein Komplize und ich uns darauf dass es heute Abend Ofenkäse gibt. Ich öffne meine megacoole rewe buy & chill App, die mir den Alltag wirklich sehr erleichtert, und gebe „ofenkäse“ in das Suchfeld ein. Auf meinem Display erscheint daraufhin der Hinweis, dass es in meinem Lieblings-Supermarkt heute keinen Ofenkäse mehr gibt, ich aber die Möglichkeit habe, eine Alternative zu kaufen. Camembert zum Beispiel. Davon gibt es noch fünfzehn Packungen. Oder ich kaufe den Ofenkäse in einem anderen 7 km entfernten Supermarkt, kann ihn dort sogar für die nächsten 2 Stunden reservieren. Ernsthaft. So toll ist diese App!

Vielleicht entscheide ich mich auch für etwas ganz anderes. Zum Beispiel könnte ich mit den Resten daheim noch eine Mahlzeit kochen. Ich öffne die total praktische Resteessen-Funktion, die seit dem letzten Update wirklich einwandfrei funktioniert und erhalte zunächst eine Push-Nachricht, in der ich gefragt werde, ob ich immer noch eine Nussallergie habe und was mit der halb angefangenen Packung Haselnüsse passieren soll, die in der Schublade neben den Muffin-Förmchen liegt.

Ich habe die Möglichkeit, es zu ignorieren, einen Termin beim Ernährungsberater zu machen oder mir von einer Drohne ein Anaphylaxie-Notfallset vorbeibringen zu lassen. Das kann die App alles. Deshalb bezahlt man dafür auch 4,99 Euro.

Was ich sagen will: Natürlich möchte ich nicht, dass Rewe, oder die AOK oder mein Stromanbieter Zugriff auf alles haben, was in meiner Küche passiert. Natürlich möchte ich nicht für Ofenkäse zum gläsernen Bürger werden. Natürlich möchte ich nicht fünf Minuten Zeitersparnis gegen Totalüberwachung eintauschen.

Aber wäre es nicht herrlich, wenn wir so langsam mal an einen Punkt kämen, an dem die Möglichkeiten der Digitalisierung uns im Alltag wirklich etwas zurückgeben würden?
Wie viele Formulare sollen wir noch runterladen, ausdrucken, ausfüllen und zur Post bringen? Welche Berge müssen wir versetzen, wie viele halbe Tage Urlaub nehmen, damit der verdammte Sperrmüll abgeholt, unser Nebengewerbe angemeldet oder der Förderantrag genehmigt ist?  

Und wie kann es sein, dass so wahnsinnig viele Menschen, vor allem ältere Generationen in der Provinz, damit viel entspannter umgehen als ich? Die Antwort liegt auf der Hand: Sie kennen es nicht anders. Und sie ahnen nicht, dass sie es möglicherweise verdient haben, ein bisschen Zeit und Energie zu sparen.

Und sie wüssten vielleicht auf Anhieb auch gar nicht, was sie mit der gewonnenen Zeit und Energie anstellen. Der leere Raum würde sie verunsichern. Solche Leute gibt es. Vielleicht nicht so viele hier in Bonn, aber da wo ich lebe, gibt es Menschen, die so Sätze sagen wie “Ich hab jetzt drei Wochen Urlaub. Nach fünf Tagen wird mir bestimmt die Decke auf den Kopf fallen.” Oder: “Warum willst du dir einen Staubsauger-Roboter kaufen? Hast du zuviel Geld?!”

Ich hab nicht zuviel Geld. Ich hab zu wenig Zeit. Ich will spazieren gehen und ein Instrument lernen und die Schneegänse beobachten und Malkurse besuchen und Kurse in gewaltfreier Kommunikation, damit ich nicht immer alle Leute beleidigen muss, und ich will mich über Garten-und Landschaftsbau informieren, gründlich, und mich einer Pfadfindergruppe anschließen und natürlich will ich auch programmieren lernen, wegen der App für Rewe.

Ich will – vereinfacht gesagt – nicht ständig mit Fragezeichen im Kopf vorm Kühlregal herumstehen.  Ich will ab und zu in meiner eigenen Welt leben. Und damit wirke ich natürlich wie ein komischer Vogel in den Augen derjenigen, die sich ihrer eigenen Zeitverschwendung und Freizeitpassivität gar nicht bewusst sind.

Vor einer Weile habe ich einen Text geschrieben, der vielleicht veranschaulichen kann, warum es durchaus ok ist, hin und wieder in seiner eigenen Welt leben zu wollen und sich deshalb über vergeudete Zeit im Alltag aufzuregen.

In dem sehr empfehlenswerten Film „The Departed“ sagt Mafiaboss Frank Costello, gespielt von Jack Nicholson, ganz am Anfang einen sehr schönen Satz: Ich möchte nicht das Produkt meiner Umwelt sein. Ich möchte, dass meine Umwelt ein Produkt von mir ist.

Nun ist dieser Mensch in dem Film nicht gerade ein Vorbild für gutes Benehmen, aber unabhängig davon können wir uns diesen schlauen Satz trotzdem ruhig mal etwas näher anschauen. Dahinter verbirgt sich nämlich ein riesengroßes Missverständnis. Nämlich, dass es pauschal erstmal verdächtig ist, in seiner eigenen Welt zu leben oder seine Umwelt zu beeinflussen, statt sich von ihr beeinflussen zu lassen.

Als Kind und Jugendliche war es mir oft eine Freude, Erwachsenengespräche zu verfolgen. Ich saß wortlos auf dem Sofa, nippte am Kakao und lauschte und lernte. Hin und wieder unterhielten sich die großen Menschen über andere mir fremde Personen. Den Freund von einer Freundin oder die Tante XYZ oder die neuen Nachbarn. Und in ihren Worten klang immer ein bisschen Geringschätzung mit, wenn sie den Satz sagten, um den es mir geht: „Der lebt halt in seiner eigenen Welt.“

Man spürte, derjenige wurde irgendwie toleriert, neugierig beäugt, immer höflich auf Abstand gehalten. Oft ging es um unausgesprochene Regeln, um Konventionen, mit denen angeblich gebrochen wurde, um „so Künstlertypen“. Und wir sprechen hier nicht von Leuten, die in irgendeinem Baumhaus außerhalb des Dorfes leben, sich nicht die Haare waschen und zuhause einen Hildegard-Orgon-Akkumulator neben ihren Staffeleien stehen haben. Wir reden von Menschen, denen einfach nur nicht so schnell langweilig wird. Die etwas mit sich anzufangen wissen. Die die Frechheit besitzen, ab und zu mal in ihrer eigenen Welt zu leben.

Weil: Wo wollen wir denn sonst leben, wenn nicht in unserer eigenen Welt? Warum ist „Du lebst in deiner eigenen Welt“ nicht ganz offiziell eines der schönsten Komplimente, die man einem anderen Menschen machen kann? Sind Leute, die nach ihren eigenen Maßstäben leben, nicht eine Wohltat? Also, mal abgesehen von Donald Trump und Horst Seehofer, die leben ein bisschen zu sehr nach ihren eigenen Maßstäben.

Brauchen wir in Zukunft nicht mehr ganz normale Menschen, die sich Gedanken darüber machen, in welcher Welt sie einmal leben wollen? Sollen wir uns stattdessen in der Welt einer anderen Person einrichten? Ihr vielleicht auch noch die volle Verantwortung für unser Leben geben? Stehe ich dann jeden Morgen auf und warte darauf, dass mir jemand eine Bedienungsanleitung für mein eigenes Leben neben mein Kopfkissen legt, während ich zum neunten Mal die Snooze Taste drücke?

Und werde ich dann motzig, wenn Wochenende ist, und mir das Programm nicht gefällt, um das ein anderer sich bereitwillig gekümmert hat?

In seiner eigenen Welt leben – das ist eine gute Sache. Nicht pausenlos, nicht unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf Verluste, aber so oft wie möglich, immer mal wieder, mit kleinen Unterbrechungen. Das ist nicht egoistisch, das ist verantwortungsbewusst. Es geht um Verantwortung für das eigene Leben, die eigene Lernkurve, das eigene Umfeld.

Natürlich besteht da immer die Gefahr, dass man ab und zu ein paar bescheuerte Fragen beantworten muss. Vor ein paar Jahren wollte mal jemand von mir wissen, ob ich denn mein erstes Buch „Die wunderbare Welt der Franzi“ nennen werde. DIE WUNDERBARE WELT DER FRANZI. WAS ZUM GEIER?!!!

Ich lächelte verhalten und dachte: Du blödes Arschloch. Die Frage klang wie ein Angriff, wie ein Vorwurf, mein Gehirn übersetzte das ganze mit „Warum bist du eigentlich so sonderbar?“ Warum bist du so eine trübe Tasse, warum schreibst und liest du so viel, warum sieht man dir den Zweifel manchmal an, warum gerätst du manchmal ins Stocken? Warum lebst du in deiner eigenen Welt? Warum machst du dir Gedanken darüber, wie du deine Zeit nicht an der Kühltheke verschwendest?

Weil es vielleicht mein gutes Recht ist. Und dasselbe gilt für dich. Also hör auf, deine Arschbacken zusammen zu kneifen und frag dich ab und zu vorm Schlafen gehen mal, nach welchen idiotischen Regeln einer anderen Person oder Gruppe du lebst und wie lange du das noch durchziehen möchtest.

Und wenn du jemanden zum Reden suchst, dann bring Baguette mit, ich besorge den Käse und dann sprechen wir mal darüber, wie schön das ist, das eigene Gehirn als gelegentlichen Zweitwohnsitz anzumelden. Weiterhin alles Gute, eure Franziska.

Ausblick / Einblick

Rausgucken lohnt sich immer. Reingucken manchmal auch. Manchmal wird man von Schaufensterpuppen beobachtet, manchmal ist man selber der Beobachter. Und immer stellt man fest, dass Dreck auf der Scheibe eine gute Sache ist.

This is water

Nachdem ich mich ein bisschen in die schwarz-weißen Sylt-Fotos von Fotocommunity-Kollegin Sylvia Heinis verliebt habe – Hier eine kleine Auswahl an schwarz-weißen Bildern von Flüssen, Seen und Meeren. Manchmal ist das Wasser nur Beiwerk. Manchmal fragt man sich „Wo soll denn da das Wasser sein?“ Ich mag daran das Grafische und die Ruhe und die Tatsache, dass viele das wahrscheinlich ziemlich nichtssagend finden.

Im Porzellanladen #2

Da war diese andere Seminarteilnehmerin, vergangenen November in Berlin, die in die Runde gefragt hat, ob hier jemand twitter privat benutzt. Sie versteht den Sinn dahinter irgendwie nicht, betreut aber den Twitter-Account ihres Arbeitgebers. „Ich liebe twitter.“ war meine Antwort, und das meine ich sogar nach zehn Jahren immer noch ernst. Und dann habe ich versucht, ihr auf eine sehr umständliche Art und Weise zu erklären, was an twitter nun so toll ist. Der Wortwitz, die unterschiedlichen Menschen, die Dinge, die sich daraus entwickeln.

Meine Erläuterungen müssen sie nicht überzeugt haben. Das ist nicht verwunderlich, meine Erläuterungen überzeugen in der Regel niemanden, es ist eine meiner vielen Superkräfte, die sich irgendwann entladen werden, wahrscheinlich in einem Rhetorik-Seminar, das ich notgedrungen besuchen werde. „Ich hab ja eigentlich genug echte Freunde im Leben.“ war ihre einleuchtende Antwort. Ich fühlte mich wie ein wunderlicher Miley-Cyrus-Fan. Immerhin durfte ich sie dann guten Gewissens unsympathisch finden. Und vielleicht hat sie twitter ja mittlerweile begriffen. Oder man hat ihr einen Job gegeben, in dem sie nicht mit dem Internet verbunden sein muss.

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Irgendwann spürt man, dass etwas anders ist. Etwas hat sich verändert und man merkt es an den neuen Wegen, die man plötzlich zurücklegt. Die Adressen, die man in das Navigationsgerät eingibt. Die Gastgeschenke. Das Verzichten darauf. Die Playlists und die Unterhaltungen, die man unterwegs führt oder nicht führt. Die Bücher, die man aus dem Regal holt, von denen man vor zwei Jahren dachte, man hätte etwas daraus gelernt, irgendetwas fürs Leben mitgenommen, und jetzt ist man nur noch froh, dass man diese „Wir können alles schaffen, wir müssen nur wollen.“-Scheiße nicht geglaubt hat.

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Your gut knows what´s up. Trust that bitch.

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Ich werde in diesem Jahr keine Bastelarbeiten machen. Und auch nicht unnötig Sprit verbrauchen. Und nicht am Schreibtisch sitzen und mir unzählige Gedanken machen über all die unsichtbaren Dinge, für die ich nicht verantwortlich bin, für die ich mich aber naturgemäß häufig verantwortlich fühle, weil ich einer dieser nervigen „Könnten wir nicht und sollten wir nicht?“-Menschen bin, die immer sinnvoll, aber manchmal nutzlos sind. Ich werde mir nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, wer nun verantwortlich ist. Ich werde mir einen Raum schaffen, in dem ich verantwortlich bin, niemand sonst, und ich werde mich so oft wie möglich in diesem Raum aufhalten.

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Letztes Jahr ist mir dieser Spruch begegnet. Und er hat mir, neben einigen anderen Dingen, also den üblichen Verdächtigen, Katzen, Bier, frische Luft, er hat mir also ein bisschen das Leben, setzen wir es mal in Anführungszeichen, „gerettet“. Ich hab ihn seitdem an drei oder vier Menschen weitergegeben, an gute Freunde, an alte Bekannte. „Perfectionism is a serial killer.“ Er schwimmt noch an der Oberfläche, er konnte noch nicht richtig sacken, dieser Spruch, aber er geht jetzt immer öfter einfach so mit mir mit und hakt sich hin und wieder ein und wenn ich Angst habe, verrückt zu werden, schließt er einen Tab für mich.

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Vielleicht habe ich das Ehlers-Danlos-Syndrom. Das klingt so groß und so fremd. Bis vor einer Woche war ich noch ein Mensch, der zu neugierig und manchmal auch ein bisschen zu clever und hartnäckig ist und dem das Leben zu viele Puzzleteile vor die Füße geworfen hat. Ich war jemand, bei dem Angst und Mut sehr nah beieinander liegen. Sie berühren sich ständig, immer ist da sehr viel Angst und immer ist da auch sehr viel Mut. Jetzt bin ich ein Mensch, der auf Blutergebnisse wartet und bald einen CT-Termin hat. Ich bin jetzt auch jemand, der sich einen Termin beim Psychologen geholt hat. Weil ich das alles nicht alleine schaffen kann. Und auch nicht möchte. Diese Krankheit. Diese Gesellschaft. Diese ständige Frage, ob ich Teil einer Extra3-Dokumentation bin.

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Be your own hero. It´s cheaper than a movie ticket.

 

 

 

Im Porzellanladen #1

„Some people, when they hear your story, contract. Others, upon hearing your story, expand. And this is how you know.“

Ich habe Menschen immer ein bisschen bedauert, wenn sie sagen, dass sie in vielen Situationen in ihrem Leben nicht sie selbst sein dürfen. Ich hab das nicht verstanden und mit Energieverschwendung gleichgesetzt.

Seit ein paar Monaten weiß ich: Die Energiemenge, die in der Maske vielleicht verloren geht, hat man manchmal nach wenigen Tagen wieder eingespart. Allzu menschliches Handeln – und das beinhaltet leider manchmal auch Widersprüchlichkeit, Schwäche, Unüberlegtheit – zwingt einen immer wieder in weiteres allzu menschliches Handeln. Bis man sich selbst nicht mehr erkennt. Bis man nur noch gegen sich arbeitet. Manchmal muss man die eigenen Schwächen verstecken um die eigenen Stärken zu schützen.

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Die drei wichtigsten Worte, die man einander sagen kann, sind oft nicht „Ich liebe dich.“ „Ich liebe dich“ bleibt zwischen zwei Menschen. „Ich liebe dich“ hilft dir nicht, wenn du dich wie eine kaputte Maschine fühlst, die alle paar Wochen zur Inspektion muss.

„Ich liebe dich“ macht dir in der Mittagspause keinen Mut, es nimmt dir nicht die Einsamkeit der Gruppe, deren Energie manchmal nicht deine ist. Es gibt drei andere unscheinbare Worte, die manchmal einen größeren Unterschied machen. Weil sie dem anderen eine Decke um die Schultern legen. Ihm einen kurzen Zufluchtsort anbieten, wenn er sich in der Kälte den Arsch abfriert. Können wir einander nicht viel öfter sagen „Geht mir genauso.“?

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Die Welt ist aus Menschen gemacht, die wie Kaugummi an den Stühlen festkleben. Das weiß ich, weil ich an schlechten Tagen, die schnell zu Wochen werden können, einer von ihnen bin.

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Das vergangene Jahr war voller Gespräche mit teilweise fremden Personen, die mir innerhalb kürzester Zeit die eine große Geschichte ihres Lebens erzählen. Oder viele Kurzgeschichten. Oft bin ich dankbar für dieses Vertrauen. Aber manchmal bleibt ein Teil dieser Geschichten an mir haften. Bruchstücke, die nicht sofort verschwinden, nachdem man sich verabschiedet hat. Sie bleiben da und arbeiten so vor sich hin. Setzen sich fest. Und fallen manchmal viel zu spät ab.

Ich bin gut darin geworden, Dinge an mir anhaften zu lassen, die mit mir überhaupt nichts zu tun haben. Als würde ich einen Anzug tragen, der von außen mit Klettband versehen ist. Ich versuche, diesen Anzug gerade auf mühselige Art und Weise auszuziehen. Vielleicht lasse ich ihn an irgendeiner Kreuzung liegen und hoffe, dass er von jemandem gefunden und getragen wird, der genauso müde ist wie ich, nur andersrum, und der all diese Sachen viel nötiger hat als ich.

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Das Problem sind ja nicht nur die Russen, die aussterbenden Bienen oder das Restless-Legs-Syndrom. Das Problem sind auch Frauen, die ihr Burn-Out-Syndrom auf Instagram jeden Tag mit originellen Hashtags versehen, und Männer, die lernen müssen, dass einige Probleme sich mit einem Laserschwert und einer großen Fresse nicht lösen lassen. Und manchmal sind dann auch noch ein paar arme Deutsche unter den Opfern. Wenn ihr mich fragt: Es dauert mindestens sieben Wochen, alle diese Konflikte zu lösen. Mit regelmäßigen Achtsamkeitsübungen zwischendurch eher zehn.

Die gute Nachricht: Wir sind viele, oh so viele, und jeder kann einen kleinen Teil beitragen. Und zum Glück gibt es ja auch Whatsapp-Gruppen, in denen man sich toll organisieren kann, solange niemand anfängt, Kettenbriefe zu verschicken. Die schlechte Nachricht: Ich habe keine Lust und auch keine Zeit, eure ganzen Telefonnummern einzusammeln.

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Die Grenze zwischen einem müden Geist und einem müden Körper verläuft nirgendwo schnurgerade. Ein gerader Schnitt hilft nicht. Es wird immer auch etwas von dem verloren gehen, was gar nicht verloren gehen darf.