Im Porzellanladen #3

Minutenlang eine Kinderzeichnung betrachten, um herauszufinden, wie es um die Zukunft des Landes steht. Auf ein Danke warten, wie jemand, der gerade erst geboren wurde, obwohl zwei oder drei kluge Menschen gesagt haben, dass das sinnlos ist. Dem Wort Ent-Täuschung neu begegnen. Immer wieder den gleichen Test nicht bestehen. Sich fragen, ob die das eigentlich wirklich nicht wissen, die Institutionen, so nenne ich das jetzt mal, ob die das nicht wissen, wie sehr sie eingreifen, über Umwege, in das Leben von Familien, in den Schlafrhythmus, in die Gedanken, in die Regale in den Schränken in den Küchen der Menschen.

Ich will über Müdigkeit schreiben, aber man kann über Müdigkeit gar nicht so gut schreiben, denn wenn man das Bedürfnis hat, über Müdigkeit zu schreiben, bedeutet das, dass man selber müde ist und da wo früher ununterbrochen halbe Sätze durch meine Adern flossen, fließt heute nur gelegentlich ein bisschen Buchstabensuppe.

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Überall begegnen einem kompetente Frühaufsteher, die auf alles eine Antwort haben. Ich will mal einem begegnen, der die Antwort nicht kennt, sich aber traut, ein paar Fragen zu stellen. Ich will mal einen treffen, der noch erschöpfter ist als ich. Der beim Haaretrocknen nach dreißig Sekunden den Föhn ablegen muss, weil der Arm so weh tut. Ich will mal einem freundlichen Menschen begegnen, der das auch wirklich so meint. Nicht dieser Knigge-Scheiß. Einem der neben mir sitzen bleibt und wissend nickt, wenn ich davon erzähle, dass die Gesellschaft im allgemeinen dazu neigt, menschliche Stärken in Klassen einzuteilen. In chaotischen Situationen einen kühlen Kopf bewahren, das ist eine Stärke erster Klasse. Gute Beobachtungsgabe besitzen, um solche Situationen möglicherweise verhindern zu können, das ist eine Stärke zweiter Klasse. Manche Personen besitzen beides und dann wünscht man sich, dass etwas davon auf einen selbst abfärbt, aber Wünsche haben einen Menschen noch nie weitergebracht. Das einzige, was Menschen weiterbringt ist das Überwinden der Telefonangst.

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Mit welcher Geduld Leute einander dabei zuschauen können, wie ihnen alles um die Ohren fliegt. Mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie sich unter den Zaunpfählen begraben lassen, die auf ihre Köpfe herunter regnen. Mir ist das nie bewusst gewesen. Dass auch die anderen erschöpft sind. Zu erschöpft, um zwischen den Zeilen zu lesen. Zu müde für die Fußnoten. Aber auch zu erwachsen um es so nach außen zu tragen, wie ich es nach außen trage. Und so lassen sie einander im Glauben, man wäre mutterseelenallein auf dieser Welt.

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Dinge, die man mal gemacht haben sollte:
Sich mit Menschen umgeben, die besser sind als man selbst, in jeglicher Hinsicht.
Die Person, die dir letzte Nacht im Traum begegnet ist, fragen, ob sie dasselbe geträumt hat.
Den Satz „Dafür bin ich nicht zuständig.“ laut aussprechen und dem Drang widerstehen, sich nun auf ewig selbst zu hassen.
Nur Grautöne fotografieren. Mausgrau. Stahlgrau. Rauchblau. Hellgrau. Mittelgrau. Dunkelgrau.
Die Whatsapp-Gruppe verlassen.

 

 

Von Jägermeister und spontanen Mutausbrüchen

Vor zehn Tagen habe ich eine Erfahrung gemacht, für die ich mir eigentlich viel zu lange Zeit gelassen habe. Rein Theoretisch. In der Praxis sieht das anders aus, da bin ich einfach eine ziemlich feige Sau, was das Sprechen vor mehr als zwölf Menschen betrifft. Deshalb schreibe ich seit dreizehn Jahren Texte ins Internet, habe aber jetzt erst den Mut dazu gefunden, sie auch mal vorzulesen. Live, vor Publikum. Im Friedrichs Coffeeshop in Bonn. Eine schöne Stadt übrigens, in der ich in Zukunft noch einige Male zu Besuch sein möchte. Sylvia und Johannes hatten eingeladen zur MiMiMiMi-Sommerlesung und wie sich dann herausstellte, war es auch die beste Sommerlesung aller Zeiten. Fünf Punkte sollte ich noch erwähnen, bevor ich mich gleich in die Nacht verabschiede.

1. Die einen (eine nicht unerhebliche Mehrheit) werden immer komischer (also im Sinne von „doof“), die anderen (eine traurige Minderheit) machen da irgendwie nicht mit. Das sind die Menschen, denen ich schon seit vielen Jahren folge, deren Texte ich lese, deren Bilder ich like, deren Tweets mir aus der Seele sprechen. Für mich ist es immer noch etwas Besonderes, die Leute endlich mal persönlich kennen zu lernen. Das passiert selten, wenn man nicht gerade in einer etwas größeren Stadt wohnt. Das Schöne an solchen Begegnungen ist, dass es nie in peinlichem Small Talk endet, sondern oft in guten Gesprächen, Gelächter und Pommes. Weil diese Menschen aus diesem Internet irgendwie – soweit ich das bisher beurteilen konnte – ziemlich toll sind. Klug, witzig, sympathisch, bisweilen zauberhaft. Liebe Veranstalter, liebe Gäste, liebe Vorleser – es war mir eine Freude, euch kennen zu lernen. Gute Qualität, gerne wieder!

2. Was man an Abenden wie diesen – wo viele einander fremde, halbwegs zivilisierte Mitglieder dieser Gesellschaft aufeinander treffen – manchmal feststellt: Viele von uns tragen so eine grundsätzliche Basis-Verzweiflung mit sich herum, die manchmal von sehr gutem Humor kaum zu unterscheiden ist. Man merkt das, wenn man die Small-Talk-Ebene verlässt. Auf der Small-Talk-Ebene freut man sich, dass man sich endlich kennen lernt und der andere freundlich ist. Dann kommt irgendwann die Ebene, wo man merkt: Gott sei Dank, der andere hat auch komische Menschen in seinem Leben, vielleicht sind das sogar dieselben. Ich stelle mir das manchmal mit vertauschten Rollen vor. Dass sich eben jene komischen Menschen auch irgendwo begegnen und sich dann irgendwann über Menschen wie uns unterhalten. Wir sind dann die Komischen, wegen denen die Gesellschaft irgendwann implodieren wird, weil wir irgendwelche seltsamen Verhaltens- und Denkweisen an den Tag legen, die sich ein Mensch im Jahr 2018 eigentlich gar nicht mehr leisten kann.

3. Mut wird belohnt. Nicht immer mit Applaus oder Komplimenten. Manchmal passieren Dinge, die sich im ersten Moment wie Bestrafung anfühlen. Manchmal pisst man sich ja vielleicht wirklich in die Hose vor Angst. Aber Dinge nicht zu versuchen oder abzulehnen, weil man sich jetzt gerade in dem Moment nicht traut, das ist Quatsch. Wer sich heute nicht traut, der wird sich morgen auch nicht trauen. Wie auch? Sich nicht trauen ist irgendwie keine vernünftige Begründung. Wenn man ahnt, dass es sich lohnen wird und wenn es dich glücklich macht und du das Gefühl hast, dass das ein fehlendes Puzzleteil sein könnte, dann trau dich.

Noch schlimmer: Sich nicht trauen, weil man sich das die letzten dreizehn Jahre auch nicht zugetraut hat und es jetzt eigentlich schon kurz vor zwölf ist. Bequemlichkeit aus Tradition sozusagen. Oder sich nicht trauen, weil andere darüber lachen könnten, dass man ernsthaft all seinen Mut zusammen nehmen muss, um vor drei Dutzend Menschen in einem kleinen Café einen Text vorzulesen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen in meinem direkten Umfeld sich irgendetwas trauen. Kleine Dinge. Besonders die. Ganz kleine Schritte, egal wie sie aussehen, die dir das Gefühl geben, dass du aus eigener Kraft Freude in dein Leben holen kannst. Wie auf so einem Scheiß Wandkalender mit einem Bild von einer scheiß Milchkanne mit Blumen vor irgendeiner Scheiß Hauswand, wenn ihr versteht was ich meine.

4. Wir sollten einander mehr Komplimente machen. Nicht grundsätzlich, denn manchmal sind Komplimente mehr Strategie als Lob und ich hab die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen diesen Unterschied instinktiv wahrnehmen. Aber trotzdem: mehr Komplimente. Vor allem privat. Mehr nette Worte. Öfter mal sagen „Das was du vorhast, das finde ich gut.“ Wenn du das Gefühl hast, dass es für dich an zu vielen Orten gleichzeitig keinen Raum gibt, in dem du deine zwei oder drei größten Stärken mit voller Wucht entfalten kannst, dann zieh dir gutes Schuhwerk an und geh ein Stück. Warte nicht darauf, dass irgendwer plötzlich erkennt, wer du bist und sich dann dafür bei dir bedankt. Das passiert nicht. Es wimmelt auf dieser Welt nicht von Tatsachenberichten, in denen himmelhoch jauchzende Personen davon schwärmen, wie sich neulich alle Probleme wie von selbst gelöst haben und wie toll das war, dass seit letzter Woche niemand mehr versucht hat, irgendwas an ihnen zu ändern oder misszuverstehen. So etwas passiert ständig. Wir wollen einander ständig ändern. Wir leben in dem Glauben, dass wir genau wissen, was der andere gerade denkt. Lasst uns den Personen, die wir nicht ändern, zusammen pressen, kaputt machen und dann wieder reparieren wollen, einfach mal sagen, dass sie irgendetwas gut machen.

5. Jägermeister schmeckt, wenn man ihn langsam trinkt. Wenn man ihn schnell trinkt und mit Cola oder Fanta oder RedBull mischt, dann tut man dem Jägermeister unrecht. Und wenn man doppelten Jägermeister trinkt, fürchtet man sich weniger vor dem Vorlesen.

Das Bild da oben hat übrigens der sehr sympathische und mir nun auch persönlich bekannte Christian Fischer gemacht.

Realität – Ofenkäse = Sehnsucht

Ich war gestern eine von fünf Personen, die bei #mimimimi mitmachen durften. Das ist der Titel einer Lesung, die seit 2013 in Bonn von Sylvia Rang und Johannes Mirus organisiert wird. Es war in vielerlei Hinsicht ein richtig toller Abend, darüber werde ich aber hoffentlich bis morgen Abend noch etwas schreiben. Der Text, den ich vorgelesen habe, ist eine Mischung aus Gedanken, die ich mir vor mehr als einem Jahr nach einem Einkauf bei Rewe mal gemacht, aber nie „ins Reine geschrieben“ habe, und einem alten Blogbeitrag, den ich im Februar 2017 veröffentlicht habe. 

Letzte Woche stand ich unfreiwillig lange im Rewe vor dem Kühlregal. Ich hatte den Laden betreten in der Hoffnung, mal eben schnell innerhalb von fünf Minuten Ofenkäse zu kaufen. Ich verließ ihn wieder mit der Erkenntnis, dass der Ofenkäse ausverkauft ist und dass die Welt mehr den je auf ganz normale, harmlose Menschen wie mich angewiesen ist.

Ausverkauften Ofenkäse gab es in meinem Leben bisher nicht und ich sage euch, ich habe schon einiges erlebt. Ausverkauftes Trockenshampoo zum Beispiel. Oder dass es die mittelharten Zahnbürsten nicht mehr in meiner Lieblingsfarbe Hellblau gibt, dafür aber viele weiche grüne und einige harte Rote.

Ich tat dann, nachdem ich zehn Minuten lang meine Stirn in nachdenkliche Falten gelegt hatte, etwas für mich vollkommen natürliches: Ich kaufte Fischstäbchen, ging zum Auto und stellte mir die entscheidende Frage. Warum gibt es einen Rewe-Lieferdienst, aber keine App, die mir Bescheid sagt, dass der Ofenkäse ausverkauft ist? Weil, man könnte so viel bewirken in der Welt, wenn man nicht immer unnötig vorm Kühlregal herumsteht.

Folgendermaßen könnte das ablaufen.

Montag: Der Rewemarkt bekommt haufenweise Ofenkäse, der von entspannten Verkäuferinnen in das dafür vorgesehene Kühlregal gelegt wird. Irgendeine künstliche Intelligenz registriert, dass im Kühlregal 10 Ofenkäse liegen und sich weitere 20 im Lager befinden.

Dienstag: Sechs Leute haben Ofenkäse gekauft. Die künstliche Intelligenz schickt eine Nachricht an die für Nachschub zuständige Person oder eine andere künstliche Intelligenz, damit das Regal wieder aufgefüllt wird.

Mittwoch: Weitere 23 Personen, denen ihre Gesundheit vollkommen gleichgültig ist, kaufen Ofenkäse. Zeitgleich kehren einige Kardiologen aus ihrem wohlverdienten Sommerurlaub zurück.

Donnerstag: Die Ofenfrische mit Thunfisch ist heute im Angebot. Kein Mensch interessiert sich für den Ofenkäse.

Freitagmorgen: Irgendein selbstsüchtiges Arschloch betritt den Rewe und nimmt den allerletzten Ofenkäse. Die künstliche Intelligenz sendet ein Signal an die intuitiv bedienbare, megacoole App rewe buy & chill.

Ich habe die App auf meinem Handy installiert und natürlich mit fünf Sternen bewertet, weil sie mir den Alltag wirklich sehr erleichtert. Sie schickt mir nicht nur Angebote, sie gibt mir auch die Möglichkeit, mich mit attraktiven Rewe-Kunden in meinem Umfeld zu vernetzen, die zum Beispiel die gleichen Teesorten und Marmeladen oder Brötchenhälften mögen wie ich.

Doch die allertollste Funktion kennt ihr noch gar nicht.

Denn: Am Freitagnachmittag einigen mein Komplize und ich uns darauf dass es heute Abend Ofenkäse gibt. Ich öffne meine megacoole rewe buy & chill App, die mir den Alltag wirklich sehr erleichtert, und gebe „ofenkäse“ in das Suchfeld ein. Auf meinem Display erscheint daraufhin der Hinweis, dass es in meinem Lieblings-Supermarkt heute keinen Ofenkäse mehr gibt, ich aber die Möglichkeit habe, eine Alternative zu kaufen. Camembert zum Beispiel. Davon gibt es noch fünfzehn Packungen. Oder ich kaufe den Ofenkäse in einem anderen 7 km entfernten Supermarkt, kann ihn dort sogar für die nächsten 2 Stunden reservieren. Ernsthaft. So toll ist diese App!

Vielleicht entscheide ich mich auch für etwas ganz anderes. Zum Beispiel könnte ich mit den Resten daheim noch eine Mahlzeit kochen. Ich öffne die total praktische Resteessen-Funktion, die seit dem letzten Update wirklich einwandfrei funktioniert und erhalte zunächst eine Push-Nachricht, in der ich gefragt werde, ob ich immer noch eine Nussallergie habe und was mit der halb angefangenen Packung Haselnüsse passieren soll, die in der Schublade neben den Muffin-Förmchen liegt.

Ich habe die Möglichkeit, es zu ignorieren, einen Termin beim Ernährungsberater zu machen oder mir von einer Drohne ein Anaphylaxie-Notfallset vorbeibringen zu lassen. Das kann die App alles. Deshalb bezahlt man dafür auch 4,99 Euro.

Was ich sagen will: Natürlich möchte ich nicht, dass Rewe, oder die AOK oder mein Stromanbieter Zugriff auf alles haben, was in meiner Küche passiert. Natürlich möchte ich nicht für Ofenkäse zum gläsernen Bürger werden. Natürlich möchte ich nicht fünf Minuten Zeitersparnis gegen Totalüberwachung eintauschen.

Aber wäre es nicht herrlich, wenn wir so langsam mal an einen Punkt kämen, an dem die Möglichkeiten der Digitalisierung uns im Alltag wirklich etwas zurückgeben würden?
Wie viele Formulare sollen wir noch runterladen, ausdrucken, ausfüllen und zur Post bringen? Welche Berge müssen wir versetzen, wie viele halbe Tage Urlaub nehmen, damit der verdammte Sperrmüll abgeholt, unser Nebengewerbe angemeldet oder der Förderantrag genehmigt ist?  

Und wie kann es sein, dass so wahnsinnig viele Menschen, vor allem ältere Generationen in der Provinz, damit viel entspannter umgehen als ich? Die Antwort liegt auf der Hand: Sie kennen es nicht anders. Und sie ahnen nicht, dass sie es möglicherweise verdient haben, ein bisschen Zeit und Energie zu sparen.

Und sie wüssten vielleicht auf Anhieb auch gar nicht, was sie mit der gewonnenen Zeit und Energie anstellen. Der leere Raum würde sie verunsichern. Solche Leute gibt es. Vielleicht nicht so viele hier in Bonn, aber da wo ich lebe, gibt es Menschen, die so Sätze sagen wie “Ich hab jetzt drei Wochen Urlaub. Nach fünf Tagen wird mir bestimmt die Decke auf den Kopf fallen.” Oder: “Warum willst du dir einen Staubsauger-Roboter kaufen? Hast du zuviel Geld?!”

Ich hab nicht zuviel Geld. Ich hab zu wenig Zeit. Ich will spazieren gehen und ein Instrument lernen und die Schneegänse beobachten und Malkurse besuchen und Kurse in gewaltfreier Kommunikation, damit ich nicht immer alle Leute beleidigen muss, und ich will mich über Garten-und Landschaftsbau informieren, gründlich, und mich einer Pfadfindergruppe anschließen und natürlich will ich auch programmieren lernen, wegen der App für Rewe.

Ich will – vereinfacht gesagt – nicht ständig mit Fragezeichen im Kopf vorm Kühlregal herumstehen.  Ich will ab und zu in meiner eigenen Welt leben. Und damit wirke ich natürlich wie ein komischer Vogel in den Augen derjenigen, die sich ihrer eigenen Zeitverschwendung und Freizeitpassivität gar nicht bewusst sind.

Vor einer Weile habe ich einen Text geschrieben, der vielleicht veranschaulichen kann, warum es durchaus ok ist, hin und wieder in seiner eigenen Welt leben zu wollen und sich deshalb über vergeudete Zeit im Alltag aufzuregen.

In dem sehr empfehlenswerten Film „The Departed“ sagt Mafiaboss Frank Costello, gespielt von Jack Nicholson, ganz am Anfang einen sehr schönen Satz: Ich möchte nicht das Produkt meiner Umwelt sein. Ich möchte, dass meine Umwelt ein Produkt von mir ist.

Nun ist dieser Mensch in dem Film nicht gerade ein Vorbild für gutes Benehmen, aber unabhängig davon können wir uns diesen schlauen Satz trotzdem ruhig mal etwas näher anschauen. Dahinter verbirgt sich nämlich ein riesengroßes Missverständnis. Nämlich, dass es pauschal erstmal verdächtig ist, in seiner eigenen Welt zu leben oder seine Umwelt zu beeinflussen, statt sich von ihr beeinflussen zu lassen.

Als Kind und Jugendliche war es mir oft eine Freude, Erwachsenengespräche zu verfolgen. Ich saß wortlos auf dem Sofa, nippte am Kakao und lauschte und lernte. Hin und wieder unterhielten sich die großen Menschen über andere mir fremde Personen. Den Freund von einer Freundin oder die Tante XYZ oder die neuen Nachbarn. Und in ihren Worten klang immer ein bisschen Geringschätzung mit, wenn sie den Satz sagten, um den es mir geht: „Der lebt halt in seiner eigenen Welt.“

Man spürte, derjenige wurde irgendwie toleriert, neugierig beäugt, immer höflich auf Abstand gehalten. Oft ging es um unausgesprochene Regeln, um Konventionen, mit denen angeblich gebrochen wurde, um „so Künstlertypen“. Und wir sprechen hier nicht von Leuten, die in irgendeinem Baumhaus außerhalb des Dorfes leben, sich nicht die Haare waschen und zuhause einen Hildegard-Orgon-Akkumulator neben ihren Staffeleien stehen haben. Wir reden von Menschen, denen einfach nur nicht so schnell langweilig wird. Die etwas mit sich anzufangen wissen. Die die Frechheit besitzen, ab und zu mal in ihrer eigenen Welt zu leben.

Weil: Wo wollen wir denn sonst leben, wenn nicht in unserer eigenen Welt? Warum ist „Du lebst in deiner eigenen Welt“ nicht ganz offiziell eines der schönsten Komplimente, die man einem anderen Menschen machen kann? Sind Leute, die nach ihren eigenen Maßstäben leben, nicht eine Wohltat? Also, mal abgesehen von Donald Trump und Horst Seehofer, die leben ein bisschen zu sehr nach ihren eigenen Maßstäben.

Brauchen wir in Zukunft nicht mehr ganz normale Menschen, die sich Gedanken darüber machen, in welcher Welt sie einmal leben wollen? Sollen wir uns stattdessen in der Welt einer anderen Person einrichten? Ihr vielleicht auch noch die volle Verantwortung für unser Leben geben? Stehe ich dann jeden Morgen auf und warte darauf, dass mir jemand eine Bedienungsanleitung für mein eigenes Leben neben mein Kopfkissen legt, während ich zum neunten Mal die Snooze Taste drücke?

Und werde ich dann motzig, wenn Wochenende ist, und mir das Programm nicht gefällt, um das ein anderer sich bereitwillig gekümmert hat?

In seiner eigenen Welt leben – das ist eine gute Sache. Nicht pausenlos, nicht unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf Verluste, aber so oft wie möglich, immer mal wieder, mit kleinen Unterbrechungen. Das ist nicht egoistisch, das ist verantwortungsbewusst. Es geht um Verantwortung für das eigene Leben, die eigene Lernkurve, das eigene Umfeld.

Natürlich besteht da immer die Gefahr, dass man ab und zu ein paar bescheuerte Fragen beantworten muss. Vor ein paar Jahren wollte mal jemand von mir wissen, ob ich denn mein erstes Buch „Die wunderbare Welt der Franzi“ nennen werde. DIE WUNDERBARE WELT DER FRANZI. WAS ZUM GEIER?!!!

Ich lächelte verhalten und dachte: Du blödes Arschloch. Die Frage klang wie ein Angriff, wie ein Vorwurf, mein Gehirn übersetzte das ganze mit „Warum bist du eigentlich so sonderbar?“ Warum bist du so eine trübe Tasse, warum schreibst und liest du so viel, warum sieht man dir den Zweifel manchmal an, warum gerätst du manchmal ins Stocken? Warum lebst du in deiner eigenen Welt? Warum machst du dir Gedanken darüber, wie du deine Zeit nicht an der Kühltheke verschwendest?

Weil es vielleicht mein gutes Recht ist. Und dasselbe gilt für dich. Also hör auf, deine Arschbacken zusammen zu kneifen und frag dich ab und zu vorm Schlafen gehen mal, nach welchen idiotischen Regeln einer anderen Person oder Gruppe du lebst und wie lange du das noch durchziehen möchtest.

Und wenn du jemanden zum Reden suchst, dann bring Baguette mit, ich besorge den Käse und dann sprechen wir mal darüber, wie schön das ist, das eigene Gehirn als gelegentlichen Zweitwohnsitz anzumelden. Weiterhin alles Gute, eure Franziska.

Ausblick / Einblick

Rausgucken lohnt sich immer. Reingucken manchmal auch. Manchmal wird man von Schaufensterpuppen beobachtet, manchmal ist man selber der Beobachter. Und immer stellt man fest, dass Dreck auf der Scheibe eine gute Sache ist.

This is water

Nachdem ich mich ein bisschen in die schwarz-weißen Sylt-Fotos von Fotocommunity-Kollegin Sylvia Heinis verliebt habe – Hier eine kleine Auswahl an schwarz-weißen Bildern von Flüssen, Seen und Meeren. Manchmal ist das Wasser nur Beiwerk. Manchmal fragt man sich „Wo soll denn da das Wasser sein?“ Ich mag daran das Grafische und die Ruhe und die Tatsache, dass viele das wahrscheinlich ziemlich nichtssagend finden.

Im Porzellanladen #2

Da war diese andere Seminarteilnehmerin, vergangenen November in Berlin, die in die Runde gefragt hat, ob hier jemand twitter privat benutzt. Sie versteht den Sinn dahinter irgendwie nicht, betreut aber den Twitter-Account ihres Arbeitgebers. „Ich liebe twitter.“ war meine Antwort, und das meine ich sogar nach zehn Jahren immer noch ernst. Und dann habe ich versucht, ihr auf eine sehr umständliche Art und Weise zu erklären, was an twitter nun so toll ist. Der Wortwitz, die unterschiedlichen Menschen, die Dinge, die sich daraus entwickeln.

Meine Erläuterungen müssen sie nicht überzeugt haben. Das ist nicht verwunderlich, meine Erläuterungen überzeugen in der Regel niemanden, es ist eine meiner vielen Superkräfte, die sich irgendwann entladen werden, wahrscheinlich in einem Rhetorik-Seminar, das ich notgedrungen besuchen werde. „Ich hab ja eigentlich genug echte Freunde im Leben.“ war ihre einleuchtende Antwort. Ich fühlte mich wie ein wunderlicher Miley-Cyrus-Fan. Immerhin durfte ich sie dann guten Gewissens unsympathisch finden. Und vielleicht hat sie twitter ja mittlerweile begriffen. Oder man hat ihr einen Job gegeben, in dem sie nicht mit dem Internet verbunden sein muss.

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Irgendwann spürt man, dass etwas anders ist. Etwas hat sich verändert und man merkt es an den neuen Wegen, die man plötzlich zurücklegt. Die Adressen, die man in das Navigationsgerät eingibt. Die Gastgeschenke. Das Verzichten darauf. Die Playlists und die Unterhaltungen, die man unterwegs führt oder nicht führt. Die Bücher, die man aus dem Regal holt, von denen man vor zwei Jahren dachte, man hätte etwas daraus gelernt, irgendetwas fürs Leben mitgenommen, und jetzt ist man nur noch froh, dass man diese „Wir können alles schaffen, wir müssen nur wollen.“-Scheiße nicht geglaubt hat.

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Your gut knows what´s up. Trust that bitch.

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Ich werde in diesem Jahr keine Bastelarbeiten machen. Und auch nicht unnötig Sprit verbrauchen. Und nicht am Schreibtisch sitzen und mir unzählige Gedanken machen über all die unsichtbaren Dinge, für die ich nicht verantwortlich bin, für die ich mich aber naturgemäß häufig verantwortlich fühle, weil ich einer dieser nervigen „Könnten wir nicht und sollten wir nicht?“-Menschen bin, die immer sinnvoll, aber manchmal nutzlos sind. Ich werde mir nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, wer nun verantwortlich ist. Ich werde mir einen Raum schaffen, in dem ich verantwortlich bin, niemand sonst, und ich werde mich so oft wie möglich in diesem Raum aufhalten.

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Letztes Jahr ist mir dieser Spruch begegnet. Und er hat mir, neben einigen anderen Dingen, also den üblichen Verdächtigen, Katzen, Bier, frische Luft, er hat mir also ein bisschen das Leben, setzen wir es mal in Anführungszeichen, „gerettet“. Ich hab ihn seitdem an drei oder vier Menschen weitergegeben, an gute Freunde, an alte Bekannte. „Perfectionism is a serial killer.“ Er schwimmt noch an der Oberfläche, er konnte noch nicht richtig sacken, dieser Spruch, aber er geht jetzt immer öfter einfach so mit mir mit und hakt sich hin und wieder ein und wenn ich Angst habe, verrückt zu werden, schließt er einen Tab für mich.

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Vielleicht habe ich das Ehlers-Danlos-Syndrom. Das klingt so groß und so fremd. Bis vor einer Woche war ich noch ein Mensch, der zu neugierig und manchmal auch ein bisschen zu clever und hartnäckig ist und dem das Leben zu viele Puzzleteile vor die Füße geworfen hat. Ich war jemand, bei dem Angst und Mut sehr nah beieinander liegen. Sie berühren sich ständig, immer ist da sehr viel Angst und immer ist da auch sehr viel Mut. Jetzt bin ich ein Mensch, der auf Blutergebnisse wartet und bald einen CT-Termin hat. Ich bin jetzt auch jemand, der sich einen Termin beim Psychologen geholt hat. Weil ich das alles nicht alleine schaffen kann. Und auch nicht möchte. Diese Krankheit. Diese Gesellschaft. Diese ständige Frage, ob ich Teil einer Extra3-Dokumentation bin.

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Be your own hero. It´s cheaper than a movie ticket.

 

 

 

Im Porzellanladen #1

„Some people, when they hear your story, contract. Others, upon hearing your story, expand. And this is how you know.“

Ich habe Menschen immer ein bisschen bedauert, wenn sie sagen, dass sie in vielen Situationen in ihrem Leben nicht sie selbst sein dürfen. Ich hab das nicht verstanden und mit Energieverschwendung gleichgesetzt.

Seit ein paar Monaten weiß ich: Die Energiemenge, die in der Maske vielleicht verloren geht, hat man manchmal nach wenigen Tagen wieder eingespart. Allzu menschliches Handeln – und das beinhaltet leider manchmal auch Widersprüchlichkeit, Schwäche, Unüberlegtheit – zwingt einen immer wieder in weiteres allzu menschliches Handeln. Bis man sich selbst nicht mehr erkennt. Bis man nur noch gegen sich arbeitet. Manchmal muss man die eigenen Schwächen verstecken um die eigenen Stärken zu schützen.

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Die drei wichtigsten Worte, die man einander sagen kann, sind oft nicht „Ich liebe dich.“ „Ich liebe dich“ bleibt zwischen zwei Menschen. „Ich liebe dich“ hilft dir nicht, wenn du dich wie eine kaputte Maschine fühlst, die alle paar Wochen zur Inspektion muss.

„Ich liebe dich“ macht dir in der Mittagspause keinen Mut, es nimmt dir nicht die Einsamkeit der Gruppe, deren Energie manchmal nicht deine ist. Es gibt drei andere unscheinbare Worte, die manchmal einen größeren Unterschied machen. Weil sie dem anderen eine Decke um die Schultern legen. Ihm einen kurzen Zufluchtsort anbieten, wenn er sich in der Kälte den Arsch abfriert. Können wir einander nicht viel öfter sagen „Geht mir genauso.“?

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Die Welt ist aus Menschen gemacht, die wie Kaugummi an den Stühlen festkleben. Das weiß ich, weil ich an schlechten Tagen, die schnell zu Wochen werden können, einer von ihnen bin.

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Das vergangene Jahr war voller Gespräche mit teilweise fremden Personen, die mir innerhalb kürzester Zeit die eine große Geschichte ihres Lebens erzählen. Oder viele Kurzgeschichten. Oft bin ich dankbar für dieses Vertrauen. Aber manchmal bleibt ein Teil dieser Geschichten an mir haften. Bruchstücke, die nicht sofort verschwinden, nachdem man sich verabschiedet hat. Sie bleiben da und arbeiten so vor sich hin. Setzen sich fest. Und fallen manchmal viel zu spät ab.

Ich bin gut darin geworden, Dinge an mir anhaften zu lassen, die mit mir überhaupt nichts zu tun haben. Als würde ich einen Anzug tragen, der von außen mit Klettband versehen ist. Ich versuche, diesen Anzug gerade auf mühselige Art und Weise auszuziehen. Vielleicht lasse ich ihn an irgendeiner Kreuzung liegen und hoffe, dass er von jemandem gefunden und getragen wird, der genauso müde ist wie ich, nur andersrum, und der all diese Sachen viel nötiger hat als ich.

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Das Problem sind ja nicht nur die Russen, die aussterbenden Bienen oder das Restless-Legs-Syndrom. Das Problem sind auch Frauen, die ihr Burn-Out-Syndrom auf Instagram jeden Tag mit originellen Hashtags versehen, und Männer, die lernen müssen, dass einige Probleme sich mit einem Laserschwert und einer großen Fresse nicht lösen lassen. Und manchmal sind dann auch noch ein paar arme Deutsche unter den Opfern. Wenn ihr mich fragt: Es dauert mindestens sieben Wochen, alle diese Konflikte zu lösen. Mit regelmäßigen Achtsamkeitsübungen zwischendurch eher zehn.

Die gute Nachricht: Wir sind viele, oh so viele, und jeder kann einen kleinen Teil beitragen. Und zum Glück gibt es ja auch Whatsapp-Gruppen, in denen man sich toll organisieren kann, solange niemand anfängt, Kettenbriefe zu verschicken. Die schlechte Nachricht: Ich habe keine Lust und auch keine Zeit, eure ganzen Telefonnummern einzusammeln.

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Die Grenze zwischen einem müden Geist und einem müden Körper verläuft nirgendwo schnurgerade. Ein gerader Schnitt hilft nicht. Es wird immer auch etwas von dem verloren gehen, was gar nicht verloren gehen darf.

Triviale Frankenberg

Neulich lief ich nach einem Frühstück durch Frankenberg und dachte mir, dass es mehr Bilder von unschönen Fassaden geben sollte, die beim Betrachten gewisse Beklemmungen hervorrufen können. Glücklicherweise hatte ich meine Kamera dabei und konnte mein Vorhaben direkt umsetzen.

 

Introvertiert – Das Unsichtbare sichtbar machen

Um euch einen kleinen Eindruck dessen zu vermitteln, möchte ich ein paar Situationen der letzten zwanzig Jahre mit euch teilen.Da war der Bürgermeister, der mir mit vierzehn auf einem Volksfest mal gesagt hat, ich soll doch nicht so böse gucken und mal lächeln. Und das eine Mal, als ich mit sechzehn zwei Stunden heulend am Rande einer Party auf dem Fußboden gesessen habe, weil ein Besoffener es sinnvoll fand, mir mitzuteilen, was für ein überaus seltsamer Mensch ich bin, und niemand – mich eingeschlossen – mich verteidigt hat.

Da waren all die Tage und Nächte, in denen ich mich innerhalb einer Gruppe von Leuten als jemand gefühlt habe, der nur ein kurzes Besuchsrecht hat. Das eine Mal, als mir der Trubel auf einer Party zu viel wurde, ich mich kurz zurückgezogen habe und vom Treppenhaus aus ein Gespräch von zwei „Freundinnen“ belauschte, in dem es primär darum ging, dass „Franzi immer so komisch ist.“ Jede Vorstellungsrunde, in der ich es gerade so geschafft habe, meinen Namen zu sagen, weil alles darüber hinaus mir in dem Moment albern und falsch vorkam. Das eine Mal, als ich einfach nicht zu einem Vorstellungsgespräch erschienen bin.

All die Male, in denen ich meine eigenen Ideen nicht aus vollem Herzen verteidigt habe, weil ich das diffuse Gefühl hatte, jetzt zu laut, zu selbstbewusst, zu übergriffig, zu dominant zu sein. All die Momente, in denen sich das so anfühlt, als würde man seine eigenen Ideale immer und immer wieder verraten.

Man könnte sich bei dieser Auswahl jetzt auf zwei Merkmale konzentrieren und die Sache abkürzen. Man könnte sagen, dass ich 1. wohl einfach nicht selbstbewusst genug war und bin und dass 2. Menschen manchmal einfach ziemliche Nulpen sind, vor allem nach zwölf Bier oder acht Tequila Sunrise und besonders als Teil einer Herde.

Im Jahr 2015 habe ich angefangen, diese doch sehr einfache Erklärung zu hinterfragen. Eher unfreiwillig, könnte man sagen. Ich litt damals bereits seit mehr als drei Jahren unter regelmäßigen Panikattacken, konnte mich an der Arbeit immer weniger konzentrieren und nahm schon seit einer ganzen Weile körperliche Veränderungen an mir wahr, die mir Sorgen bereiteten. Drei Jahre lang habe ich mich jeden verdammten Tag gefragt, ob ich mir das alles irgendwie einbilde oder ob es eine organische Ursache für all das gibt, von der ich nichts weiß.

2015 war ein schwieriges Jahr für mich. Ich hatte zeitweise hohen Blutdruck. Ich hab mich öfter weinend auf der Toilette eingeschlossen. Und im Frühling habe ich mich zwei Monate lang jeden Tag nach Feierabend nach einem Bier gesehnt.

Und auch wenn es nicht häufig dazu gekommen ist, auch wenn ich in dieser Zeit nur an ein oder zwei Abenden direkt den Kühlschrank aufgesucht und mich mit einem Bier auf das Sofa gesetzt habe, muss ich das erwähnen, weil der Mensch so wahnsinnig naiv ist und glaubt, dass ihm die schlimmen Dinge nie passieren, dass er nie in Zeitlupe irgendwo reinrutscht, dass er immun ist dagegen, sich selbst aufzugeben.

Ich gehe mit diesen gesundheitlichen Problemen mittlerweile anders um. Ich finde sie nicht berauschend, aber sie sind mir auch nicht mehr so lästig, ganz im Gegenteil. Vor allem die Panikattacken erscheint mir persönlich im Nachhinein als ein, als großer Schrecken getarntes, „liebevolles“ Warnsignal des eigenen Körpers. Man hat Todesangst in diesen akuten drei bis fünfzehn Minuten. Es kündigt sich oft unterschiedlich an, aber viele Dinge bleiben immer gleich und wiederholen sich. Und danach ist man manchmal bis zu drei Tage lang völlig müde und ausgelaugt. Es ist eine schlimme Erfahrung, aber es lohnt sich, das Wort schlimm manchmal durch „faszinierend“ zu ersetzen.

Es kommt irgendwann der Punkt, an dem man dankbar ist für die erste Panikattacke und für die letzte und alle dazwischen.

Wie es zu meiner ersten bewussten Panikattacke im Januar 2012 kam, darüber werde ich irgendwann ganz bestimmt noch etwas schreiben. Nach einigen Jahren hatten sie einen Teil ihres Schreckens für mich verloren. Mehr Probleme machten mir vor allem an der Arbeit Dinge wie Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen und Herz-Kreislaufprobleme.

Wir waren im Sommer 2014 mit der Firma umgezogen, in der ich seit neun Jahren arbeitete. Ich hatte mich auf die Veränderung gefreut und mein damaliger Chef wusste, dass ich mir abgesehen von meinem Schreibtisch direkt hinterm Empfangsthresen einen ruhigeren Platz wünsche, an den ich mich notfalls zurückziehen kann, wenn die Arbeit viel Konzentration und wenig Unterbrechung erforderte. Wir hatten zuvor mehr als einmal darüber gesprochen. In den alten Räumen hatten wir mittlerweile nicht nur ein Platzproblem, es wurde auch immer offensichtlicher, dass wir nicht konzentriert und innerhalb des Teams halbwegs organisiert arbeiten können, wenn ständig unangemeldet Kunden in der Tür stehen, die einem dann beinahe auf dem Schoß sitzen.

Es war ihm dann im Eifer des Gefechts und bei all den Plänen offenbar nicht mehr so besonders wichtig, sich wirklich mit allen seinen Angestellten abzustimmen. Die Hausnummer änderte sich, meine persönliche Situation nicht, weil ich einen ganz entscheidenden Fehler gemacht habe. Ich habe anderen mehr vertraut als mir selber. Und mich dann versucht, da irgendwie ganz ohne direkte Konfrontation durchzukämpfen. Der gute alte „Jaja, geht schon, blöd gelaufen, mache ich schon irgendwie.“-Fehler. Ich liebe ihn, diesen zeitlosen Klassiker.

Vor allem Frauen begehen ihn jahrelang immer wieder mit großem Eifer. Er ist wie ein sehr bequemer Trenchcoat, den man zehn Jahre lang täglich tragen kann. Wie eine zweite Haut. Bis man irgendwann das Gefühl hat, dass er zu klein geworden ist.

Ich habe nicht dafür gekämpft, gesund zu bleiben und meine best mögliche Arbeit machen zu können. Weil ich die Umstände, meine Reaktionen darauf und mein körperliches Befinden gar nicht miteinander kombiniert habe. Die Ergebnisse waren zufriedenstellend, es ging ja irgendwie und solange man als Betroffener morgens das Büro nicht schreiend mit den Worten „Ihr macht mich alle krank!“ betritt, können die Leute immer gut damit leben. Ich weiß noch, wie ich einmal versucht habe, einem von ihnen zu vermitteln, dass es schön wäre, wenn nicht immer ich als erste ans Telefon gehen würde, wenn der Chef nicht da ist. Ein etwas verdutztes schweigendes „Aber das haben wir doch schon immer so gemacht.“-Gesicht war die Reaktion darauf. Ich hab es nicht nochmal versucht. Ein paar passiv-aggressive Zwischenbemerkungen, ein bisschen Winke-Winke mit dem Zaunpfahl, sonst nichts. Ich mache niemandem einen Vorwurf. Es war eine schlecht umgesetzte Bitte um Hilfe und Unterstützung, die bei den allermeisten Empfängern als sinnloses, etwas unbequemes Gejammer ankommt.

In den letzten Monaten im alten Job habe ich begonnen, meine eigenen Reaktionen zu beobachten. Wie reagiere ich auf Reize, auf alles, was um mich herum passiert? Wie geht es mir, was macht das Rauschen im Kopf, wie schnell schlägt mein Herz, wenn ich kreative Arbeit mache, während das Radio laufen muss, zwei Menschen sich nebenan unterhalten, das Telefon klingelt und ich jederzeit damit rechnen muss, dass gleich ein Kunde spontan vorbeischaut? Wie reagiert mein Körper auf diese Scheiße und meine eigenen Unfähigkeit, die Scheiße im entscheidenden Moment anzusprechen? Das war vor ungefähr zwei Jahren. In meinem Rückblick auf das Jahr 2015 habe ich das bereits angesprochen.

Ich glaube, ich bin damals über einen Artikel gestolpert, in dem erklärt wurde, dass Menschen im Berufsleben bei ihrer Arbeit unterschiedliche Geräuschkulissen bevorzugen, um sich noch einigermaßen wohlzufühlen. Darin habe ich zum ersten Mal wirklich aufmerksam von den Unterschieden extrovertierter und introvertierter Menschen gelesen, die über „Der eine ist laut und der andere halt leise oder schüchtern“ hinausgehen. Neben einigen Büchern, von denen das hier von Susan Cain wahrscheinlich das bekannteste ist, habe ich mittlerweile eine Menge Artikel zu dem Thema gelesen, Ted Talks geschaut und mich manchmal auch darüber gefreut, dass jemand wie Gunter Dueck, dessen Name zunächst einmal mit anderen Dingen in Verbindung gebracht wird, dieses Thema in irgendeiner Art und Weise manchmal in seinen Vorträgen anschneidet.

Die für Extrovertierte optimale Dezibelzahl entspricht übrigens nicht der Geräuschkulisse auf dem Oktoberfest und die Introvertierten sehnen sich auch nicht nach absoluter Stille, um konzentriert arbeiten zu können. Die Unterschiede sind offensichtlich, aber nicht so krass wie es vielleicht hier und da gerne dargestellt wird. Beide haben einfach eine eigene Wohlfühllautstärke bzw. Reizschwelle, die sich auch immer daran orientiert, ob derjenige mit einem halbwegs geladenen Akku in den Tag startet.

Das hängt damit zusammen, dass das Gehirn von Introvertierten in Ruhephasen von Natur aus eine höhere Aktivität aufweist.  Introvertierte haben ein reiches Innenleben und ich bedaure es sehr, dass ein Extrovertierter das nicht sehen und häufig auch nicht nachempfinden kann.

Passieren viele Dinge gleichzeitig, brauchen Introvertierte länger, um sich ein bisschen zu ordnen. Und werden dabei gelegentlich als etwas sonderbar wahrgenommen. Was dann wieder den Bogen zurück zu den Leuten schlägt, die mich früher und möglicherweise heute noch irgendwie sonderbar finden. Wenn man sich immer und immer wieder neu ordnen muss, wird es anstrengend. Und irgendwann rächt sich der Körper dann. Eine gut erklärte Zusammenfassung zum Thema Hirnchemie bei Introvertierten könnt ihr bei Geist und Gegenwart nachlesen, einem Blog, den ich generell empfehlen möchte.

Das Intro-Extro-Thema ist nicht deshalb mein Thema, weil ich der ultimative introvertierte bin, der Partys meidet, Risikos scheut und Small Talk hasst und ein bisschen PR für die „leisen Menschen“ machen will. Ich stehe dem ganzen sozialen Miteinander grundsätzlich wohlwollend gegenüber, denn wir Menschen sind ja nicht nur auf der Welt um uns unabhängig voneinander im stillen Kämmerlein auszudrücken, sondern auch um gelegentlich ein kleines Leuchten in den Augen unserer Mitmenschen zu entfachen und einander beim Kotzen auf der Toilette die Haare zurückzuhalten. Die Merkmale von Introvertierten und Extrovertierten können in einer Person in jeweils unterschiedlichen Bereichen mal mehr und mal weniger ausgeprägt sein, den totalen Intro oder Extro gibt es also gar nicht oder wirklich eher selten. Aber ich muss zugeben, dass ich eher der Typ bin, der mit fünf oder sechs Leuten in die Eckkneipe geht und über die neue Weltordnung und mögliches Leben nach dem Tod spricht, anstatt mit den fünfzehn engsten Freunden die Whoooo-Party zu sprengen und 7 Stunden am Stück quirlige Lebensfreude zu verbreiten.

Es ist mein Thema, weil die Unwissenheit der Leute und vor allem meine eigene Verantwortungslosigkeit und Feigheit mich in den letzten Jahren wortwörtlich krank gemacht haben.

Es geht um meine eigene Gesundheit. Um Grenzen, die ich nicht verteidigt habe, weil ich mich an anderen gemessen habe, die entweder ganz anders sind als ich oder keine Lust haben, sich selber kennen zu lernen.

Und es ist auch mein Thema, weil Menschen wie ich viel zu oft falsch eingeschätzt oder übersehen werden. Meine Kreativität, mein Humor und meine Sicht der Welt werden stark von meiner Introversion geprägt. All die Dinge, die mir etwas zurück geben, die für mich Sinn ergeben, die meine Identität formen, sind abhängig davon, wie ich mit meiner Energie, mit meiner Aufmerksamkeit haushalte.

Und gäbe es keine messbaren Unterschiede in der Hirnphysiologie der beiden Persönlichkeitstypen, könnten wir das Thema direkt abhaken, uns selig die Hände reichen und sagen „Hach, schön dass kein Mensch ist wie der andere und wir mal kurz drüber gesprochen haben.“ Aber es gibt diese Unterschiede. Sie sind da. Selbst das Blut in unseren Köpfen nimmt bei einem introvertierten teilweise andere Wege als bei einem extrovertierten. Ich finde das wahnsinnig spannend. Und Introversion ist ein Wirtschaftsfaktor, über den in Deutschland immer noch viel zu wenig geredet wird.

Der Introvertierte ist totmüde, der Extrovertierte dreht gerade erst richtig auf. Der Introvertierte wirkt manchmal etwas hölzern, distanziert, kautzig, vor allem in größeren Gruppen oder wenn er allein auf einer Veranstaltung herumsteht. Der Extrovertierte ist entspannt, aufgeschlossen, selbstsicher.

Der Introvertierte sieht Zusammenhänge, er abstrahiert gern, er hat einen guten Instinkt, wirkt aber oft wie ein unbeholfenes Schulkind beim Versuch, darüber zu sprechen.

Der Extrovertierte ist ein toller Unterhalter, clever, wortgewandt, charismatisch und er redet hin und wieder ganz knapp am Kern einer Sache vorbei. Vielleicht weil er schon das Fruchtfleisch für den Kern hält. Vielleicht auch weil die Umstände ihn dazu zwingen.

Wir haben hier – in der Theorie – zwei Arten von Menschen, die voneinander lernen und einander zuhören müssen. Die auf Belohnung von außen unterschiedlich reagieren. Die möglicherweise sogar unterschiedlich anfällig für Suchtverhalten, aber auch für Depressionen sind. Die anders verhandeln, Dinge anders interpretieren und einordnen. Zwei Menschen, die sich übrigens auch perfekt ergänzen und die nicht grundsätzlich total gegensätzlich sind, sondern sich auf einer breiten Skala immer wieder aufeinander zu und auch wieder voneinander weg bewegen.

Ich möchte meinem sechzehnjährigen Ich heute immer wieder sagen: Dir fehlt nichts. Und ich will bei dem Thema nicht in fünf oder zehn Jahren immer noch in so viele leere oder fragende Gesichter schauen. Ich möchte Leute, die glauben, dass mündliche Beteiligung in der Schule heutzutage etwas über Leistung und – wichtiger noch – Eignung aussagt, auch einfach mal eine geschlagene Viertelstunde auslachen dürfen.

Und ich möchte zornig sein auf Leute, die glauben, dass ein anderer etwas für sie zum Guten ändert.

Dieses Thema ist verdammt wichtig und die Auseinandersetzung damit hat mir in den letzten Jahren auch dabei geholfen, feministische Themen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Vor allem möchte ich mich jeden Tag daran erinnern, dass ich meine eigene introvertierte Komfortzone regelmäßig verlassen sollte. Weil das Spaß machen kann. Weil es manchmal nicht anders geht. Und weil ich mir ein Leben, in dem meine Komfortzone dieselbe ist wie vor zwei oder drei oder fünf Jahren, irgendwie nicht so richtig vorstellen kann.

Und deshalb werde ich in Zukunft besser auf meinen Körper und seine unmissverständlichen Signale hören. Denn alles andere ergibt keinen Sinn, weder für mich, noch für meine Umwelt, kurzfristig nicht, langfristig schon gar nicht. Ich möchte darüber schreiben. Häppchenweise. Damit Menschen um mich herum besser aufeinander acht geben.

Zum Abschluss sollte hier eigentlich ein Zitat aus Laurie Helgoes Buch „Introvert Power“ stehen, das beschreibt, wie großartig wir Introvertierten sind. Ich habe mich dazu entschlossen, eine andere Stelle zu zitieren.

Although introverts typically go in for energy, there is another kind of energy that comes when „in“ meets „out“, when yin meets yang. The realease of this energy, called Qi oder Chi in the Taoist tradition, underpins Jung´s theory of introversion-extroversion. According to Jung, integrating opposites within the personality not only brings a person closer to wholeness, but frees up life energy. The more a person is able to tolerate paradox in search of truth, the less energy will be spent defending a rigid position.

(Es gibt viele gute Stellen in dem Buch. Bestimmt werde ich in Zukunft noch die ein oder andere zitieren. Und wenn ihr an dem Thema in irgendeiner Weise interessiert seid, würde ich mich freuen, wenn ihr mir einfach einen Kommentar hinterlasst, den Text teilt mit Menschen, die das ebenfalls interessieren könnte, oder euch einfach im Stillen darüber freut.)