Begegnungen mit Menschen, von denen einige mir egal sind

Nach zwei Minuten im Auto führe ich das erste Gespräch des Abends, bei dem ich mir nicht wie ein geklontes Schaf vorkomme und auch wenn es dann am Ende nur eine Viertelstunde dauert, beweist es immerhin, dass die guten Gespräche mittlerweile viel zu oft nicht mehr da auftauchen, wo man sie vermutet.

Sie vertraut dem Internet nicht, sagt sie. Weil einem irgendwer immer irgendwas andrehen will. Sie kann es nicht benennen, sie benutzt nicht die Worte „Privatsphäre“ und „Datenschutz“ oder „Volksverblödung“ oder „Konsumzwang“. Nur von den Vitaminpillen erzählt sie, die ihre Schwester sich hat andrehen lassen, weil sie angeblich beim Abnehmen helfen. 60 Euro. So viel Geld. Es ist eine vage Angst, die eigentlich eher ältere Generationen befällt, nichts konkretes. Sie wüsste nicht, was sie machen soll, wenn sie online irgendetwas falsch macht.

Und ich denke mir, das geht uns doch allen so, dass wir nicht wissen, was wir machen sollen, das hat doch mit dem blöden Internet eigentlich gar nichts zu tun.

Wovor hat sie denn Angst? Es ist doch alles gut, man kann doch nicht vor allem Angst haben, was man nicht kennt. Ich sage, dass es mir auffällt, dass die Leute nicht mehr so viel miteinander reden, dass viele mit gesenkten Köpfen durchs Leben gehen, aber da geht sie gar nicht drauf ein.

Noch ein paar Wochen bis zur Rente. Dann ist das Kapitel beendet. Ich habe mir neuerdings angewöhnt, unbequeme Fragen zu stellen. Bis vielleicht einer mal von selber drauf kommt. Und weil die saublöde, aber total berechtigte Frage „Wo siehst du dich in 15 Jahren?“ hier fehl am Platz wäre, frage ich, was er jetzt anfängt mit dem Rest seines Lebens. Er sagt, er wird sich eine Fahrradroute zu meinem Wohnort raussuchen und darauf freue ich mich, auch wenn das nie die Antwort ist, die ich erwarte, und dann erzählt er mir bei einem Stück Rhabarber-Streuselkuchen von den Situationen, in denen seine Unverfrorenheit ihm Steine in den Weg gelegt hat und ich sehe viel von mir in ihm.

Das Tierdokumentationen schauen. Auf dem Globus nach kleinen Inseln suchen. Der Jähzorn. Der kautzige Humor. Die Müdigkeit. Der Idealismus. Die Introvertiertheit, die immer dann jäh unterbrochen wird, wenn er sich wirklich für etwas interessiert.

Die Trampelpfade, das Potenzial, das immer wieder zuwächst, wenn man nicht die Kraft hat, daraus eine Angewohnheit zu machen. Dieses große Herz und die große Wut, die doch irgendwas bewirken müssen.

Abends eskaliere ich nicht, es gibt kaum nackte Busen und Schnaps-Fontänen oder Discomusik und zuckende Leiber, kein Whirlpool, kein Konfetti, kein Schokobrunnen. Dafür lese ich mit großer Leidensfähigkeit Informationen über Rangdynamiken und den Zeit-Artikel über den Cum-Ex-Skandal und wundere mich über das Leben und die saudämlichen Menschen darin und ich setze ein paar Songs aus dem neuen Rancid-Album auf die Liste der besten Lieder des Jahres 2017.

Vor ein paar Wochen habe ich ein Interview mit Brené Brown gesehen, in dem sie davon erzählt, dass sich in ihrem Geldbeutel ein sehr sehr kleiner Zettel befindet mit den Namen der Menschen, deren Meinung ihr wirklich etwas bedeutet. Es ist ein gutes Zeichen, wenn man auf Anhieb ein oder zwei Namen aufzählen kann. Es ist auch gut, wenn trotzdem nicht zu viele Namen auf so einem Zettel stehen.

Es ist wichtig, dass man versteht, dass das nicht die Liste mit den Leuten ist, denen man alle Liebe dieser Welt, Gesundheit, Erfolg und Seelenfrieden wünscht. Ich werde also keinen verdammten DIN A4 Zettel mit achtzig Namen in meinem Geldbeutel mit mir herum schleppen.

Als ich dann am selben Abend überlegt habe, wer auf meiner Liste stehen würde, war das eine echte Herausforderung für mich. Es war mir nicht möglich, diese Liste zu machen, obwohl ich die Idee dahinter so sinnvoll und wichtig finde. Ich kam auf drei oder vier Namen, begann dann zu grübeln, war mir unsicher, stellte das Universum in Frage, am Ende standen acht Namen auf der Liste und ich hatte immer noch das Gefühl, jemanden vergessen zu haben. Jemanden nicht genug zu würdigen.

Eben habe ich die Liste ein zweites Mal gemacht. Es fiel mir leichter. Die Liste selbst ist leichter geworden. Einige Namen werden wahrscheinlich nicht für immer darauf stehen. Das nennt man Leben. Und wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat, dass man heute Gott sei Dank nicht derselbe Mensch ist wie vor zehn Jahren, dann ist das gar nicht so schlimm.

12 Monaten ago

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