Selbstmitleid – eine Anleitung

Nimm alles mit. Nimm es mit nach Hause, gewöhn dich daran, dass die Gesichter von Menschen dir manchmal auf dem Nachhauseweg begegnen, grenz dich nicht ab, nimm alles auf, was andere gerade erleben, auch wenn du ihre Namen vergessen hast. Nimm jeden verdammten Grauton mit, jede Falte, jedes Stirnrunzeln, zieh Kleidung an mit vielen Taschen, damit du jede Regung einpacken und irgendwo unterbringen kannst und frag nicht, was du jetzt damit anfangen sollst, ob das sinnvoll ist, ob du das überhaupt gebrauchen kannst. Fühl dich einfach dafür zuständig, wie jemand, der solche Dinge schon immer so gemacht hast, ließ aufmerksam jeden Artikel, der dich vor den Folgen warnt und vergiss anschließend jedes einzelne Wort.

Leg dich hin, wenn es weh tut, nimm ein Pflaster, lass dir eine Spritze geben oder dich krank schreiben. Und tu so als würde die Zeit, in der wir leben, dir nur manchmal ein bisschen in die Knochen fahren und nicht auch an den Fensterläden rütteln, die zu dem Raum gehören, in dem du dich am liebsten aufhältst.

Benimm dich wie jemand, dem die Worte nicht fehlen. Zeig dich solidarisch mit den armen Schweinen, die nicht wissen wollen, was sie glücklich macht, weil ihnen nie einer gesagt hat, dass das ihr gutes Recht ist.

Geh davon aus, dass jeder Gedankenlesen kann, niemand dich ausnutzt und alles eine Bedeutung hat. Sei naiv, sei perfektionistisch, sei launisch. Schreib ein nettes Gedicht darüber, wie stolz du darauf bist, dass du nie naiv, fast gar nicht perfektionistisch und sehr selten launisch bist. Spende all dein Blut, ohne dass es irgendetwas bewirkt. Denk jeden Tag darüber nach, aber mach es halt nicht. Vergiss jedes Wort, gib den falschen Dingen den richtigen Namen. Geh nicht ins Detail, halt dich nah am Eingang auf, lehn dich mit dem Rücken an die Wand, fühl dich unter Druck gesetzt, halte zehn Meter Abstand zu den Leuten, denen du im Nacken sitzen möchtest.

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