Ebbe und Flut, kleiner Hunger und großer Hunger

Sonntag, 24. September

Auf der Autobahn ändert das Wetter ständig die Stimmung. Mal peitscht der Regen mir entgegen, während ein Sender Avril Lavigne spielt und ich an alte Zeiten denken muss, mal hebt strahlender Sonnenschein meine Laune und ich freue mich über eine Auswahl guter alter Musik, die mein Vater Ende der 80er Jahre immer auf Kassette aufgenommen hat und die mich an Urlaubsreisen erinnert, die grundsätzlich um drei Uhr morgens starteten. Trotz meiner guten Laune verirre ich mich im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide. Gute Laune wirkt sich sozusagen in keinster Art und Weise auf den Orientierungssinn aus. Oder auf das GPS-Signal.

Auf der Reservierungsbestätigung steht, der Gutshof befindet sich mitten im Naturschutzgebiet. Ich bin hin und hergerissen und poltere für eine halbe Stunde mit meinem Auto an einzelnen Häusern vorbei über Straßen, die eigentlich eher für Pferdekutschen gemacht sind. Es macht raggeldigaggeldigagg und das ist ehrlich gesagt kein besonders schönes Geräusch. Google behauptet steif und fest, dass in 100 Metern links das Ziel erreicht ist, mein Instinkt sagt mir, dass hier irgendetwas nicht stimmt und ich mich mit dem Gedanken anfreunden sollte, die Nacht in embryonaler Körperhaltung auf einer McDonalds-Toilette zu verbringen.

Zwei Spaziergängerinnen klopfen an meine Scheibe und fragen, ob ich Hilfe brauche. „Wahrscheinlich bin ich hier vollkommen falsch. Ich suche das Hofgut Einem.“ „Da sind Sie hier eigentlich richtig.“, sagt eine der beiden, erklärt mir dann aber, dass man einen kleinen Umweg nehmen sollte, um das Auto die nächsten Meter nicht zu Schrott zu fahren. Mit dem Hinweis im Kopf, dass ich umdrehen und dann eigentlich immer nur rechts abbiegen muss, starte ich einen neuen Versuch und verliere nach zwei Kilometern erneut die Orientierung.

Es ist jetzt kurz nach sieben, ich habe keinen Handyempfang, wahrscheinlich den Brütvorgang seltener Vogelarten gestört und meinem Auto möglicherweise zu viel zugemutet. Raggeldigaggeldigagg. Und Pipi muss man übrigens auch immer dann, wenn es gerade gar nicht so gut passt.

Ich biege schließlich leidenschaftslos um ein paar Ecken, kontrolliere immer wieder den Empfang des Handys und schaffe es schließlich, die Gastgeberin zu erreichen. Und weil ich mehr Glück als Verstand habe, sind es bis zum Ziel nur noch ein paar Hundert Meter. Sie hält am Hintereingang nach mir Ausschau, wir winken uns zu und ich fühle mich beim Anblick von mindestens zehn wilden Katzen, die hier gerade ein kleines Abendessen zu sich nehmen, sofort entspannter. Und schlafe dann auch ziemlich gut mit Blick auf eine sehr interessante Tapete und einen hipstergrünen Sessel, und trotz der Wahlergebnisse.

Montag, 25. September

Morgens habe ich den ganzen Frühstücksraum für mich, die Aussicht ist ein Traum, das Frühstücksei erhält 9 von 10 Punkten auf der Frühstücksei-Skala, die ich heimlich nutze, um Unterkünfte zu bewerten. Den einen ist das Straßenbahn-Netz wichtig, andere lassen sich vom Pilates-Angebot beeinflussen, mir geht es um Frühstückseier. Und wenn das Weiße darin noch herumwabbelt oder sie zu hart sind, dann macht mich das wahnsinnig.

Ich verabschiede mich gegen zehn Uhr und marschiere anschließend eineinhalb Stunden durch den Wald, um Fotos zu machen und meinen mitleiderregenden Kreislauf in Schwung zu bringen. Außer einem Fahrradfahrer begegnet mir kein Mensch, in der Ferne höre ich Pferde, ansonsten ist da nichts und niemand. Nur ich und kalter Schweiß und ein leichter Druck auf der Brust und die Frage, ob mir und meinen Bronchien der Spaziergang jetzt gut tut oder nicht.

Auf der Autobahn Richtung Norden stelle ich fest, dass norddeutsche Radiosender bessere Musik spielen. Auch die Moderatoren sind irgendwie witziger. Je länger ich fahre, desto ruhiger werde ich und desto mehr freue ich mich darauf, in den nächsten Tagen einfach nichts besonderes zu tun, nicht viel zu reden und nur in die Ferne zu schauen bis an den Punkt, an dem man glaubt, dass da jetzt Schluss sein könnte.

Und genau das mache ich dann auch Nachmittags. Ich packe mir in meinem Zimmer in Sankt Peter Ording ein paar Kleinigkeiten zu essen ein, kaufe mir in einem Geschäft vor den Dünen noch eine kleine Flasche Weinschorle und ein Eis und verbringe dann die nächsten fünf Stunden damit, meine Umgebung zu beobachten, mir Essen in den Mund zu schieben, zu fotografieren und zu lesen. Ich lebe sozusagen meinen ganz persönlichen Traum.

Es ist kein aufregender Traum, der Spannungsbogen ist eher eine schnurgerade Spannungshorizontale, aber es ist mein Traum und deshalb ist es ein super Traum. Die inneren Monologe tragen auch einen nicht ganz unerheblichen Anteil dazu bei.

Dienstag, 26. September

Mir ist nach Franzbrötchen. Der Verkäuferin in der Bäckerei ist zunächst nach Small-Talk. Dann findet sie schnell eine Überleitung und erzählt mir, nachdem ich einen 5 Euro-Schein auf die Theke lege, dass zur Zeit wieder vermehrt falsche Fünfer in Umlauf sind. Und das Gerät, das man sich anschaffen kann, um die Fünfer zu kontrollieren, kostet viel Geld. Das andere günstigere Gerät arbeitet leider nicht so zuverlässig. Sie weiß jetzt auch nicht so genau, was man da machen kann. Und ihr Chef, der das alles bezahlen muss, tut ihr leid. Einen gigantischen Redeschwall kippt sie über mir aus, ich verstehe auf Grund ihres russischen Akzents jedes fünfte Wort nicht so richtig, reagiere aber wie eine gute Bekannte. „Das ist ja ein Teufelskreis!“, sage ich. „Da sind Sie aber ganz schön gelackmeiert.“ Das mit dem Teufel kapiert sie, das andere logischerweise nicht so richtig. Ich verabschiede mich mit einem „Bis morgen!“

Im Auto frage ich mich, ob sie mir eigentlich Wechselgeld gegeben hat oder ob das irgendwie ihr Ding ist, Kunden mit dem Thema Falschgeld von Wechselgeld abzulenken. Es wäre eine psychologische Meisterleistung.

Mein Frühstück nehme ich in Westerhever zu mir, genauer gesagt: in der Nähe des Leuchtturms. Es ist saukalt, der Ausblick ist perfekt, zwischen dem vielen Grün der Salzwiesen sieht man schwarze Punkte herlaufen, die alle den Leuchtturm anschauen möchten. Ich beschließe mich ihm ebenfalls auf 50 Meter zu nähern und bleibe immer wieder stehen, um Fotos zu machen und mich über dieses Stück Natur zu freuen, über die vielen Vögel, die Pflanzen und die klare Luft.

Dann kommen die Schafe. Das Schöne an Schafen ist ja, dass man sie hört, bevor man sie sieht. Ich drehe also ohne zu zögern um und eile zurück an die Stelle, wo ich vorher meinen Kaffee getrunken habe. Weil man Schafe, wenn sie schonmal in großer Anzahl da sind, unbedingt fotografieren muss. Wie jemand, der zwanzig Jahre keine Schafe mehr gesehen hat. Ihr versteht das sicher.

Danach habe ich die Möglichkeit bei einem Jever und bei Lammbratwurst – und jetzt wird mir gerade die Tragik bewusst – Gesellschaftsstudien durchzuführen. Da ist das Paar mit Hund, das sich lange anschweigt, ein unangenehmes Schweigen, unterbrochen nur von seiner Frage, ob ihr die Soße zu dem Hering schmeckt. Alle paar Minuten blicken sie über den Tisch zu dem Hund, reden leise mit ihm und stellen sicher, dass es ihm gut geht.

Irgendwie wirken sie wie Leute, die sich vor zwei Tagen erst im Tierheim kennen gelernt haben.

Dann kommt ein älterer Herr mit himmelblauen Augen und schneeweißen Haaren mit einer etwas jüngeren dunkelhaarigen Frau auf die Terrasse des Lokals. Er sieht aus wie ein alter Seefahrer, sie scheint gerade aus einem Zirkuswagen gefallen zu sein. Beide frieren ein bisschen, bedecken ihre Beine mit Wolldecken und befinden sich in einer beneidenswerten Stimmung, die entweder auf viel Bewegung an der frischen Luft oder Alkohol zurückzuführen ist. Sie quikt ab und zu vor Freude, so wie Frauen ab Mitte fünfzig manchmal quiken. Und er antwortet mit einem schallenden Donnergrollen-Lachen. Ihr wisst was ich meine.

Ich schreibe meine Postkarten zu Ende und beschließe, die Pausen zwischen den Mahlzeiten so kurz wie möglich zu halten und nun dem Richardshof einen Besuch abzustatten. Dort soll es wahnsinnig leckeren Kuchen geben und man begegnet einer Reihe sympathischer Tiere. Das Stück Himbeer-Windbeutel-Torte ist dann auch so groß und sättigend, dass ich mein Abendessen ausfallen lassen kann. Ich empfehle einen Besuch, vor allem wenn ihr Hühner mögt, die friedlich bei euch am Tisch sitzen. Den Rest des Tages zieht es mich wieder an den Strand.

Fotos machen, Möwen mit Tuc füttern, mit der Spotify-Playlist auf den Ohren der Sonne beim Untergehen zuschauen.

Mittwoch, 27. September

Ich beschließe, den Wochenmarkt zu besuchen. Eine halbe Stunde lang suche ich einen Parkplatz, um eine weitere halbe Stunde lang gestresst von Stand zu Stand zu gehen. Es gibt typisch norddeutsche Porzellanfiguren, Sanddorn-Saft, noch lebende Aale und Nagelscheren. Irgendwie bin ich überfordert von den vielen Menschen und ich flüchte schließlich in eine Seitenstraße zu einem Teller Nudeln beim Italiener, der mir noch leckeres Pizzabrot dazu spendiert. Irgendwie macht dieser Tag mir bisher keinen Spaß. Wahrscheinlich liegt es an den vielen Menschen, die plötzlich da sind. Ich verlasse Orte nie wie ich sie betrete, ich nehme immer ein Stück der Hektik und der Sorgen und der Fragezeichen fremder Leute mit nach Hause, ich weiche ungern ständig anderen Leuten aus, will mein Schritttempo nicht dauernd wechseln, suche nicht gern lange nach einem ruhigen Platz in so einem Durcheinander.

Ich fahre ein zweites Mal nach Westerhever, um den Leuchtturm zu besuchen. Um 16 Uhr ist eine Führung und bis dahin verbringe ich den Tag an den Salzwiesen, da wo das Watt anfängt und es viele Drachenflieger, Fahrradfahrer und Leute mit Hund gibt. Kein Marktschreier weit und breit. Ich beobachte Paare, Freunde und Familien, einige von ihnen mit einer Kamera in der Hand. Meist sind das die Männer, ab und zu auch mal eine Frau, aber die sind auch oft so wie ich alleine unterwegs. Ich finde das interessant, also das Verhalten von Leuten im Urlaub, was sie bei sich tragen, was ihre Gesichter so erzählen.

Am Gardasee haben der Mann und ich letztes Jahr mal die schlechte Laune der anderen Leute analysiert. Mitleid erregte grundsätzlich die Kombination „Frau will shoppen, Mann weiß nichts mit sich anzufangen.“

Der Leuchtturm macht mir kurz zu schaffen. Ich fühle mich ein bisschen schwach auf den Beinen, obwohl es gar nicht so viele Treppenstufen sind. Die Aussicht belohnt mich dann wieder, man hat einen tollen Blick über die Salzwiesen und das Watt. Bis man wieder Hunger bekommt. Der Hunger kommt, der Hunger geht, es ist wie mit Ebbe und Flut. Es gibt Fischbrötchen an der Seebrücke bei Gosch und für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich mehr hätte erleben und weniger essen sollen. Ich hätte die Deichgalerie noch besuchen und eine Rundfahrt mit dem Hitzlöper machen können. Das hebe ich mir für´s nächste Mal auf. Weil es hier nämlich ziemlich toll ist.

Donnerstag, 28. September

Auf dem Weg zurück nach Hessen habe ich eine halbe Stunde lang einen Lachanfall, weil die Worte „Mäharbeiten“ und „Straßenunterhaltungsdienst“ an den Fahrzeugen vor mir mich wahnsinnig machen vor Freude. Urkomische Bilder von Schafen und Bauarbeitern mit Megafon entstehen in meinem Kopf. Der kleine Urlaub hat mir gut getan.  Ich gebe vier von fünf möglichen Sternen und spreche eine klare Empfehlung aus.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

8 Monaten ago

2 Comments

  1. „…für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich mehr hätte erleben und weniger essen sollen.“ Ich in JEDEM Urlaub. 😀 Tolles Blog, freu mich gerade sehr, es entdeckt zu haben.

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