Von Jägermeister und spontanen Mutausbrüchen

Vor zehn Tagen habe ich eine Erfahrung gemacht, für die ich mir eigentlich viel zu lange Zeit gelassen habe. Rein Theoretisch. In der Praxis sieht das anders aus, da bin ich einfach eine ziemlich feige Sau, was das Sprechen vor mehr als zwölf Menschen betrifft. Deshalb schreibe ich seit dreizehn Jahren Texte ins Internet, habe aber jetzt erst den Mut dazu gefunden, sie auch mal vorzulesen. Live, vor Publikum. Im Friedrichs Coffeeshop in Bonn. Eine schöne Stadt übrigens, in der ich in Zukunft noch einige Male zu Besuch sein möchte. Sylvia und Johannes hatten eingeladen zur MiMiMiMi-Sommerlesung und wie sich dann herausstellte, war es auch die beste Sommerlesung aller Zeiten. Fünf Punkte sollte ich noch erwähnen, bevor ich mich gleich in die Nacht verabschiede.

1. Die einen (eine nicht unerhebliche Mehrheit) werden immer komischer (also im Sinne von „doof“), die anderen (eine traurige Minderheit) machen da irgendwie nicht mit. Das sind die Menschen, denen ich schon seit vielen Jahren folge, deren Texte ich lese, deren Bilder ich like, deren Tweets mir aus der Seele sprechen. Für mich ist es immer noch etwas Besonderes, die Leute endlich mal persönlich kennen zu lernen. Das passiert selten, wenn man nicht gerade in einer etwas größeren Stadt wohnt. Das Schöne an solchen Begegnungen ist, dass es nie in peinlichem Small Talk endet, sondern oft in guten Gesprächen, Gelächter und Pommes. Weil diese Menschen aus diesem Internet irgendwie – soweit ich das bisher beurteilen konnte – ziemlich toll sind. Klug, witzig, sympathisch, bisweilen zauberhaft. Liebe Veranstalter, liebe Gäste, liebe Vorleser – es war mir eine Freude, euch kennen zu lernen. Gute Qualität, gerne wieder!

2. Was man an Abenden wie diesen – wo viele einander fremde, halbwegs zivilisierte Mitglieder dieser Gesellschaft aufeinander treffen – manchmal feststellt: Viele von uns tragen so eine grundsätzliche Basis-Verzweiflung mit sich herum, die manchmal von sehr gutem Humor kaum zu unterscheiden ist. Man merkt das, wenn man die Small-Talk-Ebene verlässt. Auf der Small-Talk-Ebene freut man sich, dass man sich endlich kennen lernt und der andere freundlich ist. Dann kommt irgendwann die Ebene, wo man merkt: Gott sei Dank, der andere hat auch komische Menschen in seinem Leben, vielleicht sind das sogar dieselben. Ich stelle mir das manchmal mit vertauschten Rollen vor. Dass sich eben jene komischen Menschen auch irgendwo begegnen und sich dann irgendwann über Menschen wie uns unterhalten. Wir sind dann die Komischen, wegen denen die Gesellschaft irgendwann implodieren wird, weil wir irgendwelche seltsamen Verhaltens- und Denkweisen an den Tag legen, die sich ein Mensch im Jahr 2018 eigentlich gar nicht mehr leisten kann.

3. Mut wird belohnt. Nicht immer mit Applaus oder Komplimenten. Manchmal passieren Dinge, die sich im ersten Moment wie Bestrafung anfühlen. Manchmal pisst man sich ja vielleicht wirklich in die Hose vor Angst. Aber Dinge nicht zu versuchen oder abzulehnen, weil man sich jetzt gerade in dem Moment nicht traut, das ist Quatsch. Wer sich heute nicht traut, der wird sich morgen auch nicht trauen. Wie auch? Sich nicht trauen ist irgendwie keine vernünftige Begründung. Wenn man ahnt, dass es sich lohnen wird und wenn es dich glücklich macht und du das Gefühl hast, dass das ein fehlendes Puzzleteil sein könnte, dann trau dich.

Noch schlimmer: Sich nicht trauen, weil man sich das die letzten dreizehn Jahre auch nicht zugetraut hat und es jetzt eigentlich schon kurz vor zwölf ist. Bequemlichkeit aus Tradition sozusagen. Oder sich nicht trauen, weil andere darüber lachen könnten, dass man ernsthaft all seinen Mut zusammen nehmen muss, um vor drei Dutzend Menschen in einem kleinen Café einen Text vorzulesen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen in meinem direkten Umfeld sich irgendetwas trauen. Kleine Dinge. Besonders die. Ganz kleine Schritte, egal wie sie aussehen, die dir das Gefühl geben, dass du aus eigener Kraft Freude in dein Leben holen kannst. Wie auf so einem Scheiß Wandkalender mit einem Bild von einer scheiß Milchkanne mit Blumen vor irgendeiner Scheiß Hauswand, wenn ihr versteht was ich meine.

4. Wir sollten einander mehr Komplimente machen. Nicht grundsätzlich, denn manchmal sind Komplimente mehr Strategie als Lob und ich hab die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen diesen Unterschied instinktiv wahrnehmen. Aber trotzdem: mehr Komplimente. Vor allem privat. Mehr nette Worte. Öfter mal sagen „Das was du vorhast, das finde ich gut.“ Wenn du das Gefühl hast, dass es für dich an zu vielen Orten gleichzeitig keinen Raum gibt, in dem du deine zwei oder drei größten Stärken mit voller Wucht entfalten kannst, dann zieh dir gutes Schuhwerk an und geh ein Stück. Warte nicht darauf, dass irgendwer plötzlich erkennt, wer du bist und sich dann dafür bei dir bedankt. Das passiert nicht. Es wimmelt auf dieser Welt nicht von Tatsachenberichten, in denen himmelhoch jauchzende Personen davon schwärmen, wie sich neulich alle Probleme wie von selbst gelöst haben und wie toll das war, dass seit letzter Woche niemand mehr versucht hat, irgendwas an ihnen zu ändern oder misszuverstehen. So etwas passiert ständig. Wir wollen einander ständig ändern. Wir leben in dem Glauben, dass wir genau wissen, was der andere gerade denkt. Lasst uns den Personen, die wir nicht ändern, zusammen pressen, kaputt machen und dann wieder reparieren wollen, einfach mal sagen, dass sie irgendetwas gut machen.

5. Jägermeister schmeckt, wenn man ihn langsam trinkt. Wenn man ihn schnell trinkt und mit Cola oder Fanta oder RedBull mischt, dann tut man dem Jägermeister unrecht. Und wenn man doppelten Jägermeister trinkt, fürchtet man sich weniger vor dem Vorlesen.

Das Bild da oben hat übrigens der sehr sympathische und mir nun auch persönlich bekannte Christian Fischer gemacht.

3 Comments

  1. Jo Franzi, shoutout zu dir: Ich las deinen Text und traute mich was, und es lief deutlich besser als erwartet. Danke für „Wer sich heute nicht traut, der wird sich morgen auch nicht trauen“ und den ganzen Absatz. Er hat was umgestoßen!

    1. Das macht mich glücklich. Ich freu mich, dass ich ein bisschen dazu beitragen konnte. Nicht aufhören mit dem Trauen! (Das geht an dich und auch an mich selbst)

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