19.01.2019 – Jetzt ist aber mal gut

Schlaf

Während der Kuchen im Ofen ist, der morgen mit großartigen Menschen verspeist werden will, nutze ich die Chance und melde mich mal wieder. Dieses regelmäßige Schreiben, das ich neulich angekündigt habe, es klappt wunderbar, ihr merkt das. Ich entschuldige mich. Es gab aber auch irgendwie eine ganze Menge zu tun. Angebote schreiben, Telefonate führen, erste Aufträge entgegen nehmen und umsetzen. Und all das, während mein Körper dank des Holland-Urlaubs und der neuen Situation in einem Modus feststeckt, den ich zuletzt vor zwanzig Jahren erlebt habe. Damals in den Sommerferien saß ich wochenlang nachts im Bett, hörte Musik und befüllte Notizbücher mit seltsamen Gedanken, die man sich in dieser Art wirklich nur mit vierzehn macht und die mehr oder weniger alle auf „Alle hassen mich.“ beruhen.

Ich versuche, diesen komatösen Zustand jetzt erstmal zu akzeptieren und dann nach und nach wieder zu etwas humaneren Zeiten aufzustehen und am Leben teilzuhaben. Sollte ich es nicht schaffen, werde ich einfach jede Menge Studien darüber lesen, wie ein verkorkster Schlaf-Wach-Rhythmus sich langfristig auf die Gesundheit auswirkt, und dann vor lauter Schreck am nächsten Tag um viertel nach sieben aus dem Bett springen. Und so weiter.

Hypochonder

Apropos Studien und Gesundheit und Lesen: Ich bin ja Teilzeit-Hypochonder. Ich nenne es „Teilzeit“, weil ein Vollzeit-Hypochonder nach intensiver Internet-Recherche ja meistens fünf Ärzte der gleichen Fachrichtung besuchen und ihnen auf die Nerven gehen muss, bevor er sich mal für ein, zwei Wochen beruhigen kann, bis das Ganze dann wieder von vorne losgeht. Teilzeit-Hypochonder machen das nicht. Die werden nur unruhig, wenn irgendetwas zum ersten Mal wehtut oder sich komisch anfühlt. Dann googeln sie, warten ein bisschen ab, googeln noch ein bisschen, wissen dann alles über Achalasie, trinken einen Schnaps, der macht es irgendwie nicht besser, dann wird nochmal gegoogelt, dann machen sie einen Termin beim Arzt und der findet dann nichts. Und verschreibt Protonenpumpenhemmer.

Weil ich aber auf Protonenpumpenhemmer reagiere wie ein Eichhörnchen auf Speed, liegen die Protonenpumpenhemmer einfach nur in der Medizinkiste herum und nach ein paar Wochen ist das ganze dann vorbei oder verliert sich irgendwie oder wird einfach klaglos hingenommen. Und daraus lernt man dann eine ganze Menge, zum Beispiel dass vieles von allein wieder besser wird. Und dass Magensäure Ohrenschmerzen verursachen kann, das weiß ich jetzt auch und dieses Wissen ist natürlich Gold wert. Zum Beispiel, wenn man sexuell aufgeladene Stimmung schlagartig neutralisieren oder sich ohne großen Aufwand als Sonderling einer Gruppe outen möchte.

Menschen

Die ersten zwei Wochen dieses Jahres waren ungewöhnlich kontaktfreudig. Normalerweise verbringe ich die ersten zwei Wochen eines Jahres damit, über Raum und Zeit und natürlich den Tod nachzudenken und mir vorzunehmen, regelmäßiger spazieren zu gehen und endlich den Obstsalat-Lifestyle zu zelebrieren. Diesmal war das anders und jetzt habe ich beschlossen, dass ich diese Tradition durchbrechen und nie wieder so früh im Jahr über Raum und Zeit und den Tod nachdenken möchte. Erst wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt. Ich hab in diesem Jahr fast alle meine Lieblingsmenschen schon auf einen Kaffee, ein Bier, einen Fruchtsaft oder einen Wein getroffen. Ein paar haben gefehlt, aber die Dichte an Großartigkeit war dennoch sehr…ähm… hoch…ähm groß… ähhh stark…ähm, ihr wisst schon.

Ich möchte das irgendwie beibehalten. Vielleicht nicht zwei- aber mindestens einmal pro Woche Zeit mit jemandem verbringen, den ich wirklich gern hab, der mir guttut, der etwas positives bewirkt, mich zum Lachen bringt, bei dem ich vielleicht auch etwas Positives bewirken kann. Nicht so viele Tage vorbeiziehen lassen, bis man sich mal wieder meldet. Anderen viel öfter sagen, wie toll sie sind und dass sie etwas bewirken, manchmal schon durch die Tatsache, dass sie einfach nur mit mir an einem Tisch sitzen.

Sachen machen

Mein erstes Aufeinandertreffen unter dem Motto „Sachen machen“ verlief richtig gut. Was zu einem nicht unerheblichen Teil daran liegt, dass Diana und Felix zwei richtig gute Gesprächspartner sind, die übrigens heute auf dem Travel Festival Leipzig zum ersten Mal vor größerem Publikum über ihr Südostasien-Abenteuer berichtet haben. Letztes Wochenende habe ich beide in ihrem Büro besucht und wir zogen uns dann für zwei Stunden ins Florian-Silbereisen-Zimmer zurück und haben dabei fast die Zeit vergessen.

Wenn ich Diana Glauben schenken darf, dann hab ich meine Sache sogar ganz gut gemacht. Es fühlte sich auf jeden Fall an wie etwas, was ich die nächsten zehn Jahre machen möchte. Und ich glaube, das lag nicht nur am Wein, sondern daran, dass ich Menschen im speziellen großartig finde – wenn ich sie nicht gerade im Allgemeinen ganz schrecklich finde – und mich diese Mischung aus Wort und Bild einfach unglaublich glücklich macht. Die nächsten drei Projekte bzw. Gesprächspartner stehen übrigens auch schon fest. Ich freu mich. Wie Sau.

Empfehlungen

Jetzt noch ein paar obligatorische Empfehlungen. Wenn ihr euch mal richtig über diese ganze exklusive „Neureiche Affen verkaufen gelangweilten Medienkonsumopfern einen hirntoten Lifestyle“-Szene amüsieren wollt, dann schaut euch doch auf Netflix die Doku „Fyre: The greatest party that never happened“ an. Ich glaub, sowas kommt dabei heraus, wenn ein Haufen besoffener „Masterminds“ nichts mit sich anzufangen weiß. Was ich bei all dem nicht begreife: Warum geben Menschen fünfstellige Summen dafür aus, um auf ein Festival auf den Bahamas zu kommen und dann via Social Media ein bisschen Eifersucht in anderen hervorzurufen? Und dann reagieren da auch scheinbar nur die einfältigsten der Einfältigsten darauf und schmeißen mit schnuffelherzbärchigen Emoticons um sich. Solche Bildchen lösen doch bei Menschen, die ein bisschen mehr Persönlichkeit haben, keine Gänsehaut vor Freude oder Angst aus; da macht sich doch niemand in die Hose vor Begeisterung. Diese Szene regt mich auf. Merkt man gar nicht, oder?

Christian hat seinen aktuellen Blogeintrag beendet mit den Worten „Seien Sie gut zu sich und anderen statt sich selbst und andere in den roten Drehzahlbereich zu treiben.“ Und ich kann ihm da irgendwie nur zustimmen. Ich hab das Gefühl, dieser ganze Optimierungswahn legt unsere ganze Gesellschaft lahm, ohne dass wir es bewusst mitkriegen. Und jeden Tag warte ich auf diesen einen Menschen, der mir mal was von Selbstfürsorge erzählt, während er neben einem Multifunktionsdrucker steht, der gerade kaputt geht. Aber das kriegen diese Achtsamkeits-Hooligans ja nicht hin. Selbstfürsorge gehört nämlich auf die Wiese oder ans Meer. Andere Orte sind tabu. Nicht inspirierend genug. Dabei wäre Selbstfürsorge doch gerade wichtig, wenn man neben dem scheiß Multifunktionsdrucker steht. Oder beim Finanzamt sitzt in einem Flur, der so gruselig deprimierend ist, dass es einem eiskalt den Rücken runterläuft. Heilsames Atmen bei der Zulassungsstelle, sowas! Was kriegen wir? Wir kriegen Menschen in die Timeline gespült, die erst irgendwo hin müssen, um in diesen Achtsamkeits-Modus zu kommen. Urlaub buchen und danach ein Meditationskissen kaufen ist das Mindeste. Banaler darf es leider nicht werden. Meine lieben Freunde, wir müssen wieder das Banale in unser Leben lassen.

Noch ein paar andere schlaue Menschen gefällig? Büronymous weist uns darauf hin, dass Medien die Welt retten können. Christine Haderthauer erzählt im Interview mit der Zeit, warum Frauen in der CSU kaum eine Rolle spielen. Auf twitter gibt es diesen sehr schönen Thread, in dem Designer zum Thema Logoverwendung in Brand Guidelines vor Freude eskalieren (DO NOT SHUFFLE THE OCTOTHORPE!!!) Und dann hat Vanessa Giese uns am Beispiel von Zeitungsverlagen nochmal an die Denkfehler der Digitalisierung erinnert.

Und hiermit möchte ich nochmal ausdrücklich betonen: Wenn ihr nicht dümmer sterben wollt, als ihr geboren wurdet, dann abonniert ihren Newsletter. Ist mir egal, ob es beruflich passt, ihr werdet es einfach nicht bereuen. Er kommt einmal im Monat und ist jedes Mal ein Volltreffer, weil zum Beispiel auf Texte wie den folgenden hingewiesen wird – Maker vs. Manager: How your schedule can make or break you. Ich glaube, wegen diesem Text hatte ich im letzten Jahr an 27 aufeinander folgenden Tagen schlechte Laune, gefolgt von vier Tagen mit guter Laune, gefolgt von weiteren 118 Tagen mit wirklich sehr schlechter Laune (vereinfacht gesagt).

Ich beende dieses Elend jetzt mit einem Tweet von Tom Peters: „Two biggest markets: Women. Oldies. Average Silicon Valley coder shaping our lives: Male. 12 years old.“

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

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