There´s a message in the mess

Dieses Jahr wird spannend. Denn ich werde versuchen, jeden Monat Menschen zu treffen, die gerade etwas richtig gutes auf die Beine stellen (oder schon gestellt haben), die über den Tellerrand schauen, die sich was trauen und deren Ideen und Projekte mich begeistern.

#sachenmachen heißt die Aktion und den Anfang machen zwei Menschen, die letzten Sommer den Ruhrpott hinter sich gelassen haben, um dort hinzugehen, wo Subkultur noch echte Rebellion bedeutet. Kurz vorm Start ihres Crowdfundings habe ich Diana Ringelsiep und Felix Bundschuh in ihrem Büro in Essen besucht, um zu erfahren, wie die Idee zu „A Global Mess“ entstanden ist, wie gut sich die beiden im Büroalltag ergänzen und welcher Abend ihrer gemeinsamen Reise ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist.

Wo wart ihr heute vor einem Jahr?

Felix:
Das kann ich lustigerweise genau sagen. Ich war in meiner Funktion als Musikmanager bei einer TV-Aufzeichnung in Berlin: „Schlagerchampions 2018 – Das große Fest der Besten“. Da waren u. a. Andrea Berg, Roland Kaiser und Florian Silbereisen zu Gast. War mega!

Diana: Mit deinem alten Leben möchte ich irgendwie auch nicht tauschen.

Felix: Das Jahr fing ziemlich verrückt und turbulent an. Ich hatte damals überlegt zu kündigen und mir Bedenkzeit über meinen Weihnachtsurlaub eingeräumt. In der zweiten Januarwoche habe ich es dann getan. Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf von meiner Mutter, die mir mitteilte, dass mein Vater einen Schlaganfall hatte – kurz nach seinem 60. Geburtstag.

Meine Eltern wohnen in Berlin und ich musste wegen der eingangs erwähnten Produktion ja sowieso hinfahren. Das Krankenhaus war zum Glück bloß fünf Minuten von der Veranstaltung entfernt. Ich bin dann während der Aufzeichnung zu meinem Vater rübergegangen, der mittlerweile auf der Überwachungsstation lag. Das war dann die perfekte Gelegenheit, um meine News zu droppen und ihm von der Kündigung und meinen Reiseplänen zu erzählen.

Man muss dazu sagen, dass mein Vater Naturwissenschaftler ist, ein ganz nüchterner Mensch. Ich erzählte ihm also alles am Krankenhausbett und beobachtete währenddessen seine Werte auf dem Monitor. Ich hatte zwar nicht erwartet, dass es zu krassen Ausschlägen kommen würde, aber mit irgendeinem Zeichen hatte ich schon gerechnet. Zu meiner Überraschung blieb alles komplett unverändert. Er meinte nur: „Schieb deine Träume nicht auf, wenn du das machen willst, musst du das jetzt machen. Guck’s dir an, es kann morgen schon alles vorbei sein.“ Das war heute vor einem Jahr, deshalb weiß ich es so genau.

Diana: Bei mir ging das Jahr nicht so turbulent los. Ich glaube, ungefähr heute vor einem Jahr war ich beim Finanzamt, um die Steuernummer für meine Selbständigkeit zu beantragen. Das war aufregend genug.

Wie ist die Idee zu „A Global Mess“ entstanden?

Diana: Die Kurzfassung lautet: Wein.

Felix: Das ist ja immer ein Entstehungsprozess. Der ursprüngliche Plan nach meiner Kündigung war der, durch Südostasien zu reisen, zu fotografieren und die dortigen Subkulturen kennenzulernen. Am Ende hätte ich es schön gefunden, einen Bildband dazu herauszubringen. Doch dann hatte Matze (Anmerkung: ein gemeinsamer Freund von Concrete Jungle Records) die Idee zu dem Asien-Sampler und Schritt für Schritt wurde die Sache runder.

Diana: Wir wussten beide, dass der andere gerade in einer Umbruchphase steckt. Ich weiß noch, dass ich direkt nach meiner Kündigung das Bedürfnis hatte, Felix davon zu erzählen, weil er gerade im selben Boot saß. Wir haben uns dann direkt verabredet – für ein Knochenfabrik-Konzert in Köln. Das Ganze endete dann mit dem besagten Weinabend.

Felix: Wir haben uns ausgetauscht und Diana meinte recht schnell, dass man da doch irgendwie mehr draus machen könnte, zumindest eine Story im Tätowiermagazin sollte drin sein (Hier gibt´s übrigens ein aktuelles Interview zu lesen, das die beiden der Redaktion neulich gegeben haben).

Diana: Wenn man gekündigt hat, spürt man eine ganz spezielle Art der Euphorie. Man will Berge versetzen und dementsprechend waren meine Pläne natürlich damals schon viel größer als das. Doch ich wollte mich nicht aufdrängen, die Reise war schließlich Felix‘ Ding. Ein paar Tage später habe ich ihm dann in aller Ruhe meine Überlegungen dazu rübergeschickt. Er meinte später, ich hätte ihm nicht nur meine Gedanken mitgeteilt, sondern „eine Idee gepitcht.“

Felix: Ich war gerade auf einer Geburtstagsparty, als sie mir die Nachricht geschrieben hat und trotzdem antwortete ich innerhalb von einer Minute: „Alles klar, machen wir so!“ In meinem Kopf gab es zu dem Zeitpunkt ja noch kein ausgereiftes Konzept und mich hatten bereits mehrere Leute gefragt, ob sie mich begleiten können. Das habe ich aber immer abgelehnt, weil es eben keine reine Spaßreise werden sollte. Diana war die erste Person, die das verstanden und die Idee vorangetrieben hat.

Gab es im Vorfeld der Reise kritische Stimmen oder Bedenken?

Diana:
Gar nicht. Eigentlich haben alle gesagt: „Jetzt oder nie!“

Seid ihr Planer oder habt ihr das meiste einfach auf euch zukommen lassen?

Felix: Ich würde uns nicht als Planer bezeichnen. Eher als Visionäre. Ich sag mal so, im Planen sind wir okay. Es gibt Leute, denen einige Dinge wahrscheinlich nicht passiert wären, dafür sind wir nicht zu verkopft. Im Detail haben wir vieles erst beschlossen, als wir uns bereits auf den Weg gemacht hatten.

Diana: Nach Kuala Lumpur wussten wir zum Beispiel nicht, wo wir als nächstes hinfahren sollten. Aber wir wussten immer, dass am Ende etwas herauskommen wird, das größer ist als die Reise an sich.

Felix: Das meine ich mit Vision. Wir kamen im August zurück und zwei Wochen später hatten wir unser eigenes Büro. Wir haben auch Filmpremieren zugesagt, ohne einen fertigen Film zu haben. Doch anders wäre das ja auch gar nicht möglich.

Diana: Wir ergänzen uns da schon sehr gut. Wir teilen dieselbe Vision und haben auch beide kein Problem damit, 16 Stunden im Büro zu verbringen. Die Aufgaben wurden dann irgendwann automatisch verteilt. Ich kümmere mich zum Beispiel um das Akquirieren von Veranstaltungen und den Feinschliff unserer Texte. Felix hat wiederum ein ganz anderes kaufmännisches Verständnis als ich und er bearbeitet die Fotos.

Felix: Es gibt Kompetenzbereiche. Auf dem einen Gebiet ist Diana einfach der Boss und auf dem anderen bin ich der Chef. Wir blicken schließlich auch auf unterschiedliche Berufserfahrungen zurück und coachen uns gegenseitig.

Das Buch wird im Frühjahr im Ventil-Verlag erscheinen.

Gab es während der Reise oder danach auch Reibungspunkte?

Felix: Während der Reise ist das glaub ich gar nicht passiert. Oder?

Diana: Andi (Anmerkung: Dianas Mann und einer der großartigsten Menschen auf diesem Planeten) hat mich im Sommer in das Taxi zum Flughafen gesetzt und gesagt: „Ich hoffe, das geht gut. Du und Felix, ihr seid zwei der kompliziertesten Menschen, die ich kenne.“ Ich bin dann nach Singapur geflogen und schon nach wenigen Tagen sind wir in unserem gemeinsamen Reisealltag angekommen. Wir waren einfach ein gutes Team und ich hatte während der gesamten Zeit nicht mal für zwei Stunden das Bedürfnis, mich zurückzuziehen.

Felix: Die längste Zeit getrennt voneinander waren wir in Kuala Lumpur, als ich in unserem dekadenten Airbnb eine Stunde auf dem Laufband und Diana im Infinity Pool war.

Welches Land hat euch am meisten überrascht?

Felix: Ich war fasziniert davon, wie wenig in Hongkong passiert. Es gibt einfach keine richtigen Szene-Treffpunkte, da teilt sich eine Metal-Core-Band einen Proberaum mit einer Oi-Band. Das hatte ich nicht erwartet.

Seid ihr irgendwelchen typischen Instagram-Backpackern begegnet?

Felix: Selbst als ich die ersten Wochen allein unterwegs war hatte ich wenig Kontakt zu anderen Backpackern.

Diana: Was ist denn mit Gustav?

Felix: Stimmt, Gustav habe ich in Surabaya kennen gelernt – keinem typischen Touristenort. Er war Schwede und ein auffälliger Typ. Gustav war groß und hatte lange weißblonde Haare. Wir waren im billigsten Hostel der Stadt untergebracht und eigentlich wollte er am nächsten Tag weiterreisen. Sein einziger Besitz befand sich in einem Armeerucksack, der bis zur Hälfte mit Notizbüchern gefüllt war. Er wollte nach Kalifornien, um dort Stand-Up-Comedien zu werden. Ich glaube, dass er das packen wird. Aber um zurück zu deiner Frage zu kommen, ein Instagram-Backpacker war er nicht. Die hängen wohl an anderen Orten ab.

Gibt es einen Auftritt, den ihr besonders in Erinnerung behalten habt?

Diana: Das war wahrscheinlich die Punk- und Hardcore-Show am letzten Abend in Singapur. Ich hatte bereits von Deutschland aus recherchiert und war dabei auf eine All-Girl-Hardcore-Band namens Radigals aufmerksam geworden. Die Mädels meinten: „Meldet euch, wenn ihr in Singapur seid.“ Das Konzert zu dem sie uns einluden, fand in einem vielleicht 15 Quadratmeter großen Proberaum in einem verlassenen Einkaufszentrum statt. Am Ende haben sich rund 45 Leute in den kleinen Raum gequetscht. Der Schweiß tropfte von der Decke und die Stimmung war großartig. Bloß die wackelige Wand neben mir bereitete mir Sorgen, denn ich wollte nicht als die Europäerin in die Geschichte eingehen, die beim Konzert den Raum zum Einstürzen gebracht hatte.

Am Ende des Ganges befand sich außerdem ein „Schlagerclub“, in dem asiatische Folkloremusik lief. Als die Punk-Show vorbei war und alle nach Hause gehen wollten, haben wir beschlossen, dort weiter zu feiern. Die anderen fanden es allerdings total verrückt, dass wir um Mitternacht nicht nach Hause gehen wollten.

Felix: In Singapur weiß man einfach nicht, wie man bis morgens säuft. (lacht) Der besagte Club glich einer Parallelwelt. Es gab Plüschsofas und Bier-Türme zum Selberzapfen. Auf der Bühne fand ein Contest mit asiatischen Schönheitsköniginnen statt und irgendwann haben wir mit 20 Punks die Tanzfläche gestürmt.

Gab es auch kritische oder sogar gefährliche Situationen?

Felix: Von einer wirklich gefährlichen Situation erzählen wir im Buch, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Eine andere kritische Situation gab es in Cebu, als ich mit zwei Sprayern unterwegs war. Es war helllichter Tag und sie sprühten ein großflächiges Motiv auf eine Wand. Irgendwann drehte ich mich um und in 15 Meter Entfernung stand ein Cop auf einem Motorrad, der uns fassungslos beobachtete. In solchen Momenten ist es ja so: Mitgegangen, mitgefangen. Wenn du erwischt wirst, stehen deine Karten erst mal schlecht. Als Tourist sagst du dir dann: „Ich guck mal, dass ich Land gewinne.“ Doch ich war in dem Moment nicht als Tourist unterwegs, sondern habe das „Arbeitsmaterial“ dahinter gesehen.

Bei Diana ist mir dieser Zwiespalt zwischen Respekt vor der Situation und Professionalität immer besonders aufgefallen. Prinzipiell neigt sie schon dazu, sich abenteuerliche Worst-Case-Szenarios auszumalen. Doch sobald sie in ihrem Journalistenmodus ist, kann ihr Gegenüber ruhig einen dicken Joint rauchen (für den man dort zu Rohrstockhieben und mehreren Jahren Gefängnis verurteilt werden kann). In solchen Situationen bewahrt sie absolute Ruhe, weil sie ein Interview zu führen hat.

Warum sollte man sich den Film anschauen oder das Buch lesen?

Diana: Im Grunde ist für jeden etwas dabei. Zum einen gewähren wir Einblicke in unseren Reisealltag, der als leichte Unterhaltung zu betrachten ist. Zum anderen gibt es den dokumentarischen Teil, in dem wir mit AkteurInnen der Musik-, Graffiti- und AktivistInnenszene sprechen. Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, ob „A Global Mess“ für ihn bloß ein kurzweiliger Zeitvertreib oder mehr als das ist. Wir wollen mit unserem Buch und dem Film nicht den Zeigefinger erheben und aufklärerisch daherkommen. Wir haben lediglich Orte aufgesucht, die nicht viele Menschen aus unseren Breitengraden zu Gesicht bekommen und an die möchten wir euch mitnehmen.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Felix: Unser Vorhaben heißt ja aus gutem Grund nicht „An Asian Mess“ sondern „A Global Mess“. Auf lange Sicht soll es nicht bei einem einmaligen Projekt bleiben. Der Gedanke dahinter ist global und wir sind Visionäre. Es gibt noch viele Orte zu entdecken.

Bild: Felix Bundschuh

Jetzt habe ich noch einen Herzenswunsch. Seit einem halben Jahr arbeiten die beiden ohne Pause an der Realisierung der Doku, des Buchs und des Samplers. Das alles kostet nicht nur Zeit und Energie, sondern auch Geld. Auf Startnext könnt ihr das Projekt noch zwei Wochen lang unterstützen und ich würde mich freuen wie Sau, wenn ihr das in Form von ein paar Euros machen würdet.

Titelbild: Felix Bundschuh


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