Fotografie bringt Menschen in die Welt hinaus.

Ich kann mich noch ziemlich gut an den Tag erinnern, als ich Andreas Maria Schäfer und Rolf K. Wegst zum ersten Mal begegnet bin.
Das war vor zwei Jahren bei den 4. Marburger Fototagen in der VHS in Marburg. Rolf war der mit den vielen, Andreas war der mit den wenigen Haaren. Was beide verbindet, ist die Liebe zur Fotografie.

Die Fototage finden dieses Jahr vom 15. bis 17. März zum 6. Mal statt und sind ab sofort Teil des Photo.Spectrums.Marburg. Was das ist? Darüber habe ich mit beiden vor ein paar Wochen gesprochen. Viel Spaß beim 2. Teil von #sachenmachen.

Stellt euch mal gegenseitig vor!

Rolf: Andreas ist motiviert, schlau und jemand, der begeistert. Er ist in der Lage, Themen konzeptionell anzugehen und das ist eine notwendige Eigenschaft, wenn man die Fotografie hinaus in die Welt tragen möchte.

Andreas: Das erste, was an Rolf auffällt, ist sein schöner Witz, ein fast schon englischer Humor. Er ist mit der Fotografie nicht nur beruflich verbunden, für ihn ist das eine Herzensangelegenheit, weil er ein Weltenbürger ist, der die Menschen liebt.

Wie seid ihr zur Fotografie gekommen?

Rolf. Jahrgang 1960. Schuhgröße 42.

Rolf: Fotografie war eine lange Zeit ein eher latentes Thema, die Anfänge waren eher holprig. So mit 15 oder 16 habe ich begonnen, mich politisch zu engagieren, hab beim „Stadtblättle“ in Bietigheim-Bissingen mitgemacht und für einen Dritte-Welt-Laden fotografiert, das ist dann aber wieder eingeschlafen. Dann kam irgendwann der Zivildienst und schließlich hat es mich 1984 nach Gießen verschlagen, wo ich mich dann neben dem Psychologiestudium mit Portrait- und konzeptioneller Fotografie beschäftigt habe. Wir haben zum Beispiel mal ein Semester lang eine Mensa-Tasse fotografiert.

Dann habe ich Anfang der 90er beim Marburger Express angefangen, das war zu einer Zeit als der Fotograf den Texter noch begleitet hat. Christoph Amend z.B., mit dem ich damals auch zusammen gearbeitet habe, ist heute Leiter beim Zeit-Magazin.

1993 kam von der VHS die Anfrage für eine Kollegin einzuspringen und einen Fotokurs zu übernehmen. Seitdem leite ich Kurse für Natur-, Makro-, Landschafts- und Portraitfotografie und gebe Workshops. Zwischendurch hatte ich gemeinsam mit zwei anderen Fotografen eine Bildagentur, dann kam die Frankfurter Rundschau und andere Agenturen, Tageszeitungen und Magazine wie dpa, die TAZ, der Spiegel oder die Süddeutsche. Die FR war aber viele Jahre lang mein Hauptauftraggeber. Daneben fotografierte ich Reportagen in Nepal, Indien, dem Iran, Syrien oder Bangladesh.

Seit 2003 bin ich Theaterfotograf am Stadttheater Gießen, ich fotografiere viel für die Uni in Marburg und in Gießen und unterrichte an der European School of Design in Frankfurt.

Andreas: Ich hab mit neun Jahren angefangen herumzuknipsen, in schwarz-weiß, mit einer Kodak Instamatic, die ich geschenkt bekam. Die Filme hab ich mir dann von meinem Taschengeld gekauft. Da sind schreckliche Sachen rausgekommen, abgeschnittene Köpfe zum Beispiel. Dinge, die ich heute eher absichtlich mache. Ein wirkliches Interesse bestand aber damals noch nicht. Als meine Töchter geboren wurden, gab es dann die typischen Kinderfotos. Richtig zur Fotografie gefunden habe ich im Jahr 2000, als ich nach Marburg gezogen bin. Damals wurde im Medialand-Prospekt eine Olympus angeboten, mit Zeiss-Objektiv, runtergesetzt von 1.900 auf 600 Euro. Die hab ich mir angeschafft und ich fand es sofort spannend, die Bilder direkt sehen zu können. Erst habe ich die typischen Fotos damit gemacht, dann habe ich erste Ausstellungen besucht, und auch immer mehr Fachliteratur gelesen, weil mich natürlich auch der wissenschaftliche und geschichtliche Hintergrund interessiert hat.

2008 hab ich das Fotofestival in Arles besucht und mir damals gedacht: Wie toll wäre es, wenn es sowas in Marburg auch geben würde. Meinen ersten Kurs hab ich dann glaube ich in 2010 besucht, bei Rolf. Bei uns hat es sofort gefunkt, wie man so schön sagt. Wir haben eine ähnliche Denke, wir können richtig gute Gespräche führen. Daraus ist in den letzten Jahren eine schöne Freundschaft entstanden. 2010 habe ich dann die Marburger FotoCommunity ins Leben gerufen.

Andreas. Zweitname Maria. Nachname Schäfer.


Wie entstand die Idee zum Photo.Spectrum.Marburg?

Andreas: Ich kann mich an ein Gespräch erinnern am Rande eines Kurses. Ich hab Rolf von meiner Idee erzählt, ein Fotofestival in Marburg zu organisieren und er sagte: „Da hab ich auch schon dran gedacht.“ 2014 haben wir zum ersten Mal die Marburger Fototage in der VHS veranstaltet. Damals gab es bereits 45 Fotokurse im Jahr, das Interesse an der Fotografie war da und das Photo.Spectrum.Marburg war dann sowas wie der logische nächste Schritt.

Rolf: Es war irgendwie von Anfang an klar, dass die Fototage, aus denen heraus das alles entstanden ist, nicht als etwas limitierendes, geschlossenes gedacht waren. Durch die Digitalisierung ist in den letzten Jahren ein großer Bedarf nach visuellen Eindrücken entstanden. Die Demokratisierung der Fotografie hat stattgefunden.

Andreas: 2017 haben wir gemeinsam mit einigen Interessierten aus der Fotoszene das KulturFotografieNetzwerkMarburg gegründet und die Idee weiter verfolgt, Menschen niederschwellig an Fotografie heranzuführen und das Kulturgut Fotografie weiter zu verbreiten. Wichtig ist uns dabei vor allem: Die teilnehmenden Fotografen bzw. Gruppen handeln ganz unabhängig. Wir koordinieren zwar im Hintergrund, wir vernetzen Fotografen mit Personen, die zum Beispiel die passenden Räume anbieten können, aber wir greifen nicht von außen ein.

Rolf: Ich glaube, es ist ein natürliches Bedürfnis von Menschen, sich zu zeigen. Mit ihrer Arbeit, mit ihrer Kunst. Und wenn sowas nicht von außen vorgegeben wird, sondern sich von innen heraus entwickelt, dann funktioniert das auch.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft bezogen auf Fotografie in Marburg und Umgebung?

Rolf: Es wäre schön, wenn sich das verstetigen würde. Vielleicht gibt es zukünftig die Möglichkeit, bestimmte Nischen-Themen stärker einzubringen, die sich daraus entwickeln. Der Bedarf ist ja da.

Andreas: Ich denke, ein ganz wichtiger Faktor dabei ist, Entwicklungen einfach anzunehmen und Dinge geschehen zu lassen. Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, dass es hier irgendwann ein Streetphotografie-Kollektiv gibt, so wie in vielen anderen Städten auch.

Gibt es eine Situation, die euch in Verbindung mit der Fotografie besonders in Erinnerung geblieben ist?

Andreas: Diesen einen spannenden Moment gibt es für mich gar nicht, weil alles besonders ist, was ich durch und mit der Fotografie als Kommunikationsmittel erlebe. Für mich ist die Fotografie und der Austausch mit Menschen einfach eine Herzensangelegenheit, deshalb sage ich auch immer „Wenn ich fotografiere, dann nehme ich den Menschen auf in all seinen Facetten.“ Ich schieße ihn nicht ab, ich bin ja kein Paparazzi. Der Mensch in ganz normalen Alltagssituationen ist etwas, was mich sehr fesselt.

Rolf: Ich bin von meiner Natur her ja eigentlich ein Stubenhocker. Aber die Fotografie bringt mich in die Welt hinaus. Ich war mal in einem Tempel in Kathmandu und hab mir Gebetsmühlen angeschaut. Ein Mönch stand neben mir und hat mir durch seinen Blick zu verstehen gegeben, dass ich die Mühle drehen soll. Er hatte so etwas wahnsinnig friedfertiges in seinen Augen, so etwas hätte ich bis dahin gar nicht für möglich gehalten. Vor ein paar Tagen war ich in Hadamar in der Forensischen Psychiatrie. Die Fotografie bringt mich an diese vielen unterschiedlichen Orte. Sie sorgt dafür, dass ich mich mit Hintergründen inhaltlich auseinandersetze, dass ich in der Birne jung bleibe und mich immer wieder frage: „Wer bin ich denn jetzt in dieser Angelegenheit?“

Gibt es einen Fotografen oder eine Fotografin, deren Arbeiten ihr besonders schätzt und auf die ihr vielleicht in euren Workshops immer wieder drauf zurück kommt?

Andreas: Da fallen mir, in all ihrer Gegensätzlichkeit, zuerst natürlich Martin Parr und Henri Cartier-Bresson ein. Außerdem Vivian Maier, Sabine Weiss, momentan mag ich auch die Arbeiten von Martin Wolf sehr. Und Nobuyoshi Araki, der einerseits sehr provokative Aktfotos macht, andererseits seine Frau bis zu ihrem Tod mit der Kamera begleitet hat.

Rolf: Eigentlich kann man die Frage ja gar nicht beantworten, aber ich versuch es trotzdem mal. Robert Frank, Joseph Koudelka, William Klein. Dann noch Robert Mapplethorpe, Ralph Gibson, Robert Häusser, Ernst Haas, Vanessa Winship. Ich glaub, ich hab ungefähr 400 Bildbände daheim.

Andreas: Bei mir sind es auch so viele. Und alle Fotografinnen und Fotografen sind bereichernd, egal ob man ihre Fotografie ablehnt oder befürwortet.

Fotografieren Frauen anders? Gehen die anders an das Thema ran?

Rolf: Ich war vor einigen Jahren mal mit einem Foto-Kurs in Marokko und da ist mir nochmal deutlich klargeworden, dass es Bereiche gibt, die für Frauen leichter zugänglich sind. Aber dann gibt es auch wieder andere Bereiche, die eben wieder für Männer leichter zugänglich sind.

Andreas: Man kann das nicht verallgemeinern, aber sicherlich ist was dran am „weiblichen Blick“, an diesem anderen Zugang. Anja Niedringhaus ist so ein Beispiel. Die Fotos, die sie vom Krieg gemacht hat, sind einzigartig.

Rolf: Man kann schon beobachten, dass viele Männer sich am Anfang eher für die technische Seite interessieren, bei Frauen ist es eher das Ästhetische. Am Ende kann das eine nicht ohne das andere und man sollte offen für beides sein, um wirklich gute Fotos machen zu können.

Warum kann Fotografie die größte Leidenschaft der Welt sein?

Rolf: Es gibt ein älteres Ehepaar aus Marburg, beide haben in den letzten Jahren viele Kurse bei mir besucht, haben viel von der Welt gesehen, die Kamera war immer mit dabei. Ich erinnere mich an einen Moment, als er mal zu mir gesagt hat „Wenn ich die Fotografie nicht entdeckt hätte, dann wäre ich wahrscheinlich in der Zwischenzeit schon vor dem Fernseher vertrocknet.“ Das bringt es glaube ich auf den Punkt.

Andreas: Menschen brauchen Bilder. Sie brauchen Erinnerungen. Und deshalb wird die Fotografie immer eine Rolle spielen, egal wie weit die technische Entwicklung ist.

Heute Abend um 19 Uhr startet das Photo.Spectrum.Marburg mit einer Auftaktveranstaltung im TTZ und Bildern von Bodo Langner. Genauso vielversprechend und vielfältig geht es dann in den nächsten Tagen und Wochen weiter. Das Programm findet ihr hier.

Mein Komplize stellt übrigens auch aus. Seine Bilder verlassener Orte könnt ihr euch vom 8. März in den Räumen der Stadtbücherei Marburg anschauen.

Titelfoto: Rolf K. Wegst




1 Comment

  1. Wunderbares Interview von diesen zwei Menschen, die ich die letzten beiden Tage kennen lernen durfte. Ja, es gibt diesen „weiblichen Blick“ und Anja Niedringhaus hatte als Fotografin ihn verinnerlicht und lebte Ihn aus, ganz ganz sinnlich obwohl man in der Kriegsfotografie ganz vorsichtig damit umgehen sollte. Frauen gehen mehr in die Tiefe, beobachten länger und sehr das Detail hinter dem Detail. Was einfach unserer Natur geschuldet ist. Was auch wunderbar ist.
    Freue mich auf mehr hier bei Dir zu lesen. Danke sagt Daniela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.