Wen wir meinen, wenn wir über schwache Menschen sprechen.

01. August 2004

Seit fast 16 Jahren drehe ich nun schon den Kopf weg oder schließe meine Augen für einen kurzen Moment, wenn in Filmen jemand Blut hustet. Wenn ich nicht schnell genug bin, wird der Autopilot angeworfen und ich werde schlagartig zurückversetzt in die Nacht im August 2004, an meinen Schreibtisch, an dem ich nachts um halb eins gesessen und geschrieben habe bis zu dem Moment, an dem ein Hustenreiz meine Konzentration beendete. Ich weiß noch, an welchen Stellen meiner linken Handinnenfläche der erste Tropfen Blut landete, ich weiß, dass direkt danach ein neuer Hustenreiz mich aus dem Schreibtischstuhl hob und ins Badezimmer brachte und ich höre auch noch das Rasseln meiner Lunge, das im gleichen Moment einsetzte.

„Die Hämoptyse (Bluthusten) ist das Auftreten von Blut im Auswurf (Sputum). Das Blut kann dabei aus den Blutgefäßen der Bronchien, der Luftröhre oder des Lungengewebes stammen.“

Mein Bluthusten wurde von einem Teratom im linken oberen Lungenlappen ausgelöst, das 19 Jahre lang mit mir mitgewachsen ist. Und bis vor zwei Jahren war dieser Moment im August für mich der schlimmste Tag meines Lebens. Er leitete die damals schlimmste Woche meines Lebens ein, in der mir kein Arzt helfen konnte und in der ich mit einem Ruhepuls von 130 die meiste Zeit daheim im Bett lag, neben mir einen Eimer Wasser, über den ich mich alle halbe Stunde beugte um eine Mischung aus Blut + Gewebe hineinzuspucken.

Eine Woche später stand Yvonne Catterfeld an meinem Krankenhausbett auf der Intensivstation des Frankenberger Krankenhauses. Yvonne Catterfeld war zu dieser Zeit mit einem Song in den Deutschen Charts vertreten und sie stand nicht wirklich und leibhaftig an meinem Bett, warum sollte sie denn auch, aber man hatte mir ein Beruhigungsmittel gegeben und mein Gehirn machte daraus ein vollkommen sinnloses kleines Privatkonzert. Über Stunden hinweg versprach Yvonne Catterfeld mir immer und immer wieder: „Für dich schiebe ich die Wolken weiter. Sonst siehst du den Sternenhimmel nicht. Für dich dreh‘ ich so lang an der Erde. Bis du wieder bei mir bist.“

Der aufnehmende Arzt am Uniklinikum Marburg sagte am nächsten Morgen zu meiner Mutter und mir, dass sie noch nicht genau wissen, was mir fehlt, dass es vielleicht eine sehr seltene Art von Lungenentzündung ist, vielleicht auch ein Tumor, und dass sie alles tun werden, um mir zu helfen. Die anschließenden Wochen haben sich in einem kleinen Raum in meinem Kopf eingerichtet. Man findet dort Schläuche und blaue Häubchen und Schlafanzughosen und Wundschmerz und Wundwasser und eine Dose voller Kaliumtabletten und ein Mixtape von Freunden und viele Lachtränen und eine Pizza vom Lieferdienst, den das Pflegepersonal einmal die Woche in Anspruch nahm. Und einen Scheibenweltroman, den eine meiner Cousinen mir schenkte.

Seitdem weiß ich: „Die richtige Funktionsweise des Universums basiert auf dem Gleichgewicht von vier Elementen: Zauber, Überzeugungskraft, Ungewissheit, verdammte Sturheit.“ (Terry Pratchett)

Ich kann mich nur an einen Moment erinnern, an dem ich geweint habe in dieser Zeit. Was verwunderlich ist, denn ich weine sehr schnell und dann weine ich mich auch häufig bis an den Rand eines Salzmangels. Ich wurde mit Antibiotikum behandelt und nach fast drei Wochen ging es mir tatsächlich etwas besser. Der Puls hatte sich beruhigt, der Hustenreiz war weg. Ich sollte wieder entlassen werden, am 27. August. Am 26. August trat der Arzt zu mir ans Bett und teilte mir mit, dass ich am nächsten Tag nicht entlassen, sondern operiert werde. Und ich bedankte mich und heulte vor Erleichterung, als er das Zimmmer wieder verlassen hatte. Ich wollte nicht nach Hause gehen, ohne zu wissen, was mit mir los ist. Die Zeit in der Klinik ist für mich eine positive Erinnerung geblieben. Wegen den Menschen, die mich besucht, die ich dort kennen gelernt, die mir dort geholfen haben.

13. Februar 2018

Wenn ein Mensch im Film Angst um das eigene Leben oder gerade einen schweren Verlust erlitten hat, dann kann man ein Weinen beobachten, das sich wellenartig ausbreitet, um dann in Schreien überzugehen. Kein besonders lautes schreien, eher ein Schreien mittlerer Lautstärke, ein Zusammenschrumpfen und ein Festhalten an etwas, was gerade da ist. Eine Tischkante, ein Mensch, ein Treppengeländer. Ich hatte das selber nie erlebt oder bei anderen beobachtet und ich habe mich manchmal gefragt, was passiert, dass die Kehle plötzlich weiß, wie sie diesen speziellen Laut erzeugen kann.

Einen Tag zuvor hatte ich jedenfalls noch nicht geschrien, sondern nur in einem vollen Café in Berlin bei Tee und Schokokuchen leise geweint. Und mich zwischen der plötzlich sehr präsenten Angst auch über mich selbst geärgert. Denn wer fragt, bekommt auch früher oder später Antworten. Wenn man jahrelang viele kleine miteinander verbundene Fragen gestellt und viele Zwischenantworten erhalten hat und wenn man dann diese vielen Fragen auf eine einzige große Frage herunterbrechen kann – „Habe ich eine genetische Bindegewebserkrankung, die im ungünstigsten Fall vor meinem 50. Lebensjahr tödlich enden wird?“ – der muss mit der bestmöglichen und mit der schlimmst möglichen Antwort rechnen und auch mit allem was dazwischen ist.

Ich habe auf die Beantwortung der Frage mehr als 17 Monate lang gewartet. Ich habe an einem perfekten Sommertag letztes Jahr eine Antwort erhalten, die irgendwo in der Mitte liegt, mit der ich leben kann und die mir gezeigt hat, dass ich mich auf meine Intuition verlassen kann. Aber an diesem Dienstag im Februar 2018, einen Tag nach dem Termin in der Berliner Charité, da konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Antwort anders als schlimmst möglich ausfallen wird. Ich wusste jetzt seit ungefähr 24 Stunden, dass die klinische Untersuchung nicht eindeutig gewesen ist, dass meine Aortenwurzel aber leicht erweitert ist und dass viele scheinbar unauffällige Dinge, die in den letzten dreißig Jahren meines Lebens passiert sind, darauf hindeuten können, dass ich eine Bindegewebserkrankung haben könnte, die je nach Ausprägung blutig enden könnte.

An diesem Tag stand ich in der Küche und hatte Angst, ich hatte Panik, ich hielt mich an der Arbeitsplatte fest, ich spürte den Raum um mich herum kleiner werden. Und meine Kehle machte diesen Laut. Der schlimmste Tag meines Lebens besteht seitdem mehr oder weniger nur aus diesem einen Geräusch.

02. März 2020

Der 2. März ist der Tag, an dem mir bewusst wird, dass etwas nicht stimmt. Ich bin angespannt. Ich bin nicht nur nah am Wasser gebaut, ich lebe in einem verdammten Hausboot. Ich habe Angst und niemand reagiert auf meine Angst, weil niemand weiß, wo sie herkommt. Vielleicht bin ich mittlerweile offen für diese Angst, weil ich meinen persönlichen schlimmsten Tag meines Lebens genau kenne, weil ich da nicht lang überlegen muss und weil mein übermäßiger Drang danach, Dinge zu analysieren und Antworten zu bekommen, mich mit der Zeit sensibilisiert hat für Dinge, die andere der psychischen Gesundheit zuliebe einfach nicht beachten.

Zwei Wochen lang laufe ich mit einem Gefühl herum, das ich schon von früher kenne, das mir aber seit dem Ergebnis der Blutuntersuchung beinahe fremd geworden ist. Ich habe das paranoide Gefühl, dass die gesamte Angst dieser Welt mir im Nacken sitzt und sich nicht gleichmäßig und fair auf die gesamte Menschheit verteilen lässt, weil gefühlt alle anderen um mich herum ihre eigenen negativen Gefühle zum Heulen in den Keller gesperrt haben, anstatt sich wenigstens ein Mal mit ihnen an den scheiß Küchentisch zu setzen, ihnen ein Stück Marmorkuchen anzubieten und zu sagen „Wir sind keine Wohngemeinschaft. Ihr bezahlt hier keine Miete. Ihr wohnt nicht hier. Aber ihr seid hier willkommen, ich weise euch nicht ab, ich sperr euch nicht weg.“ Zwei Wochen lang frisst die Angst mir die Haare vom Kopf. Dann, von einen Tag auf den anderen, verschwindet die Angst. Verteilt sich in meiner Umgebung, hält Abstand zu mir.

Ich lerne noch mehr über mich in dieser Zeit. Dass es Formen der Angst gibt, die etwas mit dem mangelnden Gefühl von Verbundenheit zu tun haben. Dass ich es körperlich spüre, wenn sich um mich herum zu viel Dogmatismus breit macht, lange bevor mein Verstand es begreift. Dass vieles von dem, was ich richtig schön scheiße finde, etwas ist, was ich in den letzten Jahren nicht ausreichend in mein Leben geholt habe. Dass jeder Mensch ein Macher und ein Denker ist, ein Problembewusster und ein Lösungsorientierter, aber wir sehen das manchmal nicht, weil auch jeder nach seiner eigenen Melodie und Geschwindigkeit und Lautstärke lebt.

Und dass ich das Recht in Anspruch nehmen möchte, mich nicht angesprochen zu fühlen, wenn in Zeiten wie diesen von „den alten und den schwachen Menschen“ die Rede ist. Meinen die damit all die Leute, die an der alltäglichen Scheiße des Lebens noch nicht vollends verzweifelt oder zerbrochen sind? Die sogar mit einer gewissen Selbstgenügsamkeit darüber lachen können? Die eingeschlafen und wieder aufgewacht sind? Die Leute, die hinfallen und dann mit blutigen Knien wieder aufstehen? Ich glaube, wir sollten uns sobald wie möglich mal alle gemeinsam Gedanken darüber machen, was mit Stärke und Schwäche eigentlich gemeint ist, wie beides miteinander verbunden ist und in welchen Maßstäben wir überhaupt denken. Woran erkennt man starke und schwache Menschen? Kann man das messen? Sollte man das messen können?

Ich geh jetzt mal kurz meditieren.
Weiterhin alles Gute, bleibt gesund, eure Franziska.

8 Monaten ago

2 Comments

  1. Vielen Dank für diesen bewegenden Text. Mir klopft das Herz beim Lesen.

    Und wenn ich einen Antwortversuch auf die Fragen am Ende machen darf:
    Starke Menschen wissen im rechten Ausmaß um ihre Schwäche und um ihre Stärke und können mit beiden umgehen, sie vielleicht auch zeigen. Schwache Menschen wissen nicht um das Ausmaß ihrer Stärke und über- oder unterschätzen sie sehr. Ich glaube nicht, dass man etwas davon messen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.