Denkt euch bitte hier ein Bild von Bedeutungslosigkeit und Glück und einer Insel und einem Spatz

Heute bin ich aufgewacht und habe beschlossen, dass es mir ab sofort wichtiger ist, ein glückliches Leben zu führen als eines, das irgendeine höhere Bedeutung hat.

Die letzten Jahre habe ich damit verbracht, viel zu oft zu denken: Gott sei Dank bin ich niemand dieser Menschen, die glauben, dass sie ihre innere Leere mit schnellen Autos, aufgeblasenen Egos, Bilderbuch-Momenten auf Instagram, Hygge und Kalendersprüchen füllen müssen. Weil: Das ist ja offensichtlich ziemlich großer Schwachsinn. Das Tückische ist: Es gibt auch den Schwachsinn, der weniger offensichtlich ist. Er ist ein bisschen differenzierter, ein bisschen subtiler, ein bisschen bescheidener. Aber immer noch ziemlicher Schwachsinn. Abstrakter. Ja, so kann man es nennen. Der eine Schwachsinn ist ganz konkret und mein Schwachsinn ist eher abstrakt und daher etwas schwerer zu fassen. Kennt ihr diesen Glibberschleim von früher? Das ist mein persönlicher Schwachsinn.

Die einen sind die Sonntagscharaktere von der Bacardi-Insel, die sich gegenseitig mit Raffaelo füttern. Ich bin ein Donnerstagscharakter. Wir Donnerstagscharaktere sind nicht ganz so braungebrannt und optimistisch wie die Sonntagscharaktere. Wir sind realistisch. Vielleicht wären wir es auch einfach nur gerne. Wir füttern uns gegenseitig mit Pommes. Wir sitzen aber auf der gleichen Insel  fest. Wir kapieren das nur irgendwie nicht, weil sich manchmal ein schlaues Buch oder ein dummer Zufall zwischen uns und die anderen Menschen schiebt, von denen wir uns bitteschön abgrenzen möchten. Weil die nämlich total unbewusst sind. Und wir nicht. Wegen den Ted Talks und den Büchern und den schlauen Gedanken und außerdem sind wir auch manchmal viel zu melancholisch, um ein unbewusstes Leben zu führen. Bei uns geht es nämlich um Inhalte. Unglücklicherweise machen uns die Inhalte, um die es uns angeblich immer geht, nicht glücklicher. Vielleicht geht es uns also in erster Linie um Selbstschutz und erst dann um Inhalte.

Ich habe also beschlossen, mich eher darauf zu konzentrieren, ein glückliches Leben zu führen. Die Leiter der Abstraktion wieder hinuntersteigen. Interessanterweise muss das ja nicht heißen, dass man jetzt ganz andere Dinge tut. Es heißt nur, dass man etwas freundlicher zu sich selbst ist, während man diese Dinge tut. Zu sich und vielleicht auch zu den anderen. Aufrichtiger. Die Selbstoptimierungsbranche erinnert uns täglich an die höchste Stufe der maslowschen Bedürfnisspyramide. Stufe 5. Die Selbstverwirklichung. Die oberste Sprosse der Leiter. Der Einzelne soll sich unbedingt selbst verwirklichen. Etwas erschaffen. Er vergisst darüber hinaus die Freude des Bastelns. Basteln hat nicht unbedingt den Anspruch, der Stein des Anstoßes zu sein. Basteln muss niemanden inspirieren oder zum Nachdenken anregen. Bastler sind bei sich und bei der Sache und die bereitet ihnen Freude. Bastler sind Erschaffer ohne Beißschiene. Sie sind glücklich, auch wenn sie es mal nicht sind. Sie verwirklichen sich selbst, aber sie denken nicht daran, während sie es tun.

Ich glaube, Bastler können auch Einladungen und Hilfe besser annehmen als Menschen, die panische Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit haben und die sich viel zu häufig fragen: Bin ich grad unfähig oder fühl ich mich einfach nur so und was ist, wenn ich mich nie wirklich selbstverwirkliche? Wer die eigene Unsicherheit, die eigene Bedeutungslosigkeit, aber auch die eigene Größe in den Worten und Handlungen anderer Menschen sucht, wird sie dort immer finden. Das trifft auch auf alles andere zu.

Wenn ich mal alt bin, dann möchte ich sagen: Wir haben in der besten und in der schlimmsten aller Welten gelebt, aber ich habe irgendwann beschlossen, dass eins davon für mich eine größere Rolle spielt und das hat mich weder egoistisch, noch größenwahnsinnig und auch nicht starr vor Schreck werden lassen. Die schlimmste aller Welten lebt von Menschen, die diesen inneren Zwiespalt nie so richtig aufgelöst haben.

Ich hab eine Pizza in der Hand und eine Steinschleuder in der Tasche, für schlimme Notfälle, und ich sitze auf einer Bank unter einem Baum und der Baum ist schön und ich beobachte die Taube auf dem Dach gegenüber und sie macht einen Riesenlärm, sie übertönt alles, sie schreit den Spatz an, der zwei Meter vor mir sitzt und mich beäugt. Ich weiß nicht, ob Spatzen Menschen beäugen und der Lärm nervt und ich weiß nicht, wann und ob ich ihn überhaupt ganz ausblenden kann, aber: Ich hab eine Pizza in der Hand. Und die esse ich jetzt. Und mit jetzt meine ich immer.

Ich wünsch euch, dass ihr gute Antworten bekommt, weil ihr gute Fragen stellt und dass ihr glücklich seid, auch wenn ihr es mal nicht seid.

2 Comments

  1. Gegen Ende bin ich aus dem Text ausgestiegen, aber:

    „Wir sitzen aber auf der gleichen Insel fest. Wir kapieren das nur irgendwie nicht, weil sich manchmal ein schlaues Buch oder ein dummer Zufall zwischen uns und die anderen Menschen schiebt, von denen wir uns bitteschön abgrenzen möchten.“

    Hier fühlte ich mich ertappt/erkannt, und musste heftig nicken. Ja, man ist eben doch ständig dabei, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen (die eigenen? und woher kommen die?): etwa, möglichst kluge Dinge zu denken.

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