Alarmanlagen

Ich gehe die große Runde. Am Volleyballfeld vorbei, neben den alten Bahngleisen entlang, Ortsschild, Kurve, Altglascontainer, Kreuzung, der Müllsammler schiebt eine volle Tüte in den Altkleidercontainer, neben ihm ein Haufen anderer Tüten, ich wende mich nach links, noch einen Bogen machen vorbei an dem Spielplatz, auf dem ich mich neulich unter einen Baum gestellt und einen Podcast zu Ende gehört habe, als es so stark geregnet hat. Ich gehe die große Runde und denke über Extrawünsche und Grundbedürfnisse nach. Extrawünsche hat man dann, wenn man gesund und glücklich ist. Grundbedürfnisse müssen erfüllt und beschützt werden, damit man überhaupt halbwegs gesund und glücklich bleiben kann. Bleiben, leben und arbeiten. Grundbedürfnisse orientieren sich an Werten und die darf sich jeder selber aussuchen. Ja, liebe Genossinnen und Genossen, die dürft ihr euch ganz alleine aussuchen, da hat die Gesellschaft nichts mit zu tun, auch wenn der Volksmund ständig das Wort an sich reißt, und auch euer Vorgesetzter, der Gemeindepfarrer, Nachbars Lumpi oder eure Mutter haben da kein Mitspracherecht.

Ich stelle mir die Frage nach meinen Werten seit vielen Jahren und zwei Werte tauchen dabei immer wieder auf. Unabhängigkeit und Ruhe. Wenn ich meine Unabhängigkeit und meine Ruhe verliere, sendet mir mein Körper eindeutige Signale. Verspannungen, Herzrasen, Ohrensausen, Druck auf der Brust, Müdigkeit. So „harmlos“ und so sehr ein Teil von mir, dass ich sie nicht mehr richtig wahrnehme. Wenn ich es nicht verstehen will, kommen die Panikattacken. Ich wünsche jedem Menschen Panikattacken, der noch nie eine Panikattacke hatte. Ich wünsche ihnen Panikattacken zu den ungünstigsten Zeiten und an den unpassendsten Orten. Eine anständige Panikattacke alle 6 Monate für jeden von uns und wir würden uns vielleicht anders verhalten oder unsere Worte in einer vollkommen anderen Reihenfolge aneinander reihen.

Dann kommen die Schlafstörungen. Nach den Schlafstörungen kommt der Teil, an dem ich vor Wut die Küche oder das Bad putze. Dann kommt der Traum von den herausfallenden Zähnen. Ich schlafe verhältnismäßig gern – auch wenn mein Kopf sich manchmal dagegen wehrt – weil mir im Traum nie langweilig wird. Ich träume vom Fallen, von moosbedeckten Welten, von brennenden Häusern und vom Krieg. Eine meiner eindrucksvollsten Begegnungen war die mit dem Schornsteinfeger im Zeppelin. Manchmal werde ich in einen Operationssaal gerufen, wo ich ein kaputtes Knie operieren muss, etwas anderes traut man mir auch nach jahrelanger Erfahrung noch nicht zu. Es ist immer ein verdammtes Knie. Und es blutet nie, es ist innen immer hohl. Ich operiere trotzdem. Gott weiß warum. Der schlimmste Traum ist der Traum mit dem Tintenfleck. Weil eigentlich nichts passiert, außer dass ich einem Tropfen dunkelblauer Tinte stundenlang dabei zusehe, wie er sich langsam auf einem Stück Papier ausbreitet. Der zweitschlimmste Traum ist der Traum mit den herausfallenden Zähnen. Sie lockern sich, ganz plötzlich, sie landen auf meiner Zunge, ich spucke sie aus in meine Handfläche und am nächsten Morgen weiß ich, dass es mir gerade wirklich nicht gut geht.

Der Traum zeigt mir, dass ich mein Bedürfnis nach Ruhe und nach Unabhängigkeit nicht beschützt habe. In mein Haus wurde eingebrochen, obwohl die Alarmanlage angegangen ist. Jemand hätte da sein müssen, jemand hätte kommen müssen, es war niemand da. Ich war nicht da. Ich stand im Garten, ich hab das Heulen gehört, aber weil ich zu vielen selbsternannten Experten für Alarmanlagen zugehört habe, hab ich dem Geräusch keine Beachtung geschenkt. Ich hab da gestanden und die Blumen gegossen und kurz innegehalten und mich gefragt: Bellen sie schon wieder, die Hunde des Nachbarn, die eigentlich längst hätten beißen sollen?

Ich glaube, die Einbrecher und die Alarmanlagen-Experten und ich, wir drei, wir halten uns gegenseitig am Leben. In diesen Rollen, die sich eigentlich kein Mensch freiwillig aussucht. Eigentlich. Es würde die beiden gar nicht geben, wenn es mich nicht gäbe, wenn ich nicht zuhören, wenn ich die Alarmanlage nicht aufhängen und wenn ich den Lärm nicht ignorieren würde. Ein Gedanke, der seine Wirkung entfaltet, je länger ich darüber nachdenke. Vielleicht sollten wir uns andere Lieblingsbeschäftigungen, andere Rollen, eine bessere oder überhaupt erstmal eine Strategie für das Schützen unserer Werte suchen. Unseres Zuhauses.

Aus dem Anschlagen der Alarmanlage wird das Klingeln an der Haustür. Aus Einbrechern können Gäste werden.

1 Comment

  1. ein sehr sehr schöner text. traumsymbolik ist was faszinierendes und unheimlich individuelles. ich könnte damit wohl auch ein paar texte füllen. was bei dir die herausfallenden zähne oder die alarmanlage sind, ist bei mir ein kaugummi, den ich ausspucken will weil er langsam hart, geschmacklos und widerlich wird, ich es aber nicht schaffe, weil er in meinem mund immer mehr wird und sich in kleine stücke zerteilt, die mir immer weiter nach hinten in den rachen rutschen und mich irgendwo zwischen dem gefühl würgen oder ersticken zu müssen zurücklassen.

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