Die Leiter der Abstraktion

Neulich haben wir wieder diskutiert. Wir streiten nicht, wir diskutieren nur. Es donnert und blitzt nie, es regnet nur immer, dabei kann so ein Gewitter wirklich schön sein. Diskutieren heißt, ich verknüpfe tausend scheinbar unabhängige Dinge miteinander und lasse Bilder in den Köpfen entstehen, die dabei helfen, zu verstehen, wovon ich rede. Du sagst, niemand kann das so gut wie ich. Ich nehme das Kompliment an und sage einfach: Ja, wahrscheinlich kann das wirklich niemand so gut wie ich. Ich bin sehr abstrakt, aber ich kann auch sehr konkret werden. Das Abstrakte hilft dabei, dass niemandem auf die Füße getreten wird und alle außer mir die Zimmertemperatur genießen können. Wenn dann jeder erwachsene Mensch oder diejenigen, die von sich glauben, erwachsen zu sein, sich in Sicherheit wiegt, und ich mich immer noch unverstanden fühle, kommt der konkrete Teil.

Ich steige die Leiter der Abstraktion runter, so schnell kannst du gar nicht gucken, ich schmeiß die Leiter in den Dreck, ich lasse sie achtlos liegen, auch den bürokratischen Teil, der uns oft durch das Leben rettet oder das was davon übrig ist. Ich steige jedenfalls runter und stehe dann mit beiden Füßen in der Scheiße und dann spreche ich darüber. Ich kann ganz lange auf der obersten Sprosse herumturnen, feige und vage und wohlklingend, und ein bisschen auch wohlbehütet. Ich kann das wochen-, monate-, jahrelang durchziehen, bis an den Rand einer Angststörung, ab und zu lasse ich es kleine Tannenzapfen auf die Scheitel der anderen regnen, aber das tut nicht weh, das bisschen Ironie und Sarkasmus, viele bemerken das kaum oder reagieren nicht, weil sie die Kunst der stoischen Ruhe beherrschen.

Ich bin jedenfalls ganz sachte und leise und nahezu unsichtbar, ich deute an, ich weiche aus, ich bin der klassische Introvertierte, ein bisschen tollpatschig, ein bisschen kompliziert und ich drücke mich auch ganz brav ganz eng an die Wand, damit alle anderen ihre schöne kraftvolle Spannweite nutzen können. Ich drücke mich an die Wand, mit meiner eigenen Spannweite. Und dann reicht es mir. Dann schließe ich die vielen offenen Seiten in meinem Kopf, ich drücke auf „Zwischenspeichern“, ich verliere die Fassung.

Neulich haben wir diskutiert, ich weiß nicht mehr worum es ging, ich weiß aber, dass ich ein Bild von zwei Menschen gemalt habe, um dir zu sagen, dass ich dich irgendwie verstehe.

Einer lässt zu, dass die negativen Emotionen, die Wut, die Scham, die Fassungslosigkeit etwas mit ihm machen, er lässt zu, dass sie ihn verändern, kurzfristig, damit er mittelfristig etwas damit machen kann. Der andere betrachtet die negativen Emotionen flüchtig, er gewährt ihnen keinen Zugang, aber er erinnert sich und manchmal passiert es, dass die Person eine Weile später an einem ganz anderen Ort mit ganz anderen Menschen allein durch die Erinnerung es schafft, Dinge aufzulösen, Gemüter zu beruhigen, etwas besser einzuordnen.

Beides ist wertvoll, beides kann die Welt zu einem schlechteren, aber viel öfter auch zu einem besseren Ort machen. Wenn wir versuchen, das Verhalten des anderen zu verstehen. Nachdem wir es (wie die erste Person) ausgiebig bewertet haben oder (wie die zweite Person) ausgiebig und unter enormer Kraftanstrengung versucht haben, jetzt bloß nichts zu bewerten.

Es gibt Menschen, denen ist das eine so fremd wie das andere. Die gucken sich das nicht an, die lassen sich nicht verändern, die finden das affig und nennen es Standpunkt. Von denen rede ich nicht. Ich rede von den Nörglern und den Kaltherzigen, die weder nörgeln, noch kaltherzig sind, aber so wirken müssen, manchmal, auf andere.

Menschen sind spannende Tiere. Und ich kann nicht mehr so lange auf der obersten Sprosse sitzen. Ich habe nämlich Höhenangst. Und da oben passiert ja nicht viel. Man sieht alles, aber keiner hört zu, verständlicherweise. Keiner hört dich reden, keiner hört dich denken. Gott sei Dank und schade eigentlich. Würde man mich denken hören, gäbe es viel mehr geschwollene Lippen und auch viel mehr Girlanden auf der Welt und auch Panzer, die wir irgendwie, falls das möglich ist, als Gulaschkanonen zweckentfremden.

Ich stehe gern da unten in der Scheiße und schneide mich vielleicht hin und wieder an einer Glasscherbe. Es ist schön da, wenn man die Scheiße trocknen lässt und es langsam aufhört zu bluten und man sich überlegen kann, wie man die Wunden versorgen möchte.

„Despair is physical for me. With each new heartbreaking image
and heartless response, I felt hope drain from my body.
Hope is energy. That morning, I ran out of both.
I shut down my computer and climbed into bed at 3:00 p.m.
Abby tucked me in, kissed my forehead.
Out in the hallway, I heard my daughter ask, „Is Mommy okay?“

Abby said, „She will be. She´s feeling it all now.
She has to feel it all so she can use it.
Just wait. Let Mom sleep. When she gets up, something amazing will happen.“

What if we let ourselves feel it all?  What if we decided that it is strength
– not weakness – to let other people´s pain pierce us.
What if we stopped our lives and the world for things
that are worth stopping for? What if we raised our hands and asked,
„Can we stay here for a minute? I´m not ready to run out to recess yet.“

(Glennon Doyle – Untamed)

4 Monaten ago

1 Comment

  1. ich bin auch jemand der ewig auf der obersten sprosse in der abstraktion herumtänzelt. wenn ich die dann einmal verlasse, ist es aber für den anderen leider meistens zu spät. kein besonders tolles konzept, irgendwie.
    tolle worte von glennon doyle. alles gern gelesen, danke dafür!

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