50 oder 500 Wörter

Jedes Mal, wenn ich im Netz auf ein Interview von Seth Godin stoße oder seine Blogeinträge lese, bin ich dankbar dafür, dass dieser Mann einfach jeden Tag etwas schreibt und veröffentlicht. Mal sind es 50 Wörter, mal 500. Aber er tut das jeden Tag und sein neues Buch „The Practice“, das am 26. November erscheint, wird sich damit beschäftigen, wie wichtig Konsistenz ist. Eine tolle Frau sagte mir bei unserem vorletzten Telefonat „Franzi, wenn du wütend bist, dann schieb es nicht weg, aber lass es auch nicht zu lange in dir drin und wenn du das Schreiben vermisst, dann schreib und wenn du nicht weist, worüber du schreiben sollst, dann schreib darüber, dass du wütend bist.“

Ich glaube, wenn man darüber schreiben möchte, wie wütend man ist oder wie erschöpft man ist oder wie hart man gerade den eigenen Kopf schüttelt, bis an den Rand eines Schleudertraumas, dann kann man das manchmal in 50 Wörtern machen. Das müssen nicht immer 500 Wörter sein. Das müssen noch nicht mal schön aneinander gereihte Wörter sein. Und es muss auch niemand anderen interessieren.

Ein Teil von mir wünscht sich, dass zwei Handvoll Menschen da draußen sich in den letzten 9 Monaten genau die gleichen Fragen gestellt und zu den gleichen Antworten gekommen sind wie ich. Dass mal jemand kommt, dem ich vertraue und der mich wortlos versteht. Aber manchmal sind Menschen, denen ich vertraue, diejenigen, mit denen ich mich nicht wortlos verstehe, weil wir uns Mühe geben, miteinander zu reden. Manchmal bleibt nicht mehr viel Mühe übrig. In letzter Zeit ist das so. In letzter Zeit frage ich mich oft, ob andere Menschen sich eigentlich auch eine weltweite Schweigeminute herbeiwünschen. Ich wünsche mir einen ganzen Tag voller kaputter Sender und Empfänger. Niemand hat etwas zu sagen, niemand hört bereitwillig zu. Niemand, der bereitwillig zuhört, denkt sich später für sich, dass er vielleicht auch etwas zu sagen gehabt hätte. Niemand fragt sich „Warum hab ich nichts gesagt?“ Niemand macht sich Vorwürfe, niemand ist erreichbar, alle sind bei sich, alle pissen sich in die Hose vor Angst, weil die Schweigeminute sich so unerträglich lang anfühlt.

Ein Teil von mir wünscht sich, dass wir wortlos zu denselben Schlüssen kommen. Dass wir unsere Aha-Momente miteinander teilen können. Ohne Übersetzer. Dass man mir versichert, dass sich da draußen andere Menschen genau wie ich gleichzeitig mehr nach links und rechts, nach oben und unten, nach innen und außen bewegt haben. Ich wünsche mir, dass meine Spiegelneuronen auch mal ein provisorisches Zuhause finden im Kopf einer anderen Person, wenn sich in meinem Gehirn mal wieder zu viele ungebetene Gäste befinden. Mit ihren Ratschlägen, um die ich sie nicht gebeten habe.

Irgendwie schade, dass ich nicht mehr geschrieben habe in den letzten Monaten. Ich hätte es dokumentieren sollen. Wie die Wut entstanden ist. Welche Straßen sie genommen und wo sie nach dem Weg gefragt hat. Wo sie eingekehrt und wem sie begegnet ist und wie sie gewachsen und immer wieder auch geschrumpft ist auf eine handliche Größe.

Eine Schreibpraxis wäre schön. Ein paar Worte aus mir rausplumpsen lassen, auch wenn mir erstmal gar nicht danach ist. Das nimmt die Wut an die Leine. Ich kann sie dann mit mir führen und wenn jemand kommt und mir meine Energie raubt, dann lasse ich sie knurren und sage „Wir gewöhnen uns noch aneinander, es ist etwas schwierig mit ihr, aber ich glaube, sie hat eine gute Seele.“

5 Monaten ago

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