Beschäftigungstherapie für Narzissten

Seit Wochen lässt mich ja teilweise dieser Gedanke nicht mehr los. Nennen wir es: Beschäftigungstherapie für Narzissten. Ich recherchiere in letzter Zeit viel zum Thema Narzissmus, weil ich es erstens wichtig finde, den eigenen Narzissmus ausreichend zu würdigen … ähm zu erkennen und wieder in gesunde Bahnen zu lenken. Und weil kollektiver Narzissmus gerade ein nicht ganz uninteressantes Thema ist.

Als Küchenpsychologin weiß ich: Narzissten sind im Job häufig zu Höchstleistungen fähig, haben viele gute Ideen, gelegentlich auch Visionen, gehen deswegen aber leider nicht zum Arzt, wie Helmut Schmidt es mal so treffend vorgeschlagen hat („Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen.“). Manchmal denke ich, den Gewinn, den solche Menschen einem Unternehmen möglicherweise bringen, den ziehen sie indirekt an anderer Stelle wieder in Form von Energie ab. Die Gesellschaft – mittlerweile daran gewöhnt, dass Menschen(gruppen) gerne Lösungen verkaufen für Probleme, die sie selber mitverursacht haben – toleriert das irgendwie. Man gewöhnt sich ja gerade erst an den Gedanken, dass man selber vielleicht manchmal rassistisch und/oder sexistisch denkt und handelt, da kann man sich nicht auch noch die Frage stellen „Bin ich narzisstisch oder sind meine Mitmenschen es möglicherweise und wann findet die Preisverleihung denn nun statt?“

Eine Beschäftigungstherapie für Menschen, die ihren Narzissmus im beruflichen Umfeld nicht bändigen können, könnte die Lösung sein. Wir setzen die Narzissten in 10er Gruppen in ein leeres, noch gut erhaltenes Firmengebäude, und lassen sie den ganzen Tag mit Menschen agieren, die früher Call-Center-Agents waren. Jeder Agent übernimmt eine Patenschaft für maximal drei Narzissten, teilweise könnte vielleicht auch eine 1:1-Betreuung für die besonderen Härtefälle nötig sein, die neben ihrem Narzissmus auch zu viel überschüssige Energie haben und nicht wissen, wohin mit sich und ihrer Grandiosität. Und dann werden diese High-Level-Existenzen von ihren Betreuern in Schach gehalten, die sich mal als unbeholfene Untergebene, mal als persönliche Assistenten, kampflustige Wettbewerber oder andere Abteilungsleiter tarnen. Zoom-Calls, in denen viel gesprochen, aber wenig gesagt wird. Emails, in denen Dinge stehen, die sowieso keiner liest. Schein-Projekte werden angelegt und im Projektmanagementsystem immer ochsenblutrot hinterlegt, damit der Narzisst sieht „Hier passiert zu wenig, ohne mich ist der Laden (also die Presspappenfirma) aufgeschmissen, ich muss jetzt irgendwen anrufen und zur Sau machen.“ Gearbeitet wird im 2-Schicht-System, weil viele bis zu 16 Stunden betreut werden müssen.

Ich sehe da einen Markt. Nach einiger Zeit würde der Rest von uns – also diejenigen, die natürlich auch narzisstisch veranlagt sind, weil diese Gesellschaft irgendwie immer narzisstischer wird, die aber die eigenen Ausschläge besser korrigieren können – feststellen, dass wir tatsächlich an der ein oder anderen Stelle auf die grenzenlose Energie dieser Wahnsinnigen angewiesen sind und die Wiedereingliederung könnte eingeleitet werden. Nur dass diesmal der Narzisst nicht direkt für andere Menschen verantwortlich ist – denn sonst gehen das Geschrei und die Fehltage der Belegschaft ja bald wieder in die nächste Runde – sondern einen Sonderauftrag als… ich weiß es nicht… Change Operator oder so erhält. Oder wir sagen ihnen direkt „Hier ist dein Youtube Account, wir haben dir auch schon 15.000 Follower bei Instagram gekauft und ein paar schlaue Sprüche vorbereitet. Bitte inspiriere uns.“

Ja, ich denke so könnte es funktionieren.

5 Monaten ago

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.