Multifunktionsräume

Wir stoßen alles von uns, was uns Unbehagen bereitet, und dann fahren wir an den Obdachlosenheimen vorbei in den Vergnügungspark. Wir könnten den Vergnügungspark auch zu uns holen, in unsere Wohnzimmer. Nicht den ganzen Vergnügungspark, aber eins der Gefühle, die wir mit Vergnügungsparks verbinden. Freude. Abwechslung. Freiheit. Kleine Abenteuer. Unbehagen. Unbehagen ist ein Gefühl, das uns oft begegnet, außerhalb unserer Komfortzone, und weil wir ihm nicht ständig ausgesetzt sein möchten, lassen wir uns gern weit entfernt davon häuslich nieder.

Viele von uns machen aus den Orten, die wir unser Zuhause nennen, behagliche Oasen der Gefühllosigkeit. Wir dekorieren nach Jahreszeiten und wenn jemand dagegen ist – also nicht gegen die Deko sondern gegen etwas völlig anderes – dann wird er aufs Zimmer geschickt oder er schämt sich so sehr, dass er freiwillig aufs Zimmer geht und irgendwann muss angebaut werden, damit zwischen unserem Zimmer und dem Zimmer der anderen möglichst viele Räume sind, die alle ihre eigene Funktion haben, immer eine Funktion pro Raum, und viele weitere Male später geht dieser Mensch, der Unbehagen in uns auslöst, dann einfach, weil seine Integrität so kaputt ist, das er gezwungen ist, von nun an nur noch sich selbst zu vertrauen.

Ich weiß nicht, warum ich in letzter Zeit so viel über Räume nachdenke und schreibe. Ich glaube aber, dass es schwierig ist, sich zu begegnen und kennen zu lernen, wenn wir dazu tendieren, jedem Raum grundsätzlich immer nur eine oder zwei Funktionen zu geben. Wir schaffen damit Orte, die nur eine bestimmte Funktion haben dürfen. Und zwangsläufig ziehen solche Orte Menschen an, die sich trotz ihrer Vielfältigkeit früher oder später einschränken. Weil sie sonst nicht mehr funktionieren.

Der Mensch ist ein Schweizer Taschenmesser, aber wir behandeln einander oft wie Plastikgabeln.

1 Monat ago

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