Therapieersatz

Ob wir weniger Memes über unsere Angstzustände, die Depressionen, die schlechten Gedanken, die Erschöpfung auf Instagram teilen würden, wenn wir innerhalb von drei Wochen einen Termin bekommen könnten bei jemandem, der uns versteht? Gleich zwei Herausforderungen. Innerhalb von drei Wochen. Und dann soll der uns auch noch verstehen. Ich vermute, es wären deutlich weniger Memes im Umlauf. Memes sind ein absurder Ersatz für Therapiemaßnahmen, die nie stattfinden oder so weit in der Zukunft liegen, dass wir uns das nicht vorstellen können. Alles können wir uns vorstellen, nur die Zukunft nicht.

Ich denke an den Film mit Kate Winslet und Idris Elba, in dem sie in den Bergen abstürzen und sich dann gemeinsam mit dem Hund des toten Piloten auf die Suche nach der Zivilisation machen. Meine Schwester sagt, es ist nicht mehr weit, weil irgendwo da vorne Licht ist. Am Ende freue ich mich über Kaffee und Kuchen und dass meine Organe und die Hüfte wenigstens während der ersten fünf Kilometer kooperiert haben.

Gunter Dueck hat ein Buch geschrieben. Einen Homöopathie-Weltuntergangskrimi namens „Die Euphonomicon Enthüllungen“. Ich bin interessiert und das ist eigentlich noch untertrieben. Gil Ofarim hat wahrscheinlich gelogen. Und Tetris soll bei PTSD helfen. Sagt eine Studie. Lese ich auf Twitter. Twitter hilft manchmal überhaupt nicht bei PTSD. Hier begegnen mir neue Mutationen des Virus und Gedanken über Sebastian Kurz und ziemlich viel Fassungslosigkeit und manchmal ein Screenshot aus irgendeiner Telegram-Gruppe. Gleichzeitig ist dieses Netzwerk voller Menschen, denen ich die Zukunft des Landes anvertrauen würde.

Twitter ist ein bisschen wie die seltsame Eckkneipe, wo regelmäßig die Polizei anrücken muss, weil immer Flaschen fliegen, aber in einer Nische neben den Toiletten, da gibt es einen Vorhang, den muss man zur Seite schieben und dann steht man nach drei Schritten in einem Gang und der Lärm ist nur noch gedämpft zu hören, die Schreie auch, von den Menschen, die immer die Flaschen abbekommen, und nach einer Weile steht man in einem Raum voller Menschen, die so eine besondere Mischung aus Hirn und Herz und Humor haben.

Ein Kunde erzählt mir, die Jüngeren werden immer bekloppter. Ich sage, dass es mir so vorkommt, als wären es eher die Älteren. Wir einigen uns darauf, dass wir beide ein bisschen recht haben.

 

1 Monat ago

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