Der richtige Weg

Wir sitzen am Küchentisch. Trinken Kaffee. Und sprechen über ein Thema, das mir seit einigen Monaten nicht mehr aus dem Kopf geht. Vielleicht weil es immer da war und sich jetzt in voller Lautstärke bemerkbar macht.

Wir sprechen über die Wege, die wir im Kopf zurücklegen. Dass Menschen wie wir es so selten auf die Autobahn schaffen. Dass es uns immer wieder zurück auf die anderen Straßen, die kleinen Wege, die Pfade führt. Zu Fuß oder mit dem Rad. Manchmal fährt ein Bus, in den wir einsteigen können und entweder hält der Busfahrer sich grimmig-genau an den Plan oder er verspätet sich und erscheint tagelang einfach gar nicht. Den Autofahrern diese Umgebung, die unser Zuhause ist, beschreiben, das funktioniert oft nicht so gut. Obwohl wir uns selbst im Nebel gut zurechtfinden. Wir orientieren uns an Dingen, die scheinbar keinen Sinn ergeben oder die den anderen Menschen entgehen. Wir nehmen jeden Hinweis auf. Wir wissen, warum da hinten Rauch aufsteigt und wo die Nistplätze und die Maulwurfshügel sind und was die Spuren am Wegrand bedeuten könnten. Über Umwege, manchmal auch über plötzlich auftauchende Abkürzungen, erreichen wir schöne Orte, brennende Orte, neu entstandene Orte und vereinbarte Treffpunkte mit denen, die die Autobahn genommen haben.

Wenn die Autofahrer eine Baustelle umfahren müssen, verschlägt es sie manchmal in unsere kaum besiedelte Gegend. Wo sie sich nicht auskennen. Wo 30er-Zonen ihre Geschwindigkeit beeinträchtigen. Das Navigationsgerät sagt jetzt, dass sie mit einer Viertelstunde Verzögerung rechnen müssen. Manchmal bricht auch der Kontakt ab. Dann drehen sie die Scheibe runter und fragen nach dem Weg. Der schnellste Weg zurück auf die Autobahn. Das Tempolimit fühlt sich an wie Stillstand. Schnell weg hier.

Und später am Tag treffen beide Gruppen – die Autofahrer und die Fußgänger – sich in der großen Stadt und die Fußgänger sprechen von Dingen, die sie beobachtet oder entdeckt haben. Und die Autofahrer reden über Stau und Überholmanöver und darüber, wie sie die 15 Minuten Verzögerung aufgeholt haben. Manchmal diskutieren beide über das beste Fortbewegungsmittel. Oder über den besten Weg in die Stadt. Den einen richtigen Weg. Obwohl es ihn manchmal gar nicht gibt. Aber weil die Autofahrer gegenüber den Fußgängern in der Mehrheit sind, verlernen viele Fußgänger mit der Zeit, ihrem eigenen Orientierungssinn und ihrer eigenen Art der Fortbewegung zu vertrauen. Jahrelang zwingen sie sich dazu, ins Auto zu steigen und auf dem scheinbar schnellsten Weg zum vereinbarten Treffpunkt zu fahren. Irgendwann vergessen sie sogar, dass sie ein ziemlich cooles Rennrad zuhause stehen haben.

So ist das ein bisschen auch mit der Neurodiversität. „Neurodiversität ist ein Ansatz, der sich mit den Bereichen Lernen und Behinderung (Sozialrecht) befasst und hervorhebt, dass neurologische Verschiedenheiten als Resultat normaler genetischer Variation entstehen. Unterschiede in der neurologischen Ausstattung werden damit als Erscheinungsformen sozialer Vielfalt verstanden, ebenso wie Geschlecht, Ethnie, sexuelle Orientierung oder Behinderung.“ (Wikipedia)

Bis vor ein paar Monaten wusste ich selber fast gar nichts darüber, weil das Thema mir einfach nie begegnet ist bzw. gar keine Rolle gespielt hat. Ich dachte, Autisten seien typischerweise total in sich gekehrt, dass ADHS sich üblicherweise in Gestalt des kleinen Zappelphilipp zeigt und dass beides eher selten ist und auch nicht gemeinsam auftreten kann. Die Reizfilterschwäche ist bei beiden ein zentrales Thema und obwohl mich als introvertierte Person das auch betrifft und ich oft sehr damit zu kämpfen habe, dachte ich, dass die Gemeinsamkeiten da schon aufhören. Ist aber offenbar nicht so und weil ich Dingen gern auf den Grund gehe, habe ich seit Mai pausenlose Aha-Momente. Mich mit der Thematik zu beschäftigen, hat mich mit vielem versöhnt, unabhängig davon, wie sehr es mich am Ende selber betrifft.

Der Vergleich oben sollte darstellen, wie unterschiedlich Neurotypen sich durch die Welt und den Alltag bewegen. Darüber reden und auch anerkennen, dass man den Menschen ihre Wahrnehmung nicht mit aller Macht austreiben kann, halte ich für unglaublich wichtig. Man kann und sollte dieses Thema von mehreren Seiten beleuchten und vielleicht mache ich das hier oder an anderer Stelle in Zukunft öfter.

1 Monat ago

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