Fremdsprachen

Wir sprechen bei Cocktails über Verluste und die Einsamkeit anderer Menschen und Leasingraten und ich traue mich zum ersten Mal über die zwei Tage im Winter zu sprechen, an denen ich im Bett liegen geblieben bin, um meine zwei To-Do-Listen miteinander zu vergleichen. Die eine Liste von dem Teil in mir, der weitermachen will. Und die andere Liste von dem Teil in mir, der nicht mehr weitermachen will. Mit weitermachen ist leben gemeint. Es war reiner Zufall, dass Kurt Krömer im gleichen Monat über den Moment redete, in dem er nicht mehr wusste, wie einkaufen geht.

Seit dem Frühling habe ich fast keine Verbindungsprobleme mehr. Nicht zu mir selbst und auch nicht zu anderen. Ich frage nicht mehr „Hallo, ist da jemand?“ Ich schaue meiner Energie nicht mehr dabei zu, wie sie – während ich auf die Antwort warte – aus mir herausfließt wie aus einer offenen Wunde. Ich habe keine diffuse Angst mehr in mir, kein Hintergrundrauschen, das ich nicht einordnen kann. Nur noch ganz konkrete unruhige Momente. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, ohne es zu wissen und irgendwann wird meine Stimme nicht mehr zittern, wenn ich erkläre „Das ist meine Muttersprache und das andere ist meine Fremdsprache.“ Ich spreche sie fließend, aber die Übersetzungsarbeit kostet mich mehr Energie.

Ich glaube, wenn Tiere, Babys und Menschen, die ihre eigenen Dämonen nicht ständig wie ungebetene Gäste behandeln, dich mögen, dann kannst du dich glücklich schätzen. Wenn einige dieser Menschen deine besten Freunde sind, wenn du deine Tränen vor ihnen nicht wegblinzeln oder dich größer machen möchtest als du bist, dann kannst du dich so richtig glücklich schätzen.

Wir sprechen via Zoom darüber, dass auch beim Thema Neurodiversität der Gender Data Gap keine Ausnahme macht. Frauen werden deutlich seltener diagnostiziert. Bei Autismus und ADHS denken wir alle an die kleinen Jungs. Oder zerstreute Professoren. Oder Männer, die wir eben nie zu Gesicht bekommen. Wir denken nicht an Frauen. Vor allem denken wir nicht an empathische, scharfsinnige, liebenswerte Frauen. Aber ich bin so eine empathische, scharfsinnige, liebenswerte Frau. Das kann ich jetzt mit Gewissheit sagen. Ich hab mich jahrelang beobachtet, mir jahrelang zugehört und mich jahrelang gefragt, warum von den vielen Menschen, deren Sprache mir fremd und deren Urteilsfähigkeit mir ausbaufähig erscheint – obwohl sie alles dafür tun, einen kompetenten, offenen, eben ganz normalen Eindruck zu erwecken – mir einige extreme Exemplare wie eine winzig kleine Kriegserklärung auf zwei Beinen vorkommen.

Und warum es ganz selten andere gibt, die mir wie zwei warme Pantoffeln und ein warmer Ofen vorkommen. Das können auch eher kühle, distanzierte Menschen sein, ich finde sie trotzdem herzerwärmend. Sie bringen meinen Puls nach unten. Sie sind natürliche Blutdrucksenker. Wie Knoblauch oder Rhabarber.

Ich bin müde. Und ich möchte nicht mehr, dass wir uns als Frauen durch Depressionen, Angststörungen, Esstörungen und die totale Erschöpfung hindurchwühlen müssen, um dann im Alter von dreißig, vierzig oder fünfzig endlich die Erklärung zu bekommen, die dem zugrunde liegt.

Viele lassen sich eher wegen Durchfall als wegen Depressionen krank schreiben. Und geraten immer wieder an diesen Punkt. „Mir geht es nicht gut, ich kann heute nicht an die Arbeit kommen, ich hab wohl was falsches gegessen.“ Müssen wir neu lernen oder überhaupt mal lernen, wie das klingt, wenn jemand Unterstützung und Freiräume benötigt? Kann es sein, dass wir so abgestumpft, so blind, so in diesem Hamsterrad gefangen sind, dass wir Signale überhören und erst dann aus unserer Ohnmacht erwachen, wenn der Krankenwagen vorfährt? Sollten wir uns so langsam mal ernsthaft fragen, ob wir positive Eigenschaften an uns selber und an anderen in Eigenschaften erster und zweiter Klasse einteilen? Und wo das eigentlich herkommt und wie es aufrecht erhalten wird?

Die Psychotherapeutin und Autorin Sari Solden beschreibt in ihren Büchern verschiedene Arten von Botschaften, die Frauen mit ADHS verinnerlicht haben und die dazu führen, dass man jahrelang still vor sich hinleidet, unsicher ist, die eigenen Stärken nicht erkennt und emotional wie körperlich ausbrennt. Den Teil mit den „She-Messages“ möchte ich mal kurz zitieren.

„She Messages are comments that people around you say about women who have difficulties and differences similar to yours, while your secrets stay hidden. This often feels like gossip, as She Messages are not directly addressed to you; rather, they are descriptions of another woman´s appearance, behaviour, or challenges. Tough these messages are indirect or implied, the latent intimation is received loud and clear: your challenges are unacceptable and dangerous. Even if you are able to „pass for normal“ or remain undercover and stay superficially safe, you too experience the cumulative effects of deeply internalized rejection, anxiety, and stress – unable to be truly authentic or receive the support you need to manage your ADHD challenges.

In this way, you learn what is socially preferred and acceptable via indirect communication as much as you might from direct sources. While some messages may not directly comment on your behaviour or challenges, they can still hit close to home and leave you wondering, what do they think about me? U take meds too, yould they date me if they knew? What if they knew what my kitchen looked like?

In these subtle ways, social groups police the boundaries of acceptable behaviour, and you learn that there is a price to pay for the unique way you operate within the world.“

Als ich vor ein paar Monaten diesen Teil gelesen habe, hat mich das sehr nachdenklich gemacht. Ich hab mich gefragt, wie oft ich selber zu diesen Aasgeiern gehöre, die so über andere sprechen, ohne zu wissen, dass man damit unbewusst eine andere anwesende Person verletzt. Und mir wurde klar, wie selten ich direkt beleidigt oder klein gemacht wurde, die Menschen sind alle immer sehr freundlich zu mir, während ich mir gleichzeitig relativ häufig privat und beruflich diese vernichtenden indirekten Botschaften anhören muss. Wie langsam, schusselig, unsicher, unflexibel, negativ, komisch, sensibel, zurückhaltend, tollpatschig, unordentlich und schwierig andere, mir teilweise völlig fremde Menschen sind. Menschen, die vielleicht gleichzeitig wahnsinnig kreativ, analytisch, intuitiv, tolerant, scharfsinnig, hilfsbereit und witzig sind.

Jetzt teile ich noch etwas, was eigentlich gar nichts damit zu tun hat. Ein Thread auf Twitter von Kristian Köhntopp zum Thema Remote Work. Wie man sich organisiert. Wie man mit Daten umgeht und wie man Leute vergrault. Ich zitiere mal den Teil, um den es mir geht:

Das lustige ist, daß das sowohl auf der Führungsseite als auch auf der Ausführungsseite lernbare Fähigkeiten sind (also Verschriftlichung der Kommunikation, sinnvolle Meetingvor- und nachbereitung, korrekte Definition von Zielen und Aufgaben, etc pp. Das ist Handwerk (Craft). Aber man blutet sich lieber die Teams leer, als zu lernen oder Leute einzustellen, die Teams helfen, Dinge aufzuschreiben, ein Wiki professionell zu gärtnern, und Kommunikation zu lehren und zu steuern. 

Wie viel Zeit, Geld und Energie dieser riesige blinde Fleck kostet. Den einzelnen und die Firmen und die ganze Gesellschaft. Ich würde sagen „Es wird Zeit, dass uns das alles mal um die Ohren fliegt.“ Aber das tut es schon längst.

1 Monat ago

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