Ebbe und Flut, kleiner Hunger und großer Hunger

Sonntag, 24. September

Auf der Autobahn ändert das Wetter ständig die Stimmung. Mal peitscht der Regen mir entgegen, während ein Sender Avril Lavigne spielt und ich an alte Zeiten denken muss, mal hebt strahlender Sonnenschein meine Laune und ich freue mich über eine Auswahl guter alter Musik, die mein Vater Ende der 80er Jahre immer auf Kassette aufgenommen hat und die mich an Urlaubsreisen erinnert, die grundsätzlich um drei Uhr morgens starteten. Trotz meiner guten Laune verirre ich mich im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide. Gute Laune wirkt sich sozusagen in keinster Art und Weise auf den Orientierungssinn aus. Oder auf das GPS-Signal.

Auf der Reservierungsbestätigung steht, der Gutshof befindet sich mitten im Naturschutzgebiet. Ich bin hin und hergerissen und poltere für eine halbe Stunde mit meinem Auto an einzelnen Häusern vorbei über Straßen, die eigentlich eher für Pferdekutschen gemacht sind. Es macht raggeldigaggeldigagg und das ist ehrlich gesagt kein besonders schönes Geräusch. Google behauptet steif und fest, dass in 100 Metern links das Ziel erreicht ist, mein Instinkt sagt mir, dass hier irgendetwas nicht stimmt und ich mich mit dem Gedanken anfreunden sollte, die Nacht in embryonaler Körperhaltung auf einer McDonalds-Toilette zu verbringen.

Zwei Spaziergängerinnen klopfen an meine Scheibe und fragen, ob ich Hilfe brauche. „Wahrscheinlich bin ich hier vollkommen falsch. Ich suche das Hofgut Einem.“ „Da sind Sie hier eigentlich richtig.“, sagt eine der beiden, erklärt mir dann aber, dass man einen kleinen Umweg nehmen sollte, um das Auto die nächsten Meter nicht zu Schrott zu fahren. Mit dem Hinweis im Kopf, dass ich umdrehen und dann eigentlich immer nur rechts abbiegen muss, starte ich einen neuen Versuch und verliere nach zwei Kilometern erneut die Orientierung.

Es ist jetzt kurz nach sieben, ich habe keinen Handyempfang, wahrscheinlich den Brütvorgang seltener Vogelarten gestört und meinem Auto möglicherweise zu viel zugemutet. Raggeldigaggeldigagg. Und Pipi muss man übrigens auch immer dann, wenn es gerade gar nicht so gut passt.

Ich biege schließlich leidenschaftslos um ein paar Ecken, kontrolliere immer wieder den Empfang des Handys und schaffe es schließlich, die Gastgeberin zu erreichen. Und weil ich mehr Glück als Verstand habe, sind es bis zum Ziel nur noch ein paar Hundert Meter. Sie hält am Hintereingang nach mir Ausschau, wir winken uns zu und ich fühle mich beim Anblick von mindestens zehn wilden Katzen, die hier gerade ein kleines Abendessen zu sich nehmen, sofort entspannter. Und schlafe dann auch ziemlich gut mit Blick auf eine sehr interessante Tapete und einen hipstergrünen Sessel, und trotz der Wahlergebnisse.

Montag, 25. September

Morgens habe ich den ganzen Frühstücksraum für mich, die Aussicht ist ein Traum, das Frühstücksei erhält 9 von 10 Punkten auf der Frühstücksei-Skala, die ich heimlich nutze, um Unterkünfte zu bewerten. Den einen ist das Straßenbahn-Netz wichtig, andere lassen sich vom Pilates-Angebot beeinflussen, mir geht es um Frühstückseier. Und wenn das Weiße darin noch herumwabbelt oder sie zu hart sind, dann macht mich das wahnsinnig.

Ich verabschiede mich gegen zehn Uhr und marschiere anschließend eineinhalb Stunden durch den Wald, um Fotos zu machen und meinen mitleiderregenden Kreislauf in Schwung zu bringen. Außer einem Fahrradfahrer begegnet mir kein Mensch, in der Ferne höre ich Pferde, ansonsten ist da nichts und niemand. Nur ich und kalter Schweiß und ein leichter Druck auf der Brust und die Frage, ob mir und meinen Bronchien der Spaziergang jetzt gut tut oder nicht.

Auf der Autobahn Richtung Norden stelle ich fest, dass norddeutsche Radiosender bessere Musik spielen. Auch die Moderatoren sind irgendwie witziger. Je länger ich fahre, desto ruhiger werde ich und desto mehr freue ich mich darauf, in den nächsten Tagen einfach nichts besonderes zu tun, nicht viel zu reden und nur in die Ferne zu schauen bis an den Punkt, an dem man glaubt, dass da jetzt Schluss sein könnte.

Und genau das mache ich dann auch Nachmittags. Ich packe mir in meinem Zimmer in Sankt Peter Ording ein paar Kleinigkeiten zu essen ein, kaufe mir in einem Geschäft vor den Dünen noch eine kleine Flasche Weinschorle und ein Eis und verbringe dann die nächsten fünf Stunden damit, meine Umgebung zu beobachten, mir Essen in den Mund zu schieben, zu fotografieren und zu lesen. Ich lebe sozusagen meinen ganz persönlichen Traum.

Es ist kein aufregender Traum, der Spannungsbogen ist eher eine schnurgerade Spannungshorizontale, aber es ist mein Traum und deshalb ist es ein super Traum. Die inneren Monologe tragen auch einen nicht ganz unerheblichen Anteil dazu bei.

Dienstag, 26. September

Mir ist nach Franzbrötchen. Der Verkäuferin in der Bäckerei ist zunächst nach Small-Talk. Dann findet sie schnell eine Überleitung und erzählt mir, nachdem ich einen 5 Euro-Schein auf die Theke lege, dass zur Zeit wieder vermehrt falsche Fünfer in Umlauf sind. Und das Gerät, das man sich anschaffen kann, um die Fünfer zu kontrollieren, kostet viel Geld. Das andere günstigere Gerät arbeitet leider nicht so zuverlässig. Sie weiß jetzt auch nicht so genau, was man da machen kann. Und ihr Chef, der das alles bezahlen muss, tut ihr leid. Einen gigantischen Redeschwall kippt sie über mir aus, ich verstehe auf Grund ihres russischen Akzents jedes fünfte Wort nicht so richtig, reagiere aber wie eine gute Bekannte. „Das ist ja ein Teufelskreis!“, sage ich. „Da sind Sie aber ganz schön gelackmeiert.“ Das mit dem Teufel kapiert sie, das andere logischerweise nicht so richtig. Ich verabschiede mich mit einem „Bis morgen!“

Im Auto frage ich mich, ob sie mir eigentlich Wechselgeld gegeben hat oder ob das irgendwie ihr Ding ist, Kunden mit dem Thema Falschgeld von Wechselgeld abzulenken. Es wäre eine psychologische Meisterleistung.

Mein Frühstück nehme ich in Westerhever zu mir, genauer gesagt: in der Nähe des Leuchtturms. Es ist saukalt, der Ausblick ist perfekt, zwischen dem vielen Grün der Salzwiesen sieht man schwarze Punkte herlaufen, die alle den Leuchtturm anschauen möchten. Ich beschließe mich ihm ebenfalls auf 50 Meter zu nähern und bleibe immer wieder stehen, um Fotos zu machen und mich über dieses Stück Natur zu freuen, über die vielen Vögel, die Pflanzen und die klare Luft.

Dann kommen die Schafe. Das Schöne an Schafen ist ja, dass man sie hört, bevor man sie sieht. Ich drehe also ohne zu zögern um und eile zurück an die Stelle, wo ich vorher meinen Kaffee getrunken habe. Weil man Schafe, wenn sie schonmal in großer Anzahl da sind, unbedingt fotografieren muss. Wie jemand, der zwanzig Jahre keine Schafe mehr gesehen hat. Ihr versteht das sicher.

Danach habe ich die Möglichkeit bei einem Jever und bei Lammbratwurst – und jetzt wird mir gerade die Tragik bewusst – Gesellschaftsstudien durchzuführen. Da ist das Paar mit Hund, das sich lange anschweigt, ein unangenehmes Schweigen, unterbrochen nur von seiner Frage, ob ihr die Soße zu dem Hering schmeckt. Alle paar Minuten blicken sie über den Tisch zu dem Hund, reden leise mit ihm und stellen sicher, dass es ihm gut geht.

Irgendwie wirken sie wie Leute, die sich vor zwei Tagen erst im Tierheim kennen gelernt haben.

Dann kommt ein älterer Herr mit himmelblauen Augen und schneeweißen Haaren mit einer etwas jüngeren dunkelhaarigen Frau auf die Terrasse des Lokals. Er sieht aus wie ein alter Seefahrer, sie scheint gerade aus einem Zirkuswagen gefallen zu sein. Beide frieren ein bisschen, bedecken ihre Beine mit Wolldecken und befinden sich in einer beneidenswerten Stimmung, die entweder auf viel Bewegung an der frischen Luft oder Alkohol zurückzuführen ist. Sie quikt ab und zu vor Freude, so wie Frauen ab Mitte fünfzig manchmal quiken. Und er antwortet mit einem schallenden Donnergrollen-Lachen. Ihr wisst was ich meine.

Ich schreibe meine Postkarten zu Ende und beschließe, die Pausen zwischen den Mahlzeiten so kurz wie möglich zu halten und nun dem Richardshof einen Besuch abzustatten. Dort soll es wahnsinnig leckeren Kuchen geben und man begegnet einer Reihe sympathischer Tiere. Das Stück Himbeer-Windbeutel-Torte ist dann auch so groß und sättigend, dass ich mein Abendessen ausfallen lassen kann. Ich empfehle einen Besuch, vor allem wenn ihr Hühner mögt, die friedlich bei euch am Tisch sitzen. Den Rest des Tages zieht es mich wieder an den Strand.

Fotos machen, Möwen mit Tuc füttern, mit der Spotify-Playlist auf den Ohren der Sonne beim Untergehen zuschauen.

Mittwoch, 27. September

Ich beschließe, den Wochenmarkt zu besuchen. Eine halbe Stunde lang suche ich einen Parkplatz, um eine weitere halbe Stunde lang gestresst von Stand zu Stand zu gehen. Es gibt typisch norddeutsche Porzellanfiguren, Sanddorn-Saft, noch lebende Aale und Nagelscheren. Irgendwie bin ich überfordert von den vielen Menschen und ich flüchte schließlich in eine Seitenstraße zu einem Teller Nudeln beim Italiener, der mir noch leckeres Pizzabrot dazu spendiert. Irgendwie macht dieser Tag mir bisher keinen Spaß. Wahrscheinlich liegt es an den vielen Menschen, die plötzlich da sind. Ich verlasse Orte nie wie ich sie betrete, ich nehme immer ein Stück der Hektik und der Sorgen und der Fragezeichen fremder Leute mit nach Hause, ich weiche ungern ständig anderen Leuten aus, will mein Schritttempo nicht dauernd wechseln, suche nicht gern lange nach einem ruhigen Platz in so einem Durcheinander.

Ich fahre ein zweites Mal nach Westerhever, um den Leuchtturm zu besuchen. Um 16 Uhr ist eine Führung und bis dahin verbringe ich den Tag an den Salzwiesen, da wo das Watt anfängt und es viele Drachenflieger, Fahrradfahrer und Leute mit Hund gibt. Kein Marktschreier weit und breit. Ich beobachte Paare, Freunde und Familien, einige von ihnen mit einer Kamera in der Hand. Meist sind das die Männer, ab und zu auch mal eine Frau, aber die sind auch oft so wie ich alleine unterwegs. Ich finde das interessant, also das Verhalten von Leuten im Urlaub, was sie bei sich tragen, was ihre Gesichter so erzählen.

Am Gardasee haben der Mann und ich letztes Jahr mal die schlechte Laune der anderen Leute analysiert. Mitleid erregte grundsätzlich die Kombination „Frau will shoppen, Mann weiß nichts mit sich anzufangen.“

Der Leuchtturm macht mir kurz zu schaffen. Ich fühle mich ein bisschen schwach auf den Beinen, obwohl es gar nicht so viele Treppenstufen sind. Die Aussicht belohnt mich dann wieder, man hat einen tollen Blick über die Salzwiesen und das Watt. Bis man wieder Hunger bekommt. Der Hunger kommt, der Hunger geht, es ist wie mit Ebbe und Flut. Es gibt Fischbrötchen an der Seebrücke bei Gosch und für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich mehr hätte erleben und weniger essen sollen. Ich hätte die Deichgalerie noch besuchen und eine Rundfahrt mit dem Hitzlöper machen können. Das hebe ich mir für´s nächste Mal auf. Weil es hier nämlich ziemlich toll ist.

Donnerstag, 28. September

Auf dem Weg zurück nach Hessen habe ich eine halbe Stunde lang einen Lachanfall, weil die Worte „Mäharbeiten“ und „Straßenunterhaltungsdienst“ an den Fahrzeugen vor mir mich wahnsinnig machen vor Freude. Urkomische Bilder von Schafen und Bauarbeitern mit Megafon entstehen in meinem Kopf. Der kleine Urlaub hat mir gut getan.  Ich gebe vier von fünf möglichen Sternen und spreche eine klare Empfehlung aus.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Was mich aufregt – eine unvollständige Liste

Das Belächeln von Menschen, die sich manchmal selbst genügen. Oberärzte, die aus dem OP geholt werden, um die Frage zu beantworten, in welchem Fall Insektenstiche über die Berufsgenossenschaft abgerechnet werden. Die ungläubigen Blicke, wenn man sagt, dass man die Bachelor-Kandidatin leider nicht kennt, weil man den Fernsehanschluss daheim nicht benutzt. Rentner, die verwundert gefragt werden, warum sie denn ausgerechnet jetzt, wo sie so viel Zeit haben, Bürgermeister werden wollen. Marie Kondos nett gemeinter Hinweis dazu, wie man mit runden Dingen verfährt, die man in eckige Schränke räumen möchte. Der gebildete Linke, der im Dorfgemeinschaftshaus grundsätzlich einer Diskussion mit dem ungebildeten Rechten aus dem Weg geht. Das ewig gleich klingende Bedauern nationaler und internationaler Politiker auf twitter, wenn irgendwo etwas schreckliches passiert ist. Feministinnen, die für alle Frauen sprechen, ohne für alle Frauen zu sprechen.

Die Umstände, die wir uns selber machen, die wir tolerieren, an denen wir festhalten. Die Sätze, die ich mir gelb markiert hab. Die nicht geballten Fäuste der anderen. Das Tief, das Hoch, die dazu passenden Kopfschmerzen. Die Suppe, die jeder für sich kocht, und die dann dementsprechend scheiße schmeckt. Die nicht erzählten Geschichten. Die Erschöpfung, die eintritt, bevor man überhaupt den ersten Schritt gemacht hat.

Die guten Momente, die in Vergessenheit geraten, weil niemand dabei war, der rechtzeitig auf den Auslöser gedrückt hat.

Man rät uns häufig, dass wir uns nicht immer so schnell im Recht fühlen sollen. Dass wir die Dinge sowieso nicht ändern können. Dass wir gar nicht so schlau sind, wie wir denken. Dass die Blase, in der wir leben, uns glauben lässt, wir würden auf der richtigen Seite stehen. Aber ich kann den Gedanken manchmal nicht schnell genug abschütteln. Er ist zu verlockend. Gerade eben, zwischen dem Öffnen der Kühlschranktür und dem Schließen der Rollläden, war ich mir für einen ganz kurzen Moment vollkommen sicher, trotz dieser bleiernden Müdigkeit der klügste Mensch auf diesem verdammten Erdball zu sein. Die einzige Person, die eine ungefähre Ahnung von all den Grauzonen hat, die das Leben uns anbietet. Bis sich dann die Kühlschranktür wieder schließt.

Davon träumen, wie es wäre, aus der Haut zu fahren bis sie platzt. Am nächsten Morgen wieder nur ein paar weitere harmlose Dehnungsstreifen am Körper entdecken.

Selbstmitleid – eine Anleitung

Nimm alles mit. Nimm es mit nach Hause, gewöhn dich daran, dass die Gesichter von Menschen dir manchmal auf dem Nachhauseweg begegnen, grenz dich nicht ab, nimm alles auf, was andere gerade erleben, auch wenn du ihre Namen vergessen hast. Nimm jeden verdammten Grauton mit, jede Falte, jedes Stirnrunzeln, zieh Kleidung an mit vielen Taschen, damit du jede Regung einpacken und irgendwo unterbringen kannst und frag nicht, was du jetzt damit anfangen sollst, ob das sinnvoll ist, ob du das überhaupt gebrauchen kannst. Fühl dich einfach dafür zuständig, wie jemand, der solche Dinge schon immer so gemacht hast, ließ aufmerksam jeden Artikel, der dich vor den Folgen warnt und vergiss anschließend jedes einzelne Wort.

Leg dich hin, wenn es weh tut, nimm ein Pflaster, lass dir eine Spritze geben oder dich krank schreiben. Und tu so als würde die Zeit, in der wir leben, dir nur manchmal ein bisschen in die Knochen fahren und nicht auch an den Fensterläden rütteln, die zu dem Raum gehören, in dem du dich am liebsten aufhältst.

Benimm dich wie jemand, dem die Worte nicht fehlen. Zeig dich solidarisch mit den armen Schweinen, die nicht wissen wollen, was sie glücklich macht, weil ihnen nie einer gesagt hat, dass das ihr gutes Recht ist.

Geh davon aus, dass jeder Gedankenlesen kann, niemand dich ausnutzt und alles eine Bedeutung hat. Sei naiv, sei perfektionistisch, sei launisch. Schreib ein nettes Gedicht darüber, wie stolz du darauf bist, dass du nie naiv, fast gar nicht perfektionistisch und sehr selten launisch bist. Spende all dein Blut, ohne dass es irgendetwas bewirkt. Denk jeden Tag darüber nach, aber mach es halt nicht. Vergiss jedes Wort, gib den falschen Dingen den richtigen Namen. Geh nicht ins Detail, halt dich nah am Eingang auf, lehn dich mit dem Rücken an die Wand, fühl dich unter Druck gesetzt, halte zehn Meter Abstand zu den Leuten, denen du im Nacken sitzen möchtest.

Begegnungen mit Menschen, von denen einige mir egal sind

Nach zwei Minuten im Auto führe ich das erste Gespräch des Abends, bei dem ich mir nicht wie ein geklontes Schaf vorkomme und auch wenn es dann am Ende nur eine Viertelstunde dauert, beweist es immerhin, dass die guten Gespräche mittlerweile viel zu oft nicht mehr da auftauchen, wo man sie vermutet.

Sie vertraut dem Internet nicht, sagt sie. Weil einem irgendwer immer irgendwas andrehen will. Sie kann es nicht benennen, sie benutzt nicht die Worte „Privatsphäre“ und „Datenschutz“ oder „Volksverblödung“ oder „Konsumzwang“. Nur von den Vitaminpillen erzählt sie, die ihre Schwester sich hat andrehen lassen, weil sie angeblich beim Abnehmen helfen. 60 Euro. So viel Geld. Es ist eine vage Angst, die eigentlich eher ältere Generationen befällt, nichts konkretes. Sie wüsste nicht, was sie machen soll, wenn sie online irgendetwas falsch macht.

Und ich denke mir, das geht uns doch allen so, dass wir nicht wissen, was wir machen sollen, das hat doch mit dem blöden Internet eigentlich gar nichts zu tun.

Wovor hat sie denn Angst? Es ist doch alles gut, man kann doch nicht vor allem Angst haben, was man nicht kennt. Ich sage, dass es mir auffällt, dass die Leute nicht mehr so viel miteinander reden, dass viele mit gesenkten Köpfen durchs Leben gehen, aber da geht sie gar nicht drauf ein.

Noch ein paar Wochen bis zur Rente. Dann ist das Kapitel beendet. Ich habe mir neuerdings angewöhnt, unbequeme Fragen zu stellen. Bis vielleicht einer mal von selber drauf kommt. Und weil die saublöde, aber total berechtigte Frage „Wo siehst du dich in 15 Jahren?“ hier fehl am Platz wäre, frage ich, was er jetzt anfängt mit dem Rest seines Lebens. Er sagt, er wird sich eine Fahrradroute zu meinem Wohnort raussuchen und darauf freue ich mich, auch wenn das nie die Antwort ist, die ich erwarte, und dann erzählt er mir bei einem Stück Rhabarber-Streuselkuchen von den Situationen, in denen seine Unverfrorenheit ihm Steine in den Weg gelegt hat und ich sehe viel von mir in ihm.

Das Tierdokumentationen schauen. Auf dem Globus nach kleinen Inseln suchen. Der Jähzorn. Der kautzige Humor. Die Müdigkeit. Der Idealismus. Die Introvertiertheit, die immer dann jäh unterbrochen wird, wenn er sich wirklich für etwas interessiert.

Die Trampelpfade, das Potenzial, das immer wieder zuwächst, wenn man nicht die Kraft hat, daraus eine Angewohnheit zu machen. Dieses große Herz und die große Wut, die doch irgendwas bewirken müssen.

Abends eskaliere ich nicht, es gibt kaum nackte Busen und Schnaps-Fontänen oder Discomusik und zuckende Leiber, kein Whirlpool, kein Konfetti, kein Schokobrunnen. Dafür lese ich mit großer Leidensfähigkeit Informationen über Rangdynamiken und den Zeit-Artikel über den Cum-Ex-Skandal und wundere mich über das Leben und die saudämlichen Menschen darin und ich setze ein paar Songs aus dem neuen Rancid-Album auf die Liste der besten Lieder des Jahres 2017.

Vor ein paar Wochen habe ich ein Interview mit Brené Brown gesehen, in dem sie davon erzählt, dass sich in ihrem Geldbeutel ein sehr sehr kleiner Zettel befindet mit den Namen der Menschen, deren Meinung ihr wirklich etwas bedeutet. Es ist ein gutes Zeichen, wenn man auf Anhieb ein oder zwei Namen aufzählen kann. Es ist auch gut, wenn trotzdem nicht zu viele Namen auf so einem Zettel stehen.

Es ist wichtig, dass man versteht, dass das nicht die Liste mit den Leuten ist, denen man alle Liebe dieser Welt, Gesundheit, Erfolg und Seelenfrieden wünscht. Ich werde also keinen verdammten DIN A4 Zettel mit achtzig Namen in meinem Geldbeutel mit mir herum schleppen.

Als ich dann am selben Abend überlegt habe, wer auf meiner Liste stehen würde, war das eine echte Herausforderung für mich. Es war mir nicht möglich, diese Liste zu machen, obwohl ich die Idee dahinter so sinnvoll und wichtig finde. Ich kam auf drei oder vier Namen, begann dann zu grübeln, war mir unsicher, stellte das Universum in Frage, am Ende standen acht Namen auf der Liste und ich hatte immer noch das Gefühl, jemanden vergessen zu haben. Jemanden nicht genug zu würdigen.

Eben habe ich die Liste ein zweites Mal gemacht. Es fiel mir leichter. Die Liste selbst ist leichter geworden. Einige Namen werden wahrscheinlich nicht für immer darauf stehen. Das nennt man Leben. Und wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat, dass man heute Gott sei Dank nicht derselbe Mensch ist wie vor zehn Jahren, dann ist das gar nicht so schlimm.

Nachgefragt #2

Gibt es Brieffreundschaften noch? Warum hab ich die Idee, grundsätzlich zu „Heaven is a place on earth“ mit einem Taschenventilator in der Hand Bürogebäude zu betreten, noch kein einziges Mal in die Tat umgesetzt? Bist du die Ursache oder das Symptom oder vielleicht sogar beides? Werden die Darsteller ausgewechselt, während sich Geschichten wiederholen und kann man den Text von damals noch auswendig aufsagen?

Ist man erwachsen, wenn man von lieblichen auf halbtrockenen Weißwein umsteigt? Was bedeutet Erwachsensein überhaupt? Hat es was mit Heckenschneiden zu tun? Mit Formularen, die man ausfüllen muss? Mit unschönen Machtspielen zwischen rationalen und irrationalen Vorstellungen vom Leben? Warum verstehen viele angeblich so intelligente Menschen nicht den Unterschied zwischen Verbindlichkeiten und Vermögenswerten? Ist es schon zu spät für vernünftige Sparpläne? Wie fließend verlaufen die Grenzen zwischen Burn Out und Charakterschwäche? Können Pflanzen Leben retten? Was ist denn eigentlich gegen Spaziergänge einzuwenden?

Wie viel Gutes steckt in dem Wort Ent-Täuschung?

Darf man Jahre später drauf zurück kommen? Können wir uns darauf einigen, dass man von jedem einzelnen Menschen irgendetwas lernen kann? Wo kommt man raus, wenn man alles hinterfragt? Bei sich selbst? Muss uns das Sorgen machen? Warum bedecken wir nicht einfach alles mit Mango-Chutney? Warum verpflichtet niemand Männer zum Bart-Tragen? Was muss ich heute tun, welche Entscheidungen treffen, welche Pläne in die Tat umsetzen, um irgendwann auch nur annähernd so cool zu sein wie Helen Mirren?

Was würde Axel F. tun? Wer trägt die Verantwortung? Wer räumt den Müll weg? Ist das System Schuld oder der einzelne oder läuft es am Ende auf beides hinaus?

Wenn du die Welt plötzlich mit anderen Augen betrachtest, kneifst du sie dann zusammen oder reißt du sie weit auf oder besorgst du dir Augentropfen oder eine neue Brille oder wünscht dir deine alten Augen zurück?

Endet dein Körper da wo man sieht dass er endet oder endet er ein paar Zentimeter weiter vorn und lehnt sich manchmal im toten Winkel an den Körper eines anderen?

Herzlich Willkommen bei Mc Donalds, Ihre Bestellung bitte!

Manchmal, wenn es schnell gehen muss, gibt es bei uns Hühnernudeltopf von Erasco. Oder Hawaii-Toast. Ich bin Fan von Hawaii-Toast, denn er ist schnell zubereitet und die Ananas hat auf mich eine beruhigende Wirkung. “Seht her!” lautet die Botschaft “Es gibt jetzt Ananas, ich stehe kurz vor einer Saftkur, ich hab noch nicht die Kontrolle über mein Leben verloren!”

Leider hält die beruhigende Wirkung nicht besonders lange an. Man ist ja nicht dumm, man kriegt ja so allerhand mit. Kohlenhydrate soll man abends nicht mehr essen, Ananas aus der Dose ist ein Scherz, das Gluten im Toast wird meinen Stoffwechsel verwüsten, der Käse stammt aus dem Reagenzglas und wird meine Magenschleimhaut verätzen und an die ganzen Schweine, die jeden Tag lieblos zu runden Fleischhaufenresten zusammengepresst werden, will ich gar nicht erst denken.

Vor ein paar Monaten hat die WHO dann auch zu allem Überfluss noch herausgefunden, dass Fleisch ab einer gewissen Menge lebensgefährlich sein kann. Es ist leicht, sich heutzutage schlecht zu ernähren. Kurz nicht aufgepasst und schon richtet man mit einem unbedacht zubereiteten Nudelauflauf seinen Körper zugrunde.

Schon morgens bei der allerersten Mahlzeit des Tages kann man eine Menge falsch machen. Erinnert sich noch jemand an Nutellabrote und Trinkpäckchen? Grundnahrungsmittel jedes Grundschulkindes. War das nicht eine wunderschöne Zeit? Leben am Limit, wir hätten jederzeit an Skorbut sterben können. Das ist lange her, Helmut Kohl war noch Kanzler, dieser dicke Mann mit der lustigen Stimme. Man wurde älter, ging zu Müsli über, griff schließlich zu Obstsalat, bis die Fruktose uns ein Loch in den Bauch ätzte.

Einer der Gründe, weshalb ich die 90er manchmal ein bisschen vermisse, ist, dass man damals weniger mit Ernährungsempfehlungen bombardiert wurde. Wir kannten die Grundlagen, Avocados waren uns scheißegal, wir hatten ja nicht mal einen Busen, wir wussten nur: Chips sind ungesund. Tütensuppe ist ungesund. Cola ist ungesund.

Zehn Überraschungseier kaufen, die Schokolade aufessen und sich dann darüber aufregen, dass in keinem einzigen Ei ein Happy Hippo ist – auch ungesund (Die Geschichte habe ich mir ausgedacht. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, jemals an einem schönen warmen Sommertag all diese Überraschungseier bei Edeka Buckert in Schmittlotheim gekauft und sie dann 50 Meter weiter auf einer Bank in der Frankenauer Straße alle ausgepackt und aufgegessen zu haben).

Theoretisch würde es ausreichen, sich an die Grundlagen von damals zu halten. E-Nummern meiden. Die uralte Angst vor dem Frühstücksei überwinden. Weniger Alkohol trinken, dafür mehr Wasser. Aber das ist gar nicht so einfach, wenn man tausend andere Dinge im Kopf hat, von denen man glaubt, dass sie irgendwie wichtiger sind.

Viele sagen, dass der Körper weiß, was er benötigt. Der Körper spürt instinktiv, woran es ihm gerade mangelt und sendet dann dementsprechend Signale aus, man bekommt dann beispielsweise Hunger auf Nahrungsmittel, in denen viel Eisen oder Magnesium steckt oder die besonders eiweißreich sind. Ein schöner, ein tröstlicher Gedanke.

Mein Körper lässt sich darauf allerdings bisher noch nicht ein. Er funktioniert da irgendwie anders. Irgendwie… ich weiß nicht… weniger komplex. Er steigt morgens aus dem Bett und trifft dann einfach irgendeine Entscheidung: Franziska, heute brauchen wir keine Nährstoffe, heute brauchen wir Liebe, es gibt Pizza. Und dann lässt er sich in den nächsten zwölf Stunden auch nicht mehr umstimmen.

 

via GIPHY

Manchmal würde ich gerne jede Ernährungsempfehlung, die mir irgendwo begegnet, ignorieren und trotzig auf irgendeinen Balkon steigen und rufen: „Völker dieser Erde, hört mich an! Selbst die geilste Avocado kann uns nicht unsterblich machen! Wir werden alle sterben! Auch Ray Kurzweil wird irgendwann mal sterben! Jeder von uns steht früher oder später da oben an der Pforte!“(Und freut sich darüber, dass irgendwann Morgan Freeman in einem Golfmobil vorgefahren kommt und uns zur Begrüßung einen weißen Trainingsanzug überreicht.

„Ich verwalte das ganze hier.“ wird Morgan Freeman sagen.
„Gott sei Dank!“ werden wir antworten.

Dann würde ich vom Balkon aus Pommes in die Menge werfen. Die geriffelten. Aber ich tu es nicht. Weil ich weiß, dass es sich lohnt, wenn man sich manchmal zusammen reißt. Also reiße ich mich manchmal zusammen. Und manchmal eben nicht. Manchmal feiere ich Erfolge, die gar keine sind. Zum Beispiel „5 Tage vegetarische Ernährung!“  Oder wenn ich es geschafft habe, drei Tage in Folge zu frühstücken. Das ist für jemanden, dessen wichtige Körperfunktionen erst gegen zehn Uhr morgens abrufbar sind, eine tolle Leistung. Aber ich gebe nicht auf. Trinke seit zwanzig Jahren keinen Zucker mehr im Tee, haben einen Ekel vor Nougatschokolade entwickelt und trinke höchstens einen Liter Cola im Monat. Und diesen Text wollte ich unbedingt veröffentlichen, auch wenn er schon etwas älter ist, immer in den Entwürfen lag und sich schon Schimmel darauf zu bilden begann.

Ihr dürft mir sehr gern verraten, wie ihr es geschafft habt, vom Morgenmuffel zum Frühaufsteher zu werden. Und vom 1. Vorsitzenden des Kohlehydrate-Fanclubs zum stillen Beisitzer.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Wo lebst du denn?!!

In dem sehr empfehlenswerten Film „The Departed“ sagt Mafiaboss Frank Costello, gespielt von Jack Nicholson, ganz am Anfang einen sehr schönen Satz: I don’t want to be a product of my environment. I want my environment to be a product of me.

Nun ist dieser Mensch in dem Film nicht gerade ein Vorbild für gutes Benehmen, aber unabhängig davon können wir uns diesen schlauen Satz trotzdem mal etwas näher anschauen. Dahinter verbirgt sich nämlich etwas, was vielen von uns manchmal vorgeworfen wird.

Als Kind und Jugendliche war es mir oft eine Freude, Erwachsenengespräche zu verfolgen. Ich saß versunken auf dem Sofa, nippte am Kakao und lauschte. Hin und wieder unterhielten sich die vernünftigen, großen Leute über andere mir fremde Personen – den Freund von einer Freundin oder die Tante XYZ oder die neuen Nachbarn – und in ihren Worten klang immer ein bisschen Geringschätzung mit, wenn sie den Satz sagten, um den es mir geht: „Der lebt halt in seiner eigenen Welt.“

Man spürte, derjenige wurde toleriert, neugierig beäugt, oft höflich auf Abstand gehalten. Oft ging es um unausgesprochene Regeln, die derjenige nicht rigoros einhielt, um Konventionen, mit denen gebrochen wurde, um „so Künstlertypen“, die irgendwie anders waren.

Dass man dieses „so Künstlertypen“ negativ meinen kann, habe ich nie verstanden, aber häufig beobachtet. Und wir sprechen hier nicht von Leuten, die den ganzen Tag barfuß durchs Dorf laufen, gedankenversunken unter einer Weide sitzend Wolkenformationen beobachten oder zuhause einen Hildegard-Orgon-Akkumulator neben ihrer Spüle stehen haben. Wir reden hier von Menschen, denen einfach nur nicht so schnell langweilig wird. Die etwas mit sich anzufangen wissen und vielleicht ein bisschen idealistischer sind als andere.

Dass neben den kautzigen „Künstertypen“ auch der Satz „Du lebst in deiner eigenen Welt“ von vielen nicht als Kompliment gemeint ist, verstehe ich noch weniger.

Wo wollen wir denn sonst leben, wenn nicht in unserer eigenen Welt? Warum ist „Du lebst in deiner eigenen Welt“ nicht ganz offiziell eines der schönsten Komplimente, die man einem anderen Menschen machen kann? Sind Leute, die nach ihren eigenen Maßstäben leben, nicht eine Wohltat? 

Sollen wir uns stattdessen in der Welt einer anderen Person einrichten, ihr vielleicht auch noch die volle Verantwortung für unser Leben geben?Stehe ich dann jeden Morgen auf und warte darauf, dass mich jemand unterhält, Tri-tra-trullalla, mir jemand eine Liste mit Dingen in die Hand drückt, die mir an diesem Tag wichtig sein müssen, um die ich mich kümmern muss, auf die ich mich freuen kann? Werde ich dann motzig, wenn Wochenende ist, und mir das Programm nicht gefällt, um das ein anderer sich bereitwillig gekümmert hat, weil sich nämlich immer irgendeiner um das Programm der ganzen Schlaf wandelnden Bevölkerung kümmert?

In seiner eigenen Welt leben – das ist eine gute Sache. Nicht pausenlos, nicht unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf Verluste, aber so oft wie möglich, immer mal wieder, mit kleinen Unterbrechungen. Es soll nicht in puren Egoismus enden, einfach nur in Verantwortung. Für das eigene Leben, die eigene Lernkurve, das eigene Umfeld.

Auch auf die Gefahr hin, dass man ab und zu ein paar bescheuerte Fragen beantworten muss. Vor ein paar Jahren wollte mal jemand von mir wissen, ob ich denn mein erstes Buch „Die wunderbare Welt der Franzi“ nennen werde. DIE WUNDERBARE WELT DER FRANZI. WAS ZUM GEIER?!!!

Ich lächelte verhalten und dachte: Du blödes Arschloch. Die Frage klang wie ein Angriff, wie ein Vorwurf, mein Gehirn übersetzte das ganze mit „Warum bist du eigentlich so sonderbar?“ Warum bist du so eine trübe Tasse, warum schreibst und liest du so viel, warum sieht man dir den Zweifel manchmal an, warum bist du so eine verdammt schlechte Schauspielerin?

Warum gerätst du manchmal ins Stocken? Warum lebst du in deiner eigenen Welt? Weil es vielleicht mein gutes Recht ist.

Solange ich das Gartentürchen nicht verschließe, solange man mich auf der Straßenkarte findet, solange ich Empfang habe und nicht auf Durchzug schalte – solange möchte ich hin und wieder in meiner eigenen Welt leben. Wo es Hausschuhe in meiner Größe gibt, wo man mich empfängt mit den Worten „Schön, dass du zurück bist. Verschwende keine Zeit mehr!“ Denn das tut man zwangsläufig, in der vollkommen anderen Welt von vollkommen anderen Menschen – man verschwendet seine Zeit.

Schon allein das Suchen und Finden von richtigen Worten ist eine Verschwendung an Zeit, selbst wenn es ab und zu sehr viel Spaß macht. Wenn man also schon keinen Dauerurlaub auf der eigenen kleinen Insel machen kann, dann ist es gut, wenigstens einen Rückzugsort zu haben, an den man immer wieder zurück kehren kann. Ich kann das eigene Gehirn als gelegentlichen Rückzugsort oder Zweitwohnsitz wirklich sehr empfehlen.

Und um die Frage zu beantworten. Nein, wahrscheinlich würde ich mein erstes Buch nicht mit „Die wunderbare Welt der Franzi“ betiteln. Meine Welt ist nicht wunderbar. WAS IST DAS FÜR EIN BESCHEUERTES ADJEKTIV?!! Meine Welt ist großartig und manchmal traurig und oft mehr oder weniger unfreiwillig komisch.

Ich möchte diesen Text mit einem beleidigenden Zitat beenden, das mir vor einer Weile irgendwo im Internet begegnet ist und das meiner Meinung nach viel damit zu tun hat, ob man – wie eingangs erwähnt –  jemand ist, der ein Produkt seiner Umwelt ist oder umgekehrt:

„You´re not bored. You´re just so stupid
that your brain is unable to entertain itself.“

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Babies, Bier und Besenschränke

Wir ziehen zum Beispiel wegen der Geschirrspülmaschine und der insgesamt viel größeren Küche um. Das klingt nicht visionär, aber das ist auch gar nicht meine Absicht.

Die Geschirrspülmaschine haben wir momentan nicht, weil die aktuelle Küche zu klein ist. Die Küche ist grün und bis vor Kurzem hingen als Ausgleich noch Fotos von Betrunkenen an den Schranktüren. Wir ziehen auch wegen 40 qm² mehr um, wegen der guten Lage und um Zeit zu sparen. Außerdem befindet sich in der neuen Küche ein Besenschrank, was mich aus ganz praktischen Gründen vollkommen begeistert, obwohl ich kein durchgeknallter Putzteufel bin, der den ganzen Tag aromatische Dämpfe einatmet und mit dem Jemako-Mopp völlig beseelt durch die Wohnung fegt.

Das sind alles ziemlich banale Gründe – wie gesagt, ich bin nicht der wiederauferstandene Steve Jobs – die am Ende allerdings helfen eine klare Antwort zu formulieren zu der Frage wie man leben möchte. Und was einem wichtig ist. Und wie viel Affentheater man um sich herum haben muss, um sich halbwegs lebendig zu fühlen.

Nun haben wir allerdings zwei Dinge nicht bedacht. Vielleicht, weil sie für uns überhaupt keine Rolle spielen. Das wäre das Naheliegendste. Vielleicht aber auch, weil wir total verantwortungslos sind. Oder egoistisch. Oder hinterwäldlerisch. Oder was auch immer.

Nummer Eins: In unserem neuen Wohnort gibt es nur eine handvoll Kneipen, Imbissbuden und Restaurants. Ich rede nicht von einem Viertel, sondern von dem gesamten Ort, wir sind ja hier in der Provinz. Das bedeutet, wenn man ein Bier trinken möchte, alleine oder im Beisein anderer Leute, dann muss man der Abwechslung halber manchmal auf den eigenen Balkon oder das eigene Sofa ausweichen. Grauenvoll, ich weiß.

Schicke Läden mit geschmackvoller Damenoberbekleidung gibt es übrigens auch nicht, ebenso wenig wie eine gigantische Auswahl an Flohmärkten, und die meisten Straßen dort haben nicht mal einen eigenen verdammten Straßenmusiker. Einmal im Jahr wird Karneval gefeiert, dann passiert lange Zeit nichts, wirklich überhaupt nichts, was sollte auch passieren, außer dass dann wieder Karneval gefeiert wird.

Supermärkte gibt es, das ist wichtig, wegen der Milch und den Eiern, aber keinen einzigen Coworking-Space. Und weil es keinen Coworking-Space gibt, kann es schräg gegenüber auch keinen Laden geben, der Flip-Flops verkauft. Eine Universität gibt es übrigens auch nicht. Ebenso wenig einen botanischen Garten. Oder ein schwarzes Brett für illegale Autorennen.

Ein spontaner Umzug, einfach so, ohne auf dieses ganze Gedöns Rücksicht zu nehmen, einfach weil man pragmatisch und flexibel ist, nicht wegen Schimmel oder der Schwiegermutter – das hat einigen Reaktionen unserer Mitmenschen zufolge etwas verstörendes, auch wenn es nur 20 Kilometer sind. Vielleicht vermuten viele dahinter etwas Weltbewegendes, etwas Großes, etwas was angeblich früher oder später bei jedem erwachsenen Menschen ein Thema ist. Das bringt mich zu Punkt 2.

Verrückt wie wir sind, möchten der Lieblingsmensch und ich die zwei extra Zimmer nämlich für etwas nutzen, was für viele einen Akt der Rebellion darstellt und offenbar überhaupt keinen Sinn ergibt und überhaupt total verantwortungslos ist. Jeder von uns bekommt einen eigenen Hobbyraum.

Der Mann kann den ganzen Tag seinen 120 Kilogramm schweren Fotorucksack in seinem Zimmer entleeren und wieder einräumen. Oder seinen Millennium-Falken vom Staub befreien. Oder einen Fanbrief an Horst Lüning verfassen. Und ich kann in meinem Zimmer den ganzen Tag lang irgendwelche Kringel in irgendwelche leeren Notizhefte malen, eine poetische Wutrede schreiben, tanzen, meditieren und irgendetwas zelebrieren.

Ihr habt bemerkt, das Wort „Baby“ kam in meiner blumigen Aufzählung nicht vor. Und das ist eine Frechheit. Nicht für mich, für andere.

Für andere ist es nämlich nicht nachvollziehbar, dass wir in eine größere Wohnung ziehen, ohne dabei automatisch an Nachwuchs zu denken. Ich bin damit sowas wie eine Frau, die ihre natürliche Fürsorgepflicht missachtet.

Und mit den Vorwürfen – den verborgenen und den offen ausgesprochenen – käme ich zurecht. Das betrifft nur mich und den Tag, der durch eine unbedachte Bemerkung vielleicht ein kleines bisschen nassgeregnet wird. Ich überlebe es zähneknirschend, jedes Mal, vielleicht mit ein bisschen weniger Respekt denjenigen Leuten gegenüber, die anderen unbedacht und manchmal sogar unbeabsichtigt ihr eigenes Lebensmodell überstülpen wollen, und deren Toleranz ohne Frage grenzenlos ist, es sei denn es geht um die Gebärmutter anderer Leute.

Was mich wirklich beschäftigt und mir Sorge bereitet, ist die Frage, wieviele Frauen da draußen nach einer bestimmten Anzahl der immer gleichen Fragen irgendwann aufwachen und das Gefühl nicht mehr loswerden, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Die Gewissheit, dass da draußen eine vielleicht gar nicht so unbedeutende Menge an Personen herumläuft, die sich überhaupt nicht mehr daran erinnern können, wann sie zuletzt eine wichtige Entscheidung vollkommen freiwillig getroffen haben.

Was ich sagen will ist: Verantwortung beginnt nicht erst in dem Moment, in dem man für einen kleinen Menschen sorgen muss. Man hat schon eine ganze Weile früher Verantwortung, und zwar für sich selbst, und das Mindeste was man tun kann, ist ab und zu mal den eigenen Wunschzettel zur Hand zu nehmen, zu aktualisieren und zu wissen, dass andere vielleicht darauf herum geschmiert haben.

Und bitte versteht mich jetzt nicht absichtlich falsch: Ich habe kleine Menschen sehr gerne, meine Meinung ist nicht in Stein gemeißelt und ich möchte keine Werbung machen für eine Gesellschaft, in der es in hundert Jahren keinen Zusammenhalt mehr gibt, dafür aber viele verantwortungslose Individuen, die sich alle für etwas ganze Besonderes halten.

Ich möchte nur einfach jetzt in diesem Moment kein Baby bekommen. Und ich möchte mein Glück auch nicht von der Anzahl der Zapfhähne abhängig machen, die im Umkreis von 500 Metern rund um mein neues Zuhause zu finden sind.

Ich bin mein eigener Zapfhahn, seht es als Metapher. Und nächste Woche schreibe ich dann einen Text über das größte Kompliment, das man einem Menschen machen kann, ohne überhaupt daran zu denken, dass es ein Kompliment sein könnte.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Zwischen den Jahren – ein Rückblick und Ausblick

Seit Jahren beobachte ich an mir zwischen Weihnachten und Silvester ein lästiges Phänomen. Während um mich herum alle entweder betrunken und vollgefressen sind oder den unmenschlichen Stress der Feiertage in einem Wellness-Resort verarbeiten, liege ich in eine Decke gewickelt irgendwo in der Wohnung herum, grüble, seufze und ernähre mich grenzwertig. Schlafanzugtag, nenne ich das liebevoll. Gemeint ist eigentlich: Schlafanzugwoche.

Schlafanzugtage

Anstatt bei ersten Anflügen von Weltschmerz entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen – nämlich einen gemütlichen Spaziergang zu machen, einen motivierenden Song von Destiny´s Child zu hören oder mir wenigstens bei geöffnetem Küchenfenster einen Obstsalat zuzubereiten – tue ich rein gar nichts und bilde mir ein, dass ich mir diese an ein Koma grenzende Entspannung jetzt durchaus mal gönnen kann.

Schlafanzugtage beginnen schleichend und zunächst vollkommen harmlos. Am 27. Dezember geht man im Schlafanzug an die gelbe Tonne und denkt sich erstmal nichts. Vielleicht sehen es die Nachbarn, vielleicht sieht es nur die Katze, was soll´s? Am 28. Dezember fährt man im Schlafanzug zu McDrive. Am 29. Dezember steht man im Schlafanzug an der Packstation (Ihre Amazon-Bestellung von COACH DICH SELBST SONST COACHT DICH KEINER liegt in der Packstation und kann abgeholt werden.) Am 30. Dezember will man nur mal schnell im Schlafanzug ein bisschen Geld am Bankautomaten abheben und am 31. Dezember ist man Gast auf einer Pyjamaparty, die in Wirklichkeit nie eine sein sollte.

Im letzten Jahr bin ich mit vier großartigen Menschen und einem Weltklassehund in eine Hütte nach Österreich geflüchtet. Das war schön. In diesem Jahr habe ich zwischen Weihnachten und Silvester freiwillig zwei Tage gearbeitet, war einmal im Kino und hatte einen vergnügten Weinabend. Außerdem habe ich mich heute eine ganze Stunde lang in unterschiedlichen Supermärkten aufgehalten, um meinen Adrenalinausstoß zu fördern und um morgen, am letzten Tag des Jahres, von mir sagen zu können, dass ich ein zivilisierter Mensch bin. Die Schlafanzugtage sind also Vergangenheit. Fürs Erste.

Lehrstunden

Das Jahr 2016 war ein gutes Jahr, nicht weil es mir besonders gut ging in diesem Jahr, sondern weil ich nun bis auf vier oder fünf Stellen hinter´m Komma weiß, warum es mir immer wieder so schlecht geht. Es hat mir gezeigt, dass es mir auf hohem Niveau schlecht geht. Ich habe in diesem Jahr gelernt, dass man mir nicht ansieht, in welchen Momenten ich deutlich mehr und auch deutlich weniger leistungsfähig bin als der angebliche Durchschnittsmensch, von dem man immer wieder so viel hört, dem ich aber noch nie begegnet bin.

Ich habe gelernt, dass ich diese Momente, diese Freiheit nicht geschenkt bekomme, solange ich nicht darüber spreche, mit möglichst ruhiger und fester Stimme, und solange ich nicht das Risiko eingehe, mich unbeliebt zu machen. Ich habe gelernt, dass es Auswirkungen hat – negative, psychische, physische – wenn man fünfmal „Ja“ sagt und erst beim sechsten Mal „nein“, weil in mir offenbar doch mehr von einem harmoniesüchtigen Perwoll-Mädchen steckt als ich wahrhaben möchte.

Das Jahr 2016 war ein gutes Jahr, weil es mir zweimal gezeigt hat, dass ich im entscheidenden Moment instinktiv das Richtige tue. Ich habe ein paar gute Orte besucht (aber ich war nur zwei Minuten in der Jazzbar, weil ich keinen Familienstreit auslösen wollte) und gute Gespräche geführt (die man nur jedem wünschen kann) und gute Menschen kennen gelernt und ich hatte Angst um andere gute Menschen, die habe ich immer noch, aber man lernt damit zu leben, und das ist noch etwas, was ich in diesem Jahr gelernt habe. Man lernt zu leben mit negativen Gefühlen wie Bedauern, Trauer und Angst, vorausgesetzt man redet darüber. Das ist etwas, was ich euch allen ans Herz legen möchte.

Schämt euch nicht immer so. Redet darüber. Einer wird euch dann ein bisschen bedauern für euer mangelndes Dies und euer fehlerbehaftetes Das, dafür dürft ihr denjenigen dann auch ein bisschen bedauern. Die anderen nehmen euch später in einer ruhigen Minute beiseite und bedanken sich. Von Herzen.

Zukunftsmusik

Spotify sagt, dass meine zwei meist gehörten Songs im Jahr 2016 von The Baboon Show („Class War“) und Justin Bieber („Sorry“) sind, eine schöne Zusammenfassung meiner beiden liebsten Aggregatzustände. Der Gastroenterologe sagt, es ist das Roemheld Syndrom. Und Max Goldt sagt in einem Interview mit der Zeit, dass seine Schreibblockade eigentlich eine Angststörung ist, eine Angst vor dem Scheitern und vor der Mühe, weil die sich nicht lohnen könnte. Vielleicht ist das die einzige Angst, die nicht weniger wird, mit der man nicht automatisch besser umgehen kann, nur weil man mal mit irgendwem drüber redet. Weil es ein Luxusproblem ist.

Das nächste Jahr wird spannend. Ich werde das Pflaster auf meiner Laptop-Kamera kleben lassen aus Furcht vor einer möglichen E-mail von einem NSA-Mitarbeiter („Hallo Franziska, ich arbeite bei der NSA und soll eigentlich die Russen beobachten. Ich bin vor drei Monaten aus Versehen bei dir gelandet. Wo hast du gelernt, so fantastisch zu tanzen, ohne vom Stuhl aufzustehen? Deine Spotify-Playlists sind einwandfrei, lass uns auch auf Instagram enge Freunde sein. Alles Gute, dein Kirk“).

Ich werde versuchen weniger Kaffee zu trinken. Ich freue mich auf eine neue Wohnung, neue Rituale, neue Herausforderungen und einen Staubsauger-Roboter. Ich freue mich auf Hochzeitspartys, auf weniger Schischi und auf mein eigenes kleines Zimmer, in dem ich Listen abhaken, schreiben, einen Boxsack aufhängen und meditieren kann, wie so eine in den 80er Jahren geborene total verwöhnte Oberlusche.

Und eventuell finde ich sogar auch endlich Zeit und Gelegenheit für mein „Going loco down in Acapulco“-Tattoo. (Es ist sehr wichtig, dass das Tattoo zum Träger passt. Noch Fragen?) Ich wünsche uns allen ein bisschen mehr Frieden im Jahr 2017. Im Drinnen und im Draußen. Ich wünsche uns Brausebonbons und Schnürsenkel, die nie aufgehen. Ich wünsche uns gute Musik und Mut und dass wir sowohl Lehrer als auch Schüler sein dürfen. Ich wünsche uns, dass wir nicht verblöden. Ich gehe jetzt ins Bett. Heute Abend gibt es Pizza-Raclette.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska