Begegnungen mit Menschen, von denen einige mir egal sind

Nach zwei Minuten im Auto führe ich das erste Gespräch des Abends, bei dem ich mir nicht wie ein geklontes Schaf vorkomme und auch wenn es dann am Ende nur eine Viertelstunde dauert, beweist es immerhin, dass die guten Gespräche mittlerweile viel zu oft nicht mehr da auftauchen, wo man sie vermutet.

Sie vertraut dem Internet nicht, sagt sie. Weil einem irgendwer immer irgendwas andrehen will. Sie kann es nicht benennen, sie benutzt nicht die Worte „Privatsphäre“ und „Datenschutz“ oder „Volksverblödung“ oder „Konsumzwang“. Nur von den Vitaminpillen erzählt sie, die ihre Schwester sich hat andrehen lassen, weil sie angeblich beim Abnehmen helfen. 60 Euro. So viel Geld. Es ist eine vage Angst, die eigentlich eher ältere Generationen befällt, nichts konkretes. Sie wüsste nicht, was sie machen soll, wenn sie online irgendetwas falsch macht.

Und ich denke mir, das geht uns doch allen so, dass wir nicht wissen, was wir machen sollen, das hat doch mit dem blöden Internet eigentlich gar nichts zu tun.

Wovor hat sie denn Angst? Es ist doch alles gut, man kann doch nicht vor allem Angst haben, was man nicht kennt. Ich sage, dass es mir auffällt, dass die Leute nicht mehr so viel miteinander reden, dass viele mit gesenkten Köpfen durchs Leben gehen, aber da geht sie gar nicht drauf ein.

Noch ein paar Wochen bis zur Rente. Dann ist das Kapitel beendet. Ich habe mir neuerdings angewöhnt, unbequeme Fragen zu stellen. Bis vielleicht einer mal von selber drauf kommt. Und weil die saublöde, aber total berechtigte Frage „Wo siehst du dich in 15 Jahren?“ hier fehl am Platz wäre, frage ich, was er jetzt anfängt mit dem Rest seines Lebens. Er sagt, er wird sich eine Fahrradroute zu meinem Wohnort raussuchen und darauf freue ich mich, auch wenn das nie die Antwort ist, die ich erwarte, und dann erzählt er mir bei einem Stück Rhabarber-Streuselkuchen von den Situationen, in denen seine Unverfrorenheit ihm Steine in den Weg gelegt hat und ich sehe viel von mir in ihm.

Das Tierdokumentationen schauen. Auf dem Globus nach kleinen Inseln suchen. Der Jähzorn. Der kautzige Humor. Die Müdigkeit. Der Idealismus. Die Introvertiertheit, die immer dann jäh unterbrochen wird, wenn er sich wirklich für etwas interessiert.

Die Trampelpfade, das Potenzial, das immer wieder zuwächst, wenn man nicht die Kraft hat, daraus eine Angewohnheit zu machen. Dieses große Herz und die große Wut, die doch irgendwas bewirken müssen.

Abends eskaliere ich nicht, es gibt kaum nackte Busen und Schnaps-Fontänen oder Discomusik und zuckende Leiber, kein Whirlpool, kein Konfetti, kein Schokobrunnen. Dafür lese ich mit großer Leidensfähigkeit Informationen über Rangdynamiken und den Zeit-Artikel über den Cum-Ex-Skandal und wundere mich über das Leben und die saudämlichen Menschen darin und ich setze ein paar Songs aus dem neuen Rancid-Album auf die Liste der besten Lieder des Jahres 2017.

Vor ein paar Wochen habe ich ein Interview mit Brené Brown gesehen, in dem sie davon erzählt, dass sich in ihrem Geldbeutel ein sehr sehr kleiner Zettel befindet mit den Namen der Menschen, deren Meinung ihr wirklich etwas bedeutet. Es ist ein gutes Zeichen, wenn man auf Anhieb ein oder zwei Namen aufzählen kann. Es ist auch gut, wenn trotzdem nicht zu viele Namen auf so einem Zettel stehen.

Es ist wichtig, dass man versteht, dass das nicht die Liste mit den Leuten ist, denen man alle Liebe dieser Welt, Gesundheit, Erfolg und Seelenfrieden wünscht. Ich werde also keinen verdammten DIN A4 Zettel mit achtzig Namen in meinem Geldbeutel mit mir herum schleppen.

Als ich dann am selben Abend überlegt habe, wer auf meiner Liste stehen würde, war das eine echte Herausforderung für mich. Es war mir nicht möglich, diese Liste zu machen, obwohl ich die Idee dahinter so sinnvoll und wichtig finde. Ich kam auf drei oder vier Namen, begann dann zu grübeln, war mir unsicher, stellte das Universum in Frage, am Ende standen acht Namen auf der Liste und ich hatte immer noch das Gefühl, jemanden vergessen zu haben. Jemanden nicht genug zu würdigen.

Eben habe ich die Liste ein zweites Mal gemacht. Es fiel mir leichter. Die Liste selbst ist leichter geworden. Einige Namen werden wahrscheinlich nicht für immer darauf stehen. Das nennt man Leben. Und wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat, dass man heute Gott sei Dank nicht derselbe Mensch ist wie vor zehn Jahren, dann ist das gar nicht so schlimm.

Nachgefragt #2

Gibt es Brieffreundschaften noch? Warum hab ich die Idee, grundsätzlich zu „Heaven is a place on earth“ mit einem Taschenventilator in der Hand Bürogebäude zu betreten, noch kein einziges Mal in die Tat umgesetzt? Bist du die Ursache oder das Symptom oder vielleicht sogar beides? Werden die Darsteller ausgewechselt, während sich Geschichten wiederholen und kann man den Text von damals noch auswendig aufsagen?

Ist man erwachsen, wenn man von lieblichen auf halbtrockenen Weißwein umsteigt? Was bedeutet Erwachsensein überhaupt? Hat es was mit Heckenschneiden zu tun? Mit Formularen, die man ausfüllen muss? Mit unschönen Machtspielen zwischen rationalen und irrationalen Vorstellungen vom Leben? Warum verstehen viele angeblich so intelligente Menschen nicht den Unterschied zwischen Verbindlichkeiten und Vermögenswerten? Ist es schon zu spät für vernünftige Sparpläne? Wie fließend verlaufen die Grenzen zwischen Burn Out und Charakterschwäche? Können Pflanzen Leben retten? Was ist denn eigentlich gegen Spaziergänge einzuwenden?

Wie viel Gutes steckt in dem Wort Ent-Täuschung?

Darf man Jahre später drauf zurück kommen? Können wir uns darauf einigen, dass man von jedem einzelnen Menschen irgendetwas lernen kann? Wo kommt man raus, wenn man alles hinterfragt? Bei sich selbst? Muss uns das Sorgen machen? Warum bedecken wir nicht einfach alles mit Mango-Chutney? Warum verpflichtet niemand Männer zum Bart-Tragen? Was muss ich heute tun, welche Entscheidungen treffen, welche Pläne in die Tat umsetzen, um irgendwann auch nur annähernd so cool zu sein wie Helen Mirren?

Was würde Axel F. tun? Wer trägt die Verantwortung? Wer räumt den Müll weg? Ist das System Schuld oder der einzelne oder läuft es am Ende auf beides hinaus?

Wenn du die Welt plötzlich mit anderen Augen betrachtest, kneifst du sie dann zusammen oder reißt du sie weit auf oder besorgst du dir Augentropfen oder eine neue Brille oder wünscht dir deine alten Augen zurück?

Endet dein Körper da wo man sieht dass er endet oder endet er ein paar Zentimeter weiter vorn und lehnt sich manchmal im toten Winkel an den Körper eines anderen?

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Manchmal, wenn es schnell gehen muss, gibt es bei uns Hühnernudeltopf von Erasco. Oder Hawaii-Toast. Ich bin Fan von Hawaii-Toast, denn er ist schnell zubereitet und die Ananas hat auf mich eine beruhigende Wirkung. “Seht her!” lautet die Botschaft “Es gibt jetzt Ananas, ich stehe kurz vor einer Saftkur, ich hab noch nicht die Kontrolle über mein Leben verloren!”

Leider hält die beruhigende Wirkung nicht besonders lange an. Man ist ja nicht dumm, man kriegt ja so allerhand mit. Kohlenhydrate soll man abends nicht mehr essen, Ananas aus der Dose ist ein Scherz, das Gluten im Toast wird meinen Stoffwechsel verwüsten, der Käse stammt aus dem Reagenzglas und wird meine Magenschleimhaut verätzen und an die ganzen Schweine, die jeden Tag lieblos zu runden Fleischhaufenresten zusammengepresst werden, will ich gar nicht erst denken.

Vor ein paar Monaten hat die WHO dann auch zu allem Überfluss noch herausgefunden, dass Fleisch ab einer gewissen Menge lebensgefährlich sein kann. Es ist leicht, sich heutzutage schlecht zu ernähren. Kurz nicht aufgepasst und schon richtet man mit einem unbedacht zubereiteten Nudelauflauf seinen Körper zugrunde.

Schon morgens bei der allerersten Mahlzeit des Tages kann man eine Menge falsch machen. Erinnert sich noch jemand an Nutellabrote und Trinkpäckchen? Grundnahrungsmittel jedes Grundschulkindes. War das nicht eine wunderschöne Zeit? Leben am Limit, wir hätten jederzeit an Skorbut sterben können. Das ist lange her, Helmut Kohl war noch Kanzler, dieser dicke Mann mit der lustigen Stimme. Man wurde älter, ging zu Müsli über, griff schließlich zu Obstsalat, bis die Fruktose uns ein Loch in den Bauch ätzte.

Einer der Gründe, weshalb ich die 90er manchmal ein bisschen vermisse, ist, dass man damals weniger mit Ernährungsempfehlungen bombardiert wurde. Wir kannten die Grundlagen, Avocados waren uns scheißegal, wir hatten ja nicht mal einen Busen, wir wussten nur: Chips sind ungesund. Tütensuppe ist ungesund. Cola ist ungesund.

Zehn Überraschungseier kaufen, die Schokolade aufessen und sich dann darüber aufregen, dass in keinem einzigen Ei ein Happy Hippo ist – auch ungesund (Die Geschichte habe ich mir ausgedacht. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, jemals an einem schönen warmen Sommertag all diese Überraschungseier bei Edeka Buckert in Schmittlotheim gekauft und sie dann 50 Meter weiter auf einer Bank in der Frankenauer Straße alle ausgepackt und aufgegessen zu haben).

Theoretisch würde es ausreichen, sich an die Grundlagen von damals zu halten. E-Nummern meiden. Die uralte Angst vor dem Frühstücksei überwinden. Weniger Alkohol trinken, dafür mehr Wasser. Aber das ist gar nicht so einfach, wenn man tausend andere Dinge im Kopf hat, von denen man glaubt, dass sie irgendwie wichtiger sind.

Viele sagen, dass der Körper weiß, was er benötigt. Der Körper spürt instinktiv, woran es ihm gerade mangelt und sendet dann dementsprechend Signale aus, man bekommt dann beispielsweise Hunger auf Nahrungsmittel, in denen viel Eisen oder Magnesium steckt oder die besonders eiweißreich sind. Ein schöner, ein tröstlicher Gedanke.

Mein Körper lässt sich darauf allerdings bisher noch nicht ein. Er funktioniert da irgendwie anders. Irgendwie… ich weiß nicht… weniger komplex. Er steigt morgens aus dem Bett und trifft dann einfach irgendeine Entscheidung: Franziska, heute brauchen wir keine Nährstoffe, heute brauchen wir Liebe, es gibt Pizza. Und dann lässt er sich in den nächsten zwölf Stunden auch nicht mehr umstimmen.

 

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Manchmal würde ich gerne jede Ernährungsempfehlung, die mir irgendwo begegnet, ignorieren und trotzig auf irgendeinen Balkon steigen und rufen: „Völker dieser Erde, hört mich an! Selbst die geilste Avocado kann uns nicht unsterblich machen! Wir werden alle sterben! Auch Ray Kurzweil wird irgendwann mal sterben! Jeder von uns steht früher oder später da oben an der Pforte!“(Und freut sich darüber, dass irgendwann Morgan Freeman in einem Golfmobil vorgefahren kommt und uns zur Begrüßung einen weißen Trainingsanzug überreicht.

„Ich verwalte das ganze hier.“ wird Morgan Freeman sagen.
„Gott sei Dank!“ werden wir antworten.

Dann würde ich vom Balkon aus Pommes in die Menge werfen. Die geriffelten. Aber ich tu es nicht. Weil ich weiß, dass es sich lohnt, wenn man sich manchmal zusammen reißt. Also reiße ich mich manchmal zusammen. Und manchmal eben nicht. Manchmal feiere ich Erfolge, die gar keine sind. Zum Beispiel „5 Tage vegetarische Ernährung!“  Oder wenn ich es geschafft habe, drei Tage in Folge zu frühstücken. Das ist für jemanden, dessen wichtige Körperfunktionen erst gegen zehn Uhr morgens abrufbar sind, eine tolle Leistung. Aber ich gebe nicht auf. Trinke seit zwanzig Jahren keinen Zucker mehr im Tee, haben einen Ekel vor Nougatschokolade entwickelt und trinke höchstens einen Liter Cola im Monat. Und diesen Text wollte ich unbedingt veröffentlichen, auch wenn er schon etwas älter ist, immer in den Entwürfen lag und sich schon Schimmel darauf zu bilden begann.

Ihr dürft mir sehr gern verraten, wie ihr es geschafft habt, vom Morgenmuffel zum Frühaufsteher zu werden. Und vom 1. Vorsitzenden des Kohlehydrate-Fanclubs zum stillen Beisitzer.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Wo lebst du denn?!!

In dem sehr empfehlenswerten Film „The Departed“ sagt Mafiaboss Frank Costello, gespielt von Jack Nicholson, ganz am Anfang einen sehr schönen Satz: I don’t want to be a product of my environment. I want my environment to be a product of me.

Nun ist dieser Mensch in dem Film nicht gerade ein Vorbild für gutes Benehmen, aber unabhängig davon können wir uns diesen schlauen Satz trotzdem mal etwas näher anschauen. Dahinter verbirgt sich nämlich etwas, was vielen von uns manchmal vorgeworfen wird.

Als Kind und Jugendliche war es mir oft eine Freude, Erwachsenengespräche zu verfolgen. Ich saß versunken auf dem Sofa, nippte am Kakao und lauschte. Hin und wieder unterhielten sich die vernünftigen, großen Leute über andere mir fremde Personen – den Freund von einer Freundin oder die Tante XYZ oder die neuen Nachbarn – und in ihren Worten klang immer ein bisschen Geringschätzung mit, wenn sie den Satz sagten, um den es mir geht: „Der lebt halt in seiner eigenen Welt.“

Man spürte, derjenige wurde toleriert, neugierig beäugt, oft höflich auf Abstand gehalten. Oft ging es um unausgesprochene Regeln, die derjenige nicht rigoros einhielt, um Konventionen, mit denen gebrochen wurde, um „so Künstlertypen“, die irgendwie anders waren.

Dass man dieses „so Künstlertypen“ negativ meinen kann, habe ich nie verstanden, aber häufig beobachtet. Und wir sprechen hier nicht von Leuten, die den ganzen Tag barfuß durchs Dorf laufen, gedankenversunken unter einer Weide sitzend Wolkenformationen beobachten oder zuhause einen Hildegard-Orgon-Akkumulator neben ihrer Spüle stehen haben. Wir reden hier von Menschen, denen einfach nur nicht so schnell langweilig wird. Die etwas mit sich anzufangen wissen und vielleicht ein bisschen idealistischer sind als andere.

Dass neben den kautzigen „Künstertypen“ auch der Satz „Du lebst in deiner eigenen Welt“ von vielen nicht als Kompliment gemeint ist, verstehe ich noch weniger.

Wo wollen wir denn sonst leben, wenn nicht in unserer eigenen Welt? Warum ist „Du lebst in deiner eigenen Welt“ nicht ganz offiziell eines der schönsten Komplimente, die man einem anderen Menschen machen kann? Sind Leute, die nach ihren eigenen Maßstäben leben, nicht eine Wohltat? 

Sollen wir uns stattdessen in der Welt einer anderen Person einrichten, ihr vielleicht auch noch die volle Verantwortung für unser Leben geben?Stehe ich dann jeden Morgen auf und warte darauf, dass mich jemand unterhält, Tri-tra-trullalla, mir jemand eine Liste mit Dingen in die Hand drückt, die mir an diesem Tag wichtig sein müssen, um die ich mich kümmern muss, auf die ich mich freuen kann? Werde ich dann motzig, wenn Wochenende ist, und mir das Programm nicht gefällt, um das ein anderer sich bereitwillig gekümmert hat, weil sich nämlich immer irgendeiner um das Programm der ganzen Schlaf wandelnden Bevölkerung kümmert?

In seiner eigenen Welt leben – das ist eine gute Sache. Nicht pausenlos, nicht unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf Verluste, aber so oft wie möglich, immer mal wieder, mit kleinen Unterbrechungen. Es soll nicht in puren Egoismus enden, einfach nur in Verantwortung. Für das eigene Leben, die eigene Lernkurve, das eigene Umfeld.

Auch auf die Gefahr hin, dass man ab und zu ein paar bescheuerte Fragen beantworten muss. Vor ein paar Jahren wollte mal jemand von mir wissen, ob ich denn mein erstes Buch „Die wunderbare Welt der Franzi“ nennen werde. DIE WUNDERBARE WELT DER FRANZI. WAS ZUM GEIER?!!!

Ich lächelte verhalten und dachte: Du blödes Arschloch. Die Frage klang wie ein Angriff, wie ein Vorwurf, mein Gehirn übersetzte das ganze mit „Warum bist du eigentlich so sonderbar?“ Warum bist du so eine trübe Tasse, warum schreibst und liest du so viel, warum sieht man dir den Zweifel manchmal an, warum bist du so eine verdammt schlechte Schauspielerin?

Warum gerätst du manchmal ins Stocken? Warum lebst du in deiner eigenen Welt? Weil es vielleicht mein gutes Recht ist.

Solange ich das Gartentürchen nicht verschließe, solange man mich auf der Straßenkarte findet, solange ich Empfang habe und nicht auf Durchzug schalte – solange möchte ich hin und wieder in meiner eigenen Welt leben. Wo es Hausschuhe in meiner Größe gibt, wo man mich empfängt mit den Worten „Schön, dass du zurück bist. Verschwende keine Zeit mehr!“ Denn das tut man zwangsläufig, in der vollkommen anderen Welt von vollkommen anderen Menschen – man verschwendet seine Zeit.

Schon allein das Suchen und Finden von richtigen Worten ist eine Verschwendung an Zeit, selbst wenn es ab und zu sehr viel Spaß macht. Wenn man also schon keinen Dauerurlaub auf der eigenen kleinen Insel machen kann, dann ist es gut, wenigstens einen Rückzugsort zu haben, an den man immer wieder zurück kehren kann. Ich kann das eigene Gehirn als gelegentlichen Rückzugsort oder Zweitwohnsitz wirklich sehr empfehlen.

Und um die Frage zu beantworten. Nein, wahrscheinlich würde ich mein erstes Buch nicht mit „Die wunderbare Welt der Franzi“ betiteln. Meine Welt ist nicht wunderbar. WAS IST DAS FÜR EIN BESCHEUERTES ADJEKTIV?!! Meine Welt ist großartig und manchmal traurig und oft mehr oder weniger unfreiwillig komisch.

Ich möchte diesen Text mit einem beleidigenden Zitat beenden, das mir vor einer Weile irgendwo im Internet begegnet ist und das meiner Meinung nach viel damit zu tun hat, ob man – wie eingangs erwähnt –  jemand ist, der ein Produkt seiner Umwelt ist oder umgekehrt:

„You´re not bored. You´re just so stupid
that your brain is unable to entertain itself.“

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Babies, Bier und Besenschränke

Wir ziehen zum Beispiel wegen der Geschirrspülmaschine und der insgesamt viel größeren Küche um. Das klingt nicht visionär, aber das ist auch gar nicht meine Absicht.

Die Geschirrspülmaschine haben wir momentan nicht, weil die aktuelle Küche zu klein ist. Die Küche ist grün und bis vor Kurzem hingen als Ausgleich noch Fotos von Betrunkenen an den Schranktüren. Wir ziehen auch wegen 40 qm² mehr um, wegen der guten Lage und um Zeit zu sparen. Außerdem befindet sich in der neuen Küche ein Besenschrank, was mich aus ganz praktischen Gründen vollkommen begeistert, obwohl ich kein durchgeknallter Putzteufel bin, der den ganzen Tag aromatische Dämpfe einatmet und mit dem Jemako-Mopp völlig beseelt durch die Wohnung fegt.

Das sind alles ziemlich banale Gründe – wie gesagt, ich bin nicht der wiederauferstandene Steve Jobs – die am Ende allerdings helfen eine klare Antwort zu formulieren zu der Frage wie man leben möchte. Und was einem wichtig ist. Und wie viel Affentheater man um sich herum haben muss, um sich halbwegs lebendig zu fühlen.

Nun haben wir allerdings zwei Dinge nicht bedacht. Vielleicht, weil sie für uns überhaupt keine Rolle spielen. Das wäre das Naheliegendste. Vielleicht aber auch, weil wir total verantwortungslos sind. Oder egoistisch. Oder hinterwäldlerisch. Oder was auch immer.

Nummer Eins: In unserem neuen Wohnort gibt es nur eine handvoll Kneipen, Imbissbuden und Restaurants. Ich rede nicht von einem Viertel, sondern von dem gesamten Ort, wir sind ja hier in der Provinz. Das bedeutet, wenn man ein Bier trinken möchte, alleine oder im Beisein anderer Leute, dann muss man der Abwechslung halber manchmal auf den eigenen Balkon oder das eigene Sofa ausweichen. Grauenvoll, ich weiß.

Schicke Läden mit geschmackvoller Damenoberbekleidung gibt es übrigens auch nicht, ebenso wenig wie eine gigantische Auswahl an Flohmärkten, und die meisten Straßen dort haben nicht mal einen eigenen verdammten Straßenmusiker. Einmal im Jahr wird Karneval gefeiert, dann passiert lange Zeit nichts, wirklich überhaupt nichts, was sollte auch passieren, außer dass dann wieder Karneval gefeiert wird.

Supermärkte gibt es, das ist wichtig, wegen der Milch und den Eiern, aber keinen einzigen Coworking-Space. Und weil es keinen Coworking-Space gibt, kann es schräg gegenüber auch keinen Laden geben, der Flip-Flops verkauft. Eine Universität gibt es übrigens auch nicht. Ebenso wenig einen botanischen Garten. Oder ein schwarzes Brett für illegale Autorennen.

Ein spontaner Umzug, einfach so, ohne auf dieses ganze Gedöns Rücksicht zu nehmen, einfach weil man pragmatisch und flexibel ist, nicht wegen Schimmel oder der Schwiegermutter – das hat einigen Reaktionen unserer Mitmenschen zufolge etwas verstörendes, auch wenn es nur 20 Kilometer sind. Vielleicht vermuten viele dahinter etwas Weltbewegendes, etwas Großes, etwas was angeblich früher oder später bei jedem erwachsenen Menschen ein Thema ist. Das bringt mich zu Punkt 2.

Verrückt wie wir sind, möchten der Lieblingsmensch und ich die zwei extra Zimmer nämlich für etwas nutzen, was für viele einen Akt der Rebellion darstellt und offenbar überhaupt keinen Sinn ergibt und überhaupt total verantwortungslos ist. Jeder von uns bekommt einen eigenen Hobbyraum.

Der Mann kann den ganzen Tag seinen 120 Kilogramm schweren Fotorucksack in seinem Zimmer entleeren und wieder einräumen. Oder seinen Millennium-Falken vom Staub befreien. Oder einen Fanbrief an Horst Lüning verfassen. Und ich kann in meinem Zimmer den ganzen Tag lang irgendwelche Kringel in irgendwelche leeren Notizhefte malen, eine poetische Wutrede schreiben, tanzen, meditieren und irgendetwas zelebrieren.

Ihr habt bemerkt, das Wort „Baby“ kam in meiner blumigen Aufzählung nicht vor. Und das ist eine Frechheit. Nicht für mich, für andere.

Für andere ist es nämlich nicht nachvollziehbar, dass wir in eine größere Wohnung ziehen, ohne dabei automatisch an Nachwuchs zu denken. Ich bin damit sowas wie eine Frau, die ihre natürliche Fürsorgepflicht missachtet.

Und mit den Vorwürfen – den verborgenen und den offen ausgesprochenen – käme ich zurecht. Das betrifft nur mich und den Tag, der durch eine unbedachte Bemerkung vielleicht ein kleines bisschen nassgeregnet wird. Ich überlebe es zähneknirschend, jedes Mal, vielleicht mit ein bisschen weniger Respekt denjenigen Leuten gegenüber, die anderen unbedacht und manchmal sogar unbeabsichtigt ihr eigenes Lebensmodell überstülpen wollen, und deren Toleranz ohne Frage grenzenlos ist, es sei denn es geht um die Gebärmutter anderer Leute.

Was mich wirklich beschäftigt und mir Sorge bereitet, ist die Frage, wieviele Frauen da draußen nach einer bestimmten Anzahl der immer gleichen Fragen irgendwann aufwachen und das Gefühl nicht mehr loswerden, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Die Gewissheit, dass da draußen eine vielleicht gar nicht so unbedeutende Menge an Personen herumläuft, die sich überhaupt nicht mehr daran erinnern können, wann sie zuletzt eine wichtige Entscheidung vollkommen freiwillig getroffen haben.

Was ich sagen will ist: Verantwortung beginnt nicht erst in dem Moment, in dem man für einen kleinen Menschen sorgen muss. Man hat schon eine ganze Weile früher Verantwortung, und zwar für sich selbst, und das Mindeste was man tun kann, ist ab und zu mal den eigenen Wunschzettel zur Hand zu nehmen, zu aktualisieren und zu wissen, dass andere vielleicht darauf herum geschmiert haben.

Und bitte versteht mich jetzt nicht absichtlich falsch: Ich habe kleine Menschen sehr gerne, meine Meinung ist nicht in Stein gemeißelt und ich möchte keine Werbung machen für eine Gesellschaft, in der es in hundert Jahren keinen Zusammenhalt mehr gibt, dafür aber viele verantwortungslose Individuen, die sich alle für etwas ganze Besonderes halten.

Ich möchte nur einfach jetzt in diesem Moment kein Baby bekommen. Und ich möchte mein Glück auch nicht von der Anzahl der Zapfhähne abhängig machen, die im Umkreis von 500 Metern rund um mein neues Zuhause zu finden sind.

Ich bin mein eigener Zapfhahn, seht es als Metapher. Und nächste Woche schreibe ich dann einen Text über das größte Kompliment, das man einem Menschen machen kann, ohne überhaupt daran zu denken, dass es ein Kompliment sein könnte.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Zwischen den Jahren – ein Rückblick und Ausblick

Seit Jahren beobachte ich an mir zwischen Weihnachten und Silvester ein lästiges Phänomen. Während um mich herum alle entweder betrunken und vollgefressen sind oder den unmenschlichen Stress der Feiertage in einem Wellness-Resort verarbeiten, liege ich in eine Decke gewickelt irgendwo in der Wohnung herum, grüble, seufze und ernähre mich grenzwertig. Schlafanzugtag, nenne ich das liebevoll. Gemeint ist eigentlich: Schlafanzugwoche.

Schlafanzugtage

Anstatt bei ersten Anflügen von Weltschmerz entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen – nämlich einen gemütlichen Spaziergang zu machen, einen motivierenden Song von Destiny´s Child zu hören oder mir wenigstens bei geöffnetem Küchenfenster einen Obstsalat zuzubereiten – tue ich rein gar nichts und bilde mir ein, dass ich mir diese an ein Koma grenzende Entspannung jetzt durchaus mal gönnen kann.

Schlafanzugtage beginnen schleichend und zunächst vollkommen harmlos. Am 27. Dezember geht man im Schlafanzug an die gelbe Tonne und denkt sich erstmal nichts. Vielleicht sehen es die Nachbarn, vielleicht sieht es nur die Katze, was soll´s? Am 28. Dezember fährt man im Schlafanzug zu McDrive. Am 29. Dezember steht man im Schlafanzug an der Packstation (Ihre Amazon-Bestellung von COACH DICH SELBST SONST COACHT DICH KEINER liegt in der Packstation und kann abgeholt werden.) Am 30. Dezember will man nur mal schnell im Schlafanzug ein bisschen Geld am Bankautomaten abheben und am 31. Dezember ist man Gast auf einer Pyjamaparty, die in Wirklichkeit nie eine sein sollte.

Im letzten Jahr bin ich mit vier großartigen Menschen und einem Weltklassehund in eine Hütte nach Österreich geflüchtet. Das war schön. In diesem Jahr habe ich zwischen Weihnachten und Silvester freiwillig zwei Tage gearbeitet, war einmal im Kino und hatte einen vergnügten Weinabend. Außerdem habe ich mich heute eine ganze Stunde lang in unterschiedlichen Supermärkten aufgehalten, um meinen Adrenalinausstoß zu fördern und um morgen, am letzten Tag des Jahres, von mir sagen zu können, dass ich ein zivilisierter Mensch bin. Die Schlafanzugtage sind also Vergangenheit. Fürs Erste.

Lehrstunden

Das Jahr 2016 war ein gutes Jahr, nicht weil es mir besonders gut ging in diesem Jahr, sondern weil ich nun bis auf vier oder fünf Stellen hinter´m Komma weiß, warum es mir immer wieder so schlecht geht. Es hat mir gezeigt, dass es mir auf hohem Niveau schlecht geht. Ich habe in diesem Jahr gelernt, dass man mir nicht ansieht, in welchen Momenten ich deutlich mehr und auch deutlich weniger leistungsfähig bin als der angebliche Durchschnittsmensch, von dem man immer wieder so viel hört, dem ich aber noch nie begegnet bin.

Ich habe gelernt, dass ich diese Momente, diese Freiheit nicht geschenkt bekomme, solange ich nicht darüber spreche, mit möglichst ruhiger und fester Stimme, und solange ich nicht das Risiko eingehe, mich unbeliebt zu machen. Ich habe gelernt, dass es Auswirkungen hat – negative, psychische, physische – wenn man fünfmal „Ja“ sagt und erst beim sechsten Mal „nein“, weil in mir offenbar doch mehr von einem harmoniesüchtigen Perwoll-Mädchen steckt als ich wahrhaben möchte.

Das Jahr 2016 war ein gutes Jahr, weil es mir zweimal gezeigt hat, dass ich im entscheidenden Moment instinktiv das Richtige tue. Ich habe ein paar gute Orte besucht (aber ich war nur zwei Minuten in der Jazzbar, weil ich keinen Familienstreit auslösen wollte) und gute Gespräche geführt (die man nur jedem wünschen kann) und gute Menschen kennen gelernt und ich hatte Angst um andere gute Menschen, die habe ich immer noch, aber man lernt damit zu leben, und das ist noch etwas, was ich in diesem Jahr gelernt habe. Man lernt zu leben mit negativen Gefühlen wie Bedauern, Trauer und Angst, vorausgesetzt man redet darüber. Das ist etwas, was ich euch allen ans Herz legen möchte.

Schämt euch nicht immer so. Redet darüber. Einer wird euch dann ein bisschen bedauern für euer mangelndes Dies und euer fehlerbehaftetes Das, dafür dürft ihr denjenigen dann auch ein bisschen bedauern. Die anderen nehmen euch später in einer ruhigen Minute beiseite und bedanken sich. Von Herzen.

Zukunftsmusik

Spotify sagt, dass meine zwei meist gehörten Songs im Jahr 2016 von The Baboon Show („Class War“) und Justin Bieber („Sorry“) sind, eine schöne Zusammenfassung meiner beiden liebsten Aggregatzustände. Der Gastroenterologe sagt, es ist das Roemheld Syndrom. Und Max Goldt sagt in einem Interview mit der Zeit, dass seine Schreibblockade eigentlich eine Angststörung ist, eine Angst vor dem Scheitern und vor der Mühe, weil die sich nicht lohnen könnte. Vielleicht ist das die einzige Angst, die nicht weniger wird, mit der man nicht automatisch besser umgehen kann, nur weil man mal mit irgendwem drüber redet. Weil es ein Luxusproblem ist.

Das nächste Jahr wird spannend. Ich werde das Pflaster auf meiner Laptop-Kamera kleben lassen aus Furcht vor einer möglichen E-mail von einem NSA-Mitarbeiter („Hallo Franziska, ich arbeite bei der NSA und soll eigentlich die Russen beobachten. Ich bin vor drei Monaten aus Versehen bei dir gelandet. Wo hast du gelernt, so fantastisch zu tanzen, ohne vom Stuhl aufzustehen? Deine Spotify-Playlists sind einwandfrei, lass uns auch auf Instagram enge Freunde sein. Alles Gute, dein Kirk“).

Ich werde versuchen weniger Kaffee zu trinken. Ich freue mich auf eine neue Wohnung, neue Rituale, neue Herausforderungen und einen Staubsauger-Roboter. Ich freue mich auf Hochzeitspartys, auf weniger Schischi und auf mein eigenes kleines Zimmer, in dem ich Listen abhaken, schreiben, einen Boxsack aufhängen und meditieren kann, wie so eine in den 80er Jahren geborene total verwöhnte Oberlusche.

Und eventuell finde ich sogar auch endlich Zeit und Gelegenheit für mein „Going loco down in Acapulco“-Tattoo. (Es ist sehr wichtig, dass das Tattoo zum Träger passt. Noch Fragen?) Ich wünsche uns allen ein bisschen mehr Frieden im Jahr 2017. Im Drinnen und im Draußen. Ich wünsche uns Brausebonbons und Schnürsenkel, die nie aufgehen. Ich wünsche uns gute Musik und Mut und dass wir sowohl Lehrer als auch Schüler sein dürfen. Ich wünsche uns, dass wir nicht verblöden. Ich gehe jetzt ins Bett. Heute Abend gibt es Pizza-Raclette.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Warum schön uns manchmal allen scheißegal sein sollte

Ein dicker Arsch, ein finsterer Blick und wabbelige Oberarme sind nur drei von unzähligen Mängeln, die ich seit vielen Jahren mit mir herumtrage. Es fehlt mir an Liebreiz, an einem farbenfrohen Kleidungsstil und auch an den drei typischen weiblichen Schönheitsmerkmalen (Pferdemähne, Schwanenhals, Babyrobbenhaut). Warum ich das alles so genau weiß? Weil es mir seit Jahren immer wieder freundlich mitgeteilt wird. Seitdem ich ungefähr zwölf Jahre alt bin. Von Männern und Frauen, alten und jungen Menschen, von Wildfremden, von Familienmitgliedern, von guten oder nicht so guten Bekannten.

Es wird nicht nur mir mitgeteilt, es wird auch vielen anderen tagtäglich mitgeteilt. Jeden Tag steht irgendwo auf der Welt mindestens eine Arschgeige auf, um irgendeine andere Person auf ihre äußerlichen Mängel hinzuweisen, mal unterhalb der Gürtellinie, mal knapp drüber, manchmal auch so als handle es sich um einen netten Gefallen.

Wenn ihr jetzt glaubt, dass das hier ein Artikel über die Boshaftigkeit der Menschheit wird und ich mich unter all den Wassereinlagerungen und hinter all den Schatten trotzdem unbedingt schön fühlen will, dann irrt ihr euch. Ich will mich nämlich nicht schön fühlen. Ich weiß, es wird einem immer und überall vorgeschlagen und angepriesen. Und Frausein ist eng mit Schönsein verbunden. Jedes Mal, wenn irgendwo in der Öffentlichkeit eine Frau für ihr Äußeres kritisiert wird, lautet der Befehl „Hört nicht auf die Leute! Ihr seid stark! Fühlt euch einfach trotzdem schön!“

Und ein Teil von mir versteht diese Reaktion. Jede Frau ist schön. Das klingt gut. Die mit den buschigen Augenbrauen ist schön. Die Übergewichtige ist schön. Die Untergewichtige. Die Normalgewichtige, die sich einreden lässt, dass sie übergewichtig ist. Die Glatzköpfige. Die mit den kleinen Brüsten. Die mit den großen Brüsten. Die mit der Kurzhaarfrisur. Die mit den Schwangerschaftsstreifen.  Die mit der großen Nase. Die Afroamerikanerin. Die Rollstuhlfahrerin. Die Oma. Die, die früher mal ein Mann war. Die klassische Schönheit ist auch schön.

Jede Frau ist schön. Ich hab´s kapiert. Body positive, Schönheit ist vielfältig, inneres Strahlen und so weiter und so fort. Ihr wollt, dass wir uns alle wohler fühlen in unserer Haut. Dass wir uns auf andere Dinge konzentrieren können als unsere Ärsche und ob die Frisur sitzt. Ihr wollt, dass wir uns unabhängig von unserer Außenwelt schön fühlen und ich sage Dankeschön dafür und ich meine das auch genau so.

Aber wisst ihr was? Vielleicht will ich mir nicht gebetsmühlenartig immer wieder vorsagen, dass ich ja trotzdem schön bin.Vielleicht zucke ich einfach mit den Schultern, vielleicht will ich keinen einzigen Menschen auf dieser Welt vom Gegenteil überzeugen, vielleicht können wir der Schönheit ab morgen einfach mal für eine Weile den Boden unter den Füßen wegreißen.

Wäre das nicht wohltuend? Wenn Schönheit einfach mal nicht das Thema wäre. Wenn Schönheit mal für eine Weile ihren Reiz verlieren würde. Wenn wir einfach mal so tun würden, als gäbe es keinen einzigen schönen, aber dafür viele interessante, vielfältige Menschen auf der Welt. Wenn wir ab sofort nur noch Komplimente verteilen würden, die sich auf alles beziehen, nur nicht auf Äußerlichkeiten. Wenn Leute sich etwas anderes suchen würden, was sie am Anderen spannend finden.

Vielleicht sollten wir die Liste unserer angeblichen Mängel und unsere fehlende Schönheit in Zukunft nicht mit einem  trotzigen „Doch!“ kommentieren, sondern mit einem entspannten „Und?“ Vielleicht kann man das üben. Vielleicht lohnt es sich, das zu üben, anstatt immer wieder die gleichen Zitate auf Instagram zu liken und still zu hoffen, dass morgen ein Arschloch weniger aus dem Bett steigt.

(Done is better than perfect. Deshalb habe ich auf „veröffentlichen“ geklickt, obwohl es dazu noch viel mehr zu sagen gibt. Hole ich nach. Erstmal bin ich aber froh, dass ich im Rahmen der kleinen gobacktoblogging-Challenge immerhin drei Mal ein paar Sätze geschrieben hab. Das hat Spaß gemacht. Machen wir bald wieder, ja?)

Blaue Räume

Genau vierzehn Tage später stehen wir ein zweites Mal in der Wohnung. Die Räume sind nicht kleiner geworden, oder dunkler, im Gegenteil. Wir entdecken, dass die Küche einen extra Besenschrank hat, das heißt man kann nicht nur zu zweit ohne Probleme gleichzeitig Gemüse schneiden, ohne übereinander zu stolpern, man kann sich währenddessen auch über den Besen freuen, der sich im Schrank versteckt hält. Nur das blaue Zimmer bereitet mir Sorgen, es ist irgendein Gefühl, irgendetwas widersetzt sich in mir, es lädt zu unproduktiven Sachen ein, auf die ich keine Lust habe. Also sage ich später zu M., dass ich diesen Raum immer nur von der Loggia aus betreten werde und er schmunzelt und weist mich darauf hin, dass ich, um den Raum – meinen Raum – von der Loggia aus betreten zu können, vorher trotzdem mindestens einmal vom Flur aus das Zimmer betreten und von innen die andere Tür geöffnet haben muss. Manchmal bereiten mir die einfachsten Gedanken Mühe.

Ich war in Sorge, ein kleines bisschen, dass ich ein bisschen unkreativ geworden bin, aber D. teilt mir mit, dass der erste Teil ihrer Hochzeitseinladung ihr gefällt, als hätte ich direkt in ihr Gehirn geschaut, und ich bin sehr froh und beschließe das später in mein Dankbarkeits-Tagebuch zu schreiben, das ich führe, seit neuestem, wie so ein Mensch, dem man bei den einfachsten Dingen auf die Sprünge helfen muss, aber vielleicht ist das tatsächlich so, dass ich das Dankbarsein verlernt habe oder nie gut darin war, also schreibe ich jeden Abend in ein DIN A7 kleines gelbes Heft drei Dinge, für die ich dankbar bin und manchmal reicht der Platz gar nicht aus.

Weil der Film nicht laufen will, schauen wir Teleshopping, vollgefressen mit Pizza und Enzymen vom Pankreas eines Schweines und wir schauen eigentlich nur nebenbei, aber unsere Gedanken kreisen eine ganze Weile um den Lumeso-Bonsai mit den 24 Fiberoptikblüten und der integrierten Timerfunktion und mit welcher Ernsthaftigkeit der schnuffelherzbärchige Moderator von der Energie spricht, die das Ding transportiert, und ich denke, das Bäumchen ist wie ein Placebo, wenn man daran glaubt und wenn man sich dann weniger allein fühlt, weil halt irgendwo in der Wohnung irgend so ein Ding heimelig leuchtet, für 19,99, dann geht das schon irgendwie in Ordnung.

Der Tag geht zu Ende mit der Erkenntnis, dass es beruhigend sein kann, einer Hydraulikpresse dabei zuzusehen, wie sie Dinge zerquetscht.

Der Account gehört einem Russen, ich mag Russen, irgendwann landet man dann ganz woanders bei einer Badeente, die in der Mitte durchgeschnitten und einer Waffel, die übertrieben lang mit Softeis befüllt wird, man kann sich voll darin verlieren und ich frage mich wie es wäre nach dem Schreiben des Dankbarkeits-Tagebuches, in dem manchmal auch so banale Dinge stehen wie „Die Pizza in der Spelunke hatte einen Durchmesser von 45 cm“, und vor der zehnminütigen Meditation der Hydraulikpresse dabei zuzusehen wie sie alltägliche Konsumgüter zerquetscht. Vielleicht werde ich mich in dem blauen Zimmer, das bald nicht mehr blau sein wird, doch wohl fühlen.

Ich und mein Gehirn und mein durchschnittlich schöner Körper

Wenn du Glück hast, dann wirst du von deinen Eltern mit sieben Jahren im Turnsportverein angemeldet und die Bewegung wird zu einem natürlichen Teil deines Lebens. Du entwickelst dich zu einem wunderschönen, proaktiven Lebewesen, mit gesunden Muskeln, aufrechter Körperhaltung und federndem Gang. Und du stirbst mit 92, weil dir bei der Gartenarbeit ein Dachziegel auf den Kopf fällt.

Meine Eltern haben mich mit dem Blödsinn in Ruhe gelassen. Als 8jährige konnte ich mich ungestört weiterbilden (Japanische Zeichentrickserien anschauen), Playmobil spielen, Krabbeltiere in Marmeladengläser einschließen und durchaus beeindruckende Bauwerke errichten (Wohnzimmerburganlagen. Bestehend aus sechs Wolldecken, zehn Kissen, zwei Tischen und vier Stühlen). Ich war zwar irgendwie ein aktives Kind, bin viel geklettert, hatte nie Höhenangst und immer blutige Knie, aber zur Gewohnheit wurde mir die regelmäßige Bewegung trotzdem nicht. Die Ehrenurkunden bei den Bundesjugendspielen bekamen immer andere.

Gewohnheiten

Ich war lange davon überzeugt, dass ich mit meinen Gewohnheiten sehr gut leben kann, mit den gesunden und den ungesunden. Dem vielen Sitzen, Lesen, Schreiben, Nachdenken, Bücken, Grübeln, Zittern. Mit Anfang zwanzig ist das vielleicht auch noch so. Mit Anfang zwanzig glaubt man, dass die originellen, kreativen, klugen Menschen um einen herum nie die sind, die man gleichzeitig für ihre Gesundheit, ihr Aussehen, ihre supertollen Organe bewundert. Mit dreißig ist einem manchmal egal, ob diese Theorie nun zutrifft oder nicht, denn manchmal liegt man abends wach und fragt sich, ob das Leben einfacher wäre, wenn man einen niedrigeren Puls hätte, wenn man nicht wüsste wie Panikattacken sich anfühlen, wenn Joggen oder Yoga oder Krafttraining oder Fahrradfahren einfach eine Routine wären, über die man nicht nachdenkt, sondern sie einfach macht – getreu dem doofen, aber völlig richtigen Nike-Motto „Just do it!“

Panflötenmusik

Seit ein paar Jahren versuche ich also immer wieder, meinen Urinstinkt/meinen inneren Schweinehund/Jabba the Hut zu ignorieren und den Rost ein bisschen zu entfernen. Das erste was ich vor vielen Jahren ausprobiert habe, war Pilates. Zehn Stunden in einem Dorfgemeinschaftshaus mit ein Dutzend anderen Frauen, ihr wisst Bescheid. Es stellte sich dann heraus, dass mein Körper nicht für diese langsamen, bedachten Bewegungen konzipiert wurde. Auch die entspannende Panflötenmusik am Ende jeder Übungsstunde konnte mich nicht vom Gegenteil überzeugen.

Zumba

Danach war ich 24 Monate lang Mitglied in einem Fitnessstudio und zunächst lief auch alles nach Plan. Ich ging zweimal die Woche trainieren, mit supermotivierenden Melodien auf den Ohren (You only get one shot, do not miss your chance to blow, this opportunity comes once in a lifetime yo) und dem Ziel, ganz bald Oberarme wie Michelle Obama zu haben. Sogar Yoga- und Zumba-Erfahrungen habe ich gesammelt. Die drei Stunden Yoga machten keinen Spaß, weil ich ständig kurz davor war, in Pressatmung zu verfallen und ohnmächtig zur Seite wegzukippen (ich wäre die schlechteste Schwangere der Welt).

Die zwei Stunden Zumba machten genauso wenig Spaß, weil ich mich nicht bewegen kann wie eine Schlange und ich mich dabei außerdem wie jemand fühlte, der Wandtattoos und Einkaufszentren mag und es für eine hervorragende Idee hält, bei einem Mädelsabend Selleriesticks in Kräuterquark zu dippen.

Bauchmuskeln

Es folgte die DVD-Phase. Die kostete weniger und war sogar ein paar Monate lang erfolgreich. Ich weiß nicht, ob ihr Jillian Michaels kennt, aber ihre „30 day thred“-Challenge ist so ziemlich das einzige Konzept, was mich jemals überzeugt hat. Im Gegensatz zur supernervigen Tracy-Anderson-Methode. Ich freute mich jeden Nachmittag darauf, abends nach Hause zu kommen und eine halbe Stunde zu schwitzen wie ein Schwein. Nach einer Woche konnte ich in die Hocke gehen, ohne dass es anfing zu knirschen. Und nach einem Monat wurde hinter all der Pizza und den Teilchen vom Bäcker meine Bauchmuskulatur sichtbar. Ein winzig kleines bisschen. Warum ich damit aufhörte? Weil sich aus irgendeinem Grund alle drei Wochen entweder meine Mandeln oder die Knochenhaut meiner Waden entzündete. Zu meiner großen Überraschung muss man diese abenteuerlichen Fitnesssübungen nämlich ein bisschen an den eigenen Gesundheitszustand anpassen.

Im letzten Jahr meldete ich mich an der Volkshochschule zu einem Taijiquan-Kurs an. Ein kleiner Hinweis: Wenn man die Koordinationsfähigkeit einer besoffenen Fruchtfliege hat, dann sollte man es lieber mit einfacheren Aktivitäten versuchen. Einfach nur geradeaus laufen oder beim Zähneputzen mal fünfzehn Sekunden lang auf einem Bein stehen zum Beispiel.

Überleben

Jetzt haben wir April 2016, seit Jahren versuche ich einen Zugang zu meinen Extremitäten zu finden, der Sommer naht, auf Instagram sehnen und trainieren Leute sich ihre Strandfigur herbei. Im Februar habe ich mich zum zweiten Mal im Fitnessstudio angemeldet. Es mangelt mir zwar eindeutig an knallharter Disziplin, aber Aufgeben ist keine Option. Und Mäusebabyschritte sind besser als nichts. Als der Fitnesstrainer mich fragte, ob es einen speziellen Grund gibt, warum ich regelmäßig trainieren möchte, hab ich keine Problemzone erwähnt. Muss ich ja auch nicht, sieht man ja. Ich hab auch nicht gesagt, dass meine Kondition miserabel ist. Das ist sie, wirklich, aber darum geht es nicht. „Ich will überleben.“, hab ich gesagt. Voller Bodenständigkeit, ohne einen Funken Idealismus, Panik und gesellschaftlichem Druck. Ich will überleben.

Was ich nicht will: beim Staubsaugen die Orientierung verlieren. Beim Fensterputzen in Ohnmacht fallen. Während einer Städtereise zwischen der vierten und fünften Sehenswürdigkeit auf dem Bürgersteig liegen bleiben. Was ich auch nicht will: eine Strandfigur. Reaktionen für Äußerlichkeiten. Geil aussehen.

Ich will jetzt nicht an den Strand, und morgen auch nicht, überhaupt bin ich ja 99,9 Prozent meines Lebens gar nicht am Strand, ich will mit meinen straffen makellosen Schenkeln nicht die Welt erobern, eure Schönheitsmerkmale sind mir scheißegal, ich will mich einfach nur ein bisschen lebendiger fühlen.

Ich will, dass die Peripherie halbwegs intakt ist, das schulde ich meinem Gehirn, dem einzigen Organ in meinem Körper, das mich bisher noch nicht maßlos enttäuscht hat. Ob mich dabei irgendjemand anbetungswürdig findet, spielt für mich keine Rolle, ich schließe es momentan sogar rigoros aus, mit stolz geschwellter wohl geformter Brust, weil ich nämlich bald im bodenständigen mittleren Alter bin und längst erste Falten in meinem Gesicht mit mir herumtrage und es reine Zeitverschwendung ist irgendwem gefallen zu wollen. Das beste was man tun kann ist, sich selber gegenüber pragmatischer zu sein. Und dankbar dafür sein, dass man von Lieblingsmenschen nicht Zuckerpuppe genannt wird, sondern Struppi. Das kann ja auch nicht jeder von sich behaupten.

(Übrigens: Diana von urbanlifestyltrash ist zum Glück auch keine quitschvergnügte Sportskanone.)