Warum schön uns manchmal allen scheißegal sein sollte

Ein dicker Arsch, ein finsterer Blick und wabbelige Oberarme sind nur drei von unzähligen Mängeln, die ich seit vielen Jahren mit mir herumtrage. Es fehlt mir an Liebreiz, an einem farbenfrohen Kleidungsstil und auch an den drei typischen weiblichen Schönheitsmerkmalen (Pferdemähne, Schwanenhals, Babyrobbenhaut). Warum ich das alles so genau weiß? Weil es mir seit Jahren immer wieder freundlich mitgeteilt wird. Seitdem ich ungefähr zwölf Jahre alt bin. Von Männern und Frauen, alten und jungen Menschen, von Wildfremden, von Familienmitgliedern, von guten oder nicht so guten Bekannten.

Es wird nicht nur mir mitgeteilt, es wird auch vielen anderen tagtäglich mitgeteilt. Jeden Tag steht irgendwo auf der Welt mindestens eine Arschgeige auf, um irgendeine andere Person auf ihre äußerlichen Mängel hinzuweisen, mal unterhalb der Gürtellinie, mal knapp drüber, manchmal auch so als handle es sich um einen netten Gefallen.

Wenn ihr jetzt glaubt, dass das hier ein Artikel über die Boshaftigkeit der Menschheit wird und ich mich unter all den Wassereinlagerungen und hinter all den Schatten trotzdem unbedingt schön fühlen will, dann irrt ihr euch. Ich will mich nämlich nicht schön fühlen. Ich weiß, es wird einem immer und überall vorgeschlagen und angepriesen. Und Frausein ist eng mit Schönsein verbunden. Jedes Mal, wenn irgendwo in der Öffentlichkeit eine Frau für ihr Äußeres kritisiert wird, lautet der Befehl „Hört nicht auf die Leute! Ihr seid stark! Fühlt euch einfach trotzdem schön!“

Und ein Teil von mir versteht diese Reaktion. Jede Frau ist schön. Das klingt gut. Die mit den buschigen Augenbrauen ist schön. Die Übergewichtige ist schön. Die Untergewichtige. Die Normalgewichtige, die sich einreden lässt, dass sie übergewichtig ist. Die Glatzköpfige. Die mit den kleinen Brüsten. Die mit den großen Brüsten. Die mit der Kurzhaarfrisur. Die mit den Schwangerschaftsstreifen.  Die mit der großen Nase. Die Afroamerikanerin. Die Rollstuhlfahrerin. Die Oma. Die, die früher mal ein Mann war. Die klassische Schönheit ist auch schön.

Jede Frau ist schön. Ich hab´s kapiert. Body positive, Schönheit ist vielfältig, inneres Strahlen und so weiter und so fort. Ihr wollt, dass wir uns alle wohler fühlen in unserer Haut. Dass wir uns auf andere Dinge konzentrieren können als unsere Ärsche und ob die Frisur sitzt. Ihr wollt, dass wir uns unabhängig von unserer Außenwelt schön fühlen und ich sage Dankeschön dafür und ich meine das auch genau so.

Aber wisst ihr was? Vielleicht will ich mir nicht gebetsmühlenartig immer wieder vorsagen, dass ich ja trotzdem schön bin.Vielleicht zucke ich einfach mit den Schultern, vielleicht will ich keinen einzigen Menschen auf dieser Welt vom Gegenteil überzeugen, vielleicht können wir der Schönheit ab morgen einfach mal für eine Weile den Boden unter den Füßen wegreißen.

Wäre das nicht wohltuend? Wenn Schönheit einfach mal nicht das Thema wäre. Wenn Schönheit mal für eine Weile ihren Reiz verlieren würde. Wenn wir einfach mal so tun würden, als gäbe es keinen einzigen schönen, aber dafür viele interessante, vielfältige Menschen auf der Welt. Wenn wir ab sofort nur noch Komplimente verteilen würden, die sich auf alles beziehen, nur nicht auf Äußerlichkeiten. Wenn Leute sich etwas anderes suchen würden, was sie am Anderen spannend finden.

Vielleicht sollten wir die Liste unserer angeblichen Mängel und unsere fehlende Schönheit in Zukunft nicht mit einem  trotzigen „Doch!“ kommentieren, sondern mit einem entspannten „Und?“ Vielleicht kann man das üben. Vielleicht lohnt es sich, das zu üben, anstatt immer wieder die gleichen Zitate auf Instagram zu liken und still zu hoffen, dass morgen ein Arschloch weniger aus dem Bett steigt.

(Done is better than perfect. Deshalb habe ich auf „veröffentlichen“ geklickt, obwohl es dazu noch viel mehr zu sagen gibt. Hole ich nach. Erstmal bin ich aber froh, dass ich im Rahmen der kleinen gobacktoblogging-Challenge immerhin drei Mal ein paar Sätze geschrieben hab. Das hat Spaß gemacht. Machen wir bald wieder, ja?)

Blaue Räume

Genau vierzehn Tage später stehen wir ein zweites Mal in der Wohnung. Die Räume sind nicht kleiner geworden, oder dunkler, im Gegenteil. Wir entdecken, dass die Küche einen extra Besenschrank hat, das heißt man kann nicht nur zu zweit ohne Probleme gleichzeitig Gemüse schneiden, ohne übereinander zu stolpern, man kann sich währenddessen auch über den Besen freuen, der sich im Schrank versteckt hält. Nur das blaue Zimmer bereitet mir Sorgen, es ist irgendein Gefühl, irgendetwas widersetzt sich in mir, es lädt zu unproduktiven Sachen ein, auf die ich keine Lust habe. Also sage ich später zu M., dass ich diesen Raum immer nur von der Loggia aus betreten werde und er schmunzelt und weist mich darauf hin, dass ich, um den Raum – meinen Raum – von der Loggia aus betreten zu können, vorher trotzdem mindestens einmal vom Flur aus das Zimmer betreten und von innen die andere Tür geöffnet haben muss. Manchmal bereiten mir die einfachsten Gedanken Mühe.

Ich war in Sorge, ein kleines bisschen, dass ich ein bisschen unkreativ geworden bin, aber D. teilt mir mit, dass der erste Teil ihrer Hochzeitseinladung ihr gefällt, als hätte ich direkt in ihr Gehirn geschaut, und ich bin sehr froh und beschließe das später in mein Dankbarkeits-Tagebuch zu schreiben, das ich führe, seit neuestem, wie so ein Mensch, dem man bei den einfachsten Dingen auf die Sprünge helfen muss, aber vielleicht ist das tatsächlich so, dass ich das Dankbarsein verlernt habe oder nie gut darin war, also schreibe ich jeden Abend in ein DIN A7 kleines gelbes Heft drei Dinge, für die ich dankbar bin und manchmal reicht der Platz gar nicht aus.

Weil der Film nicht laufen will, schauen wir Teleshopping, vollgefressen mit Pizza und Enzymen vom Pankreas eines Schweines und wir schauen eigentlich nur nebenbei, aber unsere Gedanken kreisen eine ganze Weile um den Lumeso-Bonsai mit den 24 Fiberoptikblüten und der integrierten Timerfunktion und mit welcher Ernsthaftigkeit der schnuffelherzbärchige Moderator von der Energie spricht, die das Ding transportiert, und ich denke, das Bäumchen ist wie ein Placebo, wenn man daran glaubt und wenn man sich dann weniger allein fühlt, weil halt irgendwo in der Wohnung irgend so ein Ding heimelig leuchtet, für 19,99, dann geht das schon irgendwie in Ordnung.

Der Tag geht zu Ende mit der Erkenntnis, dass es beruhigend sein kann, einer Hydraulikpresse dabei zuzusehen, wie sie Dinge zerquetscht.

Der Account gehört einem Russen, ich mag Russen, irgendwann landet man dann ganz woanders bei einer Badeente, die in der Mitte durchgeschnitten und einer Waffel, die übertrieben lang mit Softeis befüllt wird, man kann sich voll darin verlieren und ich frage mich wie es wäre nach dem Schreiben des Dankbarkeits-Tagebuches, in dem manchmal auch so banale Dinge stehen wie „Die Pizza in der Spelunke hatte einen Durchmesser von 45 cm“, und vor der zehnminütigen Meditation der Hydraulikpresse dabei zuzusehen wie sie alltägliche Konsumgüter zerquetscht. Vielleicht werde ich mich in dem blauen Zimmer, das bald nicht mehr blau sein wird, doch wohl fühlen.

Ich und mein Gehirn und mein durchschnittlich schöner Körper

Wenn du Glück hast, dann wirst du von deinen Eltern mit sieben Jahren im Turnsportverein angemeldet und die Bewegung wird zu einem natürlichen Teil deines Lebens. Du entwickelst dich zu einem wunderschönen, proaktiven Lebewesen, mit gesunden Muskeln, aufrechter Körperhaltung und federndem Gang. Und du stirbst mit 92, weil dir bei der Gartenarbeit ein Dachziegel auf den Kopf fällt.

Meine Eltern haben mich mit dem Blödsinn in Ruhe gelassen. Als 8jährige konnte ich mich ungestört weiterbilden (Japanische Zeichentrickserien anschauen), Playmobil spielen, Krabbeltiere in Marmeladengläser einschließen und durchaus beeindruckende Bauwerke errichten (Wohnzimmerburganlagen. Bestehend aus sechs Wolldecken, zehn Kissen, zwei Tischen und vier Stühlen). Ich war zwar irgendwie ein aktives Kind, bin viel geklettert, hatte nie Höhenangst und immer blutige Knie, aber zur Gewohnheit wurde mir die regelmäßige Bewegung trotzdem nicht. Die Ehrenurkunden bei den Bundesjugendspielen bekamen immer andere.

Gewohnheiten

Ich war lange davon überzeugt, dass ich mit meinen Gewohnheiten sehr gut leben kann, mit den gesunden und den ungesunden. Dem vielen Sitzen, Lesen, Schreiben, Nachdenken, Bücken, Grübeln, Zittern. Mit Anfang zwanzig ist das vielleicht auch noch so. Mit Anfang zwanzig glaubt man, dass die originellen, kreativen, klugen Menschen um einen herum nie die sind, die man gleichzeitig für ihre Gesundheit, ihr Aussehen, ihre supertollen Organe bewundert. Mit dreißig ist einem manchmal egal, ob diese Theorie nun zutrifft oder nicht, denn manchmal liegt man abends wach und fragt sich, ob das Leben einfacher wäre, wenn man einen niedrigeren Puls hätte, wenn man nicht wüsste wie Panikattacken sich anfühlen, wenn Joggen oder Yoga oder Krafttraining oder Fahrradfahren einfach eine Routine wären, über die man nicht nachdenkt, sondern sie einfach macht – getreu dem doofen, aber völlig richtigen Nike-Motto „Just do it!“

Panflötenmusik

Seit ein paar Jahren versuche ich also immer wieder, meinen Urinstinkt/meinen inneren Schweinehund/Jabba the Hut zu ignorieren und den Rost ein bisschen zu entfernen. Das erste was ich vor vielen Jahren ausprobiert habe, war Pilates. Zehn Stunden in einem Dorfgemeinschaftshaus mit ein Dutzend anderen Frauen, ihr wisst Bescheid. Es stellte sich dann heraus, dass mein Körper nicht für diese langsamen, bedachten Bewegungen konzipiert wurde. Auch die entspannende Panflötenmusik am Ende jeder Übungsstunde konnte mich nicht vom Gegenteil überzeugen.

Zumba

Danach war ich 24 Monate lang Mitglied in einem Fitnessstudio und zunächst lief auch alles nach Plan. Ich ging zweimal die Woche trainieren, mit supermotivierenden Melodien auf den Ohren (You only get one shot, do not miss your chance to blow, this opportunity comes once in a lifetime yo) und dem Ziel, ganz bald Oberarme wie Michelle Obama zu haben. Sogar Yoga- und Zumba-Erfahrungen habe ich gesammelt. Die drei Stunden Yoga machten keinen Spaß, weil ich ständig kurz davor war, in Pressatmung zu verfallen und ohnmächtig zur Seite wegzukippen (ich wäre die schlechteste Schwangere der Welt).

Die zwei Stunden Zumba machten genauso wenig Spaß, weil ich mich nicht bewegen kann wie eine Schlange und ich mich dabei außerdem wie jemand fühlte, der Wandtattoos und Einkaufszentren mag und es für eine hervorragende Idee hält, bei einem Mädelsabend Selleriesticks in Kräuterquark zu dippen.

Bauchmuskeln

Es folgte die DVD-Phase. Die kostete weniger und war sogar ein paar Monate lang erfolgreich. Ich weiß nicht, ob ihr Jillian Michaels kennt, aber ihre „30 day thred“-Challenge ist so ziemlich das einzige Konzept, was mich jemals überzeugt hat. Im Gegensatz zur supernervigen Tracy-Anderson-Methode. Ich freute mich jeden Nachmittag darauf, abends nach Hause zu kommen und eine halbe Stunde zu schwitzen wie ein Schwein. Nach einer Woche konnte ich in die Hocke gehen, ohne dass es anfing zu knirschen. Und nach einem Monat wurde hinter all der Pizza und den Teilchen vom Bäcker meine Bauchmuskulatur sichtbar. Ein winzig kleines bisschen. Warum ich damit aufhörte? Weil sich aus irgendeinem Grund alle drei Wochen entweder meine Mandeln oder die Knochenhaut meiner Waden entzündete. Zu meiner großen Überraschung muss man diese abenteuerlichen Fitnesssübungen nämlich ein bisschen an den eigenen Gesundheitszustand anpassen.

Im letzten Jahr meldete ich mich an der Volkshochschule zu einem Taijiquan-Kurs an. Ein kleiner Hinweis: Wenn man die Koordinationsfähigkeit einer besoffenen Fruchtfliege hat, dann sollte man es lieber mit einfacheren Aktivitäten versuchen. Einfach nur geradeaus laufen oder beim Zähneputzen mal fünfzehn Sekunden lang auf einem Bein stehen zum Beispiel.

Überleben

Jetzt haben wir April 2016, seit Jahren versuche ich einen Zugang zu meinen Extremitäten zu finden, der Sommer naht, auf Instagram sehnen und trainieren Leute sich ihre Strandfigur herbei. Im Februar habe ich mich zum zweiten Mal im Fitnessstudio angemeldet. Es mangelt mir zwar eindeutig an knallharter Disziplin, aber Aufgeben ist keine Option. Und Mäusebabyschritte sind besser als nichts. Als der Fitnesstrainer mich fragte, ob es einen speziellen Grund gibt, warum ich regelmäßig trainieren möchte, hab ich keine Problemzone erwähnt. Muss ich ja auch nicht, sieht man ja. Ich hab auch nicht gesagt, dass meine Kondition miserabel ist. Das ist sie, wirklich, aber darum geht es nicht. „Ich will überleben.“, hab ich gesagt. Voller Bodenständigkeit, ohne einen Funken Idealismus, Panik und gesellschaftlichem Druck. Ich will überleben.

Was ich nicht will: beim Staubsaugen die Orientierung verlieren. Beim Fensterputzen in Ohnmacht fallen. Während einer Städtereise zwischen der vierten und fünften Sehenswürdigkeit auf dem Bürgersteig liegen bleiben. Was ich auch nicht will: eine Strandfigur. Reaktionen für Äußerlichkeiten. Geil aussehen.

Ich will jetzt nicht an den Strand, und morgen auch nicht, überhaupt bin ich ja 99,9 Prozent meines Lebens gar nicht am Strand, ich will mit meinen straffen makellosen Schenkeln nicht die Welt erobern, eure Schönheitsmerkmale sind mir scheißegal, ich will mich einfach nur ein bisschen lebendiger fühlen.

Ich will, dass die Peripherie halbwegs intakt ist, das schulde ich meinem Gehirn, dem einzigen Organ in meinem Körper, das mich bisher noch nicht maßlos enttäuscht hat. Ob mich dabei irgendjemand anbetungswürdig findet, spielt für mich keine Rolle, ich schließe es momentan sogar rigoros aus, mit stolz geschwellter wohl geformter Brust, weil ich nämlich bald im bodenständigen mittleren Alter bin und längst erste Falten in meinem Gesicht mit mir herumtrage und es reine Zeitverschwendung ist irgendwem gefallen zu wollen. Das beste was man tun kann ist, sich selber gegenüber pragmatischer zu sein. Und dankbar dafür sein, dass man von Lieblingsmenschen nicht Zuckerpuppe genannt wird, sondern Struppi. Das kann ja auch nicht jeder von sich behaupten.

(Übrigens: Diana von urbanlifestyltrash ist zum Glück auch keine quitschvergnügte Sportskanone.)

Wer bin ich? Warum gibt es grüne Paprikas? Und wann bin ich endlich erwachsen?

Zwischen Geburt und Tod passiert im Leben eines Menschen häufig etwas höchst Beunruhigendes. Die Gesellschaft beginnt irgendwann im ersten Drittel in dir einen erwachsenen Menschen zu sehen und – jetzt das Beunruhigende – du glaubst es dann nach einer Weile selber. Es beginnt zunächst recht harmlos. Mit einem Präsentkorb zum Geburtstag. Die ersten Male sind ungewohnt, irgendwann freust du dich jedoch über die ganze Holundermarmelade und den Käse und die rote Wurst und den Bienenhonig aus der Region. Und den Wein trinkst du dann schließlich auch lieber selber, verschenkst ihn nicht mehr an „reifere Menschen“ aus deinem Bekanntenkreis.

Jeder Tag birgt die Gefahr, dass du dir eine petrolfarbene Bluse mit Perlmuttknöpfen kaufst und dich bei Familienfesten an Streitgesprächen über Probiotika beteiligst. Und irgendwann schaffst du dir dann eine Etikettiermaschine und eine Decke mit Ärmeln an. Die Decke trägst du jeden Abend vor dem Fernseher, in dem die pubertäre Kimberley-Raclette sich gerade mit der Nanny oder dem Schuldenberater zankt. Wenn du Glück hast, hast du Netflix und der langsame Tod deiner Gehirnzellen sieht von außen betrachtet nicht ganz so erbärmlich aus. (Weil du Bojack Horseman statt „Frauentausch“ guckst zum Beispiel)

Und das alles wäre nicht so schlimm, ganz im Gegenteil, es gibt nichts Schöneres als minimal spießig und maximal super zu sein. Schlimm wird es, wenn du einfach ständig nur so dasitzt und mit verbissener Miene immer erwachsener wirst, und vollkommen vergisst, dass diese Erde manchmal ein magischer Ort ist. Du vergisst, wie man sich wundert. Du hörst auf, Fragen zu stellen. Dabei passieren doch so viele Dinge, über die man sich ruhig mal den Kopf zerbrechen kann.

Zum Beispiel warum es in den 3er Packungen Paprika immer nur rote, gelbe und grüne und nicht mal eine orangene Paprika gibt. Es gibt immer nur Rot, Gelb und grün. Selbst bei Viererpackungen gibt es oft nur zweimal Rot, Gelb und Grün. Und jedes Kind weiß, dass einfach niemand die grünen Paprikas mag. Man toleriert sie irgendwie, notgedrungen. Sie sind halt da, ja mein Gott, man kauft halt die 3er-Packung mit den grünen Paprikas, weil: Was will man denn machen? Man ist doch hilflos in diesem Moment!!!!!!

Die grünen Paprikas sind wie die Person, die auf Partys immer zu den unmöglichsten Zeiten über Mutter-Kind-Kuren und Terrorismus sprechen möchte. Natürlich ist jeder von uns irgendwann einmal im Leben die grüne Paprika gewesen. Jeder von uns hat schonmal irgendwo gesessen zwischen Menschen, die uns fremd geworden sind, und sich gedacht: Was soll ich hier, steckt mich doch einfach zurück in die Gemüsekiste, ich habe keine Lust auf Small Talk und die sprechen nur alle über Bauchnäbel und Nudelsalat, ich hasse mein Leben, ich hasse die anderen, ich will jetzt nach Hause, wo ist mein Anorak?

Ich hatte mal eine Phase, in der ich drei Monate lang die grüne Paprika sehr gemocht habe. Ich habe sie ständig in Kräuterquark gedippt und mich gefühlt wie jemand, der niemals die Kontrolle über sein Leben verliert. Das war irre. Es ging dann auch recht schnell wieder vorbei.

Neben den grünen Paprikas gibt es jedenfalls noch weitere erstaunliche Dinge, die mir angenehmes Kopfzerbrechen bereiten. Wie die Menschen immer auf die Autobahnen kommen zum Beispiel. Ich meine, was machen die da? Man hört im Radio, da sind irgendwo Menschen, und fragt sich: Wie kommen die dahin, wer hat die ausgesetzt, wissen die nicht, dass Fußgänger auf Autobahnen nichts verloren haben? Wie passiert so was? Kinder zum Beispiel: Warum spielen die in einem Moment noch Frisbee und trinken Erdbeer-Milchshake und stehen dann im nächsten Augenblick plötzlich auf der Autobahn?

Oder wieso man so oft Kopfhaare aus der Unterhose sammeln muss. Klar, bei vielen Menschen sind Kopf und Arsch recht nah beieinander, aber das ergibt doch trotzdem keinen Sinn. Oder warum die Mortadella Kindern immer am besten schmeckt, wenn Mama oder Papa sie vorher zusammenrollen. Oder warum Mütter immer sonntags um 19 Uhr anrufen und das Gespräch grundsätzlich mit dem Satz „Ich wollt nur mal hör´n.“ beginnt.

Lasst uns wieder zu Kindern werden, die sich nicht nur mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens herumquälen und daran jeden Tag verzweifeln. Weil ja nunmal niemand mit absoluter Sicherheit sagen kann, was nun der Sinn des Lebens ist oder warum es soweit kommen konnte, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Lasst uns die wichtigen Fragen öfter mal ausblenden. Fragen wir uns lieber öfter, warum Pommes mit Rillen immer besser schmecken als Pommes ohne Rillen, warum Schwimmbadpommes von allen Pommes am allerbesten schmecken und warum nicht grundsätzlich nur noch Pommes mit Rillen in Schwimmbädern verkauft werden. 

Besorgten Bürgern begegnen

Wir müssen ja nicht auf die Straße gehen. Wir müssen keine Banner basteln und mit Sprechchören durch die Straßen ziehen. Wann sollten wir das auch machen? Wir haben Jobs, wir haben unsere Familien, wir müssen einkaufen und Zahnarzttermine wahrnehmen und wir müssen zur Post und Einkaufslisten schreiben und wichtige Telefonate führen. Vorsorgechecks. Stirnfalten. Hausordnung. Retweet. Immer so weiter.

Wir müssen nicht auf die Straße gehen. Wir müssen uns nicht organisieren und die ganzen Idioten da draußen niederschreien. Wir brauchen keine Facebook-Gruppe, keine Whatsapp-Gruppe, keinen Hashtag auf twitter oder instagram oder sonstwo. Wir müssen nicht auf die Straße gehen, aber wir müssen reagieren, jeder einzelne von uns, beim Kaffeetrinken, an der Kühltheke, im Bus, in Fußgängerzonen, in Wartezimmern. Wenn wir in der Schlange stehen. Wenn wir außer Atem sind. Beim Einchecken. Beim Auschecken.

Wenn jemand in unserer Nähe mit einem Brett vor der Stirn herumläuft, sollten wir einen Schraubenzieher in der Tasche haben und das Warum nicht achtlos beiseite schieben. Und wenn sich dann herausstellt, dass derjenige unbelehrbar und gefährlich ist, dann können wir immer noch aufstehen und gehen, vielleicht zu einem, der nicht ganz so unbelehrbar gefährlich ist.

Aber lasst uns das nicht einfach mit den Schultern wegzucken. Lasst uns Löcher in diese Menschen hineinstarren und versuchen, ihre Angst vor dem großen Unbekannten zu ergründen. Fragen, was nach der Angst kommt. Ob alle Probleme denn gelöst sind, wenn nächste Woche ganz viele Busse kommen und alle fremden Gesichter einsammeln und wegfahren würden. Ob dann beim nächsten Gehaltseingang automatisch mehr Geld auf dem Konto ist. Ob dann die Kinder freundlicher sind. Der Chef besser gelaunt. Die Wohnung aufgeräumter. Die Augen weniger kurzsichtig. Das Leben mehr Ponyhof.

Wir müssen nicht auf die Straße gehen, aber wenn wir doch schonmal da sind, weil wir gerade mit dem Hund Gassi gehen oder noch Milch brauchen oder einen banalen Grund suchen, einfach mal die Wohnung zu verlassen, wenn wir also schonmal da sind, dann können wir vielleicht mal eine Weile da stehen bleiben, da draußen, ohne wlan, und innehalten und gucken ob da einer kommt – einer von denen, die ernsthaft glauben, dass sie zu den „ganz Normalen“ gehören.

Nachgefragt #1

Bist du leicht entflammbar? Verzeihst du mir? Und willst du, dass ich dir verzeihe? Kannst du nicht oder willst du nicht oder macht das am Ende gar keinen Unterschied? Wenn bei Geld die Freundschaft anfängt, hört sie dann bei Geld auch wieder auf? Hätten wir uns gemocht, wenn wir uns besser kennen gelernt hätten?

Warum sitzt man als Erwachsener nicht mehr im Schneidersitz? Hat das was mit der schlechten Durchblutung zu tun? Was sind das für Menschen, die Angst vor zwei Wochen Urlaub haben? Macht es dich auch rasend vor Wut, wenn du den Anfang vom Klebeband suchst? Wenn man die klügste Person im Raum ist, ist man dann im falschen Raum?

Wäre die Welt ein friedlicherer Ort, wenn man zu bestimmten Zeiten regelmäßig die Zuckerwerte bestimmter Personen messen würde? Hatte die Masse eigentlich jemals recht? Ist dein Zeigefinger länger oder dein Mittelfinger? Gibt es noch Stickeralben und wenn nein – warum denn nicht, verdammt nochmal? Bist du der Elefant oder der Porzellanladen? Bist du spielentscheidend oder einfach nur verkaufsfördernd?

Ist das Leben nichts weiter als ein zaghafter Versuch?

Fresskoma in Österreich

Das neue Jahr ist nun schon fast eine Woche alt und meint es bisher gut mit mir. Denn normalerweise leide ich in dieser Zeit unter einer Neujahrs-Depression, die etwa zwei Wochen dauert, dann langsam verschwindet, um einige Wochen später wieder abgelöst zu werden von einer Karnevals-Depression, die dann recht nahtlos übergeht in die lethargische „Oh, schon März, das Jahr ist ja schon wieder fast um, na jetzt brauch ich mein Wonderwoman-Kostüm auch nicht mehr aus der Reinigung zu holen!“-Phase. Ernsthaft.

Diesmal ist es anders, denn diesmal habe ich der Neujahrs-Depression einen mächtigen Gegner vor die Nase gesetzt. Ein mit Käse überbackenes, gut gewürztes Glücksbärchi. Am 2. Weihnachtsfeiertag machten M. (Snowboarder, Freund von verlassenen Orten, brach mir beim Monopoly das Herz) und ich uns auf den Weg nach Österreich, wo wir eine ganze Woche lang eigentlich nur gegessen haben. Zusammen mit D. (bombastisches Mädchen mit den roten Haaren und Schwester im Geiste), A. (professioneller Pizzateigkneter und begeisterter Instagram-Nichtanwender), J. (Motivator und tiefenentspannter Monopoly-Hippie) und C. (Bergziege gefangen im Körper eines sehr treuen, sehr perfekten Hundes). Ein beeindruckendes Rudel.

Es folgt nun eine kurzweilige Chronik des Urlaubs inkl. Serviervorschlag verbunden mit der Bitte an euch, auch öfter mal irgendwohin zu fahren und dort tagelang nur Essen zu kauen, Filme zu schauen und das Nichtstun zu zelebrieren.

Tag 1 – Hot Dogs mit Kartoffelsalat

Um fünf Uhr morgens sitzen wir im Auto. Der eine fährt, die andere döst, weil sie bis zwei Uhr noch am Laptop saß um einen Blogartikel fertig zu schreiben. Es läuft „Die 13 1/2 Leben des Käpt´n Blaubär“. An einer Raststätte etwa 100 Kilometer vor München begegnet uns ein sehr unzufriedener Mann in einem grünen Anorak. Während er sein Kind im Arm hält – das einen unschuldigen und von der väterlichen Scheißheit völlig unbeeindruckten Eindruck erweckt – ist er in der Lage dazu, mit seinem messerscharfen Verstand und seinen Adleraugen den vegetarischen vom nicht-vegetarischen Brötchenbelag zu unterscheiden.

„Was ist das?“
„Das ist mit Gemüse.“
„Und das da auch?“
„Das ist mit Pute.“
„Nein, das ist auch Gemüse.“
„Das ist mit Pute, das habe ich eben erst belegt.“
„Das ist mit Gemüse, das seh ich doch. Ich nehme das andere.“

Gemüse, Pute, vollkommen egal. Alle in der Schlange hassen den Mann. Ich beschließe, mich in den nächsten Wochen so oft wie möglich aufzuregen und dann zu rufen „Ich könnt mich aufregen! Wie so´n Mann im grünen Anorak!“ Bis alle anderen es dann auch so oft wie möglich sagen, auch all jene, die den Mann im grünen Anorak gar nicht kennen.

franziseibel_2015-12-26_16-10-01Die Ferienhütte liegt in Gries in über 1000 Meter Höhe und wir müssen unseren Urlaub dort verbringen, weil D. den Aufenthalt aus Versehen vor ein paar Monaten für uns gebucht hat. Das Beste neben dem unschlagbaren Preis ist die tolle Lage. Eine kurvenreiche Straße führt erst den Berg hoch durch ein Stück Wald, dann begegnet man dem Hund Simon* (*Name von der Redaktion willkürlich gewählt, weil es immer ganz nett ist, unbekannten Tieren auf Anhieb Namen zu geben und es kein Gesetz der Welt gibt, das dem Menschen vorschreibt, dass man Tiere gefälligst „Struppel“ nennen soll.) Nach ein paar weiteren Höhenmetern erreicht man schließlich das Grundstück, wird sehr freundlich begrüßt und staunt erst über den genialen Ausblick und dann über das gemütliche Innere.

Ein paar Stunden später hat auch der Rest es geschafft und gemeinsam verbringen wir einen ersten wunderbaren Abend bei Kaffeeschnaps und Wein und Hot Dogs und guten Gesprächen, die das Allerwichtigste und Schönste an so einem Urlaub sind.

Tag 2 – Hot Dogs mit Nudelsalat

Ich schlafe gut. Die letzten Wochen waren geprägt von einer suizidalen Magenschleimhaut und einem Dauerschmerz der Lendenwirbelsäule. Beides hat sich über Nacht in Luft aufgelöst.

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Ich schlafe wie ein glückliches Baby und beginne den Tag mit einem Buch und einem Cappuccino draußen auf der Bank. Die Sonne scheint, ich kann die Berge sehen und Hoffnung und eine glückliche Zukunft und auch ein paar Fruchtfliegen, denn die Temperatur hat sich im Monat geirrt.

Nachmittags treffen wir einen grauenhaften Entschluss. Wir wollen spazieren gehen. Der Vermieter hatte uns bei unserer Ankunft eine handgezeichnete Karte vorbeigebracht, auf der er mit dem Finger entlang fuhr und Dinge zu mir sagte in Elben-Sprache oder Österreichisch, das weiß ich leider nicht genau. Fasziniert vom Klang seiner Stimme habe ich jedenfalls kein Wort verstanden, nur „gemütlich“ und „schöne Aussicht“. Aber ich kann mich hier auch irren, meine körperliche Verfassung nach der kleinen Wanderung legt das jedenfalls nahe.

franziseibel_2015-12-27_18-29-29Zunächst spüre ich nichts außer ein bisschen Vorfreude und das leise, liebgewonnene Fauchen meiner Lunge. Es ist egal wie steil es bergauf geht, sie beschwert sich grundsätzlich, seit vielen Jahren, das ist in Ordnung, man gewöhnt sich daran. Nach zehn Minuten haben D. und ich allerdings das Gefühl, dass das vielleicht doch kein so gemütlicher Spaziergang wird. Der Hund tollt, die Männer lachen, einer von ihnen hat sich einen Wanderstock gegriffen und angefangen irgendetwas von „Mind over body“ in unsere Richtung zu rufen. Wir haben uns den steilsten Aufstieg ausgesucht, unser erstes Ziel soll die Ameisen-Station sein, dann eine Art Aussichts-Plattform, auf halber Strecke stellt mein Oberkörper seine Funktionen weitest gehend ein, damit meine Beine mich tragen können. Unsere Hände krallen sich in die Erde, halten sich daran fest, damit wir nicht nach hinten umkippen. Wir umarmen Bäume, wir keuchen, wir denken übers Kotzen nach. Der Hund tollt immer noch. Der Weg zurück bietet dann übrigens tatsächlich eine tolle Aussicht. Ein bisschen Sterben kann sich also ein bisschen lohnen, wieder was gelernt.

Tag 3 – Pizza-Raclette

Wir schauen uns Bad Gastein an. Man nennt den Ort auch das Monte Carlo der Alpen und wer mal danach googelt, weiß warum. Ich warte, während wir uns ein bisschen umsehen und ein paar Fotos vom Wasserfall machen, auf den Moment, an dem ich von einem bestimmten Platz aus ein halbwegs charakteristisches Bild der sehr imposanten Bauten machen kann, aber das ist gar nicht so einfach.

franziseibel_2015-12-28_15-29-52Wahrscheinlich braucht man dafür einen Helikopter oder muss bei irgendwem aufs Dach steigen. Oder eben irgendeinen steilen Hang hochmarschieren, aber das haben wir ja bereits unter Tränen hinter uns gebracht.

Abends passiert etwas Magisches. Denn es gibt Pizza-Raclette. Quasi Liebe zum Quadrat. Als würde man niesend in einem Whirlpool sitzen.

Stundenlang kann man in kleine Schälchen greifen, gefüllt mit Schinken und Zwiebeln und Salami und Ananas und Pilzen und Thunfisch und anderen Glücksbringern. Und während man wartet, bestaunt man die Kreationen der anderen und spricht über den Sinn des Lebens und kommt beinahe zu dem Ergebnis, dass Pizza-Raclette dem schon sehr nahe kommt.

Tag 4 – Hawaii-Toast

Während der eine Teil den Tag auf Brettern im Schnee verbringt, frühstückt der andere Teil stundenlang und fragt sich, warum die Welt immer verrückter wird, wann Spiritualität wehtut und ob Frauenmagazine außerhalb von Zahnarztwartezimmern eine Daseinsberechtigung haben. Später schlüpfen wir beim The-Walking-Dead-Monopoly in verschiedene Rollen. D. und ich benehmen uns wie man es von Frauen erwartet. M. und A. benehmen sich, wie man es von Männern erwartet und J. benimmt sich, wie man es von einem schlafwandelnden Übermensch erwartet. Er beharrt darauf, dass ein Pferd und eine Flasche Wasser am Tag genügen, um glücklich zu sein und hat damit auch eine lange Zeit viel Erfolg.

Ich erlebe eine große Enttäuschung, weil M. mir die letzte dringend benötigte rote Straße nicht verkaufen möchte, die ich brauche, um einigermaßen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Seine gleichmütige Art nimmt mir den Lebensmut, Stunden später liege ich noch lange wach und frage mich, ob das alles einen Sinn macht und ob ich, abgesehen von „Das verrückte Labyrinth“, jemals Spaß an einem Gesellschaftsspiel haben werde.

Tag 5 – Nudeln

Der darauf folgende Abend beantwortet mir diese Frage recht schnell: Es ist nahezu unmöglich für mich, Gesellschaftsspiele zu spielen, ohne dabei ein winziges kleines bisschen Hass zu empfinden. Was mich hingegen glücklich macht, sind Chips und Würmchen* (*Nicht Flips! Würmchen!!!) und Wein und Lachtränen und das Gefühl, von Menschen umgeben zu sein, vor denen ich mich nicht verstecken muss. (Ausnahme: J. immer dann, wenn er mit der Kamera herumspielt.)

Der erste „Planet der Affen“-Film aus dem Jahr 1968 ist übrigens gar nicht so doof, wie ich immer behauptet hab. Ohne ihn je gesehen zu haben. Franzi-Logik.

Tag 6 – Chili Con Carne

Es geht dem Jahresende und dem Ende unseres Urlaubs entgegen. Endzeitstimmung macht sich breit, wir brauchen unbedingt noch ein bisschen Schnee, um überhaupt mit Gewissheit sagen zu können, dass wir im Dezember ein paar Tage in den Alpen verbracht haben.

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Also treffen wir uns mit M. und A. auf dem Kitzsteinhorn im Skigebiet von Kaprun. Die Wintersportler gönnen sich ein Mittagessen und eine Pause, wir anderen ekeln uns zunächst ein bisschen vor der Schlagermusik und loben den Hund dafür, dass er das ganze Affentheater so tapfer akzeptiert. Auf dem Gipfel in über 3.000 Metern Höhe gibt es noch Kaffee und Kuchen, das obligatorische Gruppenfoto und eine phänomenale Aussicht.

Abends feiern wir einen luxuriösen Jahreswechsel: Wir ziehen unsere Jogginghosen an, trinken Mexikaner, spielen „Looping Louie“ und reiben uns die Bäuche. Und ich stelle fest: Viele kleine Feuerwerke von oben zu betrachten ist viel schöner als ein großes Feuerwerk von unten zu betrachten.

Tag 7 – Raclette

Drei Dinge prägen den letzten Urlaubstag in Österreich. Stirb langsam Teil 1 bis 4, Raclette und Mädchenabend. Wobei Stirb Langsam schnell zu einem Männerding wird und der Mädchenabend abgesehen vom Hund schnell zu einem Frauending wird. Raclette ist dann wieder so ein ganz wundervolles und auch furchteinflößendes Gemeinschaftsprojekt.

Es ist ein bisschen wie damals auf Klassenfahrt, der letzte Abend ist immer ein besonderer Abend. Man schmiedet Pläne, findet rote Fäden und ist traurig, dass die siebentägige Weinprobe in 24 Stunden schon wieder Vergangenheit ist.

Jetzt kann ich euch nur noch den Tipp geben, die tolle Lage und den unschlagbaren Preis des Ferienhauses auch mal zu nutzen. Ihr werdet da wunschlos glücklich sein, es gibt ein Bad und zwei Toiletten, Fußbodenheizung, eine große Küche und die Lage ist perfekt, eine dichte Schneedecke hätte dem ganzen noch die Krone aufgesetzt. Die heben wir uns fürs nächste Mal auf.

5 Dinge, die ich im letzten Jahr verstanden habe

Das Jahr sieht verdammt alt aus. Es wird Zeit zurückzublicken auf die Dinge, die mir in 2015 bewusst geworden sind. Es sind Themen, über die ich mir leidenschaftlich den Kopf zerbreche und die auch alle mehr oder weniger aneinander anknüpfen. Wenn ihr diesen sehr langen und auch persönlichen Text jetzt lesen möchtet: Herzlichen Dank für die Ausdauer, legt los!

1) Alle Leute begegnen einander tolerant, respektvoll und wertschätzend. Jedenfalls solange alles mit ihrem rumpelkammergroßen Weltbild übereinstimmt.

Leute, die laute Musik hören, sind aggressiv. Stille Menschen sind schüchtern und ängstlich. Menschen, die viel lesen, sind realitätsfremde Träumer. Leute, die widersprechen, sind respektlose Nörgler. Wer am Wochenende lieber daheim bleibt, hat wahrscheinlich keine Freunde. Solche Vorurteile begegnen uns immer wieder. Und ich glaube ja mittlerweile, dass nur Leute, die die letzten zwanzig Jahre täglich drei Stunden lang meditiert haben, überhaupt keine Vorurteile haben und in der Lage sind, jedem Menschen offen und tolerant zu begegnen. Wir können uns davon alle nicht freisprechen. Einige Menschen übertreiben es leider ein bisschen. Es gibt Menschen, deren Intoleranz immer dann zum Vorschein kommt, wenn es um Merkmale geht, mit denen ein Mensch geboren wird.
Nur: Die Leute suchen sich ihren Hirnstoffwechsel, ihre Gene, ihre Nationalität, ihre Neigungen oder Talente nicht aus. Wenn jemand respektlos zu Ausländern, Homosexuellen, Frauen, Behinderten oder Menschen mit Depressionen ist, dann denke ich immer: Tolle Idee, warum nicht noch Linkshänder und Typ 1 Diabetiker mit auf diese fantastische Liste setzen?

Was fällt denn diesen ganzen Menschen auch ein, einfach so von der Norm abzuweichen?! Seid doch mal weniger schwarz, weniger schwul, weniger schwerbehindert!

Ich begreife das nicht. Warum kann man nicht einfach mal sagen „Ich habe Berührungsängste und die möchte ich abbauen.“? Ich zum Beispiel habe Berührungsängste. Ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch, ich bin mir meiner selbst oft nicht sicher. Ich habe Berührungsängste. Aber feige und ängstlich bin ich nicht, ich kann sie also jeden Tag aufs Neue abbauen. Warum ist die allererste Reaktion auf etwas, das an anderen irgendwie anders ist, so oft Ablehnung? Und könnten die Leute bitte mal aufhören so Sachen zu sagen wie „Er ist Türke, aber er ist trotzdem ein ganz lieber Mensch.“ Hört ihr euch eigentlich manchmal selber zu?

2) Manchmal ist dein Gehirn das dümmste Organ in deinem Körper.

Wenn Hirn und Herz noch im Wachstum sind, dann glaubt man nicht an das Märchen von Körper, Geist und Seele als sensible Einheit und dass sie gegenseitig aufeinander einwirken. Man kennt die Geschichten von all den Menschen, die ein Magengeschwür oder einen Bandscheibenvorfall oder Bluthochdruck haben, weil sie unglücklich sind und denkt: Was für ein Quatsch! Und: Wenn man merkt, dass man unglücklich wird, dann kann man doch etwas dagegen unternehmen!

Manchmal funktioniert das. Man merkt es, man hat schon gewisse Erfahrungen gemacht, man kann gegenlenken. Manchmal nicht. Zum Beispiel, wenn man sich noch nicht wirklich kennen gelernt hat. Wenn man zwar mehr oder weniger weiß, dass man unter gewissen Umständen ein bisschen stressanfälliger ist, es aber nicht wirklich einordnen kann. Was ich in diesem Jahr wirklich begriffen habe: Wenn dein dummes Hirn sich nicht darum kümmert, dann tut es der Rest deines Körpers. Plötzlich brennen deine Augen, deine Füße tragen dich nicht mehr, dein Arsch macht seinem Namen alle Ehre.

Du denkst: „Was hab ich denn, ich hab doch was!“ Alle paar Monate hast du wie aus heiterem Himmel Todesangst, das erste Mal vor fast genau vier Jahren, und solche Erfahrungen verbuchst du dann irgendwann unter „Vielen herzlichen Dank, sehr inspirierend.“ Meistens ist da aber nur so eine allgegenwärtige XXS-Erschöpfung. An die gewöhnst du dich dann schnell. Du liegst deshalb nicht vier Wochen im Bett. Du bist ja schließlich auch kein Hochleistungssportler, kein Top-Manager, keine berufstätige Mutter. Die haben Stress. Du? Du nicht. Sei dankbar, halt den Mund, werd endlich erwachsen, geh öfter an die frische Luft.

Ich habe bis vor ein paar Monaten überhaupt nicht begriffen, in wie vielen Variationen Stress eigentlich in unser Leben treten kann. Manchmal ist er positiv. Wenn du voll in einer Aufgabe aufgehen kannst zum Beispiel. Oft versteckt er sich und wird von Leuten nie beim Namen genannt. Selbstzensur ist Stress. Ständiger Lärm ist Stress. Gleichzeitig über- und unterfordert zu sein. „Das haben wir doch schon immer so gemacht.“ ist Stress, wenn man den Satz oft hört und dann jedes Mal denkt: Herzlichen Glückwunsch, wenn alle so denken würden, dann würden wir alle noch in einem Erdloch sitzen. Manchmal hat man den Mut zu sagen „Könnten wir darüber sprechen, es in Zukunft etwas anders zu machen?“ und wünscht sich vergeblich eine Gegenfrage, einen Kompromiss, irgendein Leuchtturmsignal gegen die Unsichtbarkeit.

Den schlimmsten Stress verursacht die Tatsache, dass so viele Leute das alles überhaupt nicht auf dem Schirm haben. Weil sie es nicht wissen. Weil sie sich einfach nicht vorstellen können, dass irgendwer in ihrer Nähe wegen ihren Selbstverständlichkeiten immer kleiner wird, immer mehr verschwindet und immer mehr Energie aufbringen muss, um halbwegs zu funktionieren. Und weil man kein Wort sagt, weil man den folgenden Punkt noch nicht begriffen hat.

3) Kochendes Wasser macht Kartoffeln weich und Eier hart

Ich bin nicht hochsensibel. Ich meine, vielleicht bin ich es, denn immerhin habe ich Antennen und friere schnell und kann gut zuhören und weine bei Filmen an Stellen, die definitiv nicht dafür vorgesehen sind. Aber ich mag dieses Wort nicht, denn es ist zu 90 % negativ besetzt. Ich will kein Häufchen Elend sein, keine Mimose, kein Sensibelchen. Auch wenn ich das manchmal bin, es wird mir aber nicht gerecht. Soviel Selbstbewusstsein muss sein.

Es gibt aber definitiv eine Kategorie, in der ich mich gut aufgehoben fühle und seitdem ich mich darüber informiert habe, kann ich mich besser verstehen. Ich bin introvertiert und deshalb ist in den letzten Jahren das mit mir passiert, worüber ich im 2. Punkt gesprochen habe. Ich bin introvertiert und ich kann acht Stunden lang in einer Arbeit aufgehen, wenn ich nicht ständig die Rollen wechseln muss oder permanent unterbrochen werde. Ich kann stundenlang zuhören, ich nehme Gefühle bei anderen wahr, ohne dass irgendjemand darüber spricht. Ich kann zwischen den Zeilen lesen, ich habe ein Auge für Zusammenhänge, aber darüber sprechen, vor Publikum, das kann ich nicht, da pisse ich mir in die Hose und das ist immer recht unangenehm. Wenn ich jemanden gut kenne oder das Gefühl habe, dass ich einigermaßen ich selbst bleiben darf, dann unterhalte ich mich gerne, dann bin ich beinahe sympathisch, beinahe unterhaltsam, beinahe jemand, den man nicht übersieht.

Ich bin introvertiert und das ist einerseits ziemlich enttäuschend, denn es gibt Situationen, da weiß ich genau, dass mich jetzt einige für einen wahnsinnig langweiligen Menschen halten. Weil ich in größeren Runden sehr oft den Mund halte. Nur so dasitze. Nicht euphorisch bin. Weil ich manchmal nicht besonders gut in Small Talk bin. Dafür kann man mich in einen Raum einsperren und es würde eine ganze Weile dauern, bis ich mich allein mit mir selbst langweilen würde.

Ich brauche nicht viel, um auf irgendeinen Gedanken zu kommen, genau genommen brauche ich dafür oft überhaupt gar keinen besonderen Impuls, ich bin mir selbst genug, und weil das Denken und das Reflektieren und das Fühlen mir nicht schwer fallen und mir auch nicht so eine Heidenangst einjagen, trage ich diese grundlegende kleine Erschöpfung mit mir herum.

Spätestens seit diesem Jahr weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin. Dass Introvertiertheit etwas vollkommen normales ist, so wie Extrovertiertheit etwas vollkommen normales ist. Beide haben nur völlig unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen und auch Ansprüche an einen perfekten Tag. Ein und dieselbe Ausgangssituation führt bei diesen zwei Persönlichkeiten zu verschiedenen Ergebnissen. Kochendes Wasser macht Kartoffeln weich und Eier hart. Die Leute haben leider immer noch ein Problem damit, weil ihnen die Unterschiede gar nicht bewusst sind. Und diese Gesellschaft funktioniert größtenteils nach unausgesprochenen Regeln, die für einen extrovertierten kein Problem darstellen, aber bei einem Introvertierten häufig Kopfschütteln auslösen.

Im nächsten Jahr möchte ich öfter mal etwas zu diesem Thema schreiben. Genau genommen glaube ich, dass dieser Unterschied zwischen extrovertierten und introvertierten Menschen sich wie ein roter Faden schon seit einer Weile durch meine Texte zieht. Ich konnte das bisher nur nicht klar benennen. Und vielleicht gibt es ja da draußen auch noch Menschen, die wie ich denken, dass der Gegensatz zwischen introvertierten und extrovertierten weitaus schwerer wiegt als der Unterschied zwischen Frauen und Männern. Ich lasse mich aber gern vom Gegenteil überzeugen. Und wo wir gerade bei den Frauen sind:

4) Es gibt auf dieser Welt einige großartige Menschen. Viele von ihnen sind Frauen.

Zwischen Frauen im Allgemeinen und mir im Speziellen war immer eine unsichtbare Mauer. Während viele von ihnen keine Mühe haben einander kennen zu lernen, dieselben Interessen zu haben und dann irgendwann im unkomplizierten Partnerlook und einem inoffiziellen Regelkatalog im Kopf putzmunter durch die Gegend zu marschieren, habe ich mir das ganze Theater immer mit hängenden Schultern und tiefen Falten auf der Stirn von außen angeschaut und mich unbehaglich und sonderbar gefühlt. Und recht schnell kam ich dann zu dem ganz eindeutigen Ergebnis, dass offenbar 90 % der Frauen auf dieser Welt total anders ticken als ich und wir abgesehen von ein paar Brüsten nicht viele kleinste gemeinsame Nenner haben.

Bis vor ein paar Jahren war die Mehrheit der Leute, mit denen ich mich gut über den Sinn und Unsinn dieser Welt unterhalten konnte, eher männlich. Und ich dachte, das muss wohl so sein, und fühlte mich mit diesem unbefriedigenden Gedanken immer ein bisschen einsam. Und immer, wenn irgendwo ein Mann darüber jammerte, dass die Frauen es mit ihrer Emanzipation und ihrem ganzen Genderscheiß so langsam übertreiben, dann wurde ich natürlich ein bisschen wütend, dachte aber auch an all die Frauen, zu denen ich keinen Zugang hatte, weil sich ihr ganzes Leben offenbar nur darum dreht, möglichst nahtlos den Übergang zu schaffen von „Unsere kleine Farm“ hin zu „Die Frauen von Stepford“.

Während ich immer noch versuche, herauszufinden, ob meine Einschätzung nicht viel eher eine total ignorante dorftrottelige Fehleinschätzung ist, habe ich vor allem in diesem Jahr feststellen dürfen, dass es an jeder Ecke spannende Frauen gibt. Mit denen man reden kann, ohne sich verstellen zu müssen. Und dass man sich selbst bei denen nicht zwangsläufig verstellen muss, die vielleicht im allerersten Moment so sympathisch wirken wie jemand, dem man nach einem Schiffsunglück mit nur zwei Überlebenden auf der einsamen Insel möglichst aus dem Weg gehen möchte. Ich trainiere das noch. Ich muss das trainieren. Man verpasst zu viel, wenn man da nicht aufpasst. Man gewinnt auch viel, wenn man schon als verschrobener alter Kautz zur Welt kommt, aber man verpasst eben auch viel. Zum Glück gibt es Leute, die das akzeptieren. Kreative, humorvolle, kluge, verständnisvolle, herzliche Menschen. Viele von ihnen sind weiblich. Danke dafür, ehrlich.

5) Schreiben ist 1% Magie und 99% Handwerk.

Ich habe mir Anfang 2015 ein Buch gekauft über gutes Schreiben und die dafür nötigen Werkzeuge. Eigentlich war ich nur neugierig darauf zu erfahren, ob es tatsächlich bestimmte Werkzeuge gibt, die einen Text auf Anhieb besser machen können. Es hat mir dann irgendwie die Augen geöffnet. Ich habe es bisher dreimal gelesen, wie einen Krimi, das kann sich wahrscheinlich kaum ein Mensch vorstellen.

Für mich hat das Aneinanderreihen von Worten auch nach dem Lesen dieses Buches immer noch viel mit Magie zu tun. Ich bin fest davon überzeugt, dass es (abgesehen von den ganz nahe liegenden Dingen) nichts gibt, was einen Menschen glücklicher machen kann. Tänzer und Bildhauer können mir jetzt gerne widersprechen. Das Schreiben liegt mir so sehr am Herzen, dass ich innerlich fuchsteufelswild werde, wenn irgendein Schweinehund es wagt, diese Leidenschaft in irgendeiner Art und Weise ins Lächerliche zu ziehen.

Das Buch hat mir allerdings gezeigt: Auch wenn es sich nicht so anfühlt, ganz nüchtern betrachtet ist Schreiben ein Handwerk. Eines mit klaren Regeln. Von denen man natürlich nicht alle, aber wenigstens ein paar anwenden sollte, um einen guten Text zu schreiben. Es hat mir auch meinen eigenen Stil bewusst gemacht, ich habe erkannt, was ich unbewusst seit Jahren richtig mache und was ich in Zukunft besser machen könnte. Das hat mich glücklich gemacht, ganz ehrlich. Es hat die Angelegenheit für mich greifbarer gemacht. Es hat mir gezeigt, dass der Prozess des Schreibens schon lange vorher beginnt, mit einer Notiz, mit einem flüchtigen Gedanken, mit einer Idee, die man in der Eile vielleicht wieder vergisst und nach ein paar Tagen irgendwo zwischen zwei Treppenstufen wiederfindet. Es hat mir die Angst genommen, vielleicht auch ein bisschen die Ehrfurcht. Und ich fühle mich seitdem weniger stümperhaft, wenn ich drei Sätze hintereinander mit dem Wort „Und“ beginne.

 

Nur glückliche Orangen in der Saftpresse

Wir sterben hier, ganz langsam, und wir fahren in die nächst größere Stadt in irgendein Scheiß Einkaufszentrum und haken Länder ab auf unserer To-Do-Liste und wir fiebern Dingen entgegen, die man halt mal gemacht haben muss, laut Volksmund, obwohl der viel Blödsinn erzählt und sabbert und riecht und spuckt wie ein Lama und in den Zoo können wir auch mal wieder gehen, das ist so schön, da vergisst man, dass wir hier alle ganz langsam jeden Tag ein bisschen sterben. Da können wir uns kleine Äffchen anschauen und bengalische Tiger, die uns nicht fressen können, weil da ja ein hoher Zaun ist.

Wir sterben, wir geben jeden Tag etwas von uns ab, aber man hört und sieht es nicht, es ist nicht wie bei dem Lumpensammler, den hört man ja, wenn er kommt, wie auch immer, wir haben hier in unserer Straße ganz andere Probleme, ganz konkrete Probleme. Der Handyvertrag läuft aus, welches neue Teil hol ich mir? Passen die Kissen zu den Gardinen? Und ist bei den 300 neuen Arrivals meines Lieblings-Online-Shops vielleicht was Passendes für mich dabei?

Und wie mach ich möglichst vielen Leuten unmissverständlich klar, dass ich ein Gewinner bin, ein Macher, der Kompromisse nicht nötig hat, und dass mit mir nicht gut Kirschen essen ist. Und Äpfel und Birnen und Weintrauben auch nicht – der ganze Scheiß Obstsalat.

Wir sterben hier, nicht erst seit gestern, das geht schon länger so, aber unsere Zeit ist doch kostbar, vergeuden wir sie nicht durch Grübeleien oder Fragen. Lasst uns lieber die falschen Schlüsse ziehen. Man kann sich ja nicht um alles kümmern und einer alleine sowieso nicht und jeder will am Ende sowieso nur an dein Geld, da fängt die Freundschaft an, da hört sie auch wieder auf, also machst du es vorsorglich zu deinem Thema, deinem Bezugsrahmen, deiner Versicherung, deiner Selbstsicherheit, die du am Bankautomaten abheben kannst.

Und natürlich könnte man sich mal fragen „Warum wurde ich überhaupt auf die Welt geworfen, was mach ich hier, was soll das?“, vielleicht könnte man den Menschen wirklich mal in den Mittelpunkt stellen, nicht immer nur irgendwelche Dinge, aber das sind Fragen, die nur ablenken, nicht wahr? Man ist doch pragmatisch, man packt an, man ist ein anständiger Mensch, wann will wirklich für alle immer nur das Beste, hat aber leider keine Zeit, sich mal zu fragen, ob irgendeine Ameise da draußen „das Beste“ vielleicht ganz anders definiert. Sollen doch die anderen drüber nachdenken. Die Sonderbaren. Die Insichgekehrten. Die Träumer. Die stillen und tiefen und undurchsichtigen Gewässer. Die machen das doch gerne und ausgiebig.

Wir sterben hier ganz langsam, aber es betrifft natürlich erstmal nur die anderen, wir atmen auf, wir bestellen noch eine Runde für alle, wir haben noch Zeit, ganz bestimmt, ganz bestimmt, uns geht das jetzt erstmal nichts an. Lasst uns die letzten fünf Minuten vor Mitternacht nutzen, um uns in einen schönen warmen Kaschmirmantel des Schweigens zu hüllen und mit vollen Bäuchen und leeren Köpfen die immer dünner werdende Luft zu genießen.