Babies, Bier und Besenschränke

Wir ziehen zum Beispiel wegen der Geschirrspülmaschine und der insgesamt viel größeren Küche um. Das klingt nicht visionär, aber das ist auch gar nicht meine Absicht.

Die Geschirrspülmaschine haben wir momentan nicht, weil die aktuelle Küche zu klein ist. Die Küche ist grün und bis vor Kurzem hingen als Ausgleich noch Fotos von Betrunkenen an den Schranktüren. Wir ziehen auch wegen 40 qm² mehr um, wegen der guten Lage und um Zeit zu sparen. Außerdem befindet sich in der neuen Küche ein Besenschrank, was mich aus ganz praktischen Gründen vollkommen begeistert, obwohl ich kein durchgeknallter Putzteufel bin, der den ganzen Tag aromatische Dämpfe einatmet und mit dem Jemako-Mopp völlig beseelt durch die Wohnung fegt.

Das sind alles ziemlich banale Gründe – wie gesagt, ich bin nicht der wiederauferstandene Steve Jobs – die am Ende allerdings helfen eine klare Antwort zu formulieren zu der Frage wie man leben möchte. Und was einem wichtig ist. Und wie viel Affentheater man um sich herum haben muss, um sich halbwegs lebendig zu fühlen.

Nun haben wir allerdings zwei Dinge nicht bedacht. Vielleicht, weil sie für uns überhaupt keine Rolle spielen. Das wäre das Naheliegendste. Vielleicht aber auch, weil wir total verantwortungslos sind. Oder egoistisch. Oder hinterwäldlerisch. Oder was auch immer.

Nummer Eins: In unserem neuen Wohnort gibt es nur eine handvoll Kneipen, Imbissbuden und Restaurants. Ich rede nicht von einem Viertel, sondern von dem gesamten Ort, wir sind ja hier in der Provinz. Das bedeutet, wenn man ein Bier trinken möchte, alleine oder im Beisein anderer Leute, dann muss man der Abwechslung halber manchmal auf den eigenen Balkon oder das eigene Sofa ausweichen. Grauenvoll, ich weiß.

Schicke Läden mit geschmackvoller Damenoberbekleidung gibt es übrigens auch nicht, ebenso wenig wie eine gigantische Auswahl an Flohmärkten, und die meisten Straßen dort haben nicht mal einen eigenen verdammten Straßenmusiker. Einmal im Jahr wird Karneval gefeiert, dann passiert lange Zeit nichts, wirklich überhaupt nichts, was sollte auch passieren, außer dass dann wieder Karneval gefeiert wird.

Supermärkte gibt es, das ist wichtig, wegen der Milch und den Eiern, aber keinen einzigen Coworking-Space. Und weil es keinen Coworking-Space gibt, kann es schräg gegenüber auch keinen Laden geben, der Flip-Flops verkauft. Eine Universität gibt es übrigens auch nicht. Ebenso wenig einen botanischen Garten. Oder ein schwarzes Brett für illegale Autorennen.

Ein spontaner Umzug, einfach so, ohne auf dieses ganze Gedöns Rücksicht zu nehmen, einfach weil man pragmatisch und flexibel ist, nicht wegen Schimmel oder der Schwiegermutter – das hat einigen Reaktionen unserer Mitmenschen zufolge etwas verstörendes, auch wenn es nur 20 Kilometer sind. Vielleicht vermuten viele dahinter etwas Weltbewegendes, etwas Großes, etwas was angeblich früher oder später bei jedem erwachsenen Menschen ein Thema ist. Das bringt mich zu Punkt 2.

Verrückt wie wir sind, möchten der Lieblingsmensch und ich die zwei extra Zimmer nämlich für etwas nutzen, was für viele einen Akt der Rebellion darstellt und offenbar überhaupt keinen Sinn ergibt und überhaupt total verantwortungslos ist. Jeder von uns bekommt einen eigenen Hobbyraum.

Der Mann kann den ganzen Tag seinen 120 Kilogramm schweren Fotorucksack in seinem Zimmer entleeren und wieder einräumen. Oder seinen Millennium-Falken vom Staub befreien. Oder einen Fanbrief an Horst Lüning verfassen. Und ich kann in meinem Zimmer den ganzen Tag lang irgendwelche Kringel in irgendwelche leeren Notizhefte malen, eine poetische Wutrede schreiben, tanzen, meditieren und irgendetwas zelebrieren.

Ihr habt bemerkt, das Wort „Baby“ kam in meiner blumigen Aufzählung nicht vor. Und das ist eine Frechheit. Nicht für mich, für andere.

Für andere ist es nämlich nicht nachvollziehbar, dass wir in eine größere Wohnung ziehen, ohne dabei automatisch an Nachwuchs zu denken. Ich bin damit sowas wie eine Frau, die ihre natürliche Fürsorgepflicht missachtet.

Und mit den Vorwürfen – den verborgenen und den offen ausgesprochenen – käme ich zurecht. Das betrifft nur mich und den Tag, der durch eine unbedachte Bemerkung vielleicht ein kleines bisschen nassgeregnet wird. Ich überlebe es zähneknirschend, jedes Mal, vielleicht mit ein bisschen weniger Respekt denjenigen Leuten gegenüber, die anderen unbedacht und manchmal sogar unbeabsichtigt ihr eigenes Lebensmodell überstülpen wollen, und deren Toleranz ohne Frage grenzenlos ist, es sei denn es geht um die Gebärmutter anderer Leute.

Was mich wirklich beschäftigt und mir Sorge bereitet, ist die Frage, wieviele Frauen da draußen nach einer bestimmten Anzahl der immer gleichen Fragen irgendwann aufwachen und das Gefühl nicht mehr loswerden, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Die Gewissheit, dass da draußen eine vielleicht gar nicht so unbedeutende Menge an Personen herumläuft, die sich überhaupt nicht mehr daran erinnern können, wann sie zuletzt eine wichtige Entscheidung vollkommen freiwillig getroffen haben.

Was ich sagen will ist: Verantwortung beginnt nicht erst in dem Moment, in dem man für einen kleinen Menschen sorgen muss. Man hat schon eine ganze Weile früher Verantwortung, und zwar für sich selbst, und das Mindeste was man tun kann, ist ab und zu mal den eigenen Wunschzettel zur Hand zu nehmen, zu aktualisieren und zu wissen, dass andere vielleicht darauf herum geschmiert haben.

Und bitte versteht mich jetzt nicht absichtlich falsch: Ich habe kleine Menschen sehr gerne, meine Meinung ist nicht in Stein gemeißelt und ich möchte keine Werbung machen für eine Gesellschaft, in der es in hundert Jahren keinen Zusammenhalt mehr gibt, dafür aber viele verantwortungslose Individuen, die sich alle für etwas ganze Besonderes halten.

Ich möchte nur einfach jetzt in diesem Moment kein Baby bekommen. Und ich möchte mein Glück auch nicht von der Anzahl der Zapfhähne abhängig machen, die im Umkreis von 500 Metern rund um mein neues Zuhause zu finden sind.

Ich bin mein eigener Zapfhahn, seht es als Metapher. Und nächste Woche schreibe ich dann einen Text über das größte Kompliment, das man einem Menschen machen kann, ohne überhaupt daran zu denken, dass es ein Kompliment sein könnte.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Zwischen den Jahren – ein Rückblick und Ausblick

Seit Jahren beobachte ich an mir zwischen Weihnachten und Silvester ein lästiges Phänomen. Während um mich herum alle entweder betrunken und vollgefressen sind oder den unmenschlichen Stress der Feiertage in einem Wellness-Resort verarbeiten, liege ich in eine Decke gewickelt irgendwo in der Wohnung herum, grüble, seufze und ernähre mich grenzwertig. Schlafanzugtag, nenne ich das liebevoll. Gemeint ist eigentlich: Schlafanzugwoche.

Schlafanzugtage

Anstatt bei ersten Anflügen von Weltschmerz entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen – nämlich einen gemütlichen Spaziergang zu machen, einen motivierenden Song von Destiny´s Child zu hören oder mir wenigstens bei geöffnetem Küchenfenster einen Obstsalat zuzubereiten – tue ich rein gar nichts und bilde mir ein, dass ich mir diese an ein Koma grenzende Entspannung jetzt durchaus mal gönnen kann.

Schlafanzugtage beginnen schleichend und zunächst vollkommen harmlos. Am 27. Dezember geht man im Schlafanzug an die gelbe Tonne und denkt sich erstmal nichts. Vielleicht sehen es die Nachbarn, vielleicht sieht es nur die Katze, was soll´s? Am 28. Dezember fährt man im Schlafanzug zu McDrive. Am 29. Dezember steht man im Schlafanzug an der Packstation (Ihre Amazon-Bestellung von COACH DICH SELBST SONST COACHT DICH KEINER liegt in der Packstation und kann abgeholt werden.) Am 30. Dezember will man nur mal schnell im Schlafanzug ein bisschen Geld am Bankautomaten abheben und am 31. Dezember ist man Gast auf einer Pyjamaparty, die in Wirklichkeit nie eine sein sollte.

Im letzten Jahr bin ich mit vier großartigen Menschen und einem Weltklassehund in eine Hütte nach Österreich geflüchtet. Das war schön. In diesem Jahr habe ich zwischen Weihnachten und Silvester freiwillig zwei Tage gearbeitet, war einmal im Kino und hatte einen vergnügten Weinabend. Außerdem habe ich mich heute eine ganze Stunde lang in unterschiedlichen Supermärkten aufgehalten, um meinen Adrenalinausstoß zu fördern und um morgen, am letzten Tag des Jahres, von mir sagen zu können, dass ich ein zivilisierter Mensch bin. Die Schlafanzugtage sind also Vergangenheit. Fürs Erste.

Lehrstunden

Das Jahr 2016 war ein gutes Jahr, nicht weil es mir besonders gut ging in diesem Jahr, sondern weil ich nun bis auf vier oder fünf Stellen hinter´m Komma weiß, warum es mir immer wieder so schlecht geht. Es hat mir gezeigt, dass es mir auf hohem Niveau schlecht geht. Ich habe in diesem Jahr gelernt, dass man mir nicht ansieht, in welchen Momenten ich deutlich mehr und auch deutlich weniger leistungsfähig bin als der angebliche Durchschnittsmensch, von dem man immer wieder so viel hört, dem ich aber noch nie begegnet bin.

Ich habe gelernt, dass ich diese Momente, diese Freiheit nicht geschenkt bekomme, solange ich nicht darüber spreche, mit möglichst ruhiger und fester Stimme, und solange ich nicht das Risiko eingehe, mich unbeliebt zu machen. Ich habe gelernt, dass es Auswirkungen hat – negative, psychische, physische – wenn man fünfmal „Ja“ sagt und erst beim sechsten Mal „nein“, weil in mir offenbar doch mehr von einem harmoniesüchtigen Perwoll-Mädchen steckt als ich wahrhaben möchte.

Das Jahr 2016 war ein gutes Jahr, weil es mir zweimal gezeigt hat, dass ich im entscheidenden Moment instinktiv das Richtige tue. Ich habe ein paar gute Orte besucht (aber ich war nur zwei Minuten in der Jazzbar, weil ich keinen Familienstreit auslösen wollte) und gute Gespräche geführt (die man nur jedem wünschen kann) und gute Menschen kennen gelernt und ich hatte Angst um andere gute Menschen, die habe ich immer noch, aber man lernt damit zu leben, und das ist noch etwas, was ich in diesem Jahr gelernt habe. Man lernt zu leben mit negativen Gefühlen wie Bedauern, Trauer und Angst, vorausgesetzt man redet darüber. Das ist etwas, was ich euch allen ans Herz legen möchte.

Schämt euch nicht immer so. Redet darüber. Einer wird euch dann ein bisschen bedauern für euer mangelndes Dies und euer fehlerbehaftetes Das, dafür dürft ihr denjenigen dann auch ein bisschen bedauern. Die anderen nehmen euch später in einer ruhigen Minute beiseite und bedanken sich. Von Herzen.

Zukunftsmusik

Spotify sagt, dass meine zwei meist gehörten Songs im Jahr 2016 von The Baboon Show („Class War“) und Justin Bieber („Sorry“) sind, eine schöne Zusammenfassung meiner beiden liebsten Aggregatzustände. Der Gastroenterologe sagt, es ist das Roemheld Syndrom. Und Max Goldt sagt in einem Interview mit der Zeit, dass seine Schreibblockade eigentlich eine Angststörung ist, eine Angst vor dem Scheitern und vor der Mühe, weil die sich nicht lohnen könnte. Vielleicht ist das die einzige Angst, die nicht weniger wird, mit der man nicht automatisch besser umgehen kann, nur weil man mal mit irgendwem drüber redet. Weil es ein Luxusproblem ist.

Das nächste Jahr wird spannend. Ich werde das Pflaster auf meiner Laptop-Kamera kleben lassen aus Furcht vor einer möglichen E-mail von einem NSA-Mitarbeiter („Hallo Franziska, ich arbeite bei der NSA und soll eigentlich die Russen beobachten. Ich bin vor drei Monaten aus Versehen bei dir gelandet. Wo hast du gelernt, so fantastisch zu tanzen, ohne vom Stuhl aufzustehen? Deine Spotify-Playlists sind einwandfrei, lass uns auch auf Instagram enge Freunde sein. Alles Gute, dein Kirk“).

Ich werde versuchen weniger Kaffee zu trinken. Ich freue mich auf eine neue Wohnung, neue Rituale, neue Herausforderungen und einen Staubsauger-Roboter. Ich freue mich auf Hochzeitspartys, auf weniger Schischi und auf mein eigenes kleines Zimmer, in dem ich Listen abhaken, schreiben, einen Boxsack aufhängen und meditieren kann, wie so eine in den 80er Jahren geborene total verwöhnte Oberlusche.

Und eventuell finde ich sogar auch endlich Zeit und Gelegenheit für mein „Going loco down in Acapulco“-Tattoo. (Es ist sehr wichtig, dass das Tattoo zum Träger passt. Noch Fragen?) Ich wünsche uns allen ein bisschen mehr Frieden im Jahr 2017. Im Drinnen und im Draußen. Ich wünsche uns Brausebonbons und Schnürsenkel, die nie aufgehen. Ich wünsche uns gute Musik und Mut und dass wir sowohl Lehrer als auch Schüler sein dürfen. Ich wünsche uns, dass wir nicht verblöden. Ich gehe jetzt ins Bett. Heute Abend gibt es Pizza-Raclette.

Weiterhin alles Gute
Eure Franziska

Warum schön uns manchmal allen scheißegal sein sollte

Ein dicker Arsch, ein finsterer Blick und wabbelige Oberarme sind nur drei von unzähligen Mängeln, die ich seit vielen Jahren mit mir herumtrage. Es fehlt mir an Liebreiz, an einem farbenfrohen Kleidungsstil und auch an den drei typischen weiblichen Schönheitsmerkmalen (Pferdemähne, Schwanenhals, Babyrobbenhaut). Warum ich das alles so genau weiß? Weil es mir seit Jahren immer wieder freundlich mitgeteilt wird. Seitdem ich ungefähr zwölf Jahre alt bin. Von Männern und Frauen, alten und jungen Menschen, von Wildfremden, von Familienmitgliedern, von guten oder nicht so guten Bekannten.

Es wird nicht nur mir mitgeteilt, es wird auch vielen anderen tagtäglich mitgeteilt. Jeden Tag steht irgendwo auf der Welt mindestens eine Arschgeige auf, um irgendeine andere Person auf ihre äußerlichen Mängel hinzuweisen, mal unterhalb der Gürtellinie, mal knapp drüber, manchmal auch so als handle es sich um einen netten Gefallen.

Wenn ihr jetzt glaubt, dass das hier ein Artikel über die Boshaftigkeit der Menschheit wird und ich mich unter all den Wassereinlagerungen und hinter all den Schatten trotzdem unbedingt schön fühlen will, dann irrt ihr euch. Ich will mich nämlich nicht schön fühlen. Ich weiß, es wird einem immer und überall vorgeschlagen und angepriesen. Und Frausein ist eng mit Schönsein verbunden. Jedes Mal, wenn irgendwo in der Öffentlichkeit eine Frau für ihr Äußeres kritisiert wird, lautet der Befehl „Hört nicht auf die Leute! Ihr seid stark! Fühlt euch einfach trotzdem schön!“

Und ein Teil von mir versteht diese Reaktion. Jede Frau ist schön. Das klingt gut. Die mit den buschigen Augenbrauen ist schön. Die Übergewichtige ist schön. Die Untergewichtige. Die Normalgewichtige, die sich einreden lässt, dass sie übergewichtig ist. Die Glatzköpfige. Die mit den kleinen Brüsten. Die mit den großen Brüsten. Die mit der Kurzhaarfrisur. Die mit den Schwangerschaftsstreifen.  Die mit der großen Nase. Die Afroamerikanerin. Die Rollstuhlfahrerin. Die Oma. Die, die früher mal ein Mann war. Die klassische Schönheit ist auch schön.

Jede Frau ist schön. Ich hab´s kapiert. Body positive, Schönheit ist vielfältig, inneres Strahlen und so weiter und so fort. Ihr wollt, dass wir uns alle wohler fühlen in unserer Haut. Dass wir uns auf andere Dinge konzentrieren können als unsere Ärsche und ob die Frisur sitzt. Ihr wollt, dass wir uns unabhängig von unserer Außenwelt schön fühlen und ich sage Dankeschön dafür und ich meine das auch genau so.

Aber wisst ihr was? Vielleicht will ich mir nicht gebetsmühlenartig immer wieder vorsagen, dass ich ja trotzdem schön bin.Vielleicht zucke ich einfach mit den Schultern, vielleicht will ich keinen einzigen Menschen auf dieser Welt vom Gegenteil überzeugen, vielleicht können wir der Schönheit ab morgen einfach mal für eine Weile den Boden unter den Füßen wegreißen.

Wäre das nicht wohltuend? Wenn Schönheit einfach mal nicht das Thema wäre. Wenn Schönheit mal für eine Weile ihren Reiz verlieren würde. Wenn wir einfach mal so tun würden, als gäbe es keinen einzigen schönen, aber dafür viele interessante, vielfältige Menschen auf der Welt. Wenn wir ab sofort nur noch Komplimente verteilen würden, die sich auf alles beziehen, nur nicht auf Äußerlichkeiten. Wenn Leute sich etwas anderes suchen würden, was sie am Anderen spannend finden.

Vielleicht sollten wir die Liste unserer angeblichen Mängel und unsere fehlende Schönheit in Zukunft nicht mit einem  trotzigen „Doch!“ kommentieren, sondern mit einem entspannten „Und?“ Vielleicht kann man das üben. Vielleicht lohnt es sich, das zu üben, anstatt immer wieder die gleichen Zitate auf Instagram zu liken und still zu hoffen, dass morgen ein Arschloch weniger aus dem Bett steigt.

(Done is better than perfect. Deshalb habe ich auf „veröffentlichen“ geklickt, obwohl es dazu noch viel mehr zu sagen gibt. Hole ich nach. Erstmal bin ich aber froh, dass ich im Rahmen der kleinen gobacktoblogging-Challenge immerhin drei Mal ein paar Sätze geschrieben hab. Das hat Spaß gemacht. Machen wir bald wieder, ja?)

Blaue Räume

Genau vierzehn Tage später stehen wir ein zweites Mal in der Wohnung. Die Räume sind nicht kleiner geworden, oder dunkler, im Gegenteil. Wir entdecken, dass die Küche einen extra Besenschrank hat, das heißt man kann nicht nur zu zweit ohne Probleme gleichzeitig Gemüse schneiden, ohne übereinander zu stolpern, man kann sich währenddessen auch über den Besen freuen, der sich im Schrank versteckt hält. Nur das blaue Zimmer bereitet mir Sorgen, es ist irgendein Gefühl, irgendetwas widersetzt sich in mir, es lädt zu unproduktiven Sachen ein, auf die ich keine Lust habe. Also sage ich später zu M., dass ich diesen Raum immer nur von der Loggia aus betreten werde und er schmunzelt und weist mich darauf hin, dass ich, um den Raum – meinen Raum – von der Loggia aus betreten zu können, vorher trotzdem mindestens einmal vom Flur aus das Zimmer betreten und von innen die andere Tür geöffnet haben muss. Manchmal bereiten mir die einfachsten Gedanken Mühe.

Ich war in Sorge, ein kleines bisschen, dass ich ein bisschen unkreativ geworden bin, aber D. teilt mir mit, dass der erste Teil ihrer Hochzeitseinladung ihr gefällt, als hätte ich direkt in ihr Gehirn geschaut, und ich bin sehr froh und beschließe das später in mein Dankbarkeits-Tagebuch zu schreiben, das ich führe, seit neuestem, wie so ein Mensch, dem man bei den einfachsten Dingen auf die Sprünge helfen muss, aber vielleicht ist das tatsächlich so, dass ich das Dankbarsein verlernt habe oder nie gut darin war, also schreibe ich jeden Abend in ein DIN A7 kleines gelbes Heft drei Dinge, für die ich dankbar bin und manchmal reicht der Platz gar nicht aus.

Weil der Film nicht laufen will, schauen wir Teleshopping, vollgefressen mit Pizza und Enzymen vom Pankreas eines Schweines und wir schauen eigentlich nur nebenbei, aber unsere Gedanken kreisen eine ganze Weile um den Lumeso-Bonsai mit den 24 Fiberoptikblüten und der integrierten Timerfunktion und mit welcher Ernsthaftigkeit der schnuffelherzbärchige Moderator von der Energie spricht, die das Ding transportiert, und ich denke, das Bäumchen ist wie ein Placebo, wenn man daran glaubt und wenn man sich dann weniger allein fühlt, weil halt irgendwo in der Wohnung irgend so ein Ding heimelig leuchtet, für 19,99, dann geht das schon irgendwie in Ordnung.

Der Tag geht zu Ende mit der Erkenntnis, dass es beruhigend sein kann, einer Hydraulikpresse dabei zuzusehen, wie sie Dinge zerquetscht.

Der Account gehört einem Russen, ich mag Russen, irgendwann landet man dann ganz woanders bei einer Badeente, die in der Mitte durchgeschnitten und einer Waffel, die übertrieben lang mit Softeis befüllt wird, man kann sich voll darin verlieren und ich frage mich wie es wäre nach dem Schreiben des Dankbarkeits-Tagebuches, in dem manchmal auch so banale Dinge stehen wie „Die Pizza in der Spelunke hatte einen Durchmesser von 45 cm“, und vor der zehnminütigen Meditation der Hydraulikpresse dabei zuzusehen wie sie alltägliche Konsumgüter zerquetscht. Vielleicht werde ich mich in dem blauen Zimmer, das bald nicht mehr blau sein wird, doch wohl fühlen.

Ich und mein Gehirn und mein durchschnittlich schöner Körper

Wenn du Glück hast, dann wirst du von deinen Eltern mit sieben Jahren im Turnsportverein angemeldet und die Bewegung wird zu einem natürlichen Teil deines Lebens. Du entwickelst dich zu einem wunderschönen, proaktiven Lebewesen, mit gesunden Muskeln, aufrechter Körperhaltung und federndem Gang. Und du stirbst mit 92, weil dir bei der Gartenarbeit ein Dachziegel auf den Kopf fällt.

Meine Eltern haben mich mit dem Blödsinn in Ruhe gelassen. Als 8jährige konnte ich mich ungestört weiterbilden (Japanische Zeichentrickserien anschauen), Playmobil spielen, Krabbeltiere in Marmeladengläser einschließen und durchaus beeindruckende Bauwerke errichten (Wohnzimmerburganlagen. Bestehend aus sechs Wolldecken, zehn Kissen, zwei Tischen und vier Stühlen). Ich war zwar irgendwie ein aktives Kind, bin viel geklettert, hatte nie Höhenangst und immer blutige Knie, aber zur Gewohnheit wurde mir die regelmäßige Bewegung trotzdem nicht. Die Ehrenurkunden bei den Bundesjugendspielen bekamen immer andere.

Gewohnheiten

Ich war lange davon überzeugt, dass ich mit meinen Gewohnheiten sehr gut leben kann, mit den gesunden und den ungesunden. Dem vielen Sitzen, Lesen, Schreiben, Nachdenken, Bücken, Grübeln, Zittern. Mit Anfang zwanzig ist das vielleicht auch noch so. Mit Anfang zwanzig glaubt man, dass die originellen, kreativen, klugen Menschen um einen herum nie die sind, die man gleichzeitig für ihre Gesundheit, ihr Aussehen, ihre supertollen Organe bewundert. Mit dreißig ist einem manchmal egal, ob diese Theorie nun zutrifft oder nicht, denn manchmal liegt man abends wach und fragt sich, ob das Leben einfacher wäre, wenn man einen niedrigeren Puls hätte, wenn man nicht wüsste wie Panikattacken sich anfühlen, wenn Joggen oder Yoga oder Krafttraining oder Fahrradfahren einfach eine Routine wären, über die man nicht nachdenkt, sondern sie einfach macht – getreu dem doofen, aber völlig richtigen Nike-Motto „Just do it!“

Panflötenmusik

Seit ein paar Jahren versuche ich also immer wieder, meinen Urinstinkt/meinen inneren Schweinehund/Jabba the Hut zu ignorieren und den Rost ein bisschen zu entfernen. Das erste was ich vor vielen Jahren ausprobiert habe, war Pilates. Zehn Stunden in einem Dorfgemeinschaftshaus mit ein Dutzend anderen Frauen, ihr wisst Bescheid. Es stellte sich dann heraus, dass mein Körper nicht für diese langsamen, bedachten Bewegungen konzipiert wurde. Auch die entspannende Panflötenmusik am Ende jeder Übungsstunde konnte mich nicht vom Gegenteil überzeugen.

Zumba

Danach war ich 24 Monate lang Mitglied in einem Fitnessstudio und zunächst lief auch alles nach Plan. Ich ging zweimal die Woche trainieren, mit supermotivierenden Melodien auf den Ohren (You only get one shot, do not miss your chance to blow, this opportunity comes once in a lifetime yo) und dem Ziel, ganz bald Oberarme wie Michelle Obama zu haben. Sogar Yoga- und Zumba-Erfahrungen habe ich gesammelt. Die drei Stunden Yoga machten keinen Spaß, weil ich ständig kurz davor war, in Pressatmung zu verfallen und ohnmächtig zur Seite wegzukippen (ich wäre die schlechteste Schwangere der Welt).

Die zwei Stunden Zumba machten genauso wenig Spaß, weil ich mich nicht bewegen kann wie eine Schlange und ich mich dabei außerdem wie jemand fühlte, der Wandtattoos und Einkaufszentren mag und es für eine hervorragende Idee hält, bei einem Mädelsabend Selleriesticks in Kräuterquark zu dippen.

Bauchmuskeln

Es folgte die DVD-Phase. Die kostete weniger und war sogar ein paar Monate lang erfolgreich. Ich weiß nicht, ob ihr Jillian Michaels kennt, aber ihre „30 day thred“-Challenge ist so ziemlich das einzige Konzept, was mich jemals überzeugt hat. Im Gegensatz zur supernervigen Tracy-Anderson-Methode. Ich freute mich jeden Nachmittag darauf, abends nach Hause zu kommen und eine halbe Stunde zu schwitzen wie ein Schwein. Nach einer Woche konnte ich in die Hocke gehen, ohne dass es anfing zu knirschen. Und nach einem Monat wurde hinter all der Pizza und den Teilchen vom Bäcker meine Bauchmuskulatur sichtbar. Ein winzig kleines bisschen. Warum ich damit aufhörte? Weil sich aus irgendeinem Grund alle drei Wochen entweder meine Mandeln oder die Knochenhaut meiner Waden entzündete. Zu meiner großen Überraschung muss man diese abenteuerlichen Fitnesssübungen nämlich ein bisschen an den eigenen Gesundheitszustand anpassen.

Im letzten Jahr meldete ich mich an der Volkshochschule zu einem Taijiquan-Kurs an. Ein kleiner Hinweis: Wenn man die Koordinationsfähigkeit einer besoffenen Fruchtfliege hat, dann sollte man es lieber mit einfacheren Aktivitäten versuchen. Einfach nur geradeaus laufen oder beim Zähneputzen mal fünfzehn Sekunden lang auf einem Bein stehen zum Beispiel.

Überleben

Jetzt haben wir April 2016, seit Jahren versuche ich einen Zugang zu meinen Extremitäten zu finden, der Sommer naht, auf Instagram sehnen und trainieren Leute sich ihre Strandfigur herbei. Im Februar habe ich mich zum zweiten Mal im Fitnessstudio angemeldet. Es mangelt mir zwar eindeutig an knallharter Disziplin, aber Aufgeben ist keine Option. Und Mäusebabyschritte sind besser als nichts. Als der Fitnesstrainer mich fragte, ob es einen speziellen Grund gibt, warum ich regelmäßig trainieren möchte, hab ich keine Problemzone erwähnt. Muss ich ja auch nicht, sieht man ja. Ich hab auch nicht gesagt, dass meine Kondition miserabel ist. Das ist sie, wirklich, aber darum geht es nicht. „Ich will überleben.“, hab ich gesagt. Voller Bodenständigkeit, ohne einen Funken Idealismus, Panik und gesellschaftlichem Druck. Ich will überleben.

Was ich nicht will: beim Staubsaugen die Orientierung verlieren. Beim Fensterputzen in Ohnmacht fallen. Während einer Städtereise zwischen der vierten und fünften Sehenswürdigkeit auf dem Bürgersteig liegen bleiben. Was ich auch nicht will: eine Strandfigur. Reaktionen für Äußerlichkeiten. Geil aussehen.

Ich will jetzt nicht an den Strand, und morgen auch nicht, überhaupt bin ich ja 99,9 Prozent meines Lebens gar nicht am Strand, ich will mit meinen straffen makellosen Schenkeln nicht die Welt erobern, eure Schönheitsmerkmale sind mir scheißegal, ich will mich einfach nur ein bisschen lebendiger fühlen.

Ich will, dass die Peripherie halbwegs intakt ist, das schulde ich meinem Gehirn, dem einzigen Organ in meinem Körper, das mich bisher noch nicht maßlos enttäuscht hat. Ob mich dabei irgendjemand anbetungswürdig findet, spielt für mich keine Rolle, ich schließe es momentan sogar rigoros aus, mit stolz geschwellter wohl geformter Brust, weil ich nämlich bald im bodenständigen mittleren Alter bin und längst erste Falten in meinem Gesicht mit mir herumtrage und es reine Zeitverschwendung ist irgendwem gefallen zu wollen. Das beste was man tun kann ist, sich selber gegenüber pragmatischer zu sein. Und dankbar dafür sein, dass man von Lieblingsmenschen nicht Zuckerpuppe genannt wird, sondern Struppi. Das kann ja auch nicht jeder von sich behaupten.

(Übrigens: Diana von urbanlifestyltrash ist zum Glück auch keine quitschvergnügte Sportskanone.)

Wer bin ich? Warum gibt es grüne Paprikas? Und wann bin ich endlich erwachsen?

Zwischen Geburt und Tod passiert im Leben eines Menschen häufig etwas höchst Beunruhigendes. Die Gesellschaft beginnt irgendwann im ersten Drittel in dir einen erwachsenen Menschen zu sehen und – jetzt das Beunruhigende – du glaubst es dann nach einer Weile selber. Es beginnt zunächst recht harmlos. Mit einem Präsentkorb zum Geburtstag. Die ersten Male sind ungewohnt, irgendwann freust du dich jedoch über die ganze Holundermarmelade und den Käse und die rote Wurst und den Bienenhonig aus der Region. Und den Wein trinkst du dann schließlich auch lieber selber, verschenkst ihn nicht mehr an „reifere Menschen“ aus deinem Bekanntenkreis.

Jeder Tag birgt die Gefahr, dass du dir eine petrolfarbene Bluse mit Perlmuttknöpfen kaufst und dich bei Familienfesten an Streitgesprächen über Probiotika beteiligst. Und irgendwann schaffst du dir dann eine Etikettiermaschine und eine Decke mit Ärmeln an. Die Decke trägst du jeden Abend vor dem Fernseher, in dem die pubertäre Kimberley-Raclette sich gerade mit der Nanny oder dem Schuldenberater zankt. Wenn du Glück hast, hast du Netflix und der langsame Tod deiner Gehirnzellen sieht von außen betrachtet nicht ganz so erbärmlich aus. (Weil du Bojack Horseman statt „Frauentausch“ guckst zum Beispiel)

Und das alles wäre nicht so schlimm, ganz im Gegenteil, es gibt nichts Schöneres als minimal spießig und maximal super zu sein. Schlimm wird es, wenn du einfach ständig nur so dasitzt und mit verbissener Miene immer erwachsener wirst, und vollkommen vergisst, dass diese Erde manchmal ein magischer Ort ist. Du vergisst, wie man sich wundert. Du hörst auf, Fragen zu stellen. Dabei passieren doch so viele Dinge, über die man sich ruhig mal den Kopf zerbrechen kann.

Zum Beispiel warum es in den 3er Packungen Paprika immer nur rote, gelbe und grüne und nicht mal eine orangene Paprika gibt. Es gibt immer nur Rot, Gelb und grün. Selbst bei Viererpackungen gibt es oft nur zweimal Rot, Gelb und Grün. Und jedes Kind weiß, dass einfach niemand die grünen Paprikas mag. Man toleriert sie irgendwie, notgedrungen. Sie sind halt da, ja mein Gott, man kauft halt die 3er-Packung mit den grünen Paprikas, weil: Was will man denn machen? Man ist doch hilflos in diesem Moment!!!!!!

Die grünen Paprikas sind wie die Person, die auf Partys immer zu den unmöglichsten Zeiten über Mutter-Kind-Kuren und Terrorismus sprechen möchte. Natürlich ist jeder von uns irgendwann einmal im Leben die grüne Paprika gewesen. Jeder von uns hat schonmal irgendwo gesessen zwischen Menschen, die uns fremd geworden sind, und sich gedacht: Was soll ich hier, steckt mich doch einfach zurück in die Gemüsekiste, ich habe keine Lust auf Small Talk und die sprechen nur alle über Bauchnäbel und Nudelsalat, ich hasse mein Leben, ich hasse die anderen, ich will jetzt nach Hause, wo ist mein Anorak?

Ich hatte mal eine Phase, in der ich drei Monate lang die grüne Paprika sehr gemocht habe. Ich habe sie ständig in Kräuterquark gedippt und mich gefühlt wie jemand, der niemals die Kontrolle über sein Leben verliert. Das war irre. Es ging dann auch recht schnell wieder vorbei.

Neben den grünen Paprikas gibt es jedenfalls noch weitere erstaunliche Dinge, die mir angenehmes Kopfzerbrechen bereiten. Wie die Menschen immer auf die Autobahnen kommen zum Beispiel. Ich meine, was machen die da? Man hört im Radio, da sind irgendwo Menschen, und fragt sich: Wie kommen die dahin, wer hat die ausgesetzt, wissen die nicht, dass Fußgänger auf Autobahnen nichts verloren haben? Wie passiert so was? Kinder zum Beispiel: Warum spielen die in einem Moment noch Frisbee und trinken Erdbeer-Milchshake und stehen dann im nächsten Augenblick plötzlich auf der Autobahn?

Oder wieso man so oft Kopfhaare aus der Unterhose sammeln muss. Klar, bei vielen Menschen sind Kopf und Arsch recht nah beieinander, aber das ergibt doch trotzdem keinen Sinn. Oder warum die Mortadella Kindern immer am besten schmeckt, wenn Mama oder Papa sie vorher zusammenrollen. Oder warum Mütter immer sonntags um 19 Uhr anrufen und das Gespräch grundsätzlich mit dem Satz „Ich wollt nur mal hör´n.“ beginnt.

Lasst uns wieder zu Kindern werden, die sich nicht nur mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens herumquälen und daran jeden Tag verzweifeln. Weil ja nunmal niemand mit absoluter Sicherheit sagen kann, was nun der Sinn des Lebens ist oder warum es soweit kommen konnte, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Lasst uns die wichtigen Fragen öfter mal ausblenden. Fragen wir uns lieber öfter, warum Pommes mit Rillen immer besser schmecken als Pommes ohne Rillen, warum Schwimmbadpommes von allen Pommes am allerbesten schmecken und warum nicht grundsätzlich nur noch Pommes mit Rillen in Schwimmbädern verkauft werden. 

Besorgten Bürgern begegnen

Wir müssen ja nicht auf die Straße gehen. Wir müssen keine Banner basteln und mit Sprechchören durch die Straßen ziehen. Wann sollten wir das auch machen? Wir haben Jobs, wir haben unsere Familien, wir müssen einkaufen und Zahnarzttermine wahrnehmen und wir müssen zur Post und Einkaufslisten schreiben und wichtige Telefonate führen. Vorsorgechecks. Stirnfalten. Hausordnung. Retweet. Immer so weiter.

Wir müssen nicht auf die Straße gehen. Wir müssen uns nicht organisieren und die ganzen Idioten da draußen niederschreien. Wir brauchen keine Facebook-Gruppe, keine Whatsapp-Gruppe, keinen Hashtag auf twitter oder instagram oder sonstwo. Wir müssen nicht auf die Straße gehen, aber wir müssen reagieren, jeder einzelne von uns, beim Kaffeetrinken, an der Kühltheke, im Bus, in Fußgängerzonen, in Wartezimmern. Wenn wir in der Schlange stehen. Wenn wir außer Atem sind. Beim Einchecken. Beim Auschecken.

Wenn jemand in unserer Nähe mit einem Brett vor der Stirn herumläuft, sollten wir einen Schraubenzieher in der Tasche haben und das Warum nicht achtlos beiseite schieben. Und wenn sich dann herausstellt, dass derjenige unbelehrbar und gefährlich ist, dann können wir immer noch aufstehen und gehen, vielleicht zu einem, der nicht ganz so unbelehrbar gefährlich ist.

Aber lasst uns das nicht einfach mit den Schultern wegzucken. Lasst uns Löcher in diese Menschen hineinstarren und versuchen, ihre Angst vor dem großen Unbekannten zu ergründen. Fragen, was nach der Angst kommt. Ob alle Probleme denn gelöst sind, wenn nächste Woche ganz viele Busse kommen und alle fremden Gesichter einsammeln und wegfahren würden. Ob dann beim nächsten Gehaltseingang automatisch mehr Geld auf dem Konto ist. Ob dann die Kinder freundlicher sind. Der Chef besser gelaunt. Die Wohnung aufgeräumter. Die Augen weniger kurzsichtig. Das Leben mehr Ponyhof.

Wir müssen nicht auf die Straße gehen, aber wenn wir doch schonmal da sind, weil wir gerade mit dem Hund Gassi gehen oder noch Milch brauchen oder einen banalen Grund suchen, einfach mal die Wohnung zu verlassen, wenn wir also schonmal da sind, dann können wir vielleicht mal eine Weile da stehen bleiben, da draußen, ohne wlan, und innehalten und gucken ob da einer kommt – einer von denen, die ernsthaft glauben, dass sie zu den „ganz Normalen“ gehören.

Nachgefragt #1

Bist du leicht entflammbar? Verzeihst du mir? Und willst du, dass ich dir verzeihe? Kannst du nicht oder willst du nicht oder macht das am Ende gar keinen Unterschied? Wenn bei Geld die Freundschaft anfängt, hört sie dann bei Geld auch wieder auf? Hätten wir uns gemocht, wenn wir uns besser kennen gelernt hätten?

Warum sitzt man als Erwachsener nicht mehr im Schneidersitz? Hat das was mit der schlechten Durchblutung zu tun? Was sind das für Menschen, die Angst vor zwei Wochen Urlaub haben? Macht es dich auch rasend vor Wut, wenn du den Anfang vom Klebeband suchst? Wenn man die klügste Person im Raum ist, ist man dann im falschen Raum?

Wäre die Welt ein friedlicherer Ort, wenn man zu bestimmten Zeiten regelmäßig die Zuckerwerte bestimmter Personen messen würde? Hatte die Masse eigentlich jemals recht? Ist dein Zeigefinger länger oder dein Mittelfinger? Gibt es noch Stickeralben und wenn nein – warum denn nicht, verdammt nochmal? Bist du der Elefant oder der Porzellanladen? Bist du spielentscheidend oder einfach nur verkaufsfördernd?

Ist das Leben nichts weiter als ein zaghafter Versuch?

Fresskoma in Österreich

Das neue Jahr ist nun schon fast eine Woche alt und meint es bisher gut mit mir. Denn normalerweise leide ich in dieser Zeit unter einer Neujahrs-Depression, die etwa zwei Wochen dauert, dann langsam verschwindet, um einige Wochen später wieder abgelöst zu werden von einer Karnevals-Depression, die dann recht nahtlos übergeht in die lethargische „Oh, schon März, das Jahr ist ja schon wieder fast um, na jetzt brauch ich mein Wonderwoman-Kostüm auch nicht mehr aus der Reinigung zu holen!“-Phase. Ernsthaft.

Diesmal ist es anders, denn diesmal habe ich der Neujahrs-Depression einen mächtigen Gegner vor die Nase gesetzt. Ein mit Käse überbackenes, gut gewürztes Glücksbärchi. Am 2. Weihnachtsfeiertag machten M. (Snowboarder, Freund von verlassenen Orten, brach mir beim Monopoly das Herz) und ich uns auf den Weg nach Österreich, wo wir eine ganze Woche lang eigentlich nur gegessen haben. Zusammen mit D. (bombastisches Mädchen mit den roten Haaren und Schwester im Geiste), A. (professioneller Pizzateigkneter und begeisterter Instagram-Nichtanwender), J. (Motivator und tiefenentspannter Monopoly-Hippie) und C. (Bergziege gefangen im Körper eines sehr treuen, sehr perfekten Hundes). Ein beeindruckendes Rudel.

Es folgt nun eine kurzweilige Chronik des Urlaubs inkl. Serviervorschlag verbunden mit der Bitte an euch, auch öfter mal irgendwohin zu fahren und dort tagelang nur Essen zu kauen, Filme zu schauen und das Nichtstun zu zelebrieren.

Tag 1 – Hot Dogs mit Kartoffelsalat

Um fünf Uhr morgens sitzen wir im Auto. Der eine fährt, die andere döst, weil sie bis zwei Uhr noch am Laptop saß um einen Blogartikel fertig zu schreiben. Es läuft „Die 13 1/2 Leben des Käpt´n Blaubär“. An einer Raststätte etwa 100 Kilometer vor München begegnet uns ein sehr unzufriedener Mann in einem grünen Anorak. Während er sein Kind im Arm hält – das einen unschuldigen und von der väterlichen Scheißheit völlig unbeeindruckten Eindruck erweckt – ist er in der Lage dazu, mit seinem messerscharfen Verstand und seinen Adleraugen den vegetarischen vom nicht-vegetarischen Brötchenbelag zu unterscheiden.

„Was ist das?“
„Das ist mit Gemüse.“
„Und das da auch?“
„Das ist mit Pute.“
„Nein, das ist auch Gemüse.“
„Das ist mit Pute, das habe ich eben erst belegt.“
„Das ist mit Gemüse, das seh ich doch. Ich nehme das andere.“

Gemüse, Pute, vollkommen egal. Alle in der Schlange hassen den Mann. Ich beschließe, mich in den nächsten Wochen so oft wie möglich aufzuregen und dann zu rufen „Ich könnt mich aufregen! Wie so´n Mann im grünen Anorak!“ Bis alle anderen es dann auch so oft wie möglich sagen, auch all jene, die den Mann im grünen Anorak gar nicht kennen.

franziseibel_2015-12-26_16-10-01Die Ferienhütte liegt in Gries in über 1000 Meter Höhe und wir müssen unseren Urlaub dort verbringen, weil D. den Aufenthalt aus Versehen vor ein paar Monaten für uns gebucht hat. Das Beste neben dem unschlagbaren Preis ist die tolle Lage. Eine kurvenreiche Straße führt erst den Berg hoch durch ein Stück Wald, dann begegnet man dem Hund Simon* (*Name von der Redaktion willkürlich gewählt, weil es immer ganz nett ist, unbekannten Tieren auf Anhieb Namen zu geben und es kein Gesetz der Welt gibt, das dem Menschen vorschreibt, dass man Tiere gefälligst „Struppel“ nennen soll.) Nach ein paar weiteren Höhenmetern erreicht man schließlich das Grundstück, wird sehr freundlich begrüßt und staunt erst über den genialen Ausblick und dann über das gemütliche Innere.

Ein paar Stunden später hat auch der Rest es geschafft und gemeinsam verbringen wir einen ersten wunderbaren Abend bei Kaffeeschnaps und Wein und Hot Dogs und guten Gesprächen, die das Allerwichtigste und Schönste an so einem Urlaub sind.

Tag 2 – Hot Dogs mit Nudelsalat

Ich schlafe gut. Die letzten Wochen waren geprägt von einer suizidalen Magenschleimhaut und einem Dauerschmerz der Lendenwirbelsäule. Beides hat sich über Nacht in Luft aufgelöst.

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Ich schlafe wie ein glückliches Baby und beginne den Tag mit einem Buch und einem Cappuccino draußen auf der Bank. Die Sonne scheint, ich kann die Berge sehen und Hoffnung und eine glückliche Zukunft und auch ein paar Fruchtfliegen, denn die Temperatur hat sich im Monat geirrt.

Nachmittags treffen wir einen grauenhaften Entschluss. Wir wollen spazieren gehen. Der Vermieter hatte uns bei unserer Ankunft eine handgezeichnete Karte vorbeigebracht, auf der er mit dem Finger entlang fuhr und Dinge zu mir sagte in Elben-Sprache oder Österreichisch, das weiß ich leider nicht genau. Fasziniert vom Klang seiner Stimme habe ich jedenfalls kein Wort verstanden, nur „gemütlich“ und „schöne Aussicht“. Aber ich kann mich hier auch irren, meine körperliche Verfassung nach der kleinen Wanderung legt das jedenfalls nahe.

franziseibel_2015-12-27_18-29-29Zunächst spüre ich nichts außer ein bisschen Vorfreude und das leise, liebgewonnene Fauchen meiner Lunge. Es ist egal wie steil es bergauf geht, sie beschwert sich grundsätzlich, seit vielen Jahren, das ist in Ordnung, man gewöhnt sich daran. Nach zehn Minuten haben D. und ich allerdings das Gefühl, dass das vielleicht doch kein so gemütlicher Spaziergang wird. Der Hund tollt, die Männer lachen, einer von ihnen hat sich einen Wanderstock gegriffen und angefangen irgendetwas von „Mind over body“ in unsere Richtung zu rufen. Wir haben uns den steilsten Aufstieg ausgesucht, unser erstes Ziel soll die Ameisen-Station sein, dann eine Art Aussichts-Plattform, auf halber Strecke stellt mein Oberkörper seine Funktionen weitest gehend ein, damit meine Beine mich tragen können. Unsere Hände krallen sich in die Erde, halten sich daran fest, damit wir nicht nach hinten umkippen. Wir umarmen Bäume, wir keuchen, wir denken übers Kotzen nach. Der Hund tollt immer noch. Der Weg zurück bietet dann übrigens tatsächlich eine tolle Aussicht. Ein bisschen Sterben kann sich also ein bisschen lohnen, wieder was gelernt.

Tag 3 – Pizza-Raclette

Wir schauen uns Bad Gastein an. Man nennt den Ort auch das Monte Carlo der Alpen und wer mal danach googelt, weiß warum. Ich warte, während wir uns ein bisschen umsehen und ein paar Fotos vom Wasserfall machen, auf den Moment, an dem ich von einem bestimmten Platz aus ein halbwegs charakteristisches Bild der sehr imposanten Bauten machen kann, aber das ist gar nicht so einfach.

franziseibel_2015-12-28_15-29-52Wahrscheinlich braucht man dafür einen Helikopter oder muss bei irgendwem aufs Dach steigen. Oder eben irgendeinen steilen Hang hochmarschieren, aber das haben wir ja bereits unter Tränen hinter uns gebracht.

Abends passiert etwas Magisches. Denn es gibt Pizza-Raclette. Quasi Liebe zum Quadrat. Als würde man niesend in einem Whirlpool sitzen.

Stundenlang kann man in kleine Schälchen greifen, gefüllt mit Schinken und Zwiebeln und Salami und Ananas und Pilzen und Thunfisch und anderen Glücksbringern. Und während man wartet, bestaunt man die Kreationen der anderen und spricht über den Sinn des Lebens und kommt beinahe zu dem Ergebnis, dass Pizza-Raclette dem schon sehr nahe kommt.

Tag 4 – Hawaii-Toast

Während der eine Teil den Tag auf Brettern im Schnee verbringt, frühstückt der andere Teil stundenlang und fragt sich, warum die Welt immer verrückter wird, wann Spiritualität wehtut und ob Frauenmagazine außerhalb von Zahnarztwartezimmern eine Daseinsberechtigung haben. Später schlüpfen wir beim The-Walking-Dead-Monopoly in verschiedene Rollen. D. und ich benehmen uns wie man es von Frauen erwartet. M. und A. benehmen sich, wie man es von Männern erwartet und J. benimmt sich, wie man es von einem schlafwandelnden Übermensch erwartet. Er beharrt darauf, dass ein Pferd und eine Flasche Wasser am Tag genügen, um glücklich zu sein und hat damit auch eine lange Zeit viel Erfolg.

Ich erlebe eine große Enttäuschung, weil M. mir die letzte dringend benötigte rote Straße nicht verkaufen möchte, die ich brauche, um einigermaßen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Seine gleichmütige Art nimmt mir den Lebensmut, Stunden später liege ich noch lange wach und frage mich, ob das alles einen Sinn macht und ob ich, abgesehen von „Das verrückte Labyrinth“, jemals Spaß an einem Gesellschaftsspiel haben werde.

Tag 5 – Nudeln

Der darauf folgende Abend beantwortet mir diese Frage recht schnell: Es ist nahezu unmöglich für mich, Gesellschaftsspiele zu spielen, ohne dabei ein winziges kleines bisschen Hass zu empfinden. Was mich hingegen glücklich macht, sind Chips und Würmchen* (*Nicht Flips! Würmchen!!!) und Wein und Lachtränen und das Gefühl, von Menschen umgeben zu sein, vor denen ich mich nicht verstecken muss. (Ausnahme: J. immer dann, wenn er mit der Kamera herumspielt.)

Der erste „Planet der Affen“-Film aus dem Jahr 1968 ist übrigens gar nicht so doof, wie ich immer behauptet hab. Ohne ihn je gesehen zu haben. Franzi-Logik.

Tag 6 – Chili Con Carne

Es geht dem Jahresende und dem Ende unseres Urlaubs entgegen. Endzeitstimmung macht sich breit, wir brauchen unbedingt noch ein bisschen Schnee, um überhaupt mit Gewissheit sagen zu können, dass wir im Dezember ein paar Tage in den Alpen verbracht haben.

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Also treffen wir uns mit M. und A. auf dem Kitzsteinhorn im Skigebiet von Kaprun. Die Wintersportler gönnen sich ein Mittagessen und eine Pause, wir anderen ekeln uns zunächst ein bisschen vor der Schlagermusik und loben den Hund dafür, dass er das ganze Affentheater so tapfer akzeptiert. Auf dem Gipfel in über 3.000 Metern Höhe gibt es noch Kaffee und Kuchen, das obligatorische Gruppenfoto und eine phänomenale Aussicht.

Abends feiern wir einen luxuriösen Jahreswechsel: Wir ziehen unsere Jogginghosen an, trinken Mexikaner, spielen „Looping Louie“ und reiben uns die Bäuche. Und ich stelle fest: Viele kleine Feuerwerke von oben zu betrachten ist viel schöner als ein großes Feuerwerk von unten zu betrachten.

Tag 7 – Raclette

Drei Dinge prägen den letzten Urlaubstag in Österreich. Stirb langsam Teil 1 bis 4, Raclette und Mädchenabend. Wobei Stirb Langsam schnell zu einem Männerding wird und der Mädchenabend abgesehen vom Hund schnell zu einem Frauending wird. Raclette ist dann wieder so ein ganz wundervolles und auch furchteinflößendes Gemeinschaftsprojekt.

Es ist ein bisschen wie damals auf Klassenfahrt, der letzte Abend ist immer ein besonderer Abend. Man schmiedet Pläne, findet rote Fäden und ist traurig, dass die siebentägige Weinprobe in 24 Stunden schon wieder Vergangenheit ist.

Jetzt kann ich euch nur noch den Tipp geben, die tolle Lage und den unschlagbaren Preis des Ferienhauses auch mal zu nutzen. Ihr werdet da wunschlos glücklich sein, es gibt ein Bad und zwei Toiletten, Fußbodenheizung, eine große Küche und die Lage ist perfekt, eine dichte Schneedecke hätte dem ganzen noch die Krone aufgesetzt. Die heben wir uns fürs nächste Mal auf.