Aufräumen

Das Glück liegt in den kleinen Dingen. In der Tasse Tee und dem guten Buch am Abend. Im ersten Schnee und selbst gebackenen Plätzchen. Sonntags ohne Wecker um 7 Uhr morgens hellwach sein. Einer frisch geputzten Wohnung. In Burritos. In Feierabendbier. In überlebensfähigen Grünpflanzen.

Es steht in jeder Frauenzeitschrift. Hinter den „Bauch weg in drei Wochen“- und den „Ist mit Ihrer Schilddrüse noch alles in Ordnung?“-Artikeln. Brigitte, Monika, Ursel und wie sie alle heißen. Steht da wirklich überall, wird aber manchmal vergessen. Weil wir immer wieder die gleichen zwei Fehler machen. Wir vergleichen uns mit anderen. Und wir sammeln Dinge an, die uns nichts bedeuten und uns darüber hinaus auch noch ablenken von dem, was uns wirklich wichtig ist.

Wir sammeln, wir vergleichen, wir grübeln. Wir räumen nie auf.

Beides zu vermeiden ist schwer und wir leben in einer Welt, sind umgeben von Dingen, die unserer Sammelwut und unserer Neigung zu Vergleichen nicht entgegenwirkt. Jeden Tag werden wir viele Male auf die Lücken und Missstände unserer Biografie aufmerksam gemacht. Diese Bücher musst du unbedingt lesen, um deinen Horizont zu erweitern. Und jene Fähigkeiten entwickeln, um in den späten 20ern oder frühen 30ern einen Grundstein für finanzielle Unabhängigkeit zu legen. Und folgende Morgenroutinen können dir dabei helfen, glücklicher und erfolgreicher zu sein. Und das hier sind die Kleider, die deinem Figurtyp entsprechen. Diese drei Smoothies probierst du jetzt bitte in der nächsten Woche mal aus, danach wirst du dich besser fühlen. Und wenn du diese zehn simplen Ratschläge beherzigst, dann kannst du vielleicht in fünf Jahren ein bisschen sein wie ein Hybrid aus Oprah Winfrey und Chiara Feragni.

Wir sammeln Ratschläge und Tips und Listen und wir vergleichen uns mit anderen, wir sehnen uns nach diesem Postkarten-Leben, wir wären auch gerne schon übermorgen so eine entspannte, erfolgreiche Sabbatical-Persönlichkeit und es ist ja gar nichts falsch daran, sich weiterentwickeln zu wollen, ganz im Gegenteil, aber es muss zum eigenen Leben passen. Wenn du deine eigenen Stärken vernachlässigst, weil du ständig damit beschäftigt bist, dich und andere zu analysieren, von Schublade zu Schublade zu hetzen, immer wieder deinen eigenen Handlungsradius stöhnend und ächzend und nach Luft schnappend zu verlassen – dann passt da irgendwas nicht zusammen.

Ich rede nicht von der Komfortzone, die gefährlich werden kann, wenn wir es uns darin zu muckelig machen und am besten noch Bretter vor die Fenster nageln, damit wir bloß nicht rausgucken können. Jeder kennt diese Witzbolde, die glauben, dass sie nichts mehr dazu lernen müssen, weil sie nämlich letzte Woche ihren 47. Geburtstag gefeiert und doch vor dreißig Jahren so ein gutes Abitur gemacht haben. Ich rede davon, dass es sinnvoller ist, eigene Stärken weiterzuentwickeln, anstatt uns durch ständiges Sammeln und Vergleichen Tugende und Talente anzueignen, die gar nicht unserem Wesen entsprechen.

Wer zwischen Weihnachten und Neujahr ein paar Tage Zeit hat, der darf sich ruhig mal ganz konkrete Fragen stellen. Denn es geht ja nicht nur um das, was in unseren Köpfen ist, sondern auch um die Dinge und Menschen um uns herum.

Ich trenne mich von McDreamy und akzeptiere die Tatsache, dass ich kein Fan von Gemüsepasta bin.

Gibt es zum Beispiel Bücher in meinem Bücherregal, die da nur stehen, weil in irgendeinem Artikel auf medium mal stand, dass Warren Buffet oder irgendeine Puffbesitzergattin denken, dass man sie gelesen haben muss? Und kann ich diesen Schwachsinn nicht einfach verkaufen oder verschenken, weil ich nunmal leider nach 50 Seiten zu Tode gelangweilt war? Warum stehen oder liegen die da noch Monate rum, nehmen Platz weg, rauben mir immer wieder ein paar Sekunden, immer dann, wenn ich da stehen bleibe und denke „Warum ist denn dieses Zeug immer noch in meinem Besitz?“

Habe ich in den zwölf Kisten, die im Arbeitszimmer stehen, Dinge herumliegen, die nur Platz wegnehmen und mich bei jedem Drüberstolpern daran erinnern, dass ich mir vor vier Jahren in einem Anfall von Wissensdurst mal erfolglos solides Grundwissen über Aktienhandel und den Weltraum und die Illuminaten aneignen wollte?

Brauche ich den ganzen Krempel wirklich? Die „Erin Brokovich“-DVD.  Die „Greys Anatomy“-Staffeln. All die Körnerkissen. All die Turnschuhe. Und die 7 abonnierten Paleo-Blogs in meinem Feedreader. Und den Gemüsehobel, der mir für vier Minuten das Gefühl gab, der Endboss zu sein. Wegen all den gesunden Zucchini-Spaghetti, die ich an sehr vielen darauffolgenden Tagen und Wochen nicht liebevoll zubereitet habe. Und diese eine hässliche giftgrüne Blumenvase, die ich nur behalten habe, um irgendwen nicht zu verletzen, der vielleicht irgendwann mal schlechtgelaunt in unserer Wohnung stehen und den Raum danach abscannen könnte.

Und dann die Menschen. Was ist mit den Leuten, mit denen mich nur ein paar kleine gemeinsame Nenner verbinden? Nämlich, dass wir beide Sauerstoff mögen und beim Gehen immer einen Fuß vor den anderen setzen? Was ist mit den Leuten, deren Wertvorstellungen ständig mit meinen kollidieren? Die so Dinge sagen wie „Das haben wir doch schon immer so gemacht.“ Die mir regelmäßig gönnerhaft die Tür zu ihrer Welt aufhalten wollen, in der es Ankleidezimmer und hübsche Platzdäckchen gibt und in der Männer nach Geld und Durchsetzungsfähigkeit bewertet werden und Frauen danach, wieviel Enthusiasmus sie beim Putzen und Kochen ausstrahlen.

Das Leben ist keine Verkaufssendung.

Könnte ich nicht mal aufräumen und Platz schaffen, in mir drin und um mich herum? Brauche ich die ganzen Hinweise und Lebensratgeber, muss ich meine Ernährung an die Ernährung der Kinder von Gwyneth Paltrow anpassen? Brauche ich das, höre ich solchen Leuten zu, lasse ich mich beeinflussen? Oder erkenne ich irgendwann, wieviel Ballast ich mit mir herumtrage und dass es viel wichtiger ist, den erstmal aufzuweichen und abzukratzen, bevor ich meinem Kopf und meinem Alltag noch mehr Blödsinn zumute.

Das Leben ist kein Souvenirgeschäft mit unerschöpflichen Andenken an Fehlentscheidungen, Schnapsideen und Minderwertigkeitskomplexen. Und für die Bundesjugendspiele ist man ja irgendwann auch zu alt. Und zu erschöpft. Andere finden das toll, ich nicht. Mein Leben ist keine Verkaufssendung. Es geht um Lachtränen, um gutes Essen, um Wein, um frisch bezogene Betten und diesen einen Tag im Jahr, an dem man morgens aus dem Haus tritt und weiß, es wird Frühling. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht.

Das Abenteuerland ist tot, es lebe das Abenteuerland!

Das LaLeLu Abenteuerland in Korbach – ein Indoor-Park für Kinder – hat vor ein paar Wochen aus wirtschaftlichen Gründen seine Türen geschlossen. Bald sollen dort 400 Flüchtlinge untergebracht werden. Unter dem Facebook-Post der WLZ, die vor gut zwei Stunden darüber berichtete, sammeln sich bereits erste kritische Stimmen. Und die sorgen sich teilweise um die Zukunft der Kinder.

Weil: Wenn das Abenteuerland weg ist, dann kann man ja mit den Kindern bald gar nichts mehr machen, dann gibt es in Korbach ja bald überhaupt nichts mehr. Dann irren da auf den Straßen im Landkreis bald viele verlorene Seelen herum. Ich bin da natürlich der falsche Ansprechpartner, weil ich gar keine Kinder habe. Die Katze oder dass man selber manchmal noch eins ist zählt ja nicht.

Ich kann mich nur an meine eigene Kindheit erinnern. Die war bombastisch und kam weitestgehend ohne diesen ganzen Aktivitätsfirlefanz aus. Was vielleicht an der guten Erziehung und der Einstellung meiner Eltern lag. Klar waren wir mal im Fort Fun, sind auf dem Pfingstmarkt Karussel gefahren, waren im Schwimmbad oder im Tierpark. Aber das sind nicht die Dinge, an die ich mich erinnere.

Ich erinnere mich an die Sonntage, weil meine Schwester und ich jeden Sonntag zu meiner Mutter ins Bett krochen und uns eine halbe Stunde lang Witze erzählten. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater mit uns spazieren ging, uns Pfeifen schnitzte und uns etwas über den Wald erzählte. Ich erinnere mich daran, wie ich in seiner Werkstatt neben ihm stand und mich darüber freute, dass er mir ein Stück Holz und Schleifpapier gab. Ich erinnere mich an den herschaftlichen Westflügel meiner Wolldecken-Burg im Wohnzimmer und an die rote Kiste mit den ganzen Playmobil-Figuren, die immer noch auf dem Dachboden meiner Eltern steht.

Ich erinnere mich daran, wie wir Kinderserien nachgespielt haben. An die Scherbe in der Eder, in die ich mal reingetreten bin an dem Geburtstag meiner Schwester, an dem sie mich eigentlich nicht dabeihaben wollte, weil sie da schon einigermaßen groß war. An offene Knie erinnere ich mich und Rollschuhfahren in der Raiffeisenstraße und daran, dass wir mal die saublöde Idee hatten, direkt an der Hauptstraße Barbie zu spielen. Und wie wir unser Taschengeld aufbessern wollten, indem wir durchs Dorf zogen und Steine verkauften.

Ich weiß nicht genau, ob die Menschen auf der Welt schlimmer geworden sind und man deshalb all diese Sachen nicht mehr machen kann als Kind. Vielleicht waren unsere Eltern früher furchtloser, vielleicht hatten sie mehr Vertrauen in uns, weil sie mehr Vertrauen in die Welt hatten, die heute – mehr als zwanzig Jahre später – eine andere ist. Ich weiß auch, dass ich das alles überhaupt gar nicht bewerten kann. Ich habe nur gerade an meine eigene Kindheit gedacht. Ich war kurz ein bisschen dankbar dafür, dass ich im Jahr 2015 kein siebenjähriges Kind bin. Und hoffe, dass meine Generation viele tolle kleine Menschen in die Welt setzt, denen verdammt nochmal irgendjemand beibringt wie man Hüpfekästchen spielt und ein anständiges Stickeralbun anlegt. Ernsthaft… gibt es Stickeralben noch? Ich wünsche es mir gerade so sehr.

It´s not social media. It´s you!

Essena O´Neill wurde durch Instagram berühmt und hat jetzt genug vom dem Scheiß. Eine halbe Millionen Menschen verfolgten in den letzten Jahren das Leben der 19jährigen Australierin, das bisher zu einem großen Teil aus Selbstzweifeln, einem knurrendem Magen und einem ständigen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit bestand. Gesehen hat man davon nichts. Dafür gab es viel wehendes Haar, Sonnenuntergang-Momente, perfekte Kurven und ganz viel Unbeschwertheit.

Vor einigen Tagen kam Essena zu der Erkenntnis, dass Social Media nicht echt ist, sie löschte einen Großteil ihrer Fotos und machte deutlich, wie viel Inszenierung hinter jedem Bild steckt. Dass sie die Kleider machmal nur für das Foto getragen hat. Dass sie mit 16 Jahren versucht hat, möglichst sexy und erwachsen auszusehen. Dass es wenige Projekte gab, an denen sie wirklich Spaß hatte.

Der Instagram-Account wurde mittlerweile gelöscht. Auf ihrer neuen Seite letsbegamechangers.com schreibt sie:

I spent 12-16 wishing I could receive validation from numbers on a screen. I spent majority of my teen years being self absorbed, trying desperately to please others and feel ‚enough‘.  Spent 16-19 editing myself and life to be that beautiful, fitspo, positive, bright girl online. I didn’t talk about topics and interests of me, nor did I pursue my childhood talent for writing. I didn’t find happiness in social approval, constantly edited and shooting my life. So I decided to quit, left humours educational captions meant to raise awareness, now I want to start something important.

Während sich die eine Hälfte der Menschheit überhaupt nicht dafür interessiert, teilt sich die andere Hälfte auf in zwei Lager. Die einen tun so als hätte die geniale Erkenntnis „Social Media ist nicht die Realität“ den Friedensnobelpreis verdient. Und die andere Hälfte kritisiert, dass Essena O´Neill nun nicht mehr ihr seichtes Postkarten-Dasein vermarktet sondern die Abkehr davon, was möglicherweise genauso bescheuert ist.

Ich weiß noch nicht, ob ich das alles eher spannend oder eher dämlich finden soll. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch wieder angefangen zu bloggen. Um es herauszufinden. Vor zehn Jahren waren die Blogs, auf denen Menschen spannende Geschichten erzählt und ihre Gedankenwelt miteinander geteilt haben, noch in der Überzahl. Das sind heute zum Teil diejenigen, die Bücher oder Kolumnen schreiben, Unternehmen beraten, selber Agenturen gegründet haben oder anderen das Internet erklären.

Das ist der spannende Teil. Sogar den Teil mit den Lifestyle-Blogs finde ich spannend, die dann irgendwann später kamen. Wenn dahinter Menschen stehen, die Ecken und Kanten und auch einen gewissen Sinn für Humor haben, dann bin ich ein großer Fan von all dem. Ob die Leute davon leben können oder nicht. Dann ist auch jemand, der zwischendurch Bilder von sich in verschiedenen Outfits postet oder für das ein oder andere Produkt wirbt, für mich kein austauschbares Gesicht, sondern jemand, dessen Weg ich gern verfolge. Und so jemand darf sich dann von mir aus auch gerne Influencer nennen. Obwohl ich dieses Wort nicht mag. Es ist so dämlich, es verdient theoretisch einen eigenen Blogeintrag.

Hier kommen wir zu dem Teil, den ich nicht verstehe. Denn wer sagt, dass Social Media nichts mit der Realität zu tun hat, der macht es sich vielleicht zu einfach. Niemand hat euch dazu gezwungen, im Internet nur schöne, glänzende, oberflächliche Bruchstücke von euch zu präsentieren. Es gibt auch kein festgeschriebenes Gesetz, das besagt, dass man nur dann erfolgreich ist, wenn man wie ein frisch desinfiziertes dressiertes Äffchen auftritt.

Dass man uns eine Schablone überstülpen möchte, heißt nicht, dass wir die Schablone wortlos akzeptieren müssen. Wir können sie auch einfach kurz betrachten und dann in den Mülleimer befördern, weil es reine Energieverschwendung ist, da hinein zu passen. Wir können uns auch einfach mal darauf einigen, dass uns der Großteil von dem ganzen Mist überhaupt nichts bringt, der uns täglich unter die Nase gerieben wird.

Und dass es zwar einerseits spannend, aber andererseits auch unheimlich traurig ist, dass wir mittlerweile nicht mehr auf Werbepausen und Hochglanzmagazine und Seifenopern angewiesen sind, um uns ein bisschen minderwertig zu fühlen. Dank Instagram & Co. schafft das mittlerweile auch das Mädchen von Nebenan, wenn es mir weismachen will, dass ständiges Rumsitzen in Abflughallen, Sommerbräune im Winter und ein ganzer Schrank voller teurem Krempel zwangsläufig etwas mit Zufriedenheit und Erfolg zu tun haben.

Erfolg hat mit Authentizität zu tun. Ich habe zumindest noch nie ein Interview von einer sehr erfolgreichen, zufriedenen Person gelesen, die gesagt hat „Ich hab mich jahrelang verstellt. Das hat mir gut gefallen. Ich hab Einfluss und einen ganzen Pool voller Geld und ich kann das auch alles richtig gut genießen.“ Du kannst ja dein Bestes geben. Aber bitte so, dass daneben noch andere Dinge, vor allem Eigenschaften, Platz haben. Wenn du glaubst deinen ganzen Lifestyle im Netz an den Lifestyle anderer anpassen zu müssen, dann bist du nicht authentisch und der Erfolg fühlt sich wahrscheinlich auch nicht richtig an.

Für mich bedeutet Social Media, dass ich kreativ und neugierig sein kann. Ich kann Menschen kennen lernen in meinem eigenen Tempo. Ich kann der Welt da draußen zeigen, was für ein ängstlicher, wütender, verwirrter, nachdenklicher, tollpatschiger Mensch ich bin. Wenn du sagst, Social Media ist nicht die Realität, dann hast du im Moment vielleicht einfach nur große Angst du selbst zu sein.

Also: Trink Kakao statt Pumpkin Spice Latte, geh bei Takko einkaufen und gib zu, dass du „Two and a half men“ lustig findest. Von mir aus schreib ab sofort jeden Morgen auf twitter „Guten Morgen, Twittergemeinde!“ und benutz auf Instagram nur noch den Hefe-Filter. Wenn du cool bist, sei cool. Wenn du nicht so cool bist, ist auch nicht schlimm. Es weiß doch keiner so genau, was damit eigentlich gemeint ist.

Der Typ hier hat auf Facebook übrigens ganz gut zusammen gefasst, warum der Vorwurf „Social Media is a lie“ totaler Quatsch ist.

(Bild: pexels.com)

Findest du das mit den Flüchtlingen „immer noch gut“?

Man fragte mich vor ein paar Tagen, ob ich das mit den Flüchtlingen „immer noch gut“ finde. Wo ja jetzt die Begrüßungs-Euphorie ein bisschen nachgelassen hat und man merkt, dass es mit Applaus an Bahnhöfen und einer Wolldecke nicht getan ist. Die Frage war natürlich etwas ungeschickt formuliert. Ich kann sie ohne zu zögern mit einem klaren „Nein!“ beantworten.

Nein, das mit diesen Flüchtlingen finde ich nicht „gut“. Wenn es nach mir ginge, dann würde auf einen Schlag alles Dumme und Böse in dieser Welt aussterben, es gäbe keine Kriege mehr, alle hätten genug zu essen und die Rüstungsindustrie hätte auch keine Daseinsberechtigung mehr. Wenn es nach mir ginge, dann gäbe es die Bundeswehr nicht und das THW und auch keine Feuerwehr, weil es nie irgendwo brennen würde, es würden nirgendwo Flüsse über die Ufer treten, keiner würde einem anderen in den Bauch schießen oder sein Land verwüsten. Wir hätten keine Probleme mit dem Klima oder mit dem Kreislauf oder mit den lästigen Begleiterscheinungen des Krieges.

Jetzt ist das aber nunmal so, dass im Jahr 2015 auf dieser Erde nicht alles so besonders gut läuft. Menschen sterben. Menschen sind auf der Flucht. Menschen verlieren ihren Verstand. Die einen sind auf Wachstum fixiert. Die nächsten sind auf ihre eigene kleine Scheißwelt fixiert. Dann gibt es Leute, die sind darauf fixiert, dass das Boot auf dem sie sich gerade befinden, nicht im Ozean ersäuft. Es gibt Menschen, die wollen wortwörtlich ihren Arsch retten und es gibt Menschen, die wollen einfach nur im übertragenen Sinne ihren Arsch retten und viel zu viele sehen da keinen Zusammenhang.

Nein, das mit den Flüchtlingen finde ich nicht gut. Ich finde es, vereinfacht gesagt, nicht gut, dass die jetzt alle hier sind. Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften finde ich nicht gut. Lange Schlangen finde ich nicht gut. Dass die Behörden in Deutschland mit all dem völlig überfordert sind, dass niemand sie auf diesen Wahnsinn vorbereitet hat, finde ich nicht gut. Ich würde gerne einschlafen und wenn ich morgen früh aufwache, dann darf jeder wieder ohne Angst zurück in sein Land, durch die Straße gehen, in der er aufgewachsen ist, zurück zu Freunden und Familie und zurück in das Haus, in dem er wohnt und das noch da steht wo es all die Jahre gestanden hat.

Die Antwort auf die Frage „Findest du das mit den Flüchtlingen immer noch gut?“ kann nur zynisch sein. Ich kann sie nur mit einem Kopfschütteln beantworten, mit einem Schnaufen und mit einem Schniefen. Weil die Welt gerade ihr Gleichgewicht verliert und man kann ihr dabei zusehen wie sie stolpert und hinknallt, wie sie dann da auf dem Boden liegt, auf dem Rücken wie ein Käfer und ich wünsche mir, dass mal jemand kommt – auf der Straße oder an der Kühltheke im Rewe oder in der Eisdiele – und nicht fragt ob ich etwas „immer noch gut“ finde, sondern ob es Dinge gibt, die mich wütend machen.

So wütend, dass ich zum Beispiel meinen Blutdruck steigen höre, von immer niedrigen 100 zu 70 auf 140 zu 100, das ist erhöhter Blutdruck und ich spüre ihn, wie er hinter meinen Augen etwas lostritt, wie er von innen an meinen Schädel donnert und wenn ich es nicht aufschreiben könnte, dann weiß ich nicht wie lange ich das ertragen könnte, diesen Lärm in meinem Kopf, verursacht von Leuten, die in allem Unbekannten einen Störenfried sehen.

Es macht mich wütend, dass so viele Geschichten der letzten Wochen beginnen mit „Ich hab gehört, dass…“ Es macht mich wütend, dass Leute ihre Zeit lieber mit leblosen Geschwätz totschlagen, anstatt sich mal wenigstens eine halbe Stunde lang für das zu interessieren, was außerhalb ihrer Blase so passiert. Ich verstehe das nicht, dass man mit dem Finger auf andere Kulturen zeigt, dass man einfach alles Unbekannte in eine Schublade setzt und die Schublade dann zuschlägt und zuschließt und den Schlüssel achtlos irgendwo hinlegt, wo man ihn wahrscheinlich so leicht nicht wiederfindet, weil man keine Lust hat, sich näher damit zu befassen.

Es gibt Leute, die halten sich offenbar für die Krone der Schöpfung, für zivilisiert und anständig, während sie hier in Deutschland in ihren Häusern sitzen und so vor sich hindämmern in diesem wunderbaren Land, das berühmt ist für seine tollen Autos (ich lache) und den Fußball (ich weine vor lachen) und die Dichter und Denker (Ok, jetzt weine ich). Jede Gelegenheit, den eigenen Blickwinkel zu korrigieren, wird achtlos beiseite geschoben oder überhaupt nicht wahrgenommen und alles wird begründet mit Angst, Angst, Angst und Meins, Meins, Meins. Als wäre Deutschland eine Insel.

Vielleicht stellt und beantwortet ihr euch, in einer ruhigen Minute, mal ein paar Fragen. Wo kommt ihr her? Was ist eure Geschichte? Aus welchem Grund seid ihr hier? Schlagt ihr hier einfach nur Zeit tot? War´s das? Oder kommt da noch was?

Feldstudie: Flohmarkt

Gern würde ich das ganze Jahr über Urlaub in fernen Ländern machen. Um auf leisen Sohlen in Hinterhöfe vorzudringen, fremde Hygienevorschriften kennen zu lernen und mit Leib und Seele zu erfahren wie bei anderen Menschen so grundlegende Dinge wie Begrüßung, Entschuldigung, Faustkampf und Brettspiele ablaufen. Auf das Kofferpacken und die ständige Rumsitzerei in Flugzeugen, Taxis und Bussen kann ich natürlich verzichten. Aber dieser Kulturschock, der fehlt mir manchmal. So ein jährlicher Pauschalurlaub auf den Kanarischen Inseln ist da ja auch keine große Hilfe.

Einfach mal konfrontiert werden mit Leuten, die man noch nie im Leben gesehen hat. Nicht zu wissen: Sind die cool, sind es Arschgeigen, kommen wir miteinander klar? Das finde ich immer spannender, je älter ich werde, und weil ständiger Urlaub ja auch irgendwie teuer ist, habe ich seit einigen Jahren eine fantastische Alternative gefunden, die meine Sehnsucht ganz gut befriedigt: Ich besuche Flohmärkte.

Ich stehe freiwillig in aller Herrgottsfrühe auf, fahre nach Marburg, schleppe Kisten von A nach B und wundere mich dann unter Tränen, mit einem Notizbuch in der Hand, darüber, wofür Menschen Geld bezahlen. Das ist schmerzhaft (das frühe Aufstehen, die Schlepperei) und nicht immer rentabel (15 Euro Standgebühr für drei Meter + Spritgeld + Cappuccino und warmes Käse-Schinken-Fladenbrot vom Bäcker nebenan, weil man zu faul ist, sich ein Brot zu schmieren und eine Thermoskanne voller Kaffee mitzunehmen). Wenn man Pech hat, fährt man mit 20 Euro nach Hause. Wenn man Glück hat sind es trotzdem nicht viel mehr als 60 oder 70 Euro.

Aber das Geld ist auch nur ein schöner, unwichtiger Nebeneffekt. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man nach Hause kommt und da einfach weniger Krempel herumliegt. Der aufgeräumte, nach Farben sortierte, Kleiderschrank ist ein ebenso großes Plus, weil er nicht mehr all die nie getragenen Klamotten beherbergt, die man wunderbar… also irgendwann einmal…wer weiß das schon… bei einem Empfang… im Schloss Bellevue… oder zur Fasanenjagd … nach einer krassen Diät… zum Segeln… tragen könnte.

Berührungsängste abbauen? Geht auf dem Flohmarkt irgendwie ganz gut.

Es sind die Menschen. Diese verrückten, wunderbaren Menschen, denen man auf Flohmärkten begegnet. Knallharte Verhandlungspartner. Verirrte Menschenrechtler. Kauzige alte Herren, nicht weniger kauzige alte Damen. Wortkarge und schnatternde und großzügige und knauserige Menschen. Mit Hut. Ohne Hut. Ohne Hund. Mit Hund. Und mit Kind.

Flohmarkt-Menschen ticken irgendwie anders. Sie stehen nicht kurz vor der Obdachlosigkeit, sie brauchen einfach nur nicht so dringend den allerneuesten Scheiß. Sie haben ein Herz für Klimbim. Sie sind neugierig und haben keine Berührungsängste. Ich empfehle jedem Menschen, der ganz gemächlich Berührungsängste abbauen möchte, einen Besuch auf dem Flohmarkt.

Da ist die alte Oma, die dreimal am Stand vorbeischleicht. Zweimal kauft sie etwas, beim dritten Mal bleibt sie kopfschüttelnd stehen, als wäre sie zum allerersten Mal hier. Sie starrt für einen kleinen Moment die hässliche Porzellanente an, der wir dekorativ eine Sonnenbrille aufgesetzt haben. ”Enten mit Sonnenbrillen – was es nicht alle gibt!”, sagt sie ungläubig. Sie glaubt, dass das zusammen gehört, die hässliche Ente mit der hässlichen lilafarbenen Sonnenbrille.

PART_1442686861327Oder die Studentin, mit der man ins Gespräch kommt und ihr irgendwann die kleinen Lautsprecherboxen für umsonst mitgibt, weil sie so sympathisch ist. Überhaupt: Wie verrückt das ist, dass es manchmal einfacher ist, sich mit völlig Fremden zehn Minuten zu unterhalten als mit Bekannten, die man irgendwo zufällig in der Stadt trifft. Weil man unbefangen ist. Fremde Menschen gehen dir nicht aus dem Weg, wenn du Glück hast. Im Gegenteil. Die besten von ihnen kommen direkt auf dich zu. Fremde Menschen geben dir auf Flohmärkten die Möglichkeit, nach einem Wilhelm Busch Buch zu greifen, es aufzuschlagen und laut und mit klarer, ernster Stimme ein paar Verse daraus vorzulesen. Man muss dann keine Angst davor haben, nicht gemocht zu werden, weil es unmöglich ist, so einen Menschen in diesem Moment nicht zu mögen. Die Flohmarkt-Leute, die verstehen das irgendwie.

Irgendetwas über das Leben lernen. Kann man auf dem Flohmarkt auch sehr gut.

Und schon bevor man überhaupt alles ausgepackt hat, kommen ein paar russische Frauen herbei, es sind eigentlich immer dieselben, und sie fragen, ob man Silberschmuck verkauft. Die russischen Frauen sind harte Gegner, sie drücken einen im Preis, bis man kapituliert und so bescheuerte Sätze sagt wie „Naschön. Weil Sie es sind.“  Sie drücken einen noch mehr im Preis als die türkischen Frauen und sie lächeln und reden auch nicht so viel wie die türkischen Frauen. Ausländische Frauen handeln bis weit über die Grenzen der Höflichkeit hinaus, die man selber festlegt. Aber das Feilschen gehört dazu, man trifft sich dann meist in der Mitte. So sollte es immer sein.

Oder dieser ältere Mann mit den grauen, zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenen Haaren. Ein Mann mit einem unglaublich tollen Gesicht. Er ist mir schon häufiger aufgefallen. Vor drei Monaten steht er vor uns, entdeckt eine Jacke, nimmt sie vom Ständer und murmelt „Die könnte meiner Frau gefallen.“ Dann schaut er kurz auf, seine Frau ist nicht in der Nähe, und dann pfeift er nach ihr. Nicht auf die herkömmliche „Komm rüber, lass uns Fußball spielen!“-Art, sondern auf die „Ich habe zwanzig Jahre lang intensiv das Kommunikationsverhalten von Vögeln studiert.“-Art. Ein komplettes Pfeifkonzert. Nach einer Minute steht seine Frau lächelnd vor unserem Stand.

Und viele Kinder sind unterwegs. Familien mit Kind. Da ist dieser kleine blonde Junge – Kategorie Michel aus Lönneberga – der mit einem Plastiklaserschwert herumfuchtelt, das seine Mutter ihm vor zwei Minuten gekauft hat. Sie ermahnt ihn, vorsichtig zu sein, und hat noch eine Freundin mitgebracht, die gerade hinter ihrem eigenen Sohn herrennt. Er ist etwas schüchterner als sein Freund, hat knallrote Haare und hört auf den Namen Carlos. Ich finde das ziemlich wunderbar, diese ganze Situation und diesen kleine rothaarigen, blassen Wikinger, der auf den Namen Carlos hört.

”Sind das Lampen?” – ”Nein, das sind Lautsprecherboxen. Sie können sie aber selbstverständlich auch als Lampen verwenden. Sie geben dann nur kein Licht.”

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Schräg gegenüber steht ein alter Mann, Mitte Ende siebzig, der irgendwie einsam aussieht an seinem Stand. Sein Gesicht kann ich nicht richtig sehen. Aber sein Rücken, der macht irgendwie einen niedergeschlagenen Eindruck. Er verkauft Töpfe und Kindersachen und einen dunkelroten Kapuzenpulli, auf dem in grauer Schrift „Bad Nauheim“ steht. Ich weiß nicht genau, warum sein Anblick mich traurig macht. Manchmal sehe ich Menschen und habe sofort ihr ganzes schweres Gepäck in meinem Gehirn. Das halbe Leben. Der ganze Scheiß. Die Frau, die gestorben ist. Und die Kinder, die 600 Kilometer weit wegwohnen und einen großen Familienkalender, auf dem die Geburtstage stehen von den Enkelkindern, die so schnell groß werden.

Nach zwei oder drei Stunden dreht er sich während einer Unterhaltung kurz in unsere Richtung,  ich sehe ihn lächeln, seine Schultern richten sich auf und mein Kopf wird sofort ein paar Kilogramm leichter. Es ist gut, dass all diese Menschen sich, wenn der Flohmarkt vorbei ist, wieder unauffällig unter all die Leute mischen, die um benutzte Ware und vergilbte Bücher und scheinbar nutzlosen Klimbim einen großen Bogen machen.

Feldstudie: Tankstelle

In der US-Serie “How I met your mother” kommt Hauptfigur Ted Mosby in der 6. Staffel während einer Fahrt mit dem Bus zu folgender Erkenntnis: If you can´t spot the crazy person in the bus, it´s you. Aus diesem Grund mag ich Busfahren: Man erhält hier einen kurzen Einblick in das Leben sehr sonderbarer Menschen, während man sich verzweifelt wünscht, dass man selber nicht dazu zählt.

Busreisen sind ein bisschen wie eine sehr lange Fahrstuhlfahrt. Da sind ganz viele andere Menschen und man meidet Blickkontakt, blickt nur nach unten, sieht ein paar Bäuche und viele Schuhe und wenn man dann aus Versehen doch den Kopf hebt, dann hat man verloren. Oder gewonnen, je nachdem wie man es betrachtet.

Anfang des Jahres bin ich mit dem Fernbus von Kassel nach Leipzig gefahren. An einer Tankstelle zwischen Kassel und Halle legten wir die gesetzlich vorgeschriebene Lenkzeitpause ein. (Ganz nebenbei bemerkt: Vororte von Halle sind so trostlos, dass das nordhessische Bermudadreieck einem plötzlich wahnsinnig lebendig und aufregend erscheint.) Diese Lenkzeitpause gab mir die Gelegenheit, nicht nur eine köstliche Bockwurst mit Senf zu essen, sondern auch ein mitreisendes Pärchen etwas genauer zu begutachten.

Erschossen. Alle erschossen.

An ihn erinnere ich mich nicht mehr sonderlich gut, an sie allerdings schon. Mit der subtilen Geschmeidigkeit eines Räuber Hotzenplotz saß sie an einem Tisch, gönnte sich ebenfalls eine Wurst, dazu einen halben Liter Dosenbier, und blätterte in der Bild-Zeitung herum. Gelbe Haare, finsterer Blick, Beulen an den falschen Stellen.

Auf Seite 1 befanden sich Fotos von drei Attentätern. Ihr Zeigefinger ruhte auf dem Gesicht des ersten, ihre Augen überflogen kurz den Text. “Erschossen.”, murmelte sie, der Finger rückte weiter zum zweiten Attentäter. “Erschossen.” Dann zum dritten Foto. “Auch erschossen. Die Polizei hat die alle erschossen.”, sagte sie halblaut. Ihr stummer Gefährte antwortete mit einem unbeteiligten Nasengeräusch.

Ich dachte, jetzt führen die beiden vielleicht ein Gespräch über das Tagesgeschehen oder er fragt sie vielleicht mal wie die Bockwurst schmeckt, aber sie schwiegen sich dann nur noch gegenseitig an und das war dann auch irgendwie vollkommen in Ordnung. Schließlich schwiegen sich mein Komplize und ich ebenso an. Sich anschweigen kann schön sein. Und es ist auch angenehmer als Anschreien, vor allem für unbeteiligte Personen, die zwei Meter daneben stehen und sich für ihre Feldstudie in Ruhe Notizen machen wollen.

Was mir an dieser Person so gut gefiel? Dass nichts an ihr aus dem Rahmen fiel. Da passte einfach alles zusammen: Gesicht, Kleidung, Zeitung, Bockwurst, Bier. Ein stimmiges Konzept. Bodenständig, beinahe authentisch. Eine Frau wie ein kurzes befreiendes Rülpsen, ohne unangenehme Überraschungen. Ein Mensch, der nicht vorgab, jemand anderer zu sein. Sowas gibt es immer seltener heutzutage.

Bevor ich hinter sie treten und ihr mit den Worten “Ich finde Sie famos, Sie machen bei diesem ganzen Optimierungswahn nämlich nicht mit!” auf die Schulter klopfen konnte, war es leider Zeit weiterzufahren. Zwischen Halle und Leipzig wurde mir dann bewusst, dass wir beide vielleicht sogar eine Menge gemeinsam haben, die Bockwurst könnte ein erster Hinweis sein, und das beunruhigte mich so sehr, dass ich mich den Rest der Fahrt nicht mehr auf die Trostlosigkeit außerhalb des Busses konzentrieren konnte.

Und die Moral von allem? Die Moral lautet: Bleibt aufmerksam. Traut euch, den Blick zu heben. Und wenn ihr eine Busreise unternehmt, dann fahrt nicht nach Halle, sondern nach Möglichkeit an Halle vorbei.

 

 

Zögern

Die Pizza hatte wunderbar geschmeckt. Auf dem Heimweg hielten wir beim neu gestalteten Frankenberger Bahnhof an. Es war kurz nach neun, Züge oder Busse fuhren jetzt nicht mehr und deshalb war auch kaum ein Mensch da. Nur ein, zwei Taxis, die eine Handvoll Leute vom Frankenberger Nirgendwo in ein anderes Nirgendwo brachten. Wir drehten eine kleine Runde, standen neben einem in den Boden eingelassenen Trampolin, schauten auf die Gleise und in die andere Richtung, auf den Hang, den sie von dem Gestrüpp befreit hatten. Ein schöner, neu gestalteter Bahnhof. Etwas verlassen, aber schön.

Er kam etwas zögerlich auf uns zu, ein Rucksack über die Schultern geworfen, ungewöhnlich hübsch, ganz normal gekleidet, vielleicht achtzehn, neunzehn Jahre alt, oder Anfang zwanzig. Ich bin nicht gut darin, das Alter anderer Leute zu schätzen. Er fragte uns in englisch, ob er uns kurz stören darf, ob wir ihm vielleicht weiterhelfen könnten und hielt uns ein Ticket entgegen. Wir warfen einen Blick darauf. Er kam aus Gießen, sein nächster Halt sollte Korbach sein und von da aus wollte er nach Bad Arolsen. Weil in Frankenberg um diese Uhrzeit keine Züge mehr fahren, muss man ein AST-Taxi anrufen, eine halbe Stunde vor Ankunft. Dafür war es jetzt zu spät, trotzdem rief M. die Nummer der Zentrale an, die auf dem Ticket stand.

Im Niemandsland

Währenddessen erklärte ich dass er hier „in the middle of nowhere“ gelandet ist und dass es schwierig ist, um diese Uhrzeit noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bad Arolsen zu kommen. Er erzählte mir, dass er einen Freund in Gießen besucht hatte und ich überlegte fieberhaft, was wir tun können, wenn wir kein AST-Taxi mehr erreichen und er hier festsitzt bis morgen früh. Ich ging einige Optionen durch, mutige vermischten sich mit feigen Gedanken.

Er könnte mit zu uns nach Hause kommen. Er könnte in der Ratsschänke übernachten. Wir könnten die Polizei anrufen und die fragen, was wir tun könnten, es gibt ja Menschen, die rufen wegen jedem Scheiß die Polizei. Auf diesen Gedanken bin ich nicht besonders stolz, aber ich muss es trotzdem erwähnen, denn darum geht es ja. Dass man nicht aufhören soll, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit zu zeigen, auch wenn man sich anfangs immer wieder selber boykottieren wird aus Bequemlichkeit, aus Feigheit, aus tausend Gründen.

M. hatte am Telefon niemanden erreicht und auch einer der AST-Taxifahrer konnte uns nicht weiterhelfen. „Ich fahre in eine ganz andere Richtung, die anderen Taxis fahren auch nicht bis nach Korbach.“ „Können Sie die Zentrale anrufen? Auf dem Ticket steht, man soll ein Taxi bestellen, eine halbe Stunde vorher, aber das wusste er natürlich nicht. Können Sie nicht irgendjemanden erreichen?“ „Nein, das geht leider nicht. Das läuft alles über die Zentrale und da geht jetzt niemand mehr dran.“

M. und ich tauschten dann Blicke aus, das Taxi fuhr davon und während ich noch überlegte, wann wir wieder in Frankenberg sein würden, wenn wir ihn jetzt nach Bad Arolsen fahren, erklärte M. ihm schon, dass wir ihn hinbringen würden. (Wir sagen zwar immer, dass wir viel von dem anderen lernen können, aber ich glaube, ich lerne mehr von ihm als umgekehrt.)

Nice to meet you

Er schämte sich und er war dankbar, beides gleichzeitig. Ich frage ihn wie er heißt und wo er herkommt. Sein Name war Machmud und er kam aus Syrien. Dann folgte ein Satz, den ich nicht vergessen werde, aus vielerlei Gründen. „It´s hard here, in Germany.“ Und die ganze Fahrt über schämte ich mich für mein Zögern, ich schämte mich für die ganze Situation, ich schämte mich, dass ich während der Fahrt nur schwieg, neben M., der ebenfalls schwieg, der aber nicht so zögerlich und ängstlich war wie ich, glaube ich. Natürlich schämte ich mich auch für das löchrige Verkehrsnetz des Landkreises Waldeck-Frankenberg, das für Leute, die unsere Sprache nicht sprechen, eine große Herausforderung ist.

Um halb elf setzten wir ihn am Bahnhof in Arolsen ab. Wir hatten uns einmal verfahren, da hatte er leise gelacht und gemurmelt, dass er den Weg selber nicht so genau kennt. Er zog seinen Rucksack aus dem Kofferraum und gab uns beiden die Hand. „Nice to meet you.“ sagte er zum Abschied mit einem schüchternen, aber erleichterten Lächeln im Gesicht.

Ich hätte ihm gerne mehr Fragen gestellt. Wie geht es dir? Wie geht es dir hier in Deutschland? Geht es deiner Familie gut? Hast du Angst? Glaubst du, dass du die Angst irgendwann loswirst? Ich hätte ihm auch gerne zum Abschied mehr gesagt als „I wish you all the best!“ Dass ich ihm eine sichere Zukunft wünsche. Dass er hoffentlich ein Zuhause findet. Dass ich hoffe, dass er hier nicht allein ist.

Ich habe vor drei oder vier Monaten zwei Wäschekörbe voller Klamotten im Frankenberger Flüchtlingsheim vorbeigebracht. Die Kinder spielten Ball, eine Gruppe von drei Männern saß mit verschlossenen Minen auf Plastikstühlen draußen herum, ein anderer strahlte mich an und sagte Hallo. Ich kann mir auch mit viel Fantasie nicht vorstellen, welche Bedrohung von diesen Menschen ausgehen sollte. Letzte Woche habe ich etwas Geld überwiesen für die tolle Aktion Blogger für Flüchtlinge. Es war nicht viel und das ist auch vollkommen egal, denn der Punkt ist: Jeder von uns kann etwas tun. Und jeder von uns kann mehr tun als das, was er schon getan hat. Und jeder von uns hat diese zögerlichen Momente, die feigen Momente, die schwachen Momente. Das ist in Ordnung, denn es hindert uns – wenn wir ehrlich sind – nicht daran, trotzdem das Richtige zu tun.

Grenze im Kopf

Wenn ihr morgen vor die Tür geht und euch kommt eine ausländische Familie entgegen und ihr schenkt ihnen einfach mal ein aufmunterndes, warmes Lächeln, dann ist das schon eine ganze Menge. Es geht hier gar nicht um Geldspenden oder Sachspenden – behaltet euer Geld, behaltet eure Klamotten – und ich werde jetzt auch keinen Artikel verlinken, der euch mal erklärt, wie das sein kann, dass ein Syrer mit einem Smartphone am Ohr in einer Markenjeans an euch vorbeimarschiert. Ihr habt alle Internetzugang, ihr könnt hoffentlich alle lesen, und ich finde, ihr solltet euch nicht dümmer machen als ihr eigentlich seid. Es geht darum, dass diese Leute nicht eure Feinde sind. Die sind nicht in die Boote gestiegen und haben tausende Kilometer hinter sich gebracht, um euch etwas wegzunehmen. Und entweder glaubt man an Menschenrechte oder man glaubt nicht daran, ein klares Ja oder ein klares Nein, ein Vielleicht gibt es in diesem Fall nicht.

Ich finde es bemerkenswert wie einige von euch für ihre Familien kämpfen, wie sie für die Zukunft und Sicherheit ihrer Kinder sorgen, aber wie wenig Mitgefühl und Verstand sie zeigen, wenn es um Menschen geht, die alles verloren haben. Und ich bin es leid, dass Menschen wie ich als naive Gutmenschen dargestellt werden, obwohl nichts von dem, was wir tun und woran wir glauben etwas mit Naivität zu tun hat. Im Gegenteil. Es ist wahnsinnig naiv zu glauben, dass eine Gesellschaft, die so schnell an ihre eigenen Grenzen stößt, eine Zukunft hat.

Und was machst du so am Wochenende?

Ich gehörte schon früh zu einer kuriosen Sorte Mensch. Schon mit … ich weiß nicht genau… dreiundzwanzig … war mir klar, dass es keine Tragödie ist, einige Partys auch einfach mal ausfallen zu lassen. Normalerweise ist das ein Alter in dem man glaubt, das Leben ist vorbei, wenn man einfach mit einer Flasche Wein daheim bleibt, während  andere Leute 7 Stunden lang auf ihren Wodka-Apfelsaft, eine freie Toilette oder „dieses eine gute Lied“ warten.

Doch nicht jeder besitzt diese innere Ruhe. Nicht jeder schwappt an einem Freitagabend über vor Glück bei dem Gedanken, in den nächsten 48 Stunden einer ziemlich überschaubaren Anzahl von Menschen zu begegnen und einfach mal „gar nichts“ zu erleben. Man könnte ja – während man noch einen Abendspaziergang macht, eine Ouvertüre komponiert oder Rick und Daryl beim Zombietöten zuguckt – etwas Wesentliches verpassen. Man könnte sogar, wenn man das drei Samstage hintereinander so macht, als Ausgestoßene enden.

Spaß haben – eine Frage der Definition

Diese Angst vor der totalen sozialen Isolation treibt dann die Leute hier in meinem Umkreis regelmäßig auf irgendwelche Veranstaltungen. Jetzt versteht mich bitte nicht falsch. Menschen sind ja nicht verkehrt und ich mag kaltes Bier und Musik und es wichtig, dass hier im Niemandsland zwischen Kassel und Marburg überhaupt mal etwas passiert.

Meine Definition von Spaß haben schließt nur einfach vieles nicht ein, was für andere so selbstverständlich ist. Sich anschreien zum Beispiel. Ich bin schon ohne Hintergrundgeräusche manchmal nicht besonders gut im Small Talk – Rihanna und Calvin Harris machen das Ganze bestimmt nicht leichter. Oder stundenlanges Stehen, obwohl man niedrigen Blutdruck hat. Oder die Gesichtszüge kontrollieren, damit man nicht ständig gefragt wird, ob man schlechte Laune hat.

Ich habe mich irgendwann mal todesmutig in der einzigen Discothek, die es hier in Frankenberg noch gibt, auf die Treppenstufe unweit der Tanzfläche gesetzt. Ich dachte, wenn ich zum Tanzen nicht besoffen genug bin, dann kann ich mich ja wenigstens daneben setzen, ich bin ja niemandem im Weg, ich trinke nur friedlich mein Bier und unterhalte mich ein bisschen mit anderen, die auch nicht besoffen genug sind. Nach fünf Minuten kam ein 2 Meter breiter, 2 Meter 20 hoher Knastbruder zu uns mit der Aufforderung, sofort aufzustehen.  Wir dürfen hier nicht sitzen, sagte er. Na klar, dachte ich. Und stand auf und blieb auch nicht mehr allzu lang.

Homer Simpson und die Glücksbärchis

Ursprünglich war so ein Club ja mal ein Ort, an dem der Mensch – müde von den Pflichten, die ihm werktags so das Leben zur Hölle machten – sich ein bisschen entspannen konnte. Sich den Frust von der Seele tanzen, neue Menschen kennen lernen oder mit alten Menschen ein bisschen Zeit verbringen, trinken, lachen, fröhlich sein.

Mittlerweile glaube ich: Die Leute fühlen sich persönlich beleidigt, wenn ihre Mitmenschen nicht genauso quitschvergnügt und trinkfreudig sind wie sie. Ständig muss man sich dafür entschuldigen, dass man kein Glücksbärchi ist, sondern in solchen Situationen eher Homer Simpson.

Wenn man sich setzen will, muss man direkt wieder aufstehen. Wenn man dann aufgestanden ist, schleppt man sich von A nach B und dann nach C, weil man ja überall mal geguckt haben muss. Und wenn man dann mal ein bisschen verschnaufen kann, sieht man manchmal – zwischen all den tanzenden, sich küssenden, lachenden, taumelnden, dreiviertelbetrunkenen Partyknallermenschen – hier und da Personen stehen, die einen ebenso erbärmlichen Eindruck machen. Einige halten sich den Bauch, oder die Hände vor´s Gesicht oder ihre Freundin im Arm. Manchmal schafft man es, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, und sich dann ein bisschen menschlich zu fühlen. Eine Gemeinschaft voller überforderter Menschen, die jetzt alle irgendwie lieber ganz woanders wären.

Kneipen > Clubs

Ich bin ein Kneipenmensch. Nicht die mit dem dunklem Parkett aus Wenge-Holz, sondern die anderen. Wo es nachts um zwei noch ganz bodenständige Snacks gibt, Frikadellenbrötchen zum Beispiel. Ich mag es, mit acht Mann an einem Tisch zu sitzen und mir Lachtränen aus den Augenwinkeln zu wischen. Ich sitze gerne. Ich stehe ungern irgendwo rum, dafür habe ich auch viel zu kleine Füße. Ich lege gerne meine Tasche irgendwo ab und schmiede dann Pläne zum Erreichen der Weltherrschaft. Das geht in typischen Kleinstadtclubs nicht, da guckt einen jeder schief an, wenn man plötzlich barfuß auf dem Stuhl steht, seinen Strohhut in die Luft wirft und ruft „Ich hab´s. Wir nehmen es den Reichen und geben es den Armen!“

Wenn ihr also beim nächsten Mal gefragt werdet ob ihr mitkommen wollt, zum Megafettpartymachen, in den coolsten und/oder einzigen Club eurer Stadt, dann denkt daran, dass ihr möglicherweise nur eine Rauchvergiftung, ein bisschen Magen-Darm und einen inoffiziellen Schönheitswettbewerb verpasst und es völlig in Ordnung ist, daheim zu bleiben. Nehmt euch eine Wolldecke und macht es euch bequem.

Mittagspause

Wenn man nahe genug am Fenster steht und sich dann bückt, dann verschwinden die beiden Häuser auf der rechten Seite aus dem Blickfeld und man nimmt abgesehen von dem Braun des Holztisches auf dem kleinen Balkon und dem schmutzigen Grau des Steinbodens nur noch zwei Farben intensiv wahr. Wenn man nicht so genau hinschaut, löst sich auch die Straßenlampe in Luft auf. Das Bild besteht dann zu zwei Dritteln aus einer laubgrünen Wand zum Nachbargrundstück mit den Bäumen dahinter und einem Drittel Himmel.

Manchmal tut der Wind dir dann noch einen letzten Gefallen und fährt über die Hecke hinweg, durch Zweige und Blätter, ein dumpfes Rauschen, das angenehmste Geräusch des Tages. Dann wird man ruhig, ganz automatisch, und man richtet den Blick nicht nach innen und auch nicht nach außen, sondern versucht ihn genau in der Mitte zu halten, hält für einen kurzen Moment die Balance, ungefähr an der Stelle, die normalerweise als erstes mit Augentropfen in Berührung kommt.

Wenn man nahe genug am Fenster steht, dann vergisst man, dass die Welt nicht nur aus drei oder vier perfekt aufeinander abgestimmten Farbtönen besteht und nicht nur aus gedämpften Hintergrundrauschen. Man vergisst den Ameisenhaufen, das grelle, das blutrote, das tiefschwarze Durcheinander, man vergisst die unangenehmen Begleiterscheinungen, den Lärm, das Kratzen der Fasern auf der Haut, die schlechten Nachrichten.

45 Minuten lang steht man da, lauscht, tankt irgendwie wieder auf, und schafft es manchmal, dieses friedliche Gefühl noch ein Stück weit aus der Wohnung rauszuschmuggeln, in einem Seitenfach der Handtasche, hinein in den Rest des Tages, wo es einem dann beruhigend im Nacken sitzt und daran erinnert, dass man seinen Puls jederzeit aus eigener Kraft nach unten korrigieren kann.