5 Dinge, die ich im letzten Jahr verstanden habe

Das Jahr sieht verdammt alt aus. Es wird Zeit zurückzublicken auf die Dinge, die mir in 2015 bewusst geworden sind. Es sind Themen, über die ich mir leidenschaftlich den Kopf zerbreche und die auch alle mehr oder weniger aneinander anknüpfen. Wenn ihr diesen sehr langen und auch persönlichen Text jetzt lesen möchtet: Herzlichen Dank für die Ausdauer, legt los!

1) Alle Leute begegnen einander tolerant, respektvoll und wertschätzend. Jedenfalls solange alles mit ihrem rumpelkammergroßen Weltbild übereinstimmt.

Leute, die laute Musik hören, sind aggressiv. Stille Menschen sind schüchtern und ängstlich. Menschen, die viel lesen, sind realitätsfremde Träumer. Leute, die widersprechen, sind respektlose Nörgler. Wer am Wochenende lieber daheim bleibt, hat wahrscheinlich keine Freunde. Solche Vorurteile begegnen uns immer wieder. Und ich glaube ja mittlerweile, dass nur Leute, die die letzten zwanzig Jahre täglich drei Stunden lang meditiert haben, überhaupt keine Vorurteile haben und in der Lage sind, jedem Menschen offen und tolerant zu begegnen. Wir können uns davon alle nicht freisprechen. Einige Menschen übertreiben es leider ein bisschen. Es gibt Menschen, deren Intoleranz immer dann zum Vorschein kommt, wenn es um Merkmale geht, mit denen ein Mensch geboren wird.
Nur: Die Leute suchen sich ihren Hirnstoffwechsel, ihre Gene, ihre Nationalität, ihre Neigungen oder Talente nicht aus. Wenn jemand respektlos zu Ausländern, Homosexuellen, Frauen, Behinderten oder Menschen mit Depressionen ist, dann denke ich immer: Tolle Idee, warum nicht noch Linkshänder und Typ 1 Diabetiker mit auf diese fantastische Liste setzen?

Was fällt denn diesen ganzen Menschen auch ein, einfach so von der Norm abzuweichen?! Seid doch mal weniger schwarz, weniger schwul, weniger schwerbehindert!

Ich begreife das nicht. Warum kann man nicht einfach mal sagen „Ich habe Berührungsängste und die möchte ich abbauen.“? Ich zum Beispiel habe Berührungsängste. Ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch, ich bin mir meiner selbst oft nicht sicher. Ich habe Berührungsängste. Aber feige und ängstlich bin ich nicht, ich kann sie also jeden Tag aufs Neue abbauen. Warum ist die allererste Reaktion auf etwas, das an anderen irgendwie anders ist, so oft Ablehnung? Und könnten die Leute bitte mal aufhören so Sachen zu sagen wie „Er ist Türke, aber er ist trotzdem ein ganz lieber Mensch.“ Hört ihr euch eigentlich manchmal selber zu?

2) Manchmal ist dein Gehirn das dümmste Organ in deinem Körper.

Wenn Hirn und Herz noch im Wachstum sind, dann glaubt man nicht an das Märchen von Körper, Geist und Seele als sensible Einheit und dass sie gegenseitig aufeinander einwirken. Man kennt die Geschichten von all den Menschen, die ein Magengeschwür oder einen Bandscheibenvorfall oder Bluthochdruck haben, weil sie unglücklich sind und denkt: Was für ein Quatsch! Und: Wenn man merkt, dass man unglücklich wird, dann kann man doch etwas dagegen unternehmen!

Manchmal funktioniert das. Man merkt es, man hat schon gewisse Erfahrungen gemacht, man kann gegenlenken. Manchmal nicht. Zum Beispiel, wenn man sich noch nicht wirklich kennen gelernt hat. Wenn man zwar mehr oder weniger weiß, dass man unter gewissen Umständen ein bisschen stressanfälliger ist, es aber nicht wirklich einordnen kann. Was ich in diesem Jahr wirklich begriffen habe: Wenn dein dummes Hirn sich nicht darum kümmert, dann tut es der Rest deines Körpers. Plötzlich brennen deine Augen, deine Füße tragen dich nicht mehr, dein Arsch macht seinem Namen alle Ehre.

Du denkst: „Was hab ich denn, ich hab doch was!“ Alle paar Monate hast du wie aus heiterem Himmel Todesangst, das erste Mal vor fast genau vier Jahren, und solche Erfahrungen verbuchst du dann irgendwann unter „Vielen herzlichen Dank, sehr inspirierend.“ Meistens ist da aber nur so eine allgegenwärtige XXS-Erschöpfung. An die gewöhnst du dich dann schnell. Du liegst deshalb nicht vier Wochen im Bett. Du bist ja schließlich auch kein Hochleistungssportler, kein Top-Manager, keine berufstätige Mutter. Die haben Stress. Du? Du nicht. Sei dankbar, halt den Mund, werd endlich erwachsen, geh öfter an die frische Luft.

Ich habe bis vor ein paar Monaten überhaupt nicht begriffen, in wie vielen Variationen Stress eigentlich in unser Leben treten kann. Manchmal ist er positiv. Wenn du voll in einer Aufgabe aufgehen kannst zum Beispiel. Oft versteckt er sich und wird von Leuten nie beim Namen genannt. Selbstzensur ist Stress. Ständiger Lärm ist Stress. Gleichzeitig über- und unterfordert zu sein. „Das haben wir doch schon immer so gemacht.“ ist Stress, wenn man den Satz oft hört und dann jedes Mal denkt: Herzlichen Glückwunsch, wenn alle so denken würden, dann würden wir alle noch in einem Erdloch sitzen. Manchmal hat man den Mut zu sagen „Könnten wir darüber sprechen, es in Zukunft etwas anders zu machen?“ und wünscht sich vergeblich eine Gegenfrage, einen Kompromiss, irgendein Leuchtturmsignal gegen die Unsichtbarkeit.

Den schlimmsten Stress verursacht die Tatsache, dass so viele Leute das alles überhaupt nicht auf dem Schirm haben. Weil sie es nicht wissen. Weil sie sich einfach nicht vorstellen können, dass irgendwer in ihrer Nähe wegen ihren Selbstverständlichkeiten immer kleiner wird, immer mehr verschwindet und immer mehr Energie aufbringen muss, um halbwegs zu funktionieren. Und weil man kein Wort sagt, weil man den folgenden Punkt noch nicht begriffen hat.

3) Kochendes Wasser macht Kartoffeln weich und Eier hart

Ich bin nicht hochsensibel. Ich meine, vielleicht bin ich es, denn immerhin habe ich Antennen und friere schnell und kann gut zuhören und weine bei Filmen an Stellen, die definitiv nicht dafür vorgesehen sind. Aber ich mag dieses Wort nicht, denn es ist zu 90 % negativ besetzt. Ich will kein Häufchen Elend sein, keine Mimose, kein Sensibelchen. Auch wenn ich das manchmal bin, es wird mir aber nicht gerecht. Soviel Selbstbewusstsein muss sein.

Es gibt aber definitiv eine Kategorie, in der ich mich gut aufgehoben fühle und seitdem ich mich darüber informiert habe, kann ich mich besser verstehen. Ich bin introvertiert und deshalb ist in den letzten Jahren das mit mir passiert, worüber ich im 2. Punkt gesprochen habe. Ich bin introvertiert und ich kann acht Stunden lang in einer Arbeit aufgehen, wenn ich nicht ständig die Rollen wechseln muss oder permanent unterbrochen werde. Ich kann stundenlang zuhören, ich nehme Gefühle bei anderen wahr, ohne dass irgendjemand darüber spricht. Ich kann zwischen den Zeilen lesen, ich habe ein Auge für Zusammenhänge, aber darüber sprechen, vor Publikum, das kann ich nicht, da pisse ich mir in die Hose und das ist immer recht unangenehm. Wenn ich jemanden gut kenne oder das Gefühl habe, dass ich einigermaßen ich selbst bleiben darf, dann unterhalte ich mich gerne, dann bin ich beinahe sympathisch, beinahe unterhaltsam, beinahe jemand, den man nicht übersieht.

Ich bin introvertiert und das ist einerseits ziemlich enttäuschend, denn es gibt Situationen, da weiß ich genau, dass mich jetzt einige für einen wahnsinnig langweiligen Menschen halten. Weil ich in größeren Runden sehr oft den Mund halte. Nur so dasitze. Nicht euphorisch bin. Weil ich manchmal nicht besonders gut in Small Talk bin. Dafür kann man mich in einen Raum einsperren und es würde eine ganze Weile dauern, bis ich mich allein mit mir selbst langweilen würde.

Ich brauche nicht viel, um auf irgendeinen Gedanken zu kommen, genau genommen brauche ich dafür oft überhaupt gar keinen besonderen Impuls, ich bin mir selbst genug, und weil das Denken und das Reflektieren und das Fühlen mir nicht schwer fallen und mir auch nicht so eine Heidenangst einjagen, trage ich diese grundlegende kleine Erschöpfung mit mir herum.

Spätestens seit diesem Jahr weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin. Dass Introvertiertheit etwas vollkommen normales ist, so wie Extrovertiertheit etwas vollkommen normales ist. Beide haben nur völlig unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen und auch Ansprüche an einen perfekten Tag. Ein und dieselbe Ausgangssituation führt bei diesen zwei Persönlichkeiten zu verschiedenen Ergebnissen. Kochendes Wasser macht Kartoffeln weich und Eier hart. Die Leute haben leider immer noch ein Problem damit, weil ihnen die Unterschiede gar nicht bewusst sind. Und diese Gesellschaft funktioniert größtenteils nach unausgesprochenen Regeln, die für einen extrovertierten kein Problem darstellen, aber bei einem Introvertierten häufig Kopfschütteln auslösen.

Im nächsten Jahr möchte ich öfter mal etwas zu diesem Thema schreiben. Genau genommen glaube ich, dass dieser Unterschied zwischen extrovertierten und introvertierten Menschen sich wie ein roter Faden schon seit einer Weile durch meine Texte zieht. Ich konnte das bisher nur nicht klar benennen. Und vielleicht gibt es ja da draußen auch noch Menschen, die wie ich denken, dass der Gegensatz zwischen introvertierten und extrovertierten weitaus schwerer wiegt als der Unterschied zwischen Frauen und Männern. Ich lasse mich aber gern vom Gegenteil überzeugen. Und wo wir gerade bei den Frauen sind:

4) Es gibt auf dieser Welt einige großartige Menschen. Viele von ihnen sind Frauen.

Zwischen Frauen im Allgemeinen und mir im Speziellen war immer eine unsichtbare Mauer. Während viele von ihnen keine Mühe haben einander kennen zu lernen, dieselben Interessen zu haben und dann irgendwann im unkomplizierten Partnerlook und einem inoffiziellen Regelkatalog im Kopf putzmunter durch die Gegend zu marschieren, habe ich mir das ganze Theater immer mit hängenden Schultern und tiefen Falten auf der Stirn von außen angeschaut und mich unbehaglich und sonderbar gefühlt. Und recht schnell kam ich dann zu dem ganz eindeutigen Ergebnis, dass offenbar 90 % der Frauen auf dieser Welt total anders ticken als ich und wir abgesehen von ein paar Brüsten nicht viele kleinste gemeinsame Nenner haben.

Bis vor ein paar Jahren war die Mehrheit der Leute, mit denen ich mich gut über den Sinn und Unsinn dieser Welt unterhalten konnte, eher männlich. Und ich dachte, das muss wohl so sein, und fühlte mich mit diesem unbefriedigenden Gedanken immer ein bisschen einsam. Und immer, wenn irgendwo ein Mann darüber jammerte, dass die Frauen es mit ihrer Emanzipation und ihrem ganzen Genderscheiß so langsam übertreiben, dann wurde ich natürlich ein bisschen wütend, dachte aber auch an all die Frauen, zu denen ich keinen Zugang hatte, weil sich ihr ganzes Leben offenbar nur darum dreht, möglichst nahtlos den Übergang zu schaffen von „Unsere kleine Farm“ hin zu „Die Frauen von Stepford“.

Während ich immer noch versuche, herauszufinden, ob meine Einschätzung nicht viel eher eine total ignorante dorftrottelige Fehleinschätzung ist, habe ich vor allem in diesem Jahr feststellen dürfen, dass es an jeder Ecke spannende Frauen gibt. Mit denen man reden kann, ohne sich verstellen zu müssen. Und dass man sich selbst bei denen nicht zwangsläufig verstellen muss, die vielleicht im allerersten Moment so sympathisch wirken wie jemand, dem man nach einem Schiffsunglück mit nur zwei Überlebenden auf der einsamen Insel möglichst aus dem Weg gehen möchte. Ich trainiere das noch. Ich muss das trainieren. Man verpasst zu viel, wenn man da nicht aufpasst. Man gewinnt auch viel, wenn man schon als verschrobener alter Kautz zur Welt kommt, aber man verpasst eben auch viel. Zum Glück gibt es Leute, die das akzeptieren. Kreative, humorvolle, kluge, verständnisvolle, herzliche Menschen. Viele von ihnen sind weiblich. Danke dafür, ehrlich.

5) Schreiben ist 1% Magie und 99% Handwerk.

Ich habe mir Anfang 2015 ein Buch gekauft über gutes Schreiben und die dafür nötigen Werkzeuge. Eigentlich war ich nur neugierig darauf zu erfahren, ob es tatsächlich bestimmte Werkzeuge gibt, die einen Text auf Anhieb besser machen können. Es hat mir dann irgendwie die Augen geöffnet. Ich habe es bisher dreimal gelesen, wie einen Krimi, das kann sich wahrscheinlich kaum ein Mensch vorstellen.

Für mich hat das Aneinanderreihen von Worten auch nach dem Lesen dieses Buches immer noch viel mit Magie zu tun. Ich bin fest davon überzeugt, dass es (abgesehen von den ganz nahe liegenden Dingen) nichts gibt, was einen Menschen glücklicher machen kann. Tänzer und Bildhauer können mir jetzt gerne widersprechen. Das Schreiben liegt mir so sehr am Herzen, dass ich innerlich fuchsteufelswild werde, wenn irgendein Schweinehund es wagt, diese Leidenschaft in irgendeiner Art und Weise ins Lächerliche zu ziehen.

Das Buch hat mir allerdings gezeigt: Auch wenn es sich nicht so anfühlt, ganz nüchtern betrachtet ist Schreiben ein Handwerk. Eines mit klaren Regeln. Von denen man natürlich nicht alle, aber wenigstens ein paar anwenden sollte, um einen guten Text zu schreiben. Es hat mir auch meinen eigenen Stil bewusst gemacht, ich habe erkannt, was ich unbewusst seit Jahren richtig mache und was ich in Zukunft besser machen könnte. Das hat mich glücklich gemacht, ganz ehrlich. Es hat die Angelegenheit für mich greifbarer gemacht. Es hat mir gezeigt, dass der Prozess des Schreibens schon lange vorher beginnt, mit einer Notiz, mit einem flüchtigen Gedanken, mit einer Idee, die man in der Eile vielleicht wieder vergisst und nach ein paar Tagen irgendwo zwischen zwei Treppenstufen wiederfindet. Es hat mir die Angst genommen, vielleicht auch ein bisschen die Ehrfurcht. Und ich fühle mich seitdem weniger stümperhaft, wenn ich drei Sätze hintereinander mit dem Wort „Und“ beginne.

 

Nur glückliche Orangen in der Saftpresse

Wir sterben hier, ganz langsam, und wir fahren in die nächst größere Stadt in irgendein Scheiß Einkaufszentrum und haken Länder ab auf unserer To-Do-Liste und wir fiebern Dingen entgegen, die man halt mal gemacht haben muss, laut Volksmund, obwohl der viel Blödsinn erzählt und sabbert und riecht und spuckt wie ein Lama und in den Zoo können wir auch mal wieder gehen, das ist so schön, da vergisst man, dass wir hier alle ganz langsam jeden Tag ein bisschen sterben. Da können wir uns kleine Äffchen anschauen und bengalische Tiger, die uns nicht fressen können, weil da ja ein hoher Zaun ist.

Wir sterben, wir geben jeden Tag etwas von uns ab, aber man hört und sieht es nicht, es ist nicht wie bei dem Lumpensammler, den hört man ja, wenn er kommt, wie auch immer, wir haben hier in unserer Straße ganz andere Probleme, ganz konkrete Probleme. Der Handyvertrag läuft aus, welches neue Teil hol ich mir? Passen die Kissen zu den Gardinen? Und ist bei den 300 neuen Arrivals meines Lieblings-Online-Shops vielleicht was Passendes für mich dabei?

Und wie mach ich möglichst vielen Leuten unmissverständlich klar, dass ich ein Gewinner bin, ein Macher, der Kompromisse nicht nötig hat, und dass mit mir nicht gut Kirschen essen ist. Und Äpfel und Birnen und Weintrauben auch nicht – der ganze Scheiß Obstsalat.

Wir sterben hier, nicht erst seit gestern, das geht schon länger so, aber unsere Zeit ist doch kostbar, vergeuden wir sie nicht durch Grübeleien oder Fragen. Lasst uns lieber die falschen Schlüsse ziehen. Man kann sich ja nicht um alles kümmern und einer alleine sowieso nicht und jeder will am Ende sowieso nur an dein Geld, da fängt die Freundschaft an, da hört sie auch wieder auf, also machst du es vorsorglich zu deinem Thema, deinem Bezugsrahmen, deiner Versicherung, deiner Selbstsicherheit, die du am Bankautomaten abheben kannst.

Und natürlich könnte man sich mal fragen „Warum wurde ich überhaupt auf die Welt geworfen, was mach ich hier, was soll das?“, vielleicht könnte man den Menschen wirklich mal in den Mittelpunkt stellen, nicht immer nur irgendwelche Dinge, aber das sind Fragen, die nur ablenken, nicht wahr? Man ist doch pragmatisch, man packt an, man ist ein anständiger Mensch, wann will wirklich für alle immer nur das Beste, hat aber leider keine Zeit, sich mal zu fragen, ob irgendeine Ameise da draußen „das Beste“ vielleicht ganz anders definiert. Sollen doch die anderen drüber nachdenken. Die Sonderbaren. Die Insichgekehrten. Die Träumer. Die stillen und tiefen und undurchsichtigen Gewässer. Die machen das doch gerne und ausgiebig.

Wir sterben hier ganz langsam, aber es betrifft natürlich erstmal nur die anderen, wir atmen auf, wir bestellen noch eine Runde für alle, wir haben noch Zeit, ganz bestimmt, ganz bestimmt, uns geht das jetzt erstmal nichts an. Lasst uns die letzten fünf Minuten vor Mitternacht nutzen, um uns in einen schönen warmen Kaschmirmantel des Schweigens zu hüllen und mit vollen Bäuchen und leeren Köpfen die immer dünner werdende Luft zu genießen.

Aufräumen

Das Glück liegt in den kleinen Dingen. In der Tasse Tee und dem guten Buch am Abend. Im ersten Schnee und selbst gebackenen Plätzchen. Sonntags ohne Wecker um 7 Uhr morgens hellwach sein. Einer frisch geputzten Wohnung. In Burritos. In Feierabendbier. In überlebensfähigen Grünpflanzen.

Es steht in jeder Frauenzeitschrift. Hinter den „Bauch weg in drei Wochen“- und den „Ist mit Ihrer Schilddrüse noch alles in Ordnung?“-Artikeln. Brigitte, Monika, Ursel und wie sie alle heißen. Steht da wirklich überall, wird aber manchmal vergessen. Weil wir immer wieder die gleichen zwei Fehler machen. Wir vergleichen uns mit anderen. Und wir sammeln Dinge an, die uns nichts bedeuten und uns darüber hinaus auch noch ablenken von dem, was uns wirklich wichtig ist.

Wir sammeln, wir vergleichen, wir grübeln. Wir räumen nie auf.

Beides zu vermeiden ist schwer und wir leben in einer Welt, sind umgeben von Dingen, die unserer Sammelwut und unserer Neigung zu Vergleichen nicht entgegenwirkt. Jeden Tag werden wir viele Male auf die Lücken und Missstände unserer Biografie aufmerksam gemacht. Diese Bücher musst du unbedingt lesen, um deinen Horizont zu erweitern. Und jene Fähigkeiten entwickeln, um in den späten 20ern oder frühen 30ern einen Grundstein für finanzielle Unabhängigkeit zu legen. Und folgende Morgenroutinen können dir dabei helfen, glücklicher und erfolgreicher zu sein. Und das hier sind die Kleider, die deinem Figurtyp entsprechen. Diese drei Smoothies probierst du jetzt bitte in der nächsten Woche mal aus, danach wirst du dich besser fühlen. Und wenn du diese zehn simplen Ratschläge beherzigst, dann kannst du vielleicht in fünf Jahren ein bisschen sein wie ein Hybrid aus Oprah Winfrey und Chiara Feragni.

Wir sammeln Ratschläge und Tips und Listen und wir vergleichen uns mit anderen, wir sehnen uns nach diesem Postkarten-Leben, wir wären auch gerne schon übermorgen so eine entspannte, erfolgreiche Sabbatical-Persönlichkeit und es ist ja gar nichts falsch daran, sich weiterentwickeln zu wollen, ganz im Gegenteil, aber es muss zum eigenen Leben passen. Wenn du deine eigenen Stärken vernachlässigst, weil du ständig damit beschäftigt bist, dich und andere zu analysieren, von Schublade zu Schublade zu hetzen, immer wieder deinen eigenen Handlungsradius stöhnend und ächzend und nach Luft schnappend zu verlassen – dann passt da irgendwas nicht zusammen.

Ich rede nicht von der Komfortzone, die gefährlich werden kann, wenn wir es uns darin zu muckelig machen und am besten noch Bretter vor die Fenster nageln, damit wir bloß nicht rausgucken können. Jeder kennt diese Witzbolde, die glauben, dass sie nichts mehr dazu lernen müssen, weil sie nämlich letzte Woche ihren 47. Geburtstag gefeiert und doch vor dreißig Jahren so ein gutes Abitur gemacht haben. Ich rede davon, dass es sinnvoller ist, eigene Stärken weiterzuentwickeln, anstatt uns durch ständiges Sammeln und Vergleichen Tugende und Talente anzueignen, die gar nicht unserem Wesen entsprechen.

Wer zwischen Weihnachten und Neujahr ein paar Tage Zeit hat, der darf sich ruhig mal ganz konkrete Fragen stellen. Denn es geht ja nicht nur um das, was in unseren Köpfen ist, sondern auch um die Dinge und Menschen um uns herum.

Ich trenne mich von McDreamy und akzeptiere die Tatsache, dass ich kein Fan von Gemüsepasta bin.

Gibt es zum Beispiel Bücher in meinem Bücherregal, die da nur stehen, weil in irgendeinem Artikel auf medium mal stand, dass Warren Buffet oder irgendeine Puffbesitzergattin denken, dass man sie gelesen haben muss? Und kann ich diesen Schwachsinn nicht einfach verkaufen oder verschenken, weil ich nunmal leider nach 50 Seiten zu Tode gelangweilt war? Warum stehen oder liegen die da noch Monate rum, nehmen Platz weg, rauben mir immer wieder ein paar Sekunden, immer dann, wenn ich da stehen bleibe und denke „Warum ist denn dieses Zeug immer noch in meinem Besitz?“

Habe ich in den zwölf Kisten, die im Arbeitszimmer stehen, Dinge herumliegen, die nur Platz wegnehmen und mich bei jedem Drüberstolpern daran erinnern, dass ich mir vor vier Jahren in einem Anfall von Wissensdurst mal erfolglos solides Grundwissen über Aktienhandel und den Weltraum und die Illuminaten aneignen wollte?

Brauche ich den ganzen Krempel wirklich? Die „Erin Brokovich“-DVD.  Die „Greys Anatomy“-Staffeln. All die Körnerkissen. All die Turnschuhe. Und die 7 abonnierten Paleo-Blogs in meinem Feedreader. Und den Gemüsehobel, der mir für vier Minuten das Gefühl gab, der Endboss zu sein. Wegen all den gesunden Zucchini-Spaghetti, die ich an sehr vielen darauffolgenden Tagen und Wochen nicht liebevoll zubereitet habe. Und diese eine hässliche giftgrüne Blumenvase, die ich nur behalten habe, um irgendwen nicht zu verletzen, der vielleicht irgendwann mal schlechtgelaunt in unserer Wohnung stehen und den Raum danach abscannen könnte.

Und dann die Menschen. Was ist mit den Leuten, mit denen mich nur ein paar kleine gemeinsame Nenner verbinden? Nämlich, dass wir beide Sauerstoff mögen und beim Gehen immer einen Fuß vor den anderen setzen? Was ist mit den Leuten, deren Wertvorstellungen ständig mit meinen kollidieren? Die so Dinge sagen wie „Das haben wir doch schon immer so gemacht.“ Die mir regelmäßig gönnerhaft die Tür zu ihrer Welt aufhalten wollen, in der es Ankleidezimmer und hübsche Platzdäckchen gibt und in der Männer nach Geld und Durchsetzungsfähigkeit bewertet werden und Frauen danach, wieviel Enthusiasmus sie beim Putzen und Kochen ausstrahlen.

Das Leben ist keine Verkaufssendung.

Könnte ich nicht mal aufräumen und Platz schaffen, in mir drin und um mich herum? Brauche ich die ganzen Hinweise und Lebensratgeber, muss ich meine Ernährung an die Ernährung der Kinder von Gwyneth Paltrow anpassen? Brauche ich das, höre ich solchen Leuten zu, lasse ich mich beeinflussen? Oder erkenne ich irgendwann, wieviel Ballast ich mit mir herumtrage und dass es viel wichtiger ist, den erstmal aufzuweichen und abzukratzen, bevor ich meinem Kopf und meinem Alltag noch mehr Blödsinn zumute.

Das Leben ist kein Souvenirgeschäft mit unerschöpflichen Andenken an Fehlentscheidungen, Schnapsideen und Minderwertigkeitskomplexen. Und für die Bundesjugendspiele ist man ja irgendwann auch zu alt. Und zu erschöpft. Andere finden das toll, ich nicht. Mein Leben ist keine Verkaufssendung. Es geht um Lachtränen, um gutes Essen, um Wein, um frisch bezogene Betten und diesen einen Tag im Jahr, an dem man morgens aus dem Haus tritt und weiß, es wird Frühling. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht.

Das Abenteuerland ist tot, es lebe das Abenteuerland!

Das LaLeLu Abenteuerland in Korbach – ein Indoor-Park für Kinder – hat vor ein paar Wochen aus wirtschaftlichen Gründen seine Türen geschlossen. Bald sollen dort 400 Flüchtlinge untergebracht werden. Unter dem Facebook-Post der WLZ, die vor gut zwei Stunden darüber berichtete, sammeln sich bereits erste kritische Stimmen. Und die sorgen sich teilweise um die Zukunft der Kinder.

Weil: Wenn das Abenteuerland weg ist, dann kann man ja mit den Kindern bald gar nichts mehr machen, dann gibt es in Korbach ja bald überhaupt nichts mehr. Dann irren da auf den Straßen im Landkreis bald viele verlorene Seelen herum. Ich bin da natürlich der falsche Ansprechpartner, weil ich gar keine Kinder habe. Die Katze oder dass man selber manchmal noch eins ist zählt ja nicht.

Ich kann mich nur an meine eigene Kindheit erinnern. Die war bombastisch und kam weitestgehend ohne diesen ganzen Aktivitätsfirlefanz aus. Was vielleicht an der guten Erziehung und der Einstellung meiner Eltern lag. Klar waren wir mal im Fort Fun, sind auf dem Pfingstmarkt Karussel gefahren, waren im Schwimmbad oder im Tierpark. Aber das sind nicht die Dinge, an die ich mich erinnere.

Ich erinnere mich an die Sonntage, weil meine Schwester und ich jeden Sonntag zu meiner Mutter ins Bett krochen und uns eine halbe Stunde lang Witze erzählten. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater mit uns spazieren ging, uns Pfeifen schnitzte und uns etwas über den Wald erzählte. Ich erinnere mich daran, wie ich in seiner Werkstatt neben ihm stand und mich darüber freute, dass er mir ein Stück Holz und Schleifpapier gab. Ich erinnere mich an den herschaftlichen Westflügel meiner Wolldecken-Burg im Wohnzimmer und an die rote Kiste mit den ganzen Playmobil-Figuren, die immer noch auf dem Dachboden meiner Eltern steht.

Ich erinnere mich daran, wie wir Kinderserien nachgespielt haben. An die Scherbe in der Eder, in die ich mal reingetreten bin an dem Geburtstag meiner Schwester, an dem sie mich eigentlich nicht dabeihaben wollte, weil sie da schon einigermaßen groß war. An offene Knie erinnere ich mich und Rollschuhfahren in der Raiffeisenstraße und daran, dass wir mal die saublöde Idee hatten, direkt an der Hauptstraße Barbie zu spielen. Und wie wir unser Taschengeld aufbessern wollten, indem wir durchs Dorf zogen und Steine verkauften.

Ich weiß nicht genau, ob die Menschen auf der Welt schlimmer geworden sind und man deshalb all diese Sachen nicht mehr machen kann als Kind. Vielleicht waren unsere Eltern früher furchtloser, vielleicht hatten sie mehr Vertrauen in uns, weil sie mehr Vertrauen in die Welt hatten, die heute – mehr als zwanzig Jahre später – eine andere ist. Ich weiß auch, dass ich das alles überhaupt gar nicht bewerten kann. Ich habe nur gerade an meine eigene Kindheit gedacht. Ich war kurz ein bisschen dankbar dafür, dass ich im Jahr 2015 kein siebenjähriges Kind bin. Und hoffe, dass meine Generation viele tolle kleine Menschen in die Welt setzt, denen verdammt nochmal irgendjemand beibringt wie man Hüpfekästchen spielt und ein anständiges Stickeralbun anlegt. Ernsthaft… gibt es Stickeralben noch? Ich wünsche es mir gerade so sehr.

It´s not social media. It´s you!

Essena O´Neill wurde durch Instagram berühmt und hat jetzt genug vom dem Scheiß. Eine halbe Millionen Menschen verfolgten in den letzten Jahren das Leben der 19jährigen Australierin, das bisher zu einem großen Teil aus Selbstzweifeln, einem knurrendem Magen und einem ständigen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit bestand. Gesehen hat man davon nichts. Dafür gab es viel wehendes Haar, Sonnenuntergang-Momente, perfekte Kurven und ganz viel Unbeschwertheit.

Vor einigen Tagen kam Essena zu der Erkenntnis, dass Social Media nicht echt ist, sie löschte einen Großteil ihrer Fotos und machte deutlich, wie viel Inszenierung hinter jedem Bild steckt. Dass sie die Kleider machmal nur für das Foto getragen hat. Dass sie mit 16 Jahren versucht hat, möglichst sexy und erwachsen auszusehen. Dass es wenige Projekte gab, an denen sie wirklich Spaß hatte.

Der Instagram-Account wurde mittlerweile gelöscht. Auf ihrer neuen Seite letsbegamechangers.com schreibt sie:

I spent 12-16 wishing I could receive validation from numbers on a screen. I spent majority of my teen years being self absorbed, trying desperately to please others and feel ‚enough‘.  Spent 16-19 editing myself and life to be that beautiful, fitspo, positive, bright girl online. I didn’t talk about topics and interests of me, nor did I pursue my childhood talent for writing. I didn’t find happiness in social approval, constantly edited and shooting my life. So I decided to quit, left humours educational captions meant to raise awareness, now I want to start something important.

Während sich die eine Hälfte der Menschheit überhaupt nicht dafür interessiert, teilt sich die andere Hälfte auf in zwei Lager. Die einen tun so als hätte die geniale Erkenntnis „Social Media ist nicht die Realität“ den Friedensnobelpreis verdient. Und die andere Hälfte kritisiert, dass Essena O´Neill nun nicht mehr ihr seichtes Postkarten-Dasein vermarktet sondern die Abkehr davon, was möglicherweise genauso bescheuert ist.

Ich weiß noch nicht, ob ich das alles eher spannend oder eher dämlich finden soll. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch wieder angefangen zu bloggen. Um es herauszufinden. Vor zehn Jahren waren die Blogs, auf denen Menschen spannende Geschichten erzählt und ihre Gedankenwelt miteinander geteilt haben, noch in der Überzahl. Das sind heute zum Teil diejenigen, die Bücher oder Kolumnen schreiben, Unternehmen beraten, selber Agenturen gegründet haben oder anderen das Internet erklären.

Das ist der spannende Teil. Sogar den Teil mit den Lifestyle-Blogs finde ich spannend, die dann irgendwann später kamen. Wenn dahinter Menschen stehen, die Ecken und Kanten und auch einen gewissen Sinn für Humor haben, dann bin ich ein großer Fan von all dem. Ob die Leute davon leben können oder nicht. Dann ist auch jemand, der zwischendurch Bilder von sich in verschiedenen Outfits postet oder für das ein oder andere Produkt wirbt, für mich kein austauschbares Gesicht, sondern jemand, dessen Weg ich gern verfolge. Und so jemand darf sich dann von mir aus auch gerne Influencer nennen. Obwohl ich dieses Wort nicht mag. Es ist so dämlich, es verdient theoretisch einen eigenen Blogeintrag.

Hier kommen wir zu dem Teil, den ich nicht verstehe. Denn wer sagt, dass Social Media nichts mit der Realität zu tun hat, der macht es sich vielleicht zu einfach. Niemand hat euch dazu gezwungen, im Internet nur schöne, glänzende, oberflächliche Bruchstücke von euch zu präsentieren. Es gibt auch kein festgeschriebenes Gesetz, das besagt, dass man nur dann erfolgreich ist, wenn man wie ein frisch desinfiziertes dressiertes Äffchen auftritt.

Dass man uns eine Schablone überstülpen möchte, heißt nicht, dass wir die Schablone wortlos akzeptieren müssen. Wir können sie auch einfach kurz betrachten und dann in den Mülleimer befördern, weil es reine Energieverschwendung ist, da hinein zu passen. Wir können uns auch einfach mal darauf einigen, dass uns der Großteil von dem ganzen Mist überhaupt nichts bringt, der uns täglich unter die Nase gerieben wird.

Und dass es zwar einerseits spannend, aber andererseits auch unheimlich traurig ist, dass wir mittlerweile nicht mehr auf Werbepausen und Hochglanzmagazine und Seifenopern angewiesen sind, um uns ein bisschen minderwertig zu fühlen. Dank Instagram & Co. schafft das mittlerweile auch das Mädchen von Nebenan, wenn es mir weismachen will, dass ständiges Rumsitzen in Abflughallen, Sommerbräune im Winter und ein ganzer Schrank voller teurem Krempel zwangsläufig etwas mit Zufriedenheit und Erfolg zu tun haben.

Erfolg hat mit Authentizität zu tun. Ich habe zumindest noch nie ein Interview von einer sehr erfolgreichen, zufriedenen Person gelesen, die gesagt hat „Ich hab mich jahrelang verstellt. Das hat mir gut gefallen. Ich hab Einfluss und einen ganzen Pool voller Geld und ich kann das auch alles richtig gut genießen.“ Du kannst ja dein Bestes geben. Aber bitte so, dass daneben noch andere Dinge, vor allem Eigenschaften, Platz haben. Wenn du glaubst deinen ganzen Lifestyle im Netz an den Lifestyle anderer anpassen zu müssen, dann bist du nicht authentisch und der Erfolg fühlt sich wahrscheinlich auch nicht richtig an.

Für mich bedeutet Social Media, dass ich kreativ und neugierig sein kann. Ich kann Menschen kennen lernen in meinem eigenen Tempo. Ich kann der Welt da draußen zeigen, was für ein ängstlicher, wütender, verwirrter, nachdenklicher, tollpatschiger Mensch ich bin. Wenn du sagst, Social Media ist nicht die Realität, dann hast du im Moment vielleicht einfach nur große Angst du selbst zu sein.

Also: Trink Kakao statt Pumpkin Spice Latte, geh bei Takko einkaufen und gib zu, dass du „Two and a half men“ lustig findest. Von mir aus schreib ab sofort jeden Morgen auf twitter „Guten Morgen, Twittergemeinde!“ und benutz auf Instagram nur noch den Hefe-Filter. Wenn du cool bist, sei cool. Wenn du nicht so cool bist, ist auch nicht schlimm. Es weiß doch keiner so genau, was damit eigentlich gemeint ist.

Der Typ hier hat auf Facebook übrigens ganz gut zusammen gefasst, warum der Vorwurf „Social Media is a lie“ totaler Quatsch ist.

(Bild: pexels.com)

Findest du das mit den Flüchtlingen „immer noch gut“?

Man fragte mich vor ein paar Tagen, ob ich das mit den Flüchtlingen „immer noch gut“ finde. Wo ja jetzt die Begrüßungs-Euphorie ein bisschen nachgelassen hat und man merkt, dass es mit Applaus an Bahnhöfen und einer Wolldecke nicht getan ist. Die Frage war natürlich etwas ungeschickt formuliert. Ich kann sie ohne zu zögern mit einem klaren „Nein!“ beantworten.

Nein, das mit diesen Flüchtlingen finde ich nicht „gut“. Wenn es nach mir ginge, dann würde auf einen Schlag alles Dumme und Böse in dieser Welt aussterben, es gäbe keine Kriege mehr, alle hätten genug zu essen und die Rüstungsindustrie hätte auch keine Daseinsberechtigung mehr. Wenn es nach mir ginge, dann gäbe es die Bundeswehr nicht und das THW und auch keine Feuerwehr, weil es nie irgendwo brennen würde, es würden nirgendwo Flüsse über die Ufer treten, keiner würde einem anderen in den Bauch schießen oder sein Land verwüsten. Wir hätten keine Probleme mit dem Klima oder mit dem Kreislauf oder mit den lästigen Begleiterscheinungen des Krieges.

Jetzt ist das aber nunmal so, dass im Jahr 2015 auf dieser Erde nicht alles so besonders gut läuft. Menschen sterben. Menschen sind auf der Flucht. Menschen verlieren ihren Verstand. Die einen sind auf Wachstum fixiert. Die nächsten sind auf ihre eigene kleine Scheißwelt fixiert. Dann gibt es Leute, die sind darauf fixiert, dass das Boot auf dem sie sich gerade befinden, nicht im Ozean ersäuft. Es gibt Menschen, die wollen wortwörtlich ihren Arsch retten und es gibt Menschen, die wollen einfach nur im übertragenen Sinne ihren Arsch retten und viel zu viele sehen da keinen Zusammenhang.

Nein, das mit den Flüchtlingen finde ich nicht gut. Ich finde es, vereinfacht gesagt, nicht gut, dass die jetzt alle hier sind. Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften finde ich nicht gut. Lange Schlangen finde ich nicht gut. Dass die Behörden in Deutschland mit all dem völlig überfordert sind, dass niemand sie auf diesen Wahnsinn vorbereitet hat, finde ich nicht gut. Ich würde gerne einschlafen und wenn ich morgen früh aufwache, dann darf jeder wieder ohne Angst zurück in sein Land, durch die Straße gehen, in der er aufgewachsen ist, zurück zu Freunden und Familie und zurück in das Haus, in dem er wohnt und das noch da steht wo es all die Jahre gestanden hat.

Die Antwort auf die Frage „Findest du das mit den Flüchtlingen immer noch gut?“ kann nur zynisch sein. Ich kann sie nur mit einem Kopfschütteln beantworten, mit einem Schnaufen und mit einem Schniefen. Weil die Welt gerade ihr Gleichgewicht verliert und man kann ihr dabei zusehen wie sie stolpert und hinknallt, wie sie dann da auf dem Boden liegt, auf dem Rücken wie ein Käfer und ich wünsche mir, dass mal jemand kommt – auf der Straße oder an der Kühltheke im Rewe oder in der Eisdiele – und nicht fragt ob ich etwas „immer noch gut“ finde, sondern ob es Dinge gibt, die mich wütend machen.

So wütend, dass ich zum Beispiel meinen Blutdruck steigen höre, von immer niedrigen 100 zu 70 auf 140 zu 100, das ist erhöhter Blutdruck und ich spüre ihn, wie er hinter meinen Augen etwas lostritt, wie er von innen an meinen Schädel donnert und wenn ich es nicht aufschreiben könnte, dann weiß ich nicht wie lange ich das ertragen könnte, diesen Lärm in meinem Kopf, verursacht von Leuten, die in allem Unbekannten einen Störenfried sehen.

Es macht mich wütend, dass so viele Geschichten der letzten Wochen beginnen mit „Ich hab gehört, dass…“ Es macht mich wütend, dass Leute ihre Zeit lieber mit leblosen Geschwätz totschlagen, anstatt sich mal wenigstens eine halbe Stunde lang für das zu interessieren, was außerhalb ihrer Blase so passiert. Ich verstehe das nicht, dass man mit dem Finger auf andere Kulturen zeigt, dass man einfach alles Unbekannte in eine Schublade setzt und die Schublade dann zuschlägt und zuschließt und den Schlüssel achtlos irgendwo hinlegt, wo man ihn wahrscheinlich so leicht nicht wiederfindet, weil man keine Lust hat, sich näher damit zu befassen.

Es gibt Leute, die halten sich offenbar für die Krone der Schöpfung, für zivilisiert und anständig, während sie hier in Deutschland in ihren Häusern sitzen und so vor sich hindämmern in diesem wunderbaren Land, das berühmt ist für seine tollen Autos (ich lache) und den Fußball (ich weine vor lachen) und die Dichter und Denker (Ok, jetzt weine ich). Jede Gelegenheit, den eigenen Blickwinkel zu korrigieren, wird achtlos beiseite geschoben oder überhaupt nicht wahrgenommen und alles wird begründet mit Angst, Angst, Angst und Meins, Meins, Meins. Als wäre Deutschland eine Insel.

Vielleicht stellt und beantwortet ihr euch, in einer ruhigen Minute, mal ein paar Fragen. Wo kommt ihr her? Was ist eure Geschichte? Aus welchem Grund seid ihr hier? Schlagt ihr hier einfach nur Zeit tot? War´s das? Oder kommt da noch was?

Feldstudie: Flohmarkt

Gern würde ich das ganze Jahr über Urlaub in fernen Ländern machen. Um auf leisen Sohlen in Hinterhöfe vorzudringen, fremde Hygienevorschriften kennen zu lernen und mit Leib und Seele zu erfahren wie bei anderen Menschen so grundlegende Dinge wie Begrüßung, Entschuldigung, Faustkampf und Brettspiele ablaufen. Auf das Kofferpacken und die ständige Rumsitzerei in Flugzeugen, Taxis und Bussen kann ich natürlich verzichten. Aber dieser Kulturschock, der fehlt mir manchmal. So ein jährlicher Pauschalurlaub auf den Kanarischen Inseln ist da ja auch keine große Hilfe.

Einfach mal konfrontiert werden mit Leuten, die man noch nie im Leben gesehen hat. Nicht zu wissen: Sind die cool, sind es Arschgeigen, kommen wir miteinander klar? Das finde ich immer spannender, je älter ich werde, und weil ständiger Urlaub ja auch irgendwie teuer ist, habe ich seit einigen Jahren eine fantastische Alternative gefunden, die meine Sehnsucht ganz gut befriedigt: Ich besuche Flohmärkte.

Ich stehe freiwillig in aller Herrgottsfrühe auf, fahre nach Marburg, schleppe Kisten von A nach B und wundere mich dann unter Tränen, mit einem Notizbuch in der Hand, darüber, wofür Menschen Geld bezahlen. Das ist schmerzhaft (das frühe Aufstehen, die Schlepperei) und nicht immer rentabel (15 Euro Standgebühr für drei Meter + Spritgeld + Cappuccino und warmes Käse-Schinken-Fladenbrot vom Bäcker nebenan, weil man zu faul ist, sich ein Brot zu schmieren und eine Thermoskanne voller Kaffee mitzunehmen). Wenn man Pech hat, fährt man mit 20 Euro nach Hause. Wenn man Glück hat sind es trotzdem nicht viel mehr als 60 oder 70 Euro.

Aber das Geld ist auch nur ein schöner, unwichtiger Nebeneffekt. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man nach Hause kommt und da einfach weniger Krempel herumliegt. Der aufgeräumte, nach Farben sortierte, Kleiderschrank ist ein ebenso großes Plus, weil er nicht mehr all die nie getragenen Klamotten beherbergt, die man wunderbar… also irgendwann einmal…wer weiß das schon… bei einem Empfang… im Schloss Bellevue… oder zur Fasanenjagd … nach einer krassen Diät… zum Segeln… tragen könnte.

Berührungsängste abbauen? Geht auf dem Flohmarkt irgendwie ganz gut.

Es sind die Menschen. Diese verrückten, wunderbaren Menschen, denen man auf Flohmärkten begegnet. Knallharte Verhandlungspartner. Verirrte Menschenrechtler. Kauzige alte Herren, nicht weniger kauzige alte Damen. Wortkarge und schnatternde und großzügige und knauserige Menschen. Mit Hut. Ohne Hut. Ohne Hund. Mit Hund. Und mit Kind.

Flohmarkt-Menschen ticken irgendwie anders. Sie stehen nicht kurz vor der Obdachlosigkeit, sie brauchen einfach nur nicht so dringend den allerneuesten Scheiß. Sie haben ein Herz für Klimbim. Sie sind neugierig und haben keine Berührungsängste. Ich empfehle jedem Menschen, der ganz gemächlich Berührungsängste abbauen möchte, einen Besuch auf dem Flohmarkt.

Da ist die alte Oma, die dreimal am Stand vorbeischleicht. Zweimal kauft sie etwas, beim dritten Mal bleibt sie kopfschüttelnd stehen, als wäre sie zum allerersten Mal hier. Sie starrt für einen kleinen Moment die hässliche Porzellanente an, der wir dekorativ eine Sonnenbrille aufgesetzt haben. ”Enten mit Sonnenbrillen – was es nicht alle gibt!”, sagt sie ungläubig. Sie glaubt, dass das zusammen gehört, die hässliche Ente mit der hässlichen lilafarbenen Sonnenbrille.

PART_1442686861327Oder die Studentin, mit der man ins Gespräch kommt und ihr irgendwann die kleinen Lautsprecherboxen für umsonst mitgibt, weil sie so sympathisch ist. Überhaupt: Wie verrückt das ist, dass es manchmal einfacher ist, sich mit völlig Fremden zehn Minuten zu unterhalten als mit Bekannten, die man irgendwo zufällig in der Stadt trifft. Weil man unbefangen ist. Fremde Menschen gehen dir nicht aus dem Weg, wenn du Glück hast. Im Gegenteil. Die besten von ihnen kommen direkt auf dich zu. Fremde Menschen geben dir auf Flohmärkten die Möglichkeit, nach einem Wilhelm Busch Buch zu greifen, es aufzuschlagen und laut und mit klarer, ernster Stimme ein paar Verse daraus vorzulesen. Man muss dann keine Angst davor haben, nicht gemocht zu werden, weil es unmöglich ist, so einen Menschen in diesem Moment nicht zu mögen. Die Flohmarkt-Leute, die verstehen das irgendwie.

Irgendetwas über das Leben lernen. Kann man auf dem Flohmarkt auch sehr gut.

Und schon bevor man überhaupt alles ausgepackt hat, kommen ein paar russische Frauen herbei, es sind eigentlich immer dieselben, und sie fragen, ob man Silberschmuck verkauft. Die russischen Frauen sind harte Gegner, sie drücken einen im Preis, bis man kapituliert und so bescheuerte Sätze sagt wie „Naschön. Weil Sie es sind.“  Sie drücken einen noch mehr im Preis als die türkischen Frauen und sie lächeln und reden auch nicht so viel wie die türkischen Frauen. Ausländische Frauen handeln bis weit über die Grenzen der Höflichkeit hinaus, die man selber festlegt. Aber das Feilschen gehört dazu, man trifft sich dann meist in der Mitte. So sollte es immer sein.

Oder dieser ältere Mann mit den grauen, zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenen Haaren. Ein Mann mit einem unglaublich tollen Gesicht. Er ist mir schon häufiger aufgefallen. Vor drei Monaten steht er vor uns, entdeckt eine Jacke, nimmt sie vom Ständer und murmelt „Die könnte meiner Frau gefallen.“ Dann schaut er kurz auf, seine Frau ist nicht in der Nähe, und dann pfeift er nach ihr. Nicht auf die herkömmliche „Komm rüber, lass uns Fußball spielen!“-Art, sondern auf die „Ich habe zwanzig Jahre lang intensiv das Kommunikationsverhalten von Vögeln studiert.“-Art. Ein komplettes Pfeifkonzert. Nach einer Minute steht seine Frau lächelnd vor unserem Stand.

Und viele Kinder sind unterwegs. Familien mit Kind. Da ist dieser kleine blonde Junge – Kategorie Michel aus Lönneberga – der mit einem Plastiklaserschwert herumfuchtelt, das seine Mutter ihm vor zwei Minuten gekauft hat. Sie ermahnt ihn, vorsichtig zu sein, und hat noch eine Freundin mitgebracht, die gerade hinter ihrem eigenen Sohn herrennt. Er ist etwas schüchterner als sein Freund, hat knallrote Haare und hört auf den Namen Carlos. Ich finde das ziemlich wunderbar, diese ganze Situation und diesen kleine rothaarigen, blassen Wikinger, der auf den Namen Carlos hört.

”Sind das Lampen?” – ”Nein, das sind Lautsprecherboxen. Sie können sie aber selbstverständlich auch als Lampen verwenden. Sie geben dann nur kein Licht.”

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Schräg gegenüber steht ein alter Mann, Mitte Ende siebzig, der irgendwie einsam aussieht an seinem Stand. Sein Gesicht kann ich nicht richtig sehen. Aber sein Rücken, der macht irgendwie einen niedergeschlagenen Eindruck. Er verkauft Töpfe und Kindersachen und einen dunkelroten Kapuzenpulli, auf dem in grauer Schrift „Bad Nauheim“ steht. Ich weiß nicht genau, warum sein Anblick mich traurig macht. Manchmal sehe ich Menschen und habe sofort ihr ganzes schweres Gepäck in meinem Gehirn. Das halbe Leben. Der ganze Scheiß. Die Frau, die gestorben ist. Und die Kinder, die 600 Kilometer weit wegwohnen und einen großen Familienkalender, auf dem die Geburtstage stehen von den Enkelkindern, die so schnell groß werden.

Nach zwei oder drei Stunden dreht er sich während einer Unterhaltung kurz in unsere Richtung,  ich sehe ihn lächeln, seine Schultern richten sich auf und mein Kopf wird sofort ein paar Kilogramm leichter. Es ist gut, dass all diese Menschen sich, wenn der Flohmarkt vorbei ist, wieder unauffällig unter all die Leute mischen, die um benutzte Ware und vergilbte Bücher und scheinbar nutzlosen Klimbim einen großen Bogen machen.

Feldstudie: Tankstelle

In der US-Serie “How I met your mother” kommt Hauptfigur Ted Mosby in der 6. Staffel während einer Fahrt mit dem Bus zu folgender Erkenntnis: If you can´t spot the crazy person in the bus, it´s you. Aus diesem Grund mag ich Busfahren: Man erhält hier einen kurzen Einblick in das Leben sehr sonderbarer Menschen, während man sich verzweifelt wünscht, dass man selber nicht dazu zählt.

Busreisen sind ein bisschen wie eine sehr lange Fahrstuhlfahrt. Da sind ganz viele andere Menschen und man meidet Blickkontakt, blickt nur nach unten, sieht ein paar Bäuche und viele Schuhe und wenn man dann aus Versehen doch den Kopf hebt, dann hat man verloren. Oder gewonnen, je nachdem wie man es betrachtet.

Anfang des Jahres bin ich mit dem Fernbus von Kassel nach Leipzig gefahren. An einer Tankstelle zwischen Kassel und Halle legten wir die gesetzlich vorgeschriebene Lenkzeitpause ein. (Ganz nebenbei bemerkt: Vororte von Halle sind so trostlos, dass das nordhessische Bermudadreieck einem plötzlich wahnsinnig lebendig und aufregend erscheint.) Diese Lenkzeitpause gab mir die Gelegenheit, nicht nur eine köstliche Bockwurst mit Senf zu essen, sondern auch ein mitreisendes Pärchen etwas genauer zu begutachten.

Erschossen. Alle erschossen.

An ihn erinnere ich mich nicht mehr sonderlich gut, an sie allerdings schon. Mit der subtilen Geschmeidigkeit eines Räuber Hotzenplotz saß sie an einem Tisch, gönnte sich ebenfalls eine Wurst, dazu einen halben Liter Dosenbier, und blätterte in der Bild-Zeitung herum. Gelbe Haare, finsterer Blick, Beulen an den falschen Stellen.

Auf Seite 1 befanden sich Fotos von drei Attentätern. Ihr Zeigefinger ruhte auf dem Gesicht des ersten, ihre Augen überflogen kurz den Text. “Erschossen.”, murmelte sie, der Finger rückte weiter zum zweiten Attentäter. “Erschossen.” Dann zum dritten Foto. “Auch erschossen. Die Polizei hat die alle erschossen.”, sagte sie halblaut. Ihr stummer Gefährte antwortete mit einem unbeteiligten Nasengeräusch.

Ich dachte, jetzt führen die beiden vielleicht ein Gespräch über das Tagesgeschehen oder er fragt sie vielleicht mal wie die Bockwurst schmeckt, aber sie schwiegen sich dann nur noch gegenseitig an und das war dann auch irgendwie vollkommen in Ordnung. Schließlich schwiegen sich mein Komplize und ich ebenso an. Sich anschweigen kann schön sein. Und es ist auch angenehmer als Anschreien, vor allem für unbeteiligte Personen, die zwei Meter daneben stehen und sich für ihre Feldstudie in Ruhe Notizen machen wollen.

Was mir an dieser Person so gut gefiel? Dass nichts an ihr aus dem Rahmen fiel. Da passte einfach alles zusammen: Gesicht, Kleidung, Zeitung, Bockwurst, Bier. Ein stimmiges Konzept. Bodenständig, beinahe authentisch. Eine Frau wie ein kurzes befreiendes Rülpsen, ohne unangenehme Überraschungen. Ein Mensch, der nicht vorgab, jemand anderer zu sein. Sowas gibt es immer seltener heutzutage.

Bevor ich hinter sie treten und ihr mit den Worten “Ich finde Sie famos, Sie machen bei diesem ganzen Optimierungswahn nämlich nicht mit!” auf die Schulter klopfen konnte, war es leider Zeit weiterzufahren. Zwischen Halle und Leipzig wurde mir dann bewusst, dass wir beide vielleicht sogar eine Menge gemeinsam haben, die Bockwurst könnte ein erster Hinweis sein, und das beunruhigte mich so sehr, dass ich mich den Rest der Fahrt nicht mehr auf die Trostlosigkeit außerhalb des Busses konzentrieren konnte.

Und die Moral von allem? Die Moral lautet: Bleibt aufmerksam. Traut euch, den Blick zu heben. Und wenn ihr eine Busreise unternehmt, dann fahrt nicht nach Halle, sondern nach Möglichkeit an Halle vorbei.

 

 

Zögern

Die Pizza hatte wunderbar geschmeckt. Auf dem Heimweg hielten wir beim neu gestalteten Frankenberger Bahnhof an. Es war kurz nach neun, Züge oder Busse fuhren jetzt nicht mehr und deshalb war auch kaum ein Mensch da. Nur ein, zwei Taxis, die eine Handvoll Leute vom Frankenberger Nirgendwo in ein anderes Nirgendwo brachten. Wir drehten eine kleine Runde, standen neben einem in den Boden eingelassenen Trampolin, schauten auf die Gleise und in die andere Richtung, auf den Hang, den sie von dem Gestrüpp befreit hatten. Ein schöner, neu gestalteter Bahnhof. Etwas verlassen, aber schön.

Er kam etwas zögerlich auf uns zu, ein Rucksack über die Schultern geworfen, ungewöhnlich hübsch, ganz normal gekleidet, vielleicht achtzehn, neunzehn Jahre alt, oder Anfang zwanzig. Ich bin nicht gut darin, das Alter anderer Leute zu schätzen. Er fragte uns in englisch, ob er uns kurz stören darf, ob wir ihm vielleicht weiterhelfen könnten und hielt uns ein Ticket entgegen. Wir warfen einen Blick darauf. Er kam aus Gießen, sein nächster Halt sollte Korbach sein und von da aus wollte er nach Bad Arolsen. Weil in Frankenberg um diese Uhrzeit keine Züge mehr fahren, muss man ein AST-Taxi anrufen, eine halbe Stunde vor Ankunft. Dafür war es jetzt zu spät, trotzdem rief M. die Nummer der Zentrale an, die auf dem Ticket stand.

Im Niemandsland

Währenddessen erklärte ich dass er hier „in the middle of nowhere“ gelandet ist und dass es schwierig ist, um diese Uhrzeit noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bad Arolsen zu kommen. Er erzählte mir, dass er einen Freund in Gießen besucht hatte und ich überlegte fieberhaft, was wir tun können, wenn wir kein AST-Taxi mehr erreichen und er hier festsitzt bis morgen früh. Ich ging einige Optionen durch, mutige vermischten sich mit feigen Gedanken.

Er könnte mit zu uns nach Hause kommen. Er könnte in der Ratsschänke übernachten. Wir könnten die Polizei anrufen und die fragen, was wir tun könnten, es gibt ja Menschen, die rufen wegen jedem Scheiß die Polizei. Auf diesen Gedanken bin ich nicht besonders stolz, aber ich muss es trotzdem erwähnen, denn darum geht es ja. Dass man nicht aufhören soll, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit zu zeigen, auch wenn man sich anfangs immer wieder selber boykottieren wird aus Bequemlichkeit, aus Feigheit, aus tausend Gründen.

M. hatte am Telefon niemanden erreicht und auch einer der AST-Taxifahrer konnte uns nicht weiterhelfen. „Ich fahre in eine ganz andere Richtung, die anderen Taxis fahren auch nicht bis nach Korbach.“ „Können Sie die Zentrale anrufen? Auf dem Ticket steht, man soll ein Taxi bestellen, eine halbe Stunde vorher, aber das wusste er natürlich nicht. Können Sie nicht irgendjemanden erreichen?“ „Nein, das geht leider nicht. Das läuft alles über die Zentrale und da geht jetzt niemand mehr dran.“

M. und ich tauschten dann Blicke aus, das Taxi fuhr davon und während ich noch überlegte, wann wir wieder in Frankenberg sein würden, wenn wir ihn jetzt nach Bad Arolsen fahren, erklärte M. ihm schon, dass wir ihn hinbringen würden. (Wir sagen zwar immer, dass wir viel von dem anderen lernen können, aber ich glaube, ich lerne mehr von ihm als umgekehrt.)

Nice to meet you

Er schämte sich und er war dankbar, beides gleichzeitig. Ich frage ihn wie er heißt und wo er herkommt. Sein Name war Machmud und er kam aus Syrien. Dann folgte ein Satz, den ich nicht vergessen werde, aus vielerlei Gründen. „It´s hard here, in Germany.“ Und die ganze Fahrt über schämte ich mich für mein Zögern, ich schämte mich für die ganze Situation, ich schämte mich, dass ich während der Fahrt nur schwieg, neben M., der ebenfalls schwieg, der aber nicht so zögerlich und ängstlich war wie ich, glaube ich. Natürlich schämte ich mich auch für das löchrige Verkehrsnetz des Landkreises Waldeck-Frankenberg, das für Leute, die unsere Sprache nicht sprechen, eine große Herausforderung ist.

Um halb elf setzten wir ihn am Bahnhof in Arolsen ab. Wir hatten uns einmal verfahren, da hatte er leise gelacht und gemurmelt, dass er den Weg selber nicht so genau kennt. Er zog seinen Rucksack aus dem Kofferraum und gab uns beiden die Hand. „Nice to meet you.“ sagte er zum Abschied mit einem schüchternen, aber erleichterten Lächeln im Gesicht.

Ich hätte ihm gerne mehr Fragen gestellt. Wie geht es dir? Wie geht es dir hier in Deutschland? Geht es deiner Familie gut? Hast du Angst? Glaubst du, dass du die Angst irgendwann loswirst? Ich hätte ihm auch gerne zum Abschied mehr gesagt als „I wish you all the best!“ Dass ich ihm eine sichere Zukunft wünsche. Dass er hoffentlich ein Zuhause findet. Dass ich hoffe, dass er hier nicht allein ist.

Ich habe vor drei oder vier Monaten zwei Wäschekörbe voller Klamotten im Frankenberger Flüchtlingsheim vorbeigebracht. Die Kinder spielten Ball, eine Gruppe von drei Männern saß mit verschlossenen Minen auf Plastikstühlen draußen herum, ein anderer strahlte mich an und sagte Hallo. Ich kann mir auch mit viel Fantasie nicht vorstellen, welche Bedrohung von diesen Menschen ausgehen sollte. Letzte Woche habe ich etwas Geld überwiesen für die tolle Aktion Blogger für Flüchtlinge. Es war nicht viel und das ist auch vollkommen egal, denn der Punkt ist: Jeder von uns kann etwas tun. Und jeder von uns kann mehr tun als das, was er schon getan hat. Und jeder von uns hat diese zögerlichen Momente, die feigen Momente, die schwachen Momente. Das ist in Ordnung, denn es hindert uns – wenn wir ehrlich sind – nicht daran, trotzdem das Richtige zu tun.

Grenze im Kopf

Wenn ihr morgen vor die Tür geht und euch kommt eine ausländische Familie entgegen und ihr schenkt ihnen einfach mal ein aufmunterndes, warmes Lächeln, dann ist das schon eine ganze Menge. Es geht hier gar nicht um Geldspenden oder Sachspenden – behaltet euer Geld, behaltet eure Klamotten – und ich werde jetzt auch keinen Artikel verlinken, der euch mal erklärt, wie das sein kann, dass ein Syrer mit einem Smartphone am Ohr in einer Markenjeans an euch vorbeimarschiert. Ihr habt alle Internetzugang, ihr könnt hoffentlich alle lesen, und ich finde, ihr solltet euch nicht dümmer machen als ihr eigentlich seid. Es geht darum, dass diese Leute nicht eure Feinde sind. Die sind nicht in die Boote gestiegen und haben tausende Kilometer hinter sich gebracht, um euch etwas wegzunehmen. Und entweder glaubt man an Menschenrechte oder man glaubt nicht daran, ein klares Ja oder ein klares Nein, ein Vielleicht gibt es in diesem Fall nicht.

Ich finde es bemerkenswert wie einige von euch für ihre Familien kämpfen, wie sie für die Zukunft und Sicherheit ihrer Kinder sorgen, aber wie wenig Mitgefühl und Verstand sie zeigen, wenn es um Menschen geht, die alles verloren haben. Und ich bin es leid, dass Menschen wie ich als naive Gutmenschen dargestellt werden, obwohl nichts von dem, was wir tun und woran wir glauben etwas mit Naivität zu tun hat. Im Gegenteil. Es ist wahnsinnig naiv zu glauben, dass eine Gesellschaft, die so schnell an ihre eigenen Grenzen stößt, eine Zukunft hat.