Feldstudie: Flohmarkt

Gern würde ich das ganze Jahr über Urlaub in fernen Ländern machen. Um auf leisen Sohlen in Hinterhöfe vorzudringen, fremde Hygienevorschriften kennen zu lernen und mit Leib und Seele zu erfahren wie bei anderen Menschen so grundlegende Dinge wie Begrüßung, Entschuldigung, Faustkampf und Brettspiele ablaufen. Auf das Kofferpacken und die ständige Rumsitzerei in Flugzeugen, Taxis und Bussen kann ich natürlich verzichten. Aber dieser Kulturschock, der fehlt mir manchmal. So ein jährlicher Pauschalurlaub auf den Kanarischen Inseln ist da ja auch keine große Hilfe.

Einfach mal konfrontiert werden mit Leuten, die man noch nie im Leben gesehen hat. Nicht zu wissen: Sind die cool, sind es Arschgeigen, kommen wir miteinander klar? Das finde ich immer spannender, je älter ich werde, und weil ständiger Urlaub ja auch irgendwie teuer ist, habe ich seit einigen Jahren eine fantastische Alternative gefunden, die meine Sehnsucht ganz gut befriedigt: Ich besuche Flohmärkte.

Ich stehe freiwillig in aller Herrgottsfrühe auf, fahre nach Marburg, schleppe Kisten von A nach B und wundere mich dann unter Tränen, mit einem Notizbuch in der Hand, darüber, wofür Menschen Geld bezahlen. Das ist schmerzhaft (das frühe Aufstehen, die Schlepperei) und nicht immer rentabel (15 Euro Standgebühr für drei Meter + Spritgeld + Cappuccino und warmes Käse-Schinken-Fladenbrot vom Bäcker nebenan, weil man zu faul ist, sich ein Brot zu schmieren und eine Thermoskanne voller Kaffee mitzunehmen). Wenn man Pech hat, fährt man mit 20 Euro nach Hause. Wenn man Glück hat sind es trotzdem nicht viel mehr als 60 oder 70 Euro.

Aber das Geld ist auch nur ein schöner, unwichtiger Nebeneffekt. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man nach Hause kommt und da einfach weniger Krempel herumliegt. Der aufgeräumte, nach Farben sortierte, Kleiderschrank ist ein ebenso großes Plus, weil er nicht mehr all die nie getragenen Klamotten beherbergt, die man wunderbar… also irgendwann einmal…wer weiß das schon… bei einem Empfang… im Schloss Bellevue… oder zur Fasanenjagd … nach einer krassen Diät… zum Segeln… tragen könnte.

Berührungsängste abbauen? Geht auf dem Flohmarkt irgendwie ganz gut.

Es sind die Menschen. Diese verrückten, wunderbaren Menschen, denen man auf Flohmärkten begegnet. Knallharte Verhandlungspartner. Verirrte Menschenrechtler. Kauzige alte Herren, nicht weniger kauzige alte Damen. Wortkarge und schnatternde und großzügige und knauserige Menschen. Mit Hut. Ohne Hut. Ohne Hund. Mit Hund. Und mit Kind.

Flohmarkt-Menschen ticken irgendwie anders. Sie stehen nicht kurz vor der Obdachlosigkeit, sie brauchen einfach nur nicht so dringend den allerneuesten Scheiß. Sie haben ein Herz für Klimbim. Sie sind neugierig und haben keine Berührungsängste. Ich empfehle jedem Menschen, der ganz gemächlich Berührungsängste abbauen möchte, einen Besuch auf dem Flohmarkt.

Da ist die alte Oma, die dreimal am Stand vorbeischleicht. Zweimal kauft sie etwas, beim dritten Mal bleibt sie kopfschüttelnd stehen, als wäre sie zum allerersten Mal hier. Sie starrt für einen kleinen Moment die hässliche Porzellanente an, der wir dekorativ eine Sonnenbrille aufgesetzt haben. ”Enten mit Sonnenbrillen – was es nicht alle gibt!”, sagt sie ungläubig. Sie glaubt, dass das zusammen gehört, die hässliche Ente mit der hässlichen lilafarbenen Sonnenbrille.

PART_1442686861327Oder die Studentin, mit der man ins Gespräch kommt und ihr irgendwann die kleinen Lautsprecherboxen für umsonst mitgibt, weil sie so sympathisch ist. Überhaupt: Wie verrückt das ist, dass es manchmal einfacher ist, sich mit völlig Fremden zehn Minuten zu unterhalten als mit Bekannten, die man irgendwo zufällig in der Stadt trifft. Weil man unbefangen ist. Fremde Menschen gehen dir nicht aus dem Weg, wenn du Glück hast. Im Gegenteil. Die besten von ihnen kommen direkt auf dich zu. Fremde Menschen geben dir auf Flohmärkten die Möglichkeit, nach einem Wilhelm Busch Buch zu greifen, es aufzuschlagen und laut und mit klarer, ernster Stimme ein paar Verse daraus vorzulesen. Man muss dann keine Angst davor haben, nicht gemocht zu werden, weil es unmöglich ist, so einen Menschen in diesem Moment nicht zu mögen. Die Flohmarkt-Leute, die verstehen das irgendwie.

Irgendetwas über das Leben lernen. Kann man auf dem Flohmarkt auch sehr gut.

Und schon bevor man überhaupt alles ausgepackt hat, kommen ein paar russische Frauen herbei, es sind eigentlich immer dieselben, und sie fragen, ob man Silberschmuck verkauft. Die russischen Frauen sind harte Gegner, sie drücken einen im Preis, bis man kapituliert und so bescheuerte Sätze sagt wie „Naschön. Weil Sie es sind.“  Sie drücken einen noch mehr im Preis als die türkischen Frauen und sie lächeln und reden auch nicht so viel wie die türkischen Frauen. Ausländische Frauen handeln bis weit über die Grenzen der Höflichkeit hinaus, die man selber festlegt. Aber das Feilschen gehört dazu, man trifft sich dann meist in der Mitte. So sollte es immer sein.

Oder dieser ältere Mann mit den grauen, zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenen Haaren. Ein Mann mit einem unglaublich tollen Gesicht. Er ist mir schon häufiger aufgefallen. Vor drei Monaten steht er vor uns, entdeckt eine Jacke, nimmt sie vom Ständer und murmelt „Die könnte meiner Frau gefallen.“ Dann schaut er kurz auf, seine Frau ist nicht in der Nähe, und dann pfeift er nach ihr. Nicht auf die herkömmliche „Komm rüber, lass uns Fußball spielen!“-Art, sondern auf die „Ich habe zwanzig Jahre lang intensiv das Kommunikationsverhalten von Vögeln studiert.“-Art. Ein komplettes Pfeifkonzert. Nach einer Minute steht seine Frau lächelnd vor unserem Stand.

Und viele Kinder sind unterwegs. Familien mit Kind. Da ist dieser kleine blonde Junge – Kategorie Michel aus Lönneberga – der mit einem Plastiklaserschwert herumfuchtelt, das seine Mutter ihm vor zwei Minuten gekauft hat. Sie ermahnt ihn, vorsichtig zu sein, und hat noch eine Freundin mitgebracht, die gerade hinter ihrem eigenen Sohn herrennt. Er ist etwas schüchterner als sein Freund, hat knallrote Haare und hört auf den Namen Carlos. Ich finde das ziemlich wunderbar, diese ganze Situation und diesen kleine rothaarigen, blassen Wikinger, der auf den Namen Carlos hört.

”Sind das Lampen?” – ”Nein, das sind Lautsprecherboxen. Sie können sie aber selbstverständlich auch als Lampen verwenden. Sie geben dann nur kein Licht.”

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Schräg gegenüber steht ein alter Mann, Mitte Ende siebzig, der irgendwie einsam aussieht an seinem Stand. Sein Gesicht kann ich nicht richtig sehen. Aber sein Rücken, der macht irgendwie einen niedergeschlagenen Eindruck. Er verkauft Töpfe und Kindersachen und einen dunkelroten Kapuzenpulli, auf dem in grauer Schrift „Bad Nauheim“ steht. Ich weiß nicht genau, warum sein Anblick mich traurig macht. Manchmal sehe ich Menschen und habe sofort ihr ganzes schweres Gepäck in meinem Gehirn. Das halbe Leben. Der ganze Scheiß. Die Frau, die gestorben ist. Und die Kinder, die 600 Kilometer weit wegwohnen und einen großen Familienkalender, auf dem die Geburtstage stehen von den Enkelkindern, die so schnell groß werden.

Nach zwei oder drei Stunden dreht er sich während einer Unterhaltung kurz in unsere Richtung,  ich sehe ihn lächeln, seine Schultern richten sich auf und mein Kopf wird sofort ein paar Kilogramm leichter. Es ist gut, dass all diese Menschen sich, wenn der Flohmarkt vorbei ist, wieder unauffällig unter all die Leute mischen, die um benutzte Ware und vergilbte Bücher und scheinbar nutzlosen Klimbim einen großen Bogen machen.

Feldstudie: Tankstelle

In der US-Serie “How I met your mother” kommt Hauptfigur Ted Mosby in der 6. Staffel während einer Fahrt mit dem Bus zu folgender Erkenntnis: If you can´t spot the crazy person in the bus, it´s you. Aus diesem Grund mag ich Busfahren: Man erhält hier einen kurzen Einblick in das Leben sehr sonderbarer Menschen, während man sich verzweifelt wünscht, dass man selber nicht dazu zählt.

Busreisen sind ein bisschen wie eine sehr lange Fahrstuhlfahrt. Da sind ganz viele andere Menschen und man meidet Blickkontakt, blickt nur nach unten, sieht ein paar Bäuche und viele Schuhe und wenn man dann aus Versehen doch den Kopf hebt, dann hat man verloren. Oder gewonnen, je nachdem wie man es betrachtet.

Anfang des Jahres bin ich mit dem Fernbus von Kassel nach Leipzig gefahren. An einer Tankstelle zwischen Kassel und Halle legten wir die gesetzlich vorgeschriebene Lenkzeitpause ein. (Ganz nebenbei bemerkt: Vororte von Halle sind so trostlos, dass das nordhessische Bermudadreieck einem plötzlich wahnsinnig lebendig und aufregend erscheint.) Diese Lenkzeitpause gab mir die Gelegenheit, nicht nur eine köstliche Bockwurst mit Senf zu essen, sondern auch ein mitreisendes Pärchen etwas genauer zu begutachten.

Erschossen. Alle erschossen.

An ihn erinnere ich mich nicht mehr sonderlich gut, an sie allerdings schon. Mit der subtilen Geschmeidigkeit eines Räuber Hotzenplotz saß sie an einem Tisch, gönnte sich ebenfalls eine Wurst, dazu einen halben Liter Dosenbier, und blätterte in der Bild-Zeitung herum. Gelbe Haare, finsterer Blick, Beulen an den falschen Stellen.

Auf Seite 1 befanden sich Fotos von drei Attentätern. Ihr Zeigefinger ruhte auf dem Gesicht des ersten, ihre Augen überflogen kurz den Text. “Erschossen.”, murmelte sie, der Finger rückte weiter zum zweiten Attentäter. “Erschossen.” Dann zum dritten Foto. “Auch erschossen. Die Polizei hat die alle erschossen.”, sagte sie halblaut. Ihr stummer Gefährte antwortete mit einem unbeteiligten Nasengeräusch.

Ich dachte, jetzt führen die beiden vielleicht ein Gespräch über das Tagesgeschehen oder er fragt sie vielleicht mal wie die Bockwurst schmeckt, aber sie schwiegen sich dann nur noch gegenseitig an und das war dann auch irgendwie vollkommen in Ordnung. Schließlich schwiegen sich mein Komplize und ich ebenso an. Sich anschweigen kann schön sein. Und es ist auch angenehmer als Anschreien, vor allem für unbeteiligte Personen, die zwei Meter daneben stehen und sich für ihre Feldstudie in Ruhe Notizen machen wollen.

Was mir an dieser Person so gut gefiel? Dass nichts an ihr aus dem Rahmen fiel. Da passte einfach alles zusammen: Gesicht, Kleidung, Zeitung, Bockwurst, Bier. Ein stimmiges Konzept. Bodenständig, beinahe authentisch. Eine Frau wie ein kurzes befreiendes Rülpsen, ohne unangenehme Überraschungen. Ein Mensch, der nicht vorgab, jemand anderer zu sein. Sowas gibt es immer seltener heutzutage.

Bevor ich hinter sie treten und ihr mit den Worten “Ich finde Sie famos, Sie machen bei diesem ganzen Optimierungswahn nämlich nicht mit!” auf die Schulter klopfen konnte, war es leider Zeit weiterzufahren. Zwischen Halle und Leipzig wurde mir dann bewusst, dass wir beide vielleicht sogar eine Menge gemeinsam haben, die Bockwurst könnte ein erster Hinweis sein, und das beunruhigte mich so sehr, dass ich mich den Rest der Fahrt nicht mehr auf die Trostlosigkeit außerhalb des Busses konzentrieren konnte.

Und die Moral von allem? Die Moral lautet: Bleibt aufmerksam. Traut euch, den Blick zu heben. Und wenn ihr eine Busreise unternehmt, dann fahrt nicht nach Halle, sondern nach Möglichkeit an Halle vorbei.

 

 

Zögern

Die Pizza hatte wunderbar geschmeckt. Auf dem Heimweg hielten wir beim neu gestalteten Frankenberger Bahnhof an. Es war kurz nach neun, Züge oder Busse fuhren jetzt nicht mehr und deshalb war auch kaum ein Mensch da. Nur ein, zwei Taxis, die eine Handvoll Leute vom Frankenberger Nirgendwo in ein anderes Nirgendwo brachten. Wir drehten eine kleine Runde, standen neben einem in den Boden eingelassenen Trampolin, schauten auf die Gleise und in die andere Richtung, auf den Hang, den sie von dem Gestrüpp befreit hatten. Ein schöner, neu gestalteter Bahnhof. Etwas verlassen, aber schön.

Er kam etwas zögerlich auf uns zu, ein Rucksack über die Schultern geworfen, ungewöhnlich hübsch, ganz normal gekleidet, vielleicht achtzehn, neunzehn Jahre alt, oder Anfang zwanzig. Ich bin nicht gut darin, das Alter anderer Leute zu schätzen. Er fragte uns in englisch, ob er uns kurz stören darf, ob wir ihm vielleicht weiterhelfen könnten und hielt uns ein Ticket entgegen. Wir warfen einen Blick darauf. Er kam aus Gießen, sein nächster Halt sollte Korbach sein und von da aus wollte er nach Bad Arolsen. Weil in Frankenberg um diese Uhrzeit keine Züge mehr fahren, muss man ein AST-Taxi anrufen, eine halbe Stunde vor Ankunft. Dafür war es jetzt zu spät, trotzdem rief M. die Nummer der Zentrale an, die auf dem Ticket stand.

Im Niemandsland

Währenddessen erklärte ich dass er hier „in the middle of nowhere“ gelandet ist und dass es schwierig ist, um diese Uhrzeit noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bad Arolsen zu kommen. Er erzählte mir, dass er einen Freund in Gießen besucht hatte und ich überlegte fieberhaft, was wir tun können, wenn wir kein AST-Taxi mehr erreichen und er hier festsitzt bis morgen früh. Ich ging einige Optionen durch, mutige vermischten sich mit feigen Gedanken.

Er könnte mit zu uns nach Hause kommen. Er könnte in der Ratsschänke übernachten. Wir könnten die Polizei anrufen und die fragen, was wir tun könnten, es gibt ja Menschen, die rufen wegen jedem Scheiß die Polizei. Auf diesen Gedanken bin ich nicht besonders stolz, aber ich muss es trotzdem erwähnen, denn darum geht es ja. Dass man nicht aufhören soll, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit zu zeigen, auch wenn man sich anfangs immer wieder selber boykottieren wird aus Bequemlichkeit, aus Feigheit, aus tausend Gründen.

M. hatte am Telefon niemanden erreicht und auch einer der AST-Taxifahrer konnte uns nicht weiterhelfen. „Ich fahre in eine ganz andere Richtung, die anderen Taxis fahren auch nicht bis nach Korbach.“ „Können Sie die Zentrale anrufen? Auf dem Ticket steht, man soll ein Taxi bestellen, eine halbe Stunde vorher, aber das wusste er natürlich nicht. Können Sie nicht irgendjemanden erreichen?“ „Nein, das geht leider nicht. Das läuft alles über die Zentrale und da geht jetzt niemand mehr dran.“

M. und ich tauschten dann Blicke aus, das Taxi fuhr davon und während ich noch überlegte, wann wir wieder in Frankenberg sein würden, wenn wir ihn jetzt nach Bad Arolsen fahren, erklärte M. ihm schon, dass wir ihn hinbringen würden. (Wir sagen zwar immer, dass wir viel von dem anderen lernen können, aber ich glaube, ich lerne mehr von ihm als umgekehrt.)

Nice to meet you

Er schämte sich und er war dankbar, beides gleichzeitig. Ich frage ihn wie er heißt und wo er herkommt. Sein Name war Machmud und er kam aus Syrien. Dann folgte ein Satz, den ich nicht vergessen werde, aus vielerlei Gründen. „It´s hard here, in Germany.“ Und die ganze Fahrt über schämte ich mich für mein Zögern, ich schämte mich für die ganze Situation, ich schämte mich, dass ich während der Fahrt nur schwieg, neben M., der ebenfalls schwieg, der aber nicht so zögerlich und ängstlich war wie ich, glaube ich. Natürlich schämte ich mich auch für das löchrige Verkehrsnetz des Landkreises Waldeck-Frankenberg, das für Leute, die unsere Sprache nicht sprechen, eine große Herausforderung ist.

Um halb elf setzten wir ihn am Bahnhof in Arolsen ab. Wir hatten uns einmal verfahren, da hatte er leise gelacht und gemurmelt, dass er den Weg selber nicht so genau kennt. Er zog seinen Rucksack aus dem Kofferraum und gab uns beiden die Hand. „Nice to meet you.“ sagte er zum Abschied mit einem schüchternen, aber erleichterten Lächeln im Gesicht.

Ich hätte ihm gerne mehr Fragen gestellt. Wie geht es dir? Wie geht es dir hier in Deutschland? Geht es deiner Familie gut? Hast du Angst? Glaubst du, dass du die Angst irgendwann loswirst? Ich hätte ihm auch gerne zum Abschied mehr gesagt als „I wish you all the best!“ Dass ich ihm eine sichere Zukunft wünsche. Dass er hoffentlich ein Zuhause findet. Dass ich hoffe, dass er hier nicht allein ist.

Ich habe vor drei oder vier Monaten zwei Wäschekörbe voller Klamotten im Frankenberger Flüchtlingsheim vorbeigebracht. Die Kinder spielten Ball, eine Gruppe von drei Männern saß mit verschlossenen Minen auf Plastikstühlen draußen herum, ein anderer strahlte mich an und sagte Hallo. Ich kann mir auch mit viel Fantasie nicht vorstellen, welche Bedrohung von diesen Menschen ausgehen sollte. Letzte Woche habe ich etwas Geld überwiesen für die tolle Aktion Blogger für Flüchtlinge. Es war nicht viel und das ist auch vollkommen egal, denn der Punkt ist: Jeder von uns kann etwas tun. Und jeder von uns kann mehr tun als das, was er schon getan hat. Und jeder von uns hat diese zögerlichen Momente, die feigen Momente, die schwachen Momente. Das ist in Ordnung, denn es hindert uns – wenn wir ehrlich sind – nicht daran, trotzdem das Richtige zu tun.

Grenze im Kopf

Wenn ihr morgen vor die Tür geht und euch kommt eine ausländische Familie entgegen und ihr schenkt ihnen einfach mal ein aufmunterndes, warmes Lächeln, dann ist das schon eine ganze Menge. Es geht hier gar nicht um Geldspenden oder Sachspenden – behaltet euer Geld, behaltet eure Klamotten – und ich werde jetzt auch keinen Artikel verlinken, der euch mal erklärt, wie das sein kann, dass ein Syrer mit einem Smartphone am Ohr in einer Markenjeans an euch vorbeimarschiert. Ihr habt alle Internetzugang, ihr könnt hoffentlich alle lesen, und ich finde, ihr solltet euch nicht dümmer machen als ihr eigentlich seid. Es geht darum, dass diese Leute nicht eure Feinde sind. Die sind nicht in die Boote gestiegen und haben tausende Kilometer hinter sich gebracht, um euch etwas wegzunehmen. Und entweder glaubt man an Menschenrechte oder man glaubt nicht daran, ein klares Ja oder ein klares Nein, ein Vielleicht gibt es in diesem Fall nicht.

Ich finde es bemerkenswert wie einige von euch für ihre Familien kämpfen, wie sie für die Zukunft und Sicherheit ihrer Kinder sorgen, aber wie wenig Mitgefühl und Verstand sie zeigen, wenn es um Menschen geht, die alles verloren haben. Und ich bin es leid, dass Menschen wie ich als naive Gutmenschen dargestellt werden, obwohl nichts von dem, was wir tun und woran wir glauben etwas mit Naivität zu tun hat. Im Gegenteil. Es ist wahnsinnig naiv zu glauben, dass eine Gesellschaft, die so schnell an ihre eigenen Grenzen stößt, eine Zukunft hat.

Und was machst du so am Wochenende?

Ich gehörte schon früh zu einer kuriosen Sorte Mensch. Schon mit … ich weiß nicht genau… dreiundzwanzig … war mir klar, dass es keine Tragödie ist, einige Partys auch einfach mal ausfallen zu lassen. Normalerweise ist das ein Alter in dem man glaubt, das Leben ist vorbei, wenn man einfach mit einer Flasche Wein daheim bleibt, während  andere Leute 7 Stunden lang auf ihren Wodka-Apfelsaft, eine freie Toilette oder „dieses eine gute Lied“ warten.

Doch nicht jeder besitzt diese innere Ruhe. Nicht jeder schwappt an einem Freitagabend über vor Glück bei dem Gedanken, in den nächsten 48 Stunden einer ziemlich überschaubaren Anzahl von Menschen zu begegnen und einfach mal „gar nichts“ zu erleben. Man könnte ja – während man noch einen Abendspaziergang macht, eine Ouvertüre komponiert oder Rick und Daryl beim Zombietöten zuguckt – etwas Wesentliches verpassen. Man könnte sogar, wenn man das drei Samstage hintereinander so macht, als Ausgestoßene enden.

Spaß haben – eine Frage der Definition

Diese Angst vor der totalen sozialen Isolation treibt dann die Leute hier in meinem Umkreis regelmäßig auf irgendwelche Veranstaltungen. Jetzt versteht mich bitte nicht falsch. Menschen sind ja nicht verkehrt und ich mag kaltes Bier und Musik und es wichtig, dass hier im Niemandsland zwischen Kassel und Marburg überhaupt mal etwas passiert.

Meine Definition von Spaß haben schließt nur einfach vieles nicht ein, was für andere so selbstverständlich ist. Sich anschreien zum Beispiel. Ich bin schon ohne Hintergrundgeräusche manchmal nicht besonders gut im Small Talk – Rihanna und Calvin Harris machen das Ganze bestimmt nicht leichter. Oder stundenlanges Stehen, obwohl man niedrigen Blutdruck hat. Oder die Gesichtszüge kontrollieren, damit man nicht ständig gefragt wird, ob man schlechte Laune hat.

Ich habe mich irgendwann mal todesmutig in der einzigen Discothek, die es hier in Frankenberg noch gibt, auf die Treppenstufe unweit der Tanzfläche gesetzt. Ich dachte, wenn ich zum Tanzen nicht besoffen genug bin, dann kann ich mich ja wenigstens daneben setzen, ich bin ja niemandem im Weg, ich trinke nur friedlich mein Bier und unterhalte mich ein bisschen mit anderen, die auch nicht besoffen genug sind. Nach fünf Minuten kam ein 2 Meter breiter, 2 Meter 20 hoher Knastbruder zu uns mit der Aufforderung, sofort aufzustehen.  Wir dürfen hier nicht sitzen, sagte er. Na klar, dachte ich. Und stand auf und blieb auch nicht mehr allzu lang.

Homer Simpson und die Glücksbärchis

Ursprünglich war so ein Club ja mal ein Ort, an dem der Mensch – müde von den Pflichten, die ihm werktags so das Leben zur Hölle machten – sich ein bisschen entspannen konnte. Sich den Frust von der Seele tanzen, neue Menschen kennen lernen oder mit alten Menschen ein bisschen Zeit verbringen, trinken, lachen, fröhlich sein.

Mittlerweile glaube ich: Die Leute fühlen sich persönlich beleidigt, wenn ihre Mitmenschen nicht genauso quitschvergnügt und trinkfreudig sind wie sie. Ständig muss man sich dafür entschuldigen, dass man kein Glücksbärchi ist, sondern in solchen Situationen eher Homer Simpson.

Wenn man sich setzen will, muss man direkt wieder aufstehen. Wenn man dann aufgestanden ist, schleppt man sich von A nach B und dann nach C, weil man ja überall mal geguckt haben muss. Und wenn man dann mal ein bisschen verschnaufen kann, sieht man manchmal – zwischen all den tanzenden, sich küssenden, lachenden, taumelnden, dreiviertelbetrunkenen Partyknallermenschen – hier und da Personen stehen, die einen ebenso erbärmlichen Eindruck machen. Einige halten sich den Bauch, oder die Hände vor´s Gesicht oder ihre Freundin im Arm. Manchmal schafft man es, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, und sich dann ein bisschen menschlich zu fühlen. Eine Gemeinschaft voller überforderter Menschen, die jetzt alle irgendwie lieber ganz woanders wären.

Kneipen > Clubs

Ich bin ein Kneipenmensch. Nicht die mit dem dunklem Parkett aus Wenge-Holz, sondern die anderen. Wo es nachts um zwei noch ganz bodenständige Snacks gibt, Frikadellenbrötchen zum Beispiel. Ich mag es, mit acht Mann an einem Tisch zu sitzen und mir Lachtränen aus den Augenwinkeln zu wischen. Ich sitze gerne. Ich stehe ungern irgendwo rum, dafür habe ich auch viel zu kleine Füße. Ich lege gerne meine Tasche irgendwo ab und schmiede dann Pläne zum Erreichen der Weltherrschaft. Das geht in typischen Kleinstadtclubs nicht, da guckt einen jeder schief an, wenn man plötzlich barfuß auf dem Stuhl steht, seinen Strohhut in die Luft wirft und ruft „Ich hab´s. Wir nehmen es den Reichen und geben es den Armen!“

Wenn ihr also beim nächsten Mal gefragt werdet ob ihr mitkommen wollt, zum Megafettpartymachen, in den coolsten und/oder einzigen Club eurer Stadt, dann denkt daran, dass ihr möglicherweise nur eine Rauchvergiftung, ein bisschen Magen-Darm und einen inoffiziellen Schönheitswettbewerb verpasst und es völlig in Ordnung ist, daheim zu bleiben. Nehmt euch eine Wolldecke und macht es euch bequem.

Mittagspause

Wenn man nahe genug am Fenster steht und sich dann bückt, dann verschwinden die beiden Häuser auf der rechten Seite aus dem Blickfeld und man nimmt abgesehen von dem Braun des Holztisches auf dem kleinen Balkon und dem schmutzigen Grau des Steinbodens nur noch zwei Farben intensiv wahr. Wenn man nicht so genau hinschaut, löst sich auch die Straßenlampe in Luft auf. Das Bild besteht dann zu zwei Dritteln aus einer laubgrünen Wand zum Nachbargrundstück mit den Bäumen dahinter und einem Drittel Himmel.

Manchmal tut der Wind dir dann noch einen letzten Gefallen und fährt über die Hecke hinweg, durch Zweige und Blätter, ein dumpfes Rauschen, das angenehmste Geräusch des Tages. Dann wird man ruhig, ganz automatisch, und man richtet den Blick nicht nach innen und auch nicht nach außen, sondern versucht ihn genau in der Mitte zu halten, hält für einen kurzen Moment die Balance, ungefähr an der Stelle, die normalerweise als erstes mit Augentropfen in Berührung kommt.

Wenn man nahe genug am Fenster steht, dann vergisst man, dass die Welt nicht nur aus drei oder vier perfekt aufeinander abgestimmten Farbtönen besteht und nicht nur aus gedämpften Hintergrundrauschen. Man vergisst den Ameisenhaufen, das grelle, das blutrote, das tiefschwarze Durcheinander, man vergisst die unangenehmen Begleiterscheinungen, den Lärm, das Kratzen der Fasern auf der Haut, die schlechten Nachrichten.

45 Minuten lang steht man da, lauscht, tankt irgendwie wieder auf, und schafft es manchmal, dieses friedliche Gefühl noch ein Stück weit aus der Wohnung rauszuschmuggeln, in einem Seitenfach der Handtasche, hinein in den Rest des Tages, wo es einem dann beruhigend im Nacken sitzt und daran erinnert, dass man seinen Puls jederzeit aus eigener Kraft nach unten korrigieren kann.